MINT lernen

AbituraufgabenDas Fadenpendel

Zwei Aufgaben im Stil der schriftlichen Abiturprüfung — mit Operatoren und vollständigem Erwartungshorizont zur Selbstkontrolle.

1

Eine Pendeluhr richtig stellen

AFB II

In einer Standuhr zählt das Uhrwerk die Schwingungen eines Fadenpendels und rückt den Zeiger bei jeder vollen Schwingung um genau \(2{,}00\,\mathrm s\) weiter (Material M1). Die Uhr geht also genau dann richtig, wenn ihr Pendel die Schwingungsdauer \(T=2{,}00\,\mathrm s\) hat. Nach der Aufstellung in einem Wohnhaus in Norddeutschland \((g=9{,}81\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}})\) stellt der Besitzer fest, dass die Uhr täglich um \(60\,\mathrm s\) nachgeht. Die Auslenkung des Pendels beträgt stets weniger als \(5^\circ\).

M1Pendel einer Standuhr
Stellschraube l Pendellänge Aufhängepunkt

Das Uhrwerk zählt die Schwingungen des Pendels. Mit der Stellschraube lässt sich die Linse und damit die wirksame Pendellänge um wenige Millimeter verschieben.

  1. Berechnen Sie die Pendellänge, die für eine Schwingungsdauer von \(2{,}00\,\mathrm s\) erforderlich ist.
  2. Ermitteln Sie die tatsächliche Schwingungsdauer des Pendels und berechnen Sie, um welche Strecke die Linse mit der Stellschraube verschoben werden muss und in welche Richtung.
  3. Erklären Sie, warum dieselbe Uhr im Hochsommer ohne Nachstellen erneut nachgehen würde, und begründen Sie, wie sie sich in Äquatornähe verhielte, wo die Fallbeschleunigung geringfügig kleiner ist.
Hinweis zu Aufgabe a)
Stelle \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) nach \(l\) um: quadrieren, dann nach \(l\) auflösen. Ergebnis in Metern mit vier gültigen Ziffern angeben — es geht später um Millimeter.
Hinweis zu Aufgabe b)
Die Uhr zeigt in \(24\,\mathrm h\) nur \(86\,340\,\mathrm s\) an, obwohl \(86\,400\,\mathrm s\) vergangen sind. Bestimme daraus zuerst die Zahl der tatsächlich ausgeführten Schwingungen und daraus \(T\). Danach dieselbe Rechnung wie in a).Kürzer geht es über die Verhältnisrechnung: Aus \(T\sim\sqrt{l}\) folgt, dass eine relative Längenänderung doppelt so groß sein muss wie die gewünschte relative Änderung von \(T\).
Hinweis zu Aufgabe c)
Sieh dir an, welche beiden Größen in \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) stehen, und überlege für jeden Fall, ob sie größer oder kleiner wird. Eine größere Schwingungsdauer bedeutet: Das Uhrwerk wird seltener weitergerückt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Ansatz: \(T=2\pi\sqrt{\dfrac{l}{g}}\ \Big|\ (\dots)^{2}\ \Rightarrow\ T^{2}=4\pi^{2}\dfrac{l}{g}\ \Rightarrow\ l=\dfrac{g\,T^{2}}{4\pi^{2}}\).

Einsetzen: \(\displaystyle l=\frac{9{,}81\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}}\cdot (2{,}00\,\mathrm s)^{2}}{4\pi^{2}}=\frac{39{,}24\,\mathrm m}{39{,}478}=0{,}9940\,\mathrm m\).

Ein Sekundenpendel ist also knapp einen Meter lang.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

In einem Tag vergehen \(86\,400\,\mathrm s\); die Uhr zeigt aber nur \(86\,400\,\mathrm s-60\,\mathrm s=86\,340\,\mathrm s\) an. Da jede Schwingung als \(2{,}00\,\mathrm s\) gezählt wird, hat das Pendel \(n=\frac{86\,340\,\mathrm s}{2{,}00\,\mathrm s}=43\,170\) Schwingungen ausgeführt.

Tatsächliche Schwingungsdauer: \(\displaystyle T=\frac{86\,400\,\mathrm s}{43\,170}=2{,}00139\,\mathrm s\) — das Pendel schwingt also etwas zu langsam.

