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AbituraufgabenLade- und Entladekurve messen

Fünf Aufgaben im Stil der schriftlichen Abiturprüfung — mit Operatoren und vollständigem Erwartungshorizont zur Selbstkontrolle.

1

Ein Umschalter, zwei Stromkreise

AFB I

Zur Untersuchung des Auf- und Entladens eines Kondensators wird die in Material M1 dargestellte Schaltung aufgebaut. Ein Umschalter S verbindet den Kondensator in Stellung 1 mit der Spannungsquelle und schließt ihn in Stellung 2 über den Widerstand kurz. Die Kennwerte der Bauteile sind in Material M2 zusammengestellt.

M1Schaltplan des Versuchs

In beiden Stellungen des Umschalters fließt der Strom durch den Stromsensor und den Widerstand — nur seine Richtung kehrt sich um. Das Voltmeter liegt durchgehend parallel zum Kondensator.

M2Bauteile und Messgeräte
BauteilWert / Funktion
Spannungsquelle\(U_0 = 10\,\mathrm V\) (Gleichspannung)
Widerstand\(R = 4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), im gemeinsamen Zweig
Kondensator\(C = 1000\,\mu\mathrm F\) (Elektrolytkondensator)
Voltmeterparallel zum Kondensator, hochohmig
Stromsensorin Reihe im gemeinsamen Zweig, 20 Messwerte pro Sekunde
StoppuhrZeitmessung von Hand beim Entladen

Der Stromsensor gibt seine Werte über ein Messinterface an den Rechner weiter; die Stoppuhr wird nur beim Entladen benötigt.

  1. Beschreiben Sie anhand von Material M1 den Weg des Stroms in Stellung 1 und in Stellung 2 des Umschalters und geben Sie an, welche Aufgabe der Widerstand \(R\) in beiden Stellungen übernimmt.
  2. Berechnen Sie die Zeitkonstante \(\tau\) des Aufbaus sowie die Stromstärke \(I_0\), die der Stromsensor unmittelbar nach dem Umschalten auf Stellung 1 anzeigt, wenn der Kondensator zuvor vollständig entladen war.
  3. Berechnen Sie die Ladung, die der vollständig aufgeladene Kondensator trägt, und geben Sie an, wie lange ein konstanter Strom von \(I_0\) fließen müsste, um diese Ladung zu transportieren.
Hinweis zu Aufgabe a)
Verfolge in M1 mit dem Finger die geschlossene Leiterschleife: In Stellung 1 gehört die Quelle dazu, in Stellung 2 nicht. Achte darauf, welche Bauteile in beiden Schleifen liegen.„Beschreiben“ verlangt eine geordnete Wiedergabe in Fachsprache — ohne Begründung, aber vollständig.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Stellung 1: Der Strom fließt vom Pluspol der Quelle über Kontakt 1 und den Umschalter durch den Stromsensor und den Widerstand \(R\) zum Kondensator, lädt diesen auf und fließt über die untere Leitung zum Minuspol zurück. Stellung 2: Die Quelle ist abgetrennt; der Kondensator treibt den Strom in umgekehrter Richtung durch \(R\), den Stromsensor und den Umschalter über Kontakt 2 zurück zur anderen Kondensatorplatte — er entlädt sich. Der Widerstand liegt im gemeinsamen Zweig und wird in beiden Stellungen durchflossen: Er begrenzt die Stromstärke und legt mit \(C\) die Zeitkonstante fest, sodass Laden und Entladen mit derselben Zeitkonstante \(\tau=R\,C\) ablaufen.

Hinweis zu Aufgabe b)
Die Zeitkonstante ist das Produkt \(\tau=R\cdot C\). Rechne die Kapazität in Farad um: \(1000\,\mu\mathrm F=1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F\). Für den Anfangsstrom liegt beim entladenen Kondensator die gesamte Quellenspannung am Widerstand.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Ansatz: \(\tau=R\cdot C=4700\,\Omega\cdot1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F=4{,}7\,\mathrm s\). Unmittelbar nach dem Umschalten ist der Kondensator ungeladen, es gilt \(U_C=0\), also liegt die volle Quellenspannung am Widerstand: \(\displaystyle I_0=\frac{U_0}{R}=\frac{10\,\mathrm V}{4700\,\Omega}=2{,}1\cdot10^{-3}\,\mathrm A=2{,}1\,\mathrm{mA}\).

