Textaufgaben
In allen fünf Aufgaben geht es um dieselbe Kernidee: Nach jeder Halbwertszeit ist die Hälfte des Rests übrig. Die Rechnung ist meist kurz — die Punkte stecken im Ansatz, in der Einheit und im Antwortsatz. Zu jeder Teilaufgabe gibt es einen Hinweis und einen Erwartungshorizont. Öffne den Erwartungshorizont erst, wenn du deine eigene Lösung aufgeschrieben hast.
Technetium in der Nuklearmedizin
AFB IIn der Nuklearmedizin wird häufig Technetium-99m eingesetzt. Es hat eine Halbwertszeit von \(T_{1/2}=6{,}0\,\mathrm h\). Einer Patientin wird ein Präparat mit der Anfangsaktivität \(A_0=600\,\mathrm{MBq}\) gespritzt. Die Aktivität nimmt genauso ab wie die Anzahl der noch nicht zerfallenen Kerne.
- Nenne, was die Angabe „Halbwertszeit 6,0 h“ für diese Probe bedeutet.
- Berechne die Aktivität 24 Stunden nach der Injektion.
- Bestimme, nach welcher Zeit die Aktivität auf 75 MBq gesunken ist.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Nach 6,0 Stunden ist nur noch die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Technetium-Kerne übrig, die Aktivität beträgt dann noch 300 MBq. Die Angabe gilt für die sehr große Zahl von Kernen in der Probe; wann ein einzelner Kern zerfällt, ist nicht vorhersagbar.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(n=\dfrac{24\,\mathrm h}{6{,}0\,\mathrm h}=4\).
Antwortsatz: Nach 24 Stunden beträgt die Aktivität noch 37,5 MBq.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
600 → 300 → 150 → 75 MBq, das sind drei Halbierungen: \(t=3\cdot 6{,}0\,\mathrm h=18\,\mathrm h\). Antwortsatz: Nach 18 Stunden ist die Aktivität auf 75 MBq gefallen.
Messkurve im Praktikum
AFB IIEine Schülergruppe misst mit einem Zählrohr die Aktivität einer kurzlebigen Probe. Material M1 zeigt die Messkurve.
Die Kurve fällt zuerst steil und wird dann immer flacher. Die drei Punkte markieren die Messwerte nach 20 s, 40 s und 60 s.
- Ermittle aus M1 die Halbwertszeit der Probe.
- Berechne mit diesem Wert die Aktivität nach 100 Sekunden.
- Erkläre, warum die Kurve immer flacher wird, obwohl die Halbwertszeit gleich bleibt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Bei \(t=0\) beträgt die Aktivität 800 Bq, bei \(t=20\,\mathrm s\) noch 400 Bq — also die Hälfte. Auch die weiteren Werte passen: 40 s → 200 Bq, 60 s → 100 Bq. Antwortsatz: Die Halbwertszeit beträgt \(T_{1/2}=20\,\mathrm s\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(n=\dfrac{100\,\mathrm s}{20\,\mathrm s}=5\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
In jedem Zeitabschnitt von 20 s zerfällt derselbe Anteil der noch vorhandenen Kerne, nämlich die Hälfte. Weil der Bestand dabei immer kleiner wird, ist auch die Anzahl der Zerfälle pro Abschnitt immer kleiner: 400, dann 200, dann 100. Die Aktivität ist die Zahl der Zerfälle pro Sekunde, sie sinkt also ebenfalls — und damit wird die Kurve flacher. Die Halbwertszeit bleibt trotzdem konstant, weil die Zerfallswahrscheinlichkeit jedes einzelnen Kerns unverändert ist.
Wie alt ist der Fund?
AFB IILebende Pflanzen enthalten einen festen Anteil des radioaktiven Kohlenstoffs C-14 (\(T_{1/2}=5730\,\mathrm a\)). Stirbt die Pflanze, wird kein C-14 mehr aufgenommen und der Bestand zerfällt. Aus dem Restanteil lässt sich das Alter eines Holzfundes bestimmen.
- Berechne das Alter eines Holzstücks, das noch 25 % des ursprünglichen C-14 enthält.
- Schätze ab, in welchem Zeitraum ein Fund mit 35 % Restanteil entstanden ist.
- Erläutere, warum sich ein 1 Million Jahre alter Knochen mit dieser Methode nicht datieren lässt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
100 % → 50 % → 25 %, also \(n=2\).