Zugehörige Länge: \(\displaystyle l=\frac{9{,}81\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}}\cdot (2{,}00139\,\mathrm s)^{2}}{4\pi^{2}}=0{,}9954\,\mathrm m\).

Erforderliche Änderung: \(\Delta l = 0{,}9954\,\mathrm m-0{,}9940\,\mathrm m =0{,}0014\,\mathrm m = 1{,}4\,\mathrm{mm}\). Die Linse muss mit der Stellschraube um etwa \(1{,}4\,\mathrm{mm}\) nach oben gedreht, das Pendel also verkürzt werden.

Kontrolle über die Verhältnisrechnung: Wegen \(T\sim\sqrt{l}\) gilt \(\frac{\Delta l}{l}\approx 2\cdot\frac{\Delta T}{T}=2\cdot\frac{0{,}00139}{2{,}00}=1{,}39\cdot 10^{-3}\), also \(\Delta l\approx 1{,}39\cdot 10^{-3}\cdot 0{,}994\,\mathrm m \approx 1{,}4\,\mathrm{mm}\) — dasselbe Ergebnis.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Im Hochsommer ist die Pendelstange wärmer. Metalle dehnen sich bei Erwärmung aus, die Pendellänge \(l\) nimmt also zu. Nach \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) wächst damit auch die Schwingungsdauer. Das Uhrwerk wird seltener weitergerückt, zählt aber weiterhin \(2{,}00\,\mathrm s\) pro Schwingung — die Uhr bleibt gegenüber der wahren Zeit zurück und geht nach. (Aus diesem Grund haben Präzisionspendeluhren Kompensationspendel aus zwei Werkstoffen mit unterschiedlicher Wärmeausdehnung.)

In Äquatornähe ist \(g\) etwas kleiner. In der Formel steht \(g\) im Nenner unter der Wurzel: Ein kleineres \(g\) bedeutet eine geringere rücktreibende Kraft und damit ebenfalls eine größere Schwingungsdauer. Auch dort ginge die Uhr also nach und müsste erneut — durch Verkürzen des Pendels — nachgestellt werden.

2

Die Fallbeschleunigung aus einer Messreihe

AFB III

Eine Praktikumsgruppe bestimmt die Fallbeschleunigung mit einem Fadenpendel. Dazu misst sie bei fünf verschiedenen Pendellängen jeweils die Zeit für zehn vollständige Schwingungen (Material M1). Der Pendelkörper ist eine kleine Stahlkugel, die Auslenkung beträgt etwa \(5^\circ\). Vor Beginn der zweiten Messreihe macht die Gruppe die Vorschläge aus Material M2.

M1Messreihe zur Bestimmung der Fallbeschleunigung
Gestoppte Zeit \(t_{10}\) für jeweils 10 vollständige Schwingungen
\(l\) in m0,250,500,751,001,25
\(t_{10}\) in s10,014,217,420,122,4
M2Vorschläge aus der Praktikumsgruppe
J Jonas Aussage 1 Wir sollten einen möglichst schweren Pendelkörper nehmen, dann kommt für g ein genauerer Wert heraus. M Mia Aussage 2 Und wir lenken das Pendel um 45° aus — so große Ausschläge kann man beim Stoppen viel besser erkennen.
  1. Berechnen Sie für jede Messung die Schwingungsdauer und weisen Sie nach, dass \(T^{2}\) proportional zu \(l\) ist.
  2. Ermitteln Sie aus den Messwerten die Fallbeschleunigung \(g\) und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Literaturwert \(9{,}81\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}}\).
  3. Beurteilen Sie die beiden Vorschläge in M2.
Hinweis zu Aufgabe a)
Zuerst \(T=\frac{t_{10}}{10}\). Für den Nachweis bildest du dann für jede Zeile den Quotienten \(\frac{T^{2}}{l}\) — bleibt er im Rahmen der Messgenauigkeit konstant, liegt Proportionalität vor.
Hinweis zu Aufgabe b)
Quadriere \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) und stelle nach \(g\) um. In der entstehenden Formel kommt genau der Quotient aus Teilaufgabe a) vor.Alternativ: \(T^{2}\) über \(l\) auftragen und \(g\) aus der Steigung der Ausgleichsgeraden bestimmen — dasselbe Ergebnis mit grafischer Begründung.
Hinweis zu Aufgabe c)
Prüfe für jeden Vorschlag, ob die betroffene Größe in \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) überhaupt vorkommt — und unter welcher Bedingung die Formel hergeleitet wurde. Ein Vorschlag kann aus einem anderen als dem genannten Grund trotzdem sinnvoll sein.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Schwingungsdauern \(T=\frac{t_{10}}{10}\): \(1{,}00\,\mathrm s\); \(1{,}42\,\mathrm s\); \(1{,}74\,\mathrm s\); \(2{,}01\,\mathrm s\); \(2{,}24\,\mathrm s\).