Hinweis zu Aufgabe c)
Die Ladung folgt aus der Definition der Kapazität \(C=\frac{Q}{U}\). Für den zweiten Teil brauchst du nur \(Q=I\cdot t\) — und wirst eine bekannte Zeit wiederfinden.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Ansatz: \(Q=C\cdot U_0=1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F\cdot10\,\mathrm V=1{,}0\cdot10^{-2}\,\mathrm C=10\,\mathrm{mC}\). Bei konstanter Stromstärke \(I_0\) gilt \(Q=I_0\cdot t\), also \(\displaystyle t=\frac{Q}{I_0}=\frac{1{,}0\cdot10^{-2}\,\mathrm C}{2{,}13\cdot10^{-3}\,\mathrm A}=4{,}7\,\mathrm s\). Das ist genau die Zeitkonstante: Würde der Anfangsstrom unverändert weiterfließen, wäre der Kondensator nach \(\tau\) vollständig geladen.

2

Entladung von Hand gemessen

AFB II

Eine Gruppe lädt den Kondensator aus Aufgabe 1 vollständig auf, schaltet dann auf Stellung 2 und liest alle zwei Sekunden die Spannung am Voltmeter ab (Material M1 und M2). Sie erwartet, dass die Spannung nach dem Gesetz \(U(t)=U_0\cdot e^{-\frac{t}{\tau}}\) mit \(\tau=R\cdot C\) abnimmt.

M1Messprotokoll der Entladung
\(t\) in s0246810
\(U\) in V10,06,34,12,71,81,2
Spannung U am Kondensator zur Zeit t nach dem Umschalten auf Stellung 2

Der Wert bei \(t=0\) ist die Spannung der Quelle, auf die der Kondensator zuvor vollständig aufgeladen wurde. Abgelesen wurde auf 0,1 V genau.

M2t-U-Diagramm der Messreihe
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 t in s U in V abgelesene Spannung (Messpunkte)

Die Messpunkte aus M1, eingetragen in ein Koordinatensystem.

  1. Bestimmen Sie aus den Messwerten die Halbwertszeit der Spannung und daraus die Zeitkonstante \(\tau\). Vergleichen Sie das Ergebnis mit dem aus den Bauteilwerten berechneten Wert.
  2. Überprüfen Sie rechnerisch für das Wertepaar bei \(t=6\,\mathrm s\), ob der Messwert zum erwarteten Verlauf mit \(\tau=4{,}7\,\mathrm s\) passt.
  3. Die Gruppe stellt fest, dass alle abgelesenen Spannungen etwas unter den erwarteten Werten liegen. Erklären Sie diese Beobachtung mit dem Ablauf der Messung und entscheiden Sie begründet, ob es sich um einen zufälligen oder einen systematischen Fehler handelt.
  4. Um genauer zu messen, schlägt ein Gruppenmitglied vor, die Spannung statt alle zwei Sekunden alle \(0{,}5\,\mathrm s\) abzulesen. Beurteilen Sie diesen Vorschlag.
Hinweis zu Aufgabe a)
Die Halbwertszeit ist die Zeit, in der die Spannung von \(10{,}0\,\mathrm V\) auf \(5{,}0\,\mathrm V\) fällt. Dieser Wert liegt zwischen zwei Messpunkten — lies ihn aus M2 ab oder rechne zwischen den beiden Nachbarwerten in M1 linear. Danach hilft \(T_{1/2}=\tau\cdot\ln 2\).„Bestimmen“ heißt: Lösungsweg zeigen — hier also Ablesen bzw. Rechnen nachvollziehbar darstellen, dann das Ergebnis nennen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Die Spannung erreicht \(5{,}0\,\mathrm V\) zwischen \(t=2\,\mathrm s\) (\(6{,}3\,\mathrm V\)) und \(t=4\,\mathrm s\) (\(4{,}1\,\mathrm V\)). Lineare Zwischenrechnung: \(\displaystyle T_{1/2}\approx2\,\mathrm s+\frac{6{,}3-5{,}0}{6{,}3-4{,}1}\cdot2\,\mathrm s\approx3{,}2\,\mathrm s\) (Ablesen aus M2 liefert denselben Wert). Daraus \(\displaystyle \tau=\frac{T_{1/2}}{\ln 2}=\frac{3{,}2\,\mathrm s}{0{,}693}\approx4{,}6\,\mathrm s\). Vergleich: Aus den Bauteilwerten folgt \(\tau=R\,C=4{,}7\,\mathrm s\); der aus der Messung bestimmte Wert weicht nur um etwa 2 % ab und liegt etwas darunter.

