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AbituraufgabenEnergie und Häufigkeit

Zwei Aufgaben im Stil der schriftlichen Abiturprüfung — mit Operatoren und vollständigem Erwartungshorizont zur Selbstkontrolle.

1

Drei Diagramme, drei Strahlungsarten

AFB II

Ein Energie-Häufigkeits-Diagramm trägt auf, wie viele Teilchen mit welcher Energie ausgesandt werden. Schon die Form verrät die Strahlungsart (Material M1).

M1Drei Energie-Häufigkeits-Diagramme
Diagramm A Energie W Häufigkeit Diagramm B Energie W Häufigkeit 0,60 MeV Diagramm C Energie W Häufigkeit 0 bis 1 MeV 0 bis 1 MeV 0 bis 10 MeV

Alle drei Diagramme stammen von radioaktiven Präparaten. Beachten Sie die unter jedem Diagramm angegebenen Energiebereiche der waagerechten Achse.

  1. Ordnen Sie den drei Diagrammen die Strahlungsarten \(\alpha\), \(\beta\) und \(\gamma\) zu und begründen Sie Ihre Zuordnung.
  2. In Diagramm B wird ein Elektron mit der Energie \(W_{\text{e}}=0{,}25\ \mathrm{MeV}\) gemessen. Berechnen Sie die Energie des gleichzeitig entstehenden Neutrinos.
  3. Erklären Sie, warum die eine Strahlungsart ein kontinuierliches Band liefert, die beiden anderen dagegen scharfe Linien.
Hinweis zu Aufgabe a)
Zwei Merkmale helfen: die Form (Linien oder Band) und der Energiebereich der waagerechten Achse. \(\alpha\)-Energien liegen typisch bei einigen MeV, \(\gamma\)-Energien oft bei einigen hundert keV.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Diagramm A = \(\gamma\)-Strahlung. Scharfe Linien im Bereich bis etwa 1 MeV — typische Photopeaks. Ein angeregter Kern springt zwischen festen Energiestufen und strahlt die Differenz als Quant fester Energie ab.

Diagramm B = \(\beta\)-Strahlung. Das einzige lückenlose Band; es beginnt nahe null und endet bei einer Maximalenergie von \(0{,}60\ \mathrm{MeV}\). Die meisten Elektronen tragen deutlich weniger als \(W_{\max}\).

Diagramm C = \(\alpha\)-Strahlung. Ebenfalls scharfe Linien, aber im Bereich mehrerer MeV (Achse bis 10 MeV) — das ist der typische Energiebereich von \(\alpha\)-Teilchen (etwa 4 bis 9 MeV). Die beiden Linien entsprechen zwei Zerfallsübergängen desselben Nuklids.

Die Form allein trennt \(\beta\) von den beiden anderen; erst der Energiebereich unterscheidet \(\alpha\) von \(\gamma\).

Hinweis zu Aufgabe b)
Wo das Band endet, liegt \(W_{\max}\) — das ist die gesamte beim Zerfall frei werdende Energie. Stelle die Energiebilanz für Elektron und Neutrino auf.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Beim \(\beta\)-Zerfall teilen sich Elektron und Antineutrino eine feste Gesamtenergie:

\(W_{\text{e}}+W_{\nu}=W_{\max}\)

\(W_{\nu}=W_{\max}-W_{\text{e}}=0{,}60\ \mathrm{MeV}-0{,}25\ \mathrm{MeV}=0{,}35\ \mathrm{MeV}\)

Das Neutrino trägt hier also mehr Energie davon als das Elektron — bemerkbar macht es sich im Detektor trotzdem nicht.

Hinweis zu Aufgabe c)
Zähle für jede Strahlungsart die Teilchen, die sich die Energie teilen. Für \(\gamma\) gilt eine eigene Begründung über die Kernniveaus.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Entscheidend ist, auf wie viele Teilchen sich die frei werdende Energie verteilt.

\(\alpha\)-Zerfall — Zweikörperzerfall: Es entstehen nur Tochterkern und \(\alpha\)-Teilchen. Energie- und Impulserhaltung zusammen legen die Aufteilung eindeutig fest — das \(\alpha\)-Teilchen bekommt bei jedem Zerfall denselben Energiebetrag. Ergebnis: eine scharfe Linie je Übergang.

\(\beta\)-Zerfall — Dreikörperzerfall: Es entstehen Tochterkern, Elektron und Antineutrino. Drei Teilchen können Energie und Impuls auf unendlich viele Arten aufteilen; das Elektron kann jeden Wert zwischen nahezu 0 und \(W_{\max}\) tragen. Ergebnis: ein kontinuierliches Band.

\(\gamma\)-Strahlung — diskrete Kernniveaus: Hier zerfällt der Kern nicht, sondern springt von einem angeregten Zustand in einen tieferen. Wie in der Atomhülle sind diese Zustände diskret; die Energiedifferenz ist fest und wird vollständig als ein Quant abgestrahlt. Ergebnis: ebenfalls scharfe Linien.

2

Das Rätsel des β-Spektrums

AFB III

Das kontinuierliche \(\beta\)-Spektrum war um 1930 eine der größten Herausforderungen der Physik. Zwei Auswege standen zur Debatte — und die Entscheidung zwischen ihnen zeigt, nach welchen Kriterien in der Physik zwischen konkurrierenden Erklärungen gewählt wird (Material M1).

M1Ein Rätsel und zwei Auswege — Quellentexte

Befund (ab 1914): Beim \(\beta\)-Zerfall geht ein Mutternuklid in ein Tochternuklid über. Beide haben feste Massen, die Zerfallsenergie \(Q\) ist also für jeden Zerfall dieselbe. Gemessen wird jedoch kein fester Wert der Elektronenergie, sondern ein kontinuierliches Spektrum von nahezu 0 bis \(W_{\max}=Q\).

Vorschlag 1 (Niels Bohr, um 1930): Der Energieerhaltungssatz gilt im Kernbereich möglicherweise nur im statistischen Mittel, nicht für den einzelnen Zerfall.

Vorschlag 2 (Wolfgang Pauli, 1930): Beim \(\beta\)-Zerfall entsteht zusätzlich ein bisher unbekanntes Teilchen, das die fehlende Energie unbemerkt davonträgt. Pauli selbst nannte seinen Vorschlag eine „verzweifelte Idee“, weil ein solches Teilchen kaum nachweisbar wäre.

Der experimentelle Nachweis des Neutrinos gelang erst 1956 — 26 Jahre nach Paulis Vorschlag.

  1. Erläutern Sie, warum das kontinuierliche \(\beta\)-Spektrum als Widerspruch zur Energieerhaltung erschien. Gehen Sie dabei vom \(\alpha\)-Zerfall als Vergleichsfall aus.
  2. Leiten Sie aus dem Befund her, welche drei Eigenschaften Paulis Teilchen haben muss, und erklären Sie, wie es die beobachtete Form des Spektrums erklärt.
  3. Diskutieren Sie die beiden Vorschläge aus M1 nach fachlichen Kriterien und entscheiden Sie begründet, welcher der bessere physikalische Weg war.
Hinweis zu Aufgabe a)
Was erwartet man für die Energie des Elektrons, wenn beim Zerfall nur zwei Teilchen entstehen? Vergleiche diese Erwartung mit dem gemessenen Spektrum.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Beim \(\alpha\)-Zerfall entstehen genau zwei Teilchen: Tochterkern und \(\alpha\)-Teilchen. Energie- und Impulserhaltung legen dann eindeutig fest, wie sich die Zerfallsenergie \(Q\) auf beide verteilt — das \(\alpha\)-Teilchen erhält bei jedem Zerfall denselben Betrag. Genau das beobachtet man auch: ein Linienspektrum.

Beim \(\beta\)-Zerfall erwartete man dasselbe, denn auch hier schien es nur zwei Produkte zu geben: Tochterkern und Elektron. Mutter- und Tochternuklid haben feste Massen, \(Q\) ist also für jeden einzelnen Zerfall gleich groß. Das Elektron hätte deshalb stets dieselbe Energie \(W_{\max}\) tragen müssen — eine scharfe Linie.

Gemessen wurde jedoch ein Band: Fast alle Elektronen tragen weniger als \(W_{\max}\). Wenn nur diese beiden Teilchen entstehen, fehlt bei jedem einzelnen Zerfall die Differenz \(W_{\max}-W_{\text{e}}\) — und sie fehlt bei jedem Zerfall in anderer Höhe. Energie wäre also nicht nur „verloren gegangen“, sondern in zufälliger Menge. Das ist mit dem Energieerhaltungssatz unvereinbar.