Prüfgröße \(\dfrac{T^{2}}{l}\): \(\frac{1{,}00}{0{,}25}=4{,}00\); \(\frac{2{,}016}{0{,}50}=4{,}03\); \(\frac{3{,}028}{0{,}75}=4{,}04\); \(\frac{4{,}040}{1{,}00}=4{,}04\); \(\frac{5{,}018}{1{,}25}=4{,}01\) (jeweils in \(\tfrac{\mathrm{s^{2}}}{\mathrm m}\)).

Antwortsatz: Die fünf Quotienten weichen um weniger als \(1\,\%\) voneinander ab und stimmen damit im Rahmen der Messgenauigkeit überein. Es gilt \(T^{2}\sim l\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Umstellen: \(T^{2}=4\pi^{2}\dfrac{l}{g}\ \Rightarrow\ \displaystyle g=\frac{4\pi^{2}}{T^{2}/l}\).

Mit dem Mittelwert \(\frac{T^{2}}{l}=4{,}02\,\tfrac{\mathrm{s^{2}}}{\mathrm m}\) folgt \(\displaystyle g=\frac{39{,}48}{4{,}02\,\tfrac{\mathrm{s^{2}}}{\mathrm m}}=9{,}82\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}}\).

Vergleich: Der Literaturwert beträgt \(9{,}81\,\tfrac{\mathrm m}{\mathrm{s^{2}}}\); die Abweichung liegt bei etwa \(0{,}1\,\%\) und damit deutlich innerhalb der Messgenauigkeit einer Handstoppuhr. Das einfache Fadenpendel liefert \(g\) also erstaunlich genau — vor allem, weil durch die Messung über zehn Schwingungen und über fünf Längen zufällige Fehler klein gehalten werden.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Zu Jonas: Die Begründung ist falsch, der Vorschlag im Ergebnis dennoch brauchbar. In \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) kommt die Masse des Pendelkörpers nicht vor: Ein schwerer und ein leichter Körper an gleich langem Faden schwingen exakt gleich schnell. Eine größere Masse macht das Ergebnis für \(g\) also nicht unmittelbar genauer. Sinnvoll ist ein dichter, kleiner Körper trotzdem: Bei ihm fällt der Luftwiderstand im Verhältnis zur Gewichtskraft kaum ins Gewicht, die Schwingung klingt langsamer ab und bleibt über zehn Perioden gut messbar. Die Stahlkugel aus der ersten Messreihe erfüllt das bereits.

Zu Mia: Der Vorschlag ist zurückzuweisen. Die Formel \(T=2\pi\sqrt{\tfrac{l}{g}}\) gilt nur für kleine Auslenkungen (bis etwa \(10^\circ\)); nur dort ist die rücktreibende Kraft näherungsweise proportional zur Auslenkung und die Schwingung harmonisch. Bei \(45^\circ\) ist die tatsächliche Schwingungsdauer bereits merklich größer als der Formelwert. Da \(g=\frac{4\pi^{2}l}{T^{2}}\) das \(T^{2}\) im Nenner enthält, käme für \(g\) ein systematisch zu kleiner Wert heraus — ein Fehler, den auch beliebig viele Wiederholungen nicht beseitigen.

Empfehlung an die Gruppe: Kleine Auslenkung beibehalten, kompakten Pendelkörper verwenden, weiterhin über zehn Schwingungen messen und beim Nulldurchgang starten und stoppen.