Hinweis zu Aufgabe b)
Setze \(t=6\,\mathrm s\) und \(\tau=4{,}7\,\mathrm s\) in das Gesetz ein und vergleiche mit dem Messwert \(2{,}7\,\mathrm V\). Gib die Abweichung auch in Prozent an.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Einsetzen: \(U(6\,\mathrm s)=10\,\mathrm V\cdot e^{-\frac{6\,\mathrm s}{4{,}7\,\mathrm s}}=10\,\mathrm V\cdot e^{-1{,}28}\approx2{,}8\,\mathrm V\). Der Messwert \(2{,}7\,\mathrm V\) liegt rund 3 % darunter. Im Rahmen der Ablesegenauigkeit von 0,1 V passt der Messwert zum erwarteten Verlauf; die kleine Abweichung geht in dieselbe Richtung wie in Teilaufgabe a).

Hinweis zu Aufgabe c)
Denke an den Moment des Ablesens: Zuerst blinkt die Stoppuhr auf die volle Sekunde, dann wandert der Blick zum Voltmeter. Was macht die Spannung in dieser kurzen Zeit?Zufällige Fehler streuen in beide Richtungen, systematische Fehler verschieben alle Werte in dieselbe Richtung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Beim Ablesen vergeht zwischen dem Signal der Stoppuhr und dem Blick auf das Voltmeter eine kurze Reaktionszeit. Da die Spannung fortlaufend fällt, wird der Wert immer erst ein wenig nach dem vorgesehenen Zeitpunkt abgelesen und ist deshalb etwas zu klein. Weil dieser Effekt bei jeder Ablesung in dieselbe Richtung wirkt, handelt es sich um einen systematischen Fehler: Die Messpunkte streuen nicht um die erwartete Kurve, sondern liegen geschlossen darunter. Der Wert bei \(t=0\) ist davon nicht betroffen, weil er die bekannte Quellenspannung ist.

Hinweis zu Aufgabe d)
Überlege, wie lang die menschliche Reaktionszeit ist und wie schnell sich die Spannung am Anfang ändert. Würde das Ablesen dichter zusammenliegender Werte den Fehler aus Teilaufgabe c) beseitigen?„Beurteilen“ verlangt ein begründetes Urteil mit Fachargumenten — beide Seiten kurz abwägen, dann klar entscheiden.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Für den Vorschlag spricht, dass mehr Wertepaare den Verlauf dichter belegen. Dagegen spricht: Die Reaktionszeit beim Ablesen liegt in der Größenordnung von einigen Zehntelsekunden und ist damit nicht mehr klein gegenüber dem Intervall von \(0{,}5\,\mathrm s\); ein sicheres Ablesen im Halbsekundentakt ist von Hand nicht möglich, die Werte würden zusätzlich streuen. Vor allem aber bleibt der systematische Fehler aus Teilaufgabe c) unverändert bestehen — er hängt von der Reaktionszeit ab, nicht vom Abstand der Ablesungen. Fazit: Der Vorschlag verbessert die Messung nicht. Genauer wird sie erst durch eine automatische Erfassung (Messinterface), die den Ablesezeitpunkt selbst festlegt.

3

Digitale Messung des Ladestroms

AFB II

Für den Aufladevorgang wird die Stromstärke nicht von Hand, sondern mit dem Stromsensor und einem Messinterface aufgezeichnet. Die Software legt automatisch eine Wertetabelle an (Material M1) und stellt die Messwerte grafisch dar (Material M2). Die Bauteile sind dieselben wie in Aufgabe 1.

Hinweis: Die Fläche zwischen dem Graphen und der \(t\)-Achse im \(t\)-\(I\)-Diagramm entspricht der in dieser Zeit geflossenen Ladung.

M1Auszug aus der Wertetabelle des Rechners
\(t\) in s012346810
\(I\) in mA2,131,721,391,120,910,590,390,25
Stromstärke I beim Aufladen (Messrate 20 Werte pro Sekunde, hier nur ausgewählte Zeitpunkte)

Die Software setzt \(t=0\), sobald der Strom nach dem Umschalten auf Stellung 1 einsetzt; der Kondensator war zuvor vollständig entladen.

M2t-I-Diagramm des Aufladevorgangs
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 0 0,5 1 1,5 2 2,5 t in s I in mA Messwerte des Stromsensors (Auszug) Wertepaare aus Tabelle M1

Die kleinen Punkte zeigen einen Ausschnitt der 300 aufgezeichneten Werte; die Wertepaare aus M1 sind hervorgehoben.

  1. Begründen Sie mithilfe der Spannungen an Widerstand und Kondensator, dass die Stromstärke unmittelbar nach dem Umschalten den Wert \(I_0=\frac{U_0}{R}\) hat und danach immer weiter abnimmt.
  2. Ermitteln Sie aus Material M1 die Zeitkonstante \(\tau\), indem Sie den Zeitpunkt bestimmen, zu dem die Stromstärke auf 37 % ihres Anfangswertes gefallen ist, und berechnen Sie daraus die Kapazität des Kondensators.
  3. Schätzen Sie mit den Werten aus Material M1 die bis \(t=10\,\mathrm s\) geflossene Ladung ab, indem Sie die Fläche unter dem Graphen durch Trapeze zwischen benachbarten Messwerten annähern. Vergleichen Sie das Ergebnis mit der Ladung des vollständig geladenen Kondensators und erklären Sie die Abweichung.
Hinweis zu Aufgabe a)
Nach dem Umschalten teilt sich die Quellenspannung auf Widerstand und Kondensator auf: \(U_0=U_R+U_C\). Überlege, wie groß \(U_C\) beim ungeladenen Kondensator ist — und was mit \(U_R\) geschieht, während sich Ladung auf den Platten ansammelt.Eine Begründung ist eine Kette: Ausgangsbedingung → Gesetz (\(I=\frac{U_R}{R}\)) → Folgerung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Unmittelbar nach dem Umschalten trägt der Kondensator keine Ladung, also gilt \(U_C=0\). Da sich die Quellenspannung auf Widerstand und Kondensator aufteilt (\(U_0=U_R+U_C\)), liegt die gesamte Spannung am Widerstand: \(U_R=U_0\), und nach \(I=\frac{U_R}{R}\) folgt \(I_0=\frac{U_0}{R}\). Mit jeder transportierten Ladung wächst \(U_C=\frac{Q}{C}\); damit wird \(U_R=U_0-U_C\) kleiner und mit ihr die Stromstärke. Der Strom nimmt so lange ab, bis \(U_C=U_0\) erreicht ist und kein Strom mehr fließt.

Hinweis zu Aufgabe b)
37 % von \(2{,}13\,\mathrm{mA}\) sind etwa \(0{,}79\,\mathrm{mA}\). Dieser Wert liegt zwischen zwei Tabellenwerten — rechne dazwischen linear. Danach: \(\tau=R\cdot C\) nach \(C\) umstellen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(0{,}37\cdot2{,}13\,\mathrm{mA}\approx0{,}79\,\mathrm{mA}\). Dieser Wert liegt zwischen \(t=4\,\mathrm s\) (\(0{,}91\,\mathrm{mA}\)) und \(t=6\,\mathrm s\) (\(0{,}59\,\mathrm{mA}\)): \(\displaystyle \tau\approx4\,\mathrm s+\frac{0{,}91-0{,}79}{0{,}91-0{,}59}\cdot2\,\mathrm s\approx4{,}8\,\mathrm s\). Kapazität: \(\displaystyle C=\frac{\tau}{R}=\frac{4{,}8\,\mathrm s}{4700\,\Omega}\approx1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F=1000\,\mu\mathrm F\), in Übereinstimmung mit dem aufgedruckten Wert.

Hinweis zu Aufgabe c)
Ein Trapez zwischen zwei Messwerten hat die Fläche \(\frac{I_1+I_2}{2}\cdot\Delta t\); die Einheit \(\mathrm{mA\cdot s}\) ist dasselbe wie \(\mathrm{mC}\). Beachte, dass die Zeitabstände in M1 nicht überall gleich sind. Für den Vergleich brauchst du \(Q=C\cdot U_0\) — und die Frage, ob der Kondensator bei \(t=10\,\mathrm s\) schon vollständig geladen ist.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Trapeze (Breite 1 s bis \(t=4\,\mathrm s\), danach 2 s): \(\tfrac{2{,}13+1{,}72}{2}+\tfrac{1{,}72+1{,}39}{2}+\tfrac{1{,}39+1{,}12}{2}+\tfrac{1{,}12+0{,}91}{2}\) \(=1{,}93+1{,}56+1{,}26+1{,}02=5{,}77\) (in \(\mathrm{mA\cdot s}\)); dazu \((0{,}91+0{,}59)+(0{,}59+0{,}39)+(0{,}39+0{,}25)=1{,}50+0{,}98+0{,}64=3{,}12\). Summe: \(Q(10\,\mathrm s)\approx8{,}9\,\mathrm{mA\cdot s}=8{,}9\,\mathrm{mC}\).

Vergleich: Der vollständig geladene Kondensator trägt \(Q=C\cdot U_0=10\,\mathrm{mC}\) (Aufgabe 1). Der Schätzwert liegt etwa 11 % darunter. Erklärung: Bei \(t=10\,\mathrm s\) fließt noch ein Strom von \(0{,}25\,\mathrm{mA}\), der Kondensator ist also noch nicht vollständig geladen — nach gut zwei Zeitkonstanten sind erst \(1-e^{-\frac{10}{4{,}7}}\approx88\,\%\) der Endladung, also rund \(8{,}8\,\mathrm{mC}\), auf den Platten. Der Rest fließt in den folgenden Sekunden nach; der Schätzwert passt somit sehr gut.

4

Bauteile für die Messung auswählen

AFB II

Eine zweite Gruppe soll den Aufladevorgang mit dem Stromsensor aufzeichnen, darf sich die Bauteile aber selbst aussuchen. Damit eine brauchbare Messreihe entsteht, muss der Startstrom groß genug für den Sensor sein, und der Vorgang muss innerhalb des Messfensters abgeschlossen sein (Material M1).

M1Vorgaben für die Messung
VorgabeWert
Quellenspannung\(U_0 = 10\,\mathrm V\)
Messgrenze des StromsensorsStromstärken unter \(0{,}5\,\mathrm{mA}\) werden nicht mehr zuverlässig aufgelöst
Messfenster der Software\(15\,\mathrm s\); der Vorgang gilt nach \(3\tau\) als abgeschlossen
Verfügbare Widerstände\(2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\), \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), \(10\,\mathrm{k\Omega}\), \(22\,\mathrm{k\Omega}\)
Verfügbare Kondensatoren\(220\,\mu\mathrm F\), \(470\,\mu\mathrm F\), \(1000\,\mu\mathrm F\), \(2200\,\mu\mathrm F\)

Nach \(3\tau\) ist die Stromstärke auf \(e^{-3}\approx5\,\%\) des Anfangswertes gefallen.

  1. Berechnen Sie für jeden der vier Widerstände die Stromstärke \(I_0\) zu Beginn des Aufladens und geben Sie an, welche Widerstände die Bedingung des Stromsensors erfüllen.
  2. Die Gruppe wählt \(R=10\,\mathrm{k\Omega}\) und \(C=2200\,\mu\mathrm F\). Überprüfen Sie, ob der Aufladevorgang innerhalb des Messfensters abgeschlossen ist, und berechnen Sie, welche Stromstärke der Sensor am Ende des Messfensters noch anzeigt.
  3. Der Vorgang soll nach spätestens \(10\,\mathrm s\) abgeschlossen sein und der Startstrom mindestens \(2\,\mathrm{mA}\) betragen. Entscheiden Sie sich begründet für eine geeignete Kombination aus Widerstand und Kondensator und erläutern Sie, warum eine Kombination mit sehr kleiner Zeitkonstante trotz erfüllter Bedingungen ungünstig ist.
Hinweis zu Aufgabe a)
Zu Beginn liegt die gesamte Quellenspannung am Widerstand (vgl. Aufgabe 3a). Rechne \(I_0=\frac{U_0}{R}\) viermal aus und vergleiche mit der Messgrenze.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(I_0=\frac{U_0}{R}\): für \(2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\): \(4{,}5\,\mathrm{mA}\); für \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\): \(2{,}1\,\mathrm{mA}\); für \(10\,\mathrm{k\Omega}\): \(1{,}0\,\mathrm{mA}\); für \(22\,\mathrm{k\Omega}\): \(0{,}45\,\mathrm{mA}\). Die Bedingung \(I_0>0{,}5\,\mathrm{mA}\) erfüllen die drei Widerstände \(2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\), \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\) und \(10\,\mathrm{k\Omega}\); bei \(22\,\mathrm{k\Omega}\) läge schon der Startwert unter der Messgrenze.