Hinweis zu Aufgabe b)
Drei Bilanzen führen zu den drei Eigenschaften: die Ladungsbilanz, die Energiebilanz an der Stelle \(W_{\max}\) und die Tatsache, dass in keinem Detektor je etwas gesehen wurde.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Eigenschaft 1 — elektrisch neutral. Die Ladungsbilanz des \(\beta^-\)-Zerfalls geht bereits ohne das neue Teilchen auf: Aus einem Neutron werden ein Proton (\(Z+1\)) und ein Elektron (\(-e\)). Das zusätzliche Teilchen darf die Bilanz nicht stören, muss also ungeladen sein.

Eigenschaft 2 — sehr kleine (nach damaliger Kenntnis: verschwindende) Masse. Am oberen Ende des Spektrums, bei \(W_{\text{e}}=W_{\max}\), geht das Elektron mit der gesamten Zerfallsenergie fort. Für das neue Teilchen bleibt dort nichts übrig — auch keine Ruheenergie. Seine Masse muss deshalb sehr klein gegenüber der Elektronenmasse sein.

Eigenschaft 3 — extrem schwache Wechselwirkung mit Materie. Trotz aufwendiger Messungen hatte kein Detektor je ein solches Teilchen registriert. Es muss also Materie nahezu ungehindert durchdringen — genau deshalb nannte Pauli seine Idee „verzweifelt“.

Erklärung der Form: Aus dem Zweikörper- wird ein Dreikörperzerfall. Elektron und Neutrino teilen sich die feste Summe \(W_{\text{e}}+W_{\nu}=W_{\max}\) in beliebigem Verhältnis. Das Elektron kann daher jeden Wert von nahezu 0 (Neutrino bekommt fast alles) bis \(W_{\max}\) (Neutrino bekommt fast nichts) annehmen — das kontinuierliche Band. Die Energieerhaltung gilt in jedem einzelnen Zerfall exakt; man hatte nur einen Teilnehmer übersehen.

Hinweis zu Aufgabe c)
Mögliche Kriterien: Wie tief greift der Vorschlag in bewährte Physik ein? Macht er prüfbare Vorhersagen? Was ist später tatsächlich passiert?„Diskutieren“ verlangt, Argumente für und gegen beide Positionen gegeneinander abzuwägen — eine einseitige Darstellung genügt nicht.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Für Bohrs Vorschlag spricht, dass er ohne neue, unbeobachtete Teilchen auskommt. Er nimmt den Befund unmittelbar ernst: Was nicht gemessen wird, wird auch nicht postuliert. Zudem hatte sich die Quantenphysik kurz zuvor schon einmal von klassischen Selbstverständlichkeiten verabschieden müssen — ein statistisch gültiger Erhaltungssatz war 1930 nicht von vornherein absurd.

Gegen Bohrs Vorschlag spricht die Tiefe des Eingriffs. Die Energieerhaltung ist kein isolierter Satz, sondern trägt praktisch die gesamte Physik; sie im Kernbereich aufzugeben, hätte auch Impuls- und Drehimpulserhaltung in Frage gestellt. Vor allem aber ist der Vorschlag unfruchtbar: Er erklärt die konkrete Form des Spektrums nicht, sagt nichts Neues voraus und lässt sich kaum widerlegen — er erklärt einen unverstandenen Befund durch eine Ausnahme.

Für Paulis Vorschlag spricht genau das Gegenteil. Er rettet alle Erhaltungssätze unverändert, erklärt die beobachtete Form quantitativ (Dreikörperzerfall) und legt sich auf überprüfbare Eigenschaften des neuen Teilchens fest. Damit war er im Prinzip widerlegbar — und wurde 1956 tatsächlich bestätigt. Gegen ihn sprach zunächst, dass er ein Teilchen einführte, das man womöglich nie würde nachweisen können; das grenzt an eine nicht prüfbare Hilfsannahme.

Entscheidung: Paulis Weg war der bessere. Ausschlaggebendes Kriterium ist nicht die Sparsamkeit an neuen Objekten, sondern die Leistungsfähigkeit der Erklärung: Sie erhält das bewährte Gesetzesgefüge, erklärt den Befund im Detail und erzeugt neue, prüfbare Vorhersagen. Bohrs Vorschlag hätte viel geopfert und nichts vorhergesagt. Der Nachweis des Neutrinos 1956 hat diese Bewertung im Nachhinein bestätigt — entscheidend ist aber, dass Paulis Hypothese schon vorher die wissenschaftlich fruchtbarere war.