Von der Wellenfunktion zur Trefferzahl
AFB IIIm Doppelspaltversuch mit einzelnen Elektronen lässt sich der Auftreffort eines einzelnen Elektrons nicht vorhersagen. Die zum Elektron gehörende Wellenfunktion \(\psi\) liefert nach der Bornschen Deutung nur die Wahrscheinlichkeit \(P\sim|\psi|^2\), das Elektron an einem bestimmten Ort zu finden. Material M1 zeigt den theoretischen Verlauf von \(|\psi|^2\) auf dem Schirm, Material M2 die zugehörigen Trefferzahlen aus zwei Messreihen.
Der Schirm ist in fünf gleich breite Streifen S1 bis S5 eingeteilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elektron in einem Streifen auftrifft, entspricht der Fläche unter der Kurve über diesem Streifen.
| Streifen | S1 | S2 | S3 | S4 | S5 |
|---|---|---|---|---|---|
| Wahrscheinlichkeit \(P\) | 0,05 | 0,20 | 0,50 | 0,20 | 0,05 |
| Treffer bei \(N = 200\) | 6 | 47 | 96 | 38 | 13 |
| Treffer bei \(N = 20\,000\) | 1017 | 3962 | 10\,043 | 3971 | 1007 |
Beide Messreihen stammen aus demselben Versuchsaufbau; die Streifen S1 bis S5 erfassen zusammen alle registrierten Elektronen.
- Erläutern Sie, was die Größe \(|\psi|^2\) an einer Stelle des Schirms angibt und wie sie mit den Trefferzahlen in M2 zusammenhängt.
- Berechnen Sie für den Streifen S2 die bei \(N = 20\,000\) zu erwartende Trefferzahl und vergleichen Sie sie mit dem Messwert.
- Bestimmen Sie für S2 die relativen Abweichungen zwischen Erwartungswert und Messwert für beide Messreihen und erklären Sie den Unterschied.
- Begründen Sie, warum sich der Auftreffort eines einzelnen Elektrons auch dann nicht vorhersagen lässt, wenn \(|\psi|^2\) vollständig bekannt ist.
Hinweis zu Aufgabe a)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(|\psi|^2\) gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit (genauer: Wahrscheinlichkeitsdichte) ein Elektron an der betreffenden Stelle des Schirms registriert wird. Wo \(|\psi|^2\) groß ist, ist ein Treffer wahrscheinlich (helle Streifen); wo \(|\psi|^2 = 0\) ist, trifft kein Elektron auf (dunkle Streifen).
Der Zusammenhang mit M2 ist statistisch: Schickt man \(N\) Elektronen, so ist die zu erwartende Trefferzahl in einem Streifen \(N\cdot P\), wobei \(P\) die Fläche unter der \(|\psi|^2\)-Kurve über diesem Streifen ist. Für eine einzelne Messung sagt \(|\psi|^2\) dagegen nichts vorher — es beschreibt die Häufigkeitsverteilung vieler Messungen.
Hinweis zu Aufgabe b)
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Erwartungswert: \(N\cdot P = 20\,000\cdot0{,}20 = 4000\) Treffer.
Gemessen wurden 3962 Treffer. Die Abweichung beträgt \(|3962-4000| = 38\) Treffer, also \(\dfrac{38}{4000}=0{,}0095 = 0{,}95\,\%\).
Messwert und Vorhersage stimmen sehr gut überein; die Abweichung liegt im Bereich der zu erwartenden statistischen Schwankung.
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(N = 200\): erwartet \(200\cdot0{,}20 = 40\), gemessen 47; relative Abweichung \(\dfrac{7}{40}=0{,}175 = 17{,}5\,\%\).
\(N = 20\,000\): erwartet 4000, gemessen 3962; relative Abweichung \(0{,}95\,\%\) (siehe b)).
Die relative Abweichung ist bei der kleinen Messreihe rund 18-mal so groß. Ursache ist die statistische Natur des Vorgangs: Jeder einzelne Treffer ist zufällig, und die absoluten Schwankungen wachsen nur etwa mit \(\sqrt{N}\), während der Erwartungswert mit \(N\) wächst. Die relative Schwankung nimmt daher wie \(\frac{1}{\sqrt{N}}\) ab: für \(N=200\) sind das etwa \(\frac{1}{\sqrt{40}}\approx16\,\%\), für \(N=20\,000\) etwa \(\frac{1}{\sqrt{4000}}\approx1{,}6\,\%\) — genau die beobachtete Größenordnung. Je mehr Elektronen registriert werden, desto genauer bildet das Histogramm die Kurve \(|\psi|^2\) ab.
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Die Theorie liefert mit \(\psi\) keine Bahn und keinen Auftreffort, sondern nur die Wahrscheinlichkeitsverteilung \(|\psi|^2\). Aus einer Wahrscheinlichkeitsverteilung folgt grundsätzlich keine Aussage über den Ausgang eines Einzelereignisses — ebenso wenig, wie aus der Wahrscheinlichkeit \(\frac{1}{6}\) folgt, welche Zahl der nächste Würfelwurf zeigt.
Wesentlich ist dabei: Diese Unbestimmtheit ist keine Folge ungenauer Messgeräte oder unbekannter Anfangsbedingungen. Auch bei vollständiger Kenntnis von \(\psi\) — also bei vollständiger Kenntnis des Zustands — bleibt der einzelne Auftreffort offen. Vorhersagbar ist allein die Häufigkeit der Treffer über viele Messungen, und diese wird durch \(|\psi|^2\) exakt beschrieben.
Zufall oder Unwissenheit?
AFB IIINach der Auswertung des Doppelspaltversuchs diskutiert eine Lerngruppe darüber, was die Wahrscheinlichkeitsdeutung eigentlich bedeutet (Material M1). Zur Klärung liegen die Messergebnisse aus Material M2 vor: Dieselbe Anlage wurde einmal nur mit dem ersten, einmal nur mit dem zweiten und einmal mit beiden geöffneten Spalten betrieben.
| Versuch (je \(N = 20\,000\) Elektronen) | Treffer am Ort P | Treffer am Ort Q |
|---|---|---|
| nur Spalt 1 geöffnet | 850 | 900 |
| nur Spalt 2 geöffnet | 870 | 880 |
| beide Spalte geöffnet | 35 | 3520 |
P liegt in einem dunklen, Q in einem hellen Streifen des Interferenzmusters. Alle drei Versuche wurden mit derselben Quelle und derselben Elektronenzahl durchgeführt.
- Werten Sie M2 aus und weisen Sie nach, dass sich die Elektronen nicht wie klassische Teilchen auf festen Bahnen durch jeweils einen Spalt verhalten.
- Nehmen Sie zu Mias Aussage Stellung.
- Überprüfen Sie Tareks Schlussfolgerung.
- Diskutieren Sie die folgende These: „Weil die Quantenphysik über das einzelne Elektron nur Wahrscheinlichkeiten angibt, ist sie eine unvollständige Theorie.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Klassische Erwartung: Geht jedes Elektron auf einer festen Bahn durch genau einen Spalt, so ist die Trefferzahl bei zwei offenen Spalten gleich der Summe der beiden Einzelmessungen.
Ort P: Summe \(850 + 870 = 1720\) Treffer erwartet — gemessen wurden nur 35. Das sind rund 2 % des erwarteten Wertes.
Ort Q: Summe \(900 + 880 = 1780\) erwartet — gemessen wurden 3520, also etwa das Doppelte.
Damit ist die klassische Vorstellung widerlegt: Das Öffnen eines zusätzlichen Weges verringert am Ort P die Trefferzahl auf einen Bruchteil. Ein Teilchen auf einer festen Bahn kann davon nichts „wissen“ — mehr offene Wege können bei unabhängigen Bahnen nie zu weniger Treffern führen. Die Beobachtung entspricht dagegen genau der Überlagerung zweier Wellen: Am Ort P löschen sich die Teilwellen nahezu aus, am Ort Q verstärken sie sich. (Rechnerisch: Addiert man statt der Trefferzahlen die Amplituden, so ergibt sich für Q \((\sqrt{900}+\sqrt{880})^2\approx3560\) — in guter Übereinstimmung mit dem Messwert.)