Antwortsatz: Das Holz ist rund 11 500 Jahre alt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
35 % liegt zwischen 50 % (eine Halbwertszeit, 5730 a) und 25 % (zwei Halbwertszeiten, 11 460 a). Der Fund ist also zwischen etwa 5700 und 11 500 Jahre alt; weil 35 % näher bei 25 % als bei 50 % liegt, ist ein Alter von etwa 8500 bis 9000 Jahren plausibel.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(1\,000\,000\,\mathrm a:5730\,\mathrm a\approx 175\) Halbwertszeiten. Der Restanteil wäre \(\left(\tfrac12\right)^{175}\) — eine unvorstellbar kleine Zahl. In der Probe wäre kein einziger C-14-Kern mehr vorhanden, es gäbe also nichts mehr zu messen. Praktisch ist die C-14-Methode nur bis etwa 50 000 Jahre (rund 9 Halbwertszeiten) brauchbar; für ältere Funde nutzt man Nuklide mit viel längerer Halbwertszeit, etwa Uran oder Kalium.
Jod-131 in der Klinik
AFB IIBei einer Schilddrüsenbehandlung erhält ein Patient Jod-131 (\(T_{1/2}=8{,}0\,\mathrm d\)) mit der Anfangsaktivität \(A_0=3{,}2\,\mathrm{GBq}\). Er darf die Klinik erst verlassen, wenn die Aktivität unter \(0{,}1\,\mathrm{GBq}\) gefallen ist. Zum Vergleich: Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren.
- Bestimme, nach wie vielen Tagen der Patient entlassen werden kann.
- Vergleiche zwei gleich große Proben aus Jod-131 und Cäsium-137 hinsichtlich ihrer Aktivität und begründe den Unterschied.
- Beurteile die Aussage: „Weil Jod-131 so schnell zerfällt, ist es das ungefährlichere Nuklid.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
3,2 → 1,6 → 0,8 → 0,4 → 0,2 → 0,1 GBq, das sind fünf Halbierungen: \(t=5\cdot 8{,}0\,\mathrm d=40\,\mathrm d\). Nach 40 Tagen ist die Aktivität genau bei 0,1 GBq; die Grenze wird also kurz danach unterschritten. Antwortsatz: Der Patient kann nach etwa 40 Tagen entlassen werden.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Die Jod-131-Probe hat eine weit höhere Aktivität. Bei gleicher Kernzahl bedeutet eine kürzere Halbwertszeit eine größere Zerfallswahrscheinlichkeit jedes Kerns, also mehr Zerfälle pro Sekunde. Jod-131 halbiert sich in 8 Tagen, Cäsium-137 braucht dafür 30 Jahre — rund 1370-mal so lange. Dafür ist das Jod nach wenigen Monaten praktisch verschwunden, während das Cäsium noch nach Jahrhunderten messbar ist.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Aussage ist nur teilweise richtig. Zutreffend ist: Jod-131 belastet Patient und Umgebung nur kurze Zeit, nach etwa zehn Halbwertszeiten (80 Tage) sind weniger als 0,1 % übrig. Nicht zutreffend ist der Schluss auf „ungefährlicher“: Gerade weil Jod-131 schnell zerfällt, ist seine Aktivität sehr hoch — in der kurzen Zeit wird sehr viel Strahlung frei, und Jod reichert sich gezielt in der Schilddrüse an. Gefährlichkeit hängt also nicht allein von der Halbwertszeit ab, sondern auch von der Aktivität, der Strahlungsart und davon, wo sich der Stoff im Körper anlagert. Ein sinnvolles Urteil muss diese Punkte gemeinsam betrachten.
Zwei Behauptungen im Leserbrief
AFB IIIIn einem Leserbrief zur Endlagerdiskussion stehen zwei Behauptungen:
Behauptung 1: „Nach zwei Halbwertszeiten ist der Atommüll vollständig zerfallen und damit unschädlich.“
Behauptung 2: „Man müsste den Müll nur stark genug erhitzen, dann würde er schneller zerfallen.“
Der problematischste Bestandteil ist Plutonium-239 mit \(T_{1/2}=24\,110\,\mathrm a\).
- Widerlege Behauptung 1 mit einer Rechnung.
- Widerlege Behauptung 2 und begründe, warum die Halbwertszeit nicht beeinflussbar ist.
- Als Faustregel gilt ein Stoff nach zehn Halbwertszeiten als weitgehend abgeklungen. Nimm Stellung dazu, was das für die Lagerung von Plutonium-239 bedeutet.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Nach zwei Halbwertszeiten ist \(\left(\tfrac12\right)^{2}=\tfrac14\), also noch 25 % des Bestands vorhanden — von 1000 Kernen immerhin 250. Halbiert wird stets der Rest, nie der Anfangsbestand; rechnerisch erreicht der Bestand deshalb nie exakt null. Für Plutonium-239 wären zwei Halbwertszeiten außerdem 48 220 Jahre, und danach strahlte der Müll immer noch mit einem Viertel der Anfangsaktivität. Behauptung 1 ist damit doppelt falsch.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Der radioaktive Zerfall findet im Atomkern statