Von Radium-226 bis Blei-210
AFB IIDie Nuklidkarte ordnet jedes Nuklid nach seiner Neutronenzahl \(N\) (waagerecht) und seiner Protonenzahl \(Z\) (senkrecht). Material M1 zeigt den Ausschnitt, in dem die Uran-Radium-Reihe endet — jeder Zerfall entspricht dort einem festen „Zug“ auf der Karte.
Jedes Kästchen steht für ein Nuklid; die Farbe gibt die dominante Zerfallsart an. Nicht eingezeichnete Kästchen sind für diese Aufgabe ohne Bedeutung.
- Geben Sie die vollständige Zerfallsgleichung für den Zerfall von \({}^{226}_{\ 88}\mathrm{Ra}\) an und beschreiben Sie, wie sich das Nuklid dabei auf der Nuklidkarte bewegt.
- Ermitteln Sie mithilfe von M1 die vollständige Zerfallsfolge von \({}^{222}\mathrm{Rn}\) bis \({}^{210}\mathrm{Pb}\) mit allen Zwischennukliden und Zerfallsarten.
- Es gibt in der Natur genau vier Zerfallsreihen. Begründen Sie diese Tatsache mithilfe der Verschiebungssätze und ordnen Sie \({}^{226}\mathrm{Ra}\) der richtigen Reihe zu.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\({}^{226}\mathrm{Ra}\) ist in M1 orange eingefärbt, also ein \(\alpha\)-Strahler:
\({}^{226}_{\ 88}\mathrm{Ra}\ \longrightarrow\ {}^{222}_{\ 86}\mathrm{Rn}+{}^{4}_{2}\mathrm{He}\)
Bilanz: \(226=222+4\) und \(88=86+2\) — Massenzahl und Ladungszahl sind erhalten.
Auf der Karte sinkt \(Z\) um 2 und \(N\) um 2 (von \(N=138\) auf \(N=136\)). Das Nuklid rückt also zwei Spalten nach links und zwei Zeilen nach unten — ein diagonaler Zug in Richtung des Stabilitätstals.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Aus den Farben in M1 ergibt sich die Folge:
\({}^{222}_{\ 86}\mathrm{Rn}\ \xrightarrow{\ \alpha\ }\ {}^{218}_{\ 84}\mathrm{Po}\ \xrightarrow{\ \alpha\ }\ {}^{214}_{\ 82}\mathrm{Pb}\ \xrightarrow{\ \beta^-\ }\ {}^{214}_{\ 83}\mathrm{Bi}\ \xrightarrow{\ \beta^-\ }\ {}^{214}_{\ 84}\mathrm{Po}\ \xrightarrow{\ \alpha\ }\ {}^{210}_{\ 82}\mathrm{Pb}\)
Das sind drei \(\alpha\)- und zwei \(\beta^-\)-Zerfälle. Die Massenzahl sinkt dabei von 222 auf 210 (dreimal um 4), die Ordnungszahl von 86 auf 82 (dreimal \(-2\), zweimal \(+1\)).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Der \(\alpha\)-Zerfall verringert \(A\) um genau 4, der \(\beta\)-Zerfall lässt \(A\) unverändert. Damit ändert sich der Rest, den \(A\) beim Teilen durch 4 lässt, bei keinem der beiden Zerfälle: Ein Nuklid kann seine Restklasse nie verlassen. Da es beim Teilen durch 4 nur die Reste 0, 1, 2 und 3 gibt, zerfallen alle schweren Kerne innerhalb von genau vier voneinander getrennten Familien — den vier Zerfallsreihen \(4n\), \(4n+1\), \(4n+2\) und \(4n+3\).
Für Radium-226 gilt \(226 = 4\cdot 56 + 2\), der Rest ist also 2. \({}^{226}\mathrm{Ra}\) gehört damit zur Reihe \(4n+2\), das ist die Uran-Radium-Reihe, die bei \({}^{238}\mathrm{U}\) beginnt und bei \({}^{206}\mathrm{Pb}\) endet.
Wege zum Stabilitätstal
AFB IIIDie schwarzen, stabilen Nuklide bilden auf der Karte ein schmales Band — das Stabilitätstal. Jeder radioaktive Kern wandert mit seinen Zerfällen darauf zu. Aus der Lage eines Nuklids relativ zu diesem Band lässt sich deshalb vorhersagen, wie es zerfallen wird.