Hinweis zu Aufgabe b)
Berechne zuerst \(\tau=R\cdot C\) und dann \(3\tau\). Für die Stromstärke am Ende des Fensters setzt du \(t=15\,\mathrm s\) in \(I(t)=I_0\cdot e^{-\frac{t}{\tau}}\) ein.„Überprüfen“ heißt: eine Behauptung mit Rechnung an den Vorgaben messen und ein klares Ergebnis formulieren.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(\tau=10\,000\,\Omega\cdot2{,}2\cdot10^{-3}\,\mathrm F=22\,\mathrm s\), also \(3\tau=66\,\mathrm s\) — weit länger als das Messfenster von \(15\,\mathrm s\). Der Vorgang ist nicht abgeschlossen: Am Ende des Fensters zeigt der Sensor noch \(I(15\,\mathrm s)=1{,}0\,\mathrm{mA}\cdot e^{-\frac{15}{22}}\approx0{,}51\,\mathrm{mA}\), also rund die Hälfte des Anfangswertes. Die Software erfasst nur den Anfang der Kurve; der exponentielle Verlauf wird nicht sichtbar.

Hinweis zu Aufgabe c)
Übersetze beide Forderungen in Bedingungen: \(3\tau\le10\,\mathrm s\) liefert eine Obergrenze für \(\tau\), \(I_0\ge2\,\mathrm{mA}\) eine Obergrenze für \(R\). Prüfe dann, welche Kondensatoren dazu passen. Für die Erläuterung: Wie viele Messwerte fallen bei 20 Werten pro Sekunde in die Zeit \(3\tau\)?Bei „Entscheiden“ genügt eine begründete Wahl — es müssen nicht alle möglichen Kombinationen gefunden werden.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Bedingungen: \(3\tau\le10\,\mathrm s\Rightarrow\tau\le3{,}3\,\mathrm s\); \(I_0\ge2\,\mathrm{mA}\Rightarrow R\le5\,\mathrm{k\Omega}\), also \(R=2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\) oder \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\). Mit \(C\le\frac{\tau}{R}\) folgt für \(2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\): \(C\le1500\,\mu\mathrm F\) (220, 470 oder 1000 µF); für \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\): \(C\le700\,\mu\mathrm F\) (220 oder 470 µF). Eine gute Wahl ist z. B. \(R=2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\) mit \(C=1000\,\mu\mathrm F\): \(\tau=2{,}2\,\mathrm s\), \(3\tau=6{,}6\,\mathrm s\), \(I_0=4{,}5\,\mathrm{mA}\) — beide Bedingungen sind mit Reserve erfüllt (ebenso \(4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\) mit \(470\,\mu\mathrm F\), dort ist \(I_0=2{,}1\,\mathrm{mA}\) allerdings knapp).

Erläuterung: Bei \(2{,}2\,\mathrm{k\Omega}\) und \(220\,\mu\mathrm F\) wäre \(\tau=0{,}48\,\mathrm s\) und \(3\tau\approx1{,}5\,\mathrm s\). Bei 20 Werten pro Sekunde fielen nur etwa 30 Messwerte in den eigentlichen Vorgang; der steile Anfang wäre grob aufgelöst und die Auswertung würde sich auf wenige Punkte stützen. Eine möglichst große Zeitkonstante innerhalb der Vorgabe liefert dagegen hunderte Wertepaare auf der Kurve.

5

Zwei Fehlerbilder

AFB III

Zwei Gruppen haben die Entladung mit demselben Aufbau wie in Aufgabe 2 von Hand gemessen. Ihre Messpunkte weichen jedoch auf unterschiedliche Weise vom erwarteten Verlauf ab (Material M1). Bei der Besprechung im Kurs fallen die beiden Aussagen in Material M2.

Hinweis: Für zwei parallel geschaltete Widerstände \(R_1\) und \(R_2\) gilt \(\dfrac{1}{R_\text{ges}}=\dfrac{1}{R_1}+\dfrac{1}{R_2}\).