Hinweis zu Aufgabe b)
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Mias Aussage ist nicht haltbar.
Nachvollziehbar ist ihr Ausgangspunkt: Beim Würfel ist der Ausgang tatsächlich nur deshalb unvorhersagbar, weil man Wurfhöhe, Drehung und Reibung nicht genau genug kennt; im Prinzip liegt das Ergebnis fest. Wahrscheinlichkeit beschreibt dort wirklich Unwissenheit.
Ihre Vorstellung scheitert aber an dem Befund aus a): Nimmt man an, jedes Elektron habe einen festen Weg durch genau einen Spalt, so darf das Öffnen des zweiten Spalts an der Bahn der „durch Spalt 1“ fliegenden Elektronen nichts ändern — die Trefferzahlen müssten sich addieren. Gemessen wird das Gegenteil. Die Unbestimmtheit ist deshalb keine bloße Wissenslücke, sondern grundsätzlich: Vor der Messung besitzt das Elektron keinen bestimmten Auftreffort und keinen bestimmten Weg.
Zutreffend an Mias Aussage bleibt nur, dass \(|\psi|^2\) eine Wahrscheinlichkeit angibt — die Deutung dieser Wahrscheinlichkeit als „verborgene Bahn“ ist jedoch mit den Messdaten unvereinbar.
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Tareks Schluss ist falsch; sein Fehler liegt in der Annahme, die fehlenden Elektronen seien „verschwunden“.
Die Gesamtzahl der registrierten Elektronen ist in allen drei Versuchen dieselbe: Es werden stets alle \(20\,000\) Elektronen auf dem Schirm nachgewiesen. Bei zwei offenen Spalten fehlen am Ort P zwar rund 1700 Treffer, dafür kommen aber am Ort Q rund 1700 zusätzliche hinzu (3520 statt 1780). Die Elektronen werden also nicht vernichtet, sondern nur anders verteilt — aus den Minima in die Maxima.
Damit bleiben sowohl die Zahl der Elektronen als auch ihre Energie erhalten: Jedes Elektron trägt seine Energie zum Schirm, nur eben nicht überall gleich häufig. Interferenz ist stets eine Umverteilung von Intensität, nie ihre Vernichtung — dasselbe gilt für Wasser-, Schall- und Lichtwellen. Die Energieerhaltung wird durch das Experiment nicht verletzt.
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Argumente für die These: Die klassische Physik beschreibt einzelne Vorgänge vollständig: Aus Ort und Geschwindigkeit folgt die gesamte Bahn. Gemessen an diesem Anspruch leistet die Quantenphysik weniger, denn über den einzelnen Auftreffort sagt sie nichts. Historisch haben bedeutende Physiker (u. a. Einstein) genau deshalb vermutet, es müsse noch unbekannte, „verborgene“ Größen geben, die den Einzelfall festlegen.
Argumente gegen die These: Eine Theorie ist unvollständig, wenn sie beobachtbare Vorhersagen schuldig bleibt. Die Quantenphysik sagt jedoch alles vorher, was sich überhaupt reproduzierbar messen lässt: die gesamte Verteilung \(|\psi|^2\) und damit jede Häufigkeit — in Aufgabe 1 auf etwa 1 % genau. Der Einzelfall ist nicht deshalb offen, weil Information fehlt, sondern weil es die entsprechende Eigenschaft vor der Messung nicht gibt; die Annahme verborgener Bahnen widerspricht nach a) den Messdaten.
Ergebnis: Die These ist zurückzuweisen, wenn man „vollständig“ auf das bezieht, was messbar ist. Sie beruht auf der Übertragung eines klassischen Vollständigkeitsbegriffs auf einen Bereich, in dem er nicht angemessen ist. Angemessen ist die Feststellung: Die Quantenphysik ist eine vollständige, aber grundsätzlich statistische Theorie.