- Die Uran-Radium-Reihe führt von \({}^{238}_{\ 92}\mathrm{U}\) bis zum stabilen \({}^{206}_{\ 82}\mathrm{Pb}\). Bestimmen Sie, wie viele \(\alpha\)- und wie viele \(\beta^-\)-Zerfälle die Reihe insgesamt enthält.
- Das Nuklid \({}^{137}_{\ 55}\mathrm{Cs}\) entsteht bei der Kernspaltung; das stabile Nuklid mit \(A=137\) ist \({}^{137}_{\ 56}\mathrm{Ba}\). Nennen Sie die zu erwartende Zerfallsart von \({}^{137}\mathrm{Cs}\) und begründen Sie Ihre Vorhersage mit der Lage des Nuklids auf der Nuklidkarte.
- In einem Schulbuch steht: „Am Ende jeder Zerfallsreihe steht Blei — deshalb findet man in alten Uranmineralien immer Blei.“ Nehmen Sie zu dieser Aussage Stellung und beziehen Sie dabei die Neptunium-Reihe (\({}^{237}\mathrm{Np}\), \(T_{1/2}=2{,}1\cdot10^{6}\ \mathrm{a}\), Endnuklid \({}^{209}\mathrm{Bi}\)) sowie das Alter der Erde von etwa \(4{,}5\cdot10^{9}\ \mathrm{a}\) ein.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(\alpha\)-Zerfälle: Nur sie ändern \(A\), und zwar jeweils um \(-4\).
\(\Delta A = 238-206 = 32\), also \(n_\alpha = \dfrac{32}{4} = 8\).
\(\beta^-\)-Zerfälle: Die acht \(\alpha\)-Zerfälle allein würden \(Z\) um \(8\cdot 2 = 16\) senken, also von 92 auf 76. Tatsächlich endet die Reihe bei \(Z=82\). Es fehlen \(82-76 = 6\) Einheiten, und jeder \(\beta^-\)-Zerfall erhöht \(Z\) um 1: \(n_{\beta^-} = 6\).
Kontrolle: \(92 - 2\cdot 8 + 1\cdot 6 = 92-16+6 = 82\) \(\checkmark\); \(238 - 4\cdot 8 = 206\) \(\checkmark\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Erwartet wird ein \(\beta^-\)-Zerfall: \({}^{137}_{\ 55}\mathrm{Cs}\longrightarrow{}^{137}_{\ 56}\mathrm{Ba}+e^-+\bar\nu_e\).
Begründung: Beide Nuklide sind Isobare mit \(A=137\), liegen auf der Karte also auf derselben Diagonalen. \({}^{137}\mathrm{Cs}\) hat \(N=137-55=82\) Neutronen, das stabile \({}^{137}\mathrm{Ba}\) nur \(N=137-56=81\). Cäsium-137 besitzt also einen Neutronenüberschuss und liegt rechts vom Stabilitätstal. Kerne in diesem Bereich wandeln im Kern ein Neutron in ein Proton um; auf der Karte ist das der Zug „eine Spalte nach links, eine Zeile nach oben“ — und damit genau der Schritt, der von Cs-137 zum stabilen Ba-137 führt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Aussage trifft im Kern zu, ist aber zu allgemein formuliert und muss in zwei Punkten eingeschränkt werden.
Erstens: Nicht jede Reihe endet bei Blei. Drei der vier Reihen tun es (\({}^{208}\mathrm{Pb}\), \({}^{206}\mathrm{Pb}\), \({}^{207}\mathrm{Pb}\)), die Neptunium-Reihe \(4n+1\) endet dagegen beim stabilen Bismut-Isotop \({}^{209}\mathrm{Bi}\).
Zweitens: Der zweite Halbsatz gilt trotzdem — allerdings aus einem anderen Grund als dem im Buch genannten. Der Starter der Neptunium-Reihe hat mit \(2{,}1\cdot10^{6}\ \mathrm{a}\) eine Halbwertszeit, die winzig ist gegenüber dem Erdalter: \(\dfrac{4{,}5\cdot10^{9}}{2{,}1\cdot10^{6}}\approx 2100\) Halbwertszeiten. Von ursprünglich vorhandenem \({}^{237}\mathrm{Np}\) ist deshalb längst nichts mehr übrig — die Reihe ist in der Natur ausgestorben. In Uranmineralien laufen nur die Uran- und die Thorium-Reihe, und die enden tatsächlich alle bei Blei.
Präzise formuliert müsste es also heißen: „Die drei in der Natur noch vorkommenden Zerfallsreihen enden bei Blei.“ Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine physikalische Aussage stets ihren Gültigkeitsbereich mitnennen sollte.