M1Messergebnisse zweier Gruppen
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 t in s U in V Gruppe A erwarteter Verlauf (τ = R·C = 4,7 s) Messpunkte der Gruppe 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 t in s U in V Gruppe B erwarteter Verlauf (τ = R·C = 4,7 s) Messpunkte der Gruppe

Beide Gruppen haben mit \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\) und \(C=1000\,\mu\mathrm F\) gearbeitet und alle zwei Sekunden abgelesen; gestrichelt ist jeweils der aus den Bauteilwerten erwartete Verlauf eingezeichnet.

M2Zwei Aussagen aus der Auswertungsrunde
M Mia Aussage 1 „Das Voltmeter hängt direkt am Kondensator, also zeigt es immer genau die Kondensatorspannung an. Ein Messgerät verändert ja nichts an der Schaltung.“ J Jonas Aussage 2 „Beim Aufladen misst der Rechner über den Stromsensor. Da kann kein systematischer Fehler mehr passieren — ein Computer verrechnet sich nicht.“

Beide Aussagen fielen bei der Besprechung der Messergebnisse im Kurs.

  1. Beschreiben Sie die beiden Fehlerbilder in Material M1 und geben Sie für jedes eine mögliche Fehlerquelle im Versuchsablauf an. Begründen Sie Ihre Zuordnung.
  2. Das Voltmeter der Gruppe A hat einen Innenwiderstand von \(R_V=10\,\mathrm{k\Omega}\). Zeigen Sie, dass sich die Zeitkonstante der Entladung dadurch deutlich verkleinert, und überprüfen Sie anhand eines Messpunktes aus Material M1, ob dies das Fehlerbild der Gruppe A erklärt.
  3. Beurteilen Sie die beiden Aussagen aus Material M2.
  4. Der Gruppe A steht kein anderes Voltmeter zur Verfügung. Planen Sie ein Vorgehen, mit dem die Gruppe dennoch einen zuverlässigen Wert für die Zeitkonstante \(\tau=R\cdot C\) des Aufbaus erhält.
Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleiche für jede Gruppe zuerst den Startpunkt mit \(U_0\), dann die Geschwindigkeit des Abfalls (Halbwertszeit) mit der gestrichelten Kurve. Welche der Fehlerquellen aus dem Unterricht verändern die Form der Kurve, welche nur ihre Lage?Bei Gruppe B gibt es mehr als eine passende Fehlerquelle — nenne eine und begründe sie; zusätzliche Punkte gibt es für die Einsicht, dass sich die Fehlerquellen aus den Daten allein nicht unterscheiden lassen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Gruppe A: Der erste Messpunkt liegt bei \(U_0=10\,\mathrm V\), alle weiteren Punkte liegen deutlich unter der erwarteten Kurve; die Spannung fällt schneller ab, die Halbwertszeit beträgt nur etwa \(2{,}2\,\mathrm s\) statt \(3{,}3\,\mathrm s\). Die Form der Kurve ist verändert, die Zeitkonstante ist also tatsächlich kleiner als \(R\,C\). Mögliche Fehlerquelle: ein zu niederohmiges Voltmeter, das den Kondensator zusätzlich entlädt (ebenfalls denkbar: ein Kondensator oder Widerstand, dessen tatsächlicher Wert unter dem aufgedruckten liegt). Gruppe B: Bereits der erste Punkt liegt mit \(8{,}1\,\mathrm V\) unter \(U_0\); danach verläuft die Punktfolge in derselben Form wie die erwartete Kurve, nur nach rechts bzw. nach unten verschoben, und nähert sich ihr an. Die Zeitkonstante stimmt, die Lage nicht. Mögliche Fehlerquelle: Die Stoppuhr wurde etwa eine Sekunde nach dem Umschalten gestartet, sodass alle Zeiten zu klein sind — oder der Kondensator war beim Umschalten noch nicht vollständig geladen. Beide Ursachen liefern dieselben Messwerte, weil eine Entladung, die bei \(8{,}1\,\mathrm V\) beginnt, genauso abläuft wie eine bei \(10\,\mathrm V\) begonnene nach einer Sekunde; aus den Daten allein sind sie daher nicht zu unterscheiden.

Hinweis zu Aufgabe b)
Beim Entladen liegt das Voltmeter parallel zum Widerstand \(R\) — beide entladen den Kondensator gemeinsam. Berechne den Gesamtwiderstand mit der Formel aus dem Hinweis und daraus die neue Zeitkonstante. Zur Kontrolle setzt du z. B. \(t=2\,\mathrm s\) in \(U(t)=U_0\cdot e^{-\frac{t}{\tau}}\) ein.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Beim Entladen liegen \(R\) und \(R_V\) parallel: \(\displaystyle \frac{1}{R_\text{ges}}=\frac{1}{4{,}7\,\mathrm{k\Omega}}+\frac{1}{10\,\mathrm{k\Omega}}\Rightarrow R_\text{ges}\approx3{,}2\,\mathrm{k\Omega}\). Damit \(\tau'=R_\text{ges}\cdot C=3200\,\Omega\cdot1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F=3{,}2\,\mathrm s\) statt \(4{,}7\,\mathrm s\) — die Zeitkonstante sinkt um rund ein Drittel. Überprüfung bei \(t=2\,\mathrm s\): \(U=10\,\mathrm V\cdot e^{-\frac{2}{3{,}2}}\approx5{,}4\,\mathrm V\); der Messpunkt der Gruppe A liegt genau dort (ebenso \(t=4\,\mathrm s\): \(2{,}9\,\mathrm V\)). Das Voltmeter erklärt das Fehlerbild vollständig.

Hinweis zu Aufgabe c)
Zu Mia: Jedes Voltmeter lässt einen (kleinen) Strom durch sich hindurchfließen — wohin fließt dieser Strom beim Entladen? Zu Jonas: Unterscheide Fehler beim Ablesen von Fehlern im Aufbau und Ablauf. Welche davon beseitigt der Rechner tatsächlich?„Beurteilen“ verlangt für jede Aussage ein klares Urteil (richtig/falsch/teilweise) mit physikalischer Begründung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Aussage 1 (Mia) ist falsch. Ein Voltmeter zeigt zwar die Spannung am Kondensator an, lässt dafür aber einen Strom durch sich hindurchfließen. Beim Entladen bildet es einen zweiten Entladeweg parallel zu \(R\); der Kondensator verliert seine Ladung schneller, und die gemessene Kurve gehört nicht mehr zur Zeitkonstante \(R\,C\) (Teilaufgabe b). Richtig ist die Aussage nur näherungsweise für ein sehr hochohmiges Voltmeter mit \(R_V\gg R\). Aussage 2 (Jonas) ist ebenfalls falsch. Die digitale Erfassung beseitigt die Reaktionszeit beim Ablesen und den verzögerten Uhrstart, also die Fehler beim Messen. Systematische Fehler im Aufbau und Ablauf bleiben bestehen: ein vor dem Start nicht vollständig entladener Kondensator (zu kleiner Startstrom), der Eigenwiderstand des Stromsensors (vergrößert \(R\)) oder ein Kondensator, dessen tatsächliche Kapazität vom Aufdruck abweicht. Ein Rechner misst nur das, was die Schaltung ihm liefert.

Hinweis zu Aufgabe d)
Zwei Wege führen zum Ziel: Entweder man rechnet den bekannten Einfluss des Voltmeters aus der Messung wieder heraus, oder man wählt eine Messung, bei der das Voltmeter gar nicht gebraucht wird. Gib bei deinem Plan Aufbau, Durchführung und Auswertung an.„Planen“ ist vollständig, wenn ein anderer das Vorgehen nur mit deiner Beschreibung durchführen könnte.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Weg 1 – Rechnerische Korrektur: Aufbau wie bisher; Durchführung der Entladung mit dem vorhandenen Voltmeter; Auswertung: Aus der Messreihe wird \(\tau'\) über die Halbwertszeit bestimmt. Da \(\tau'=R_\text{ges}\cdot C\) mit dem bekannten \(R_\text{ges}\) aus \(R\) und \(R_V\) gilt, folgt \(C=\frac{\tau'}{R_\text{ges}}\) und daraus \(\tau=R\cdot C\). Weg 2 – Messung ohne Voltmeter: Das Voltmeter wird entfernt und der Aufladevorgang mit dem Stromsensor in Reihe aufgezeichnet (Aufgabe 3); \(\tau\) wird als Zeit bestimmt, in der \(I\) auf 37 % von \(I_0\) fällt. Der Sensor liegt in Reihe und öffnet keinen zusätzlichen Strompfad. Beide Wege liefern die Zeitkonstante des Aufbaus ohne den störenden Einfluss des Voltmeters; Weg 2 hat zusätzlich den Vorteil, dass Ablesefehler entfallen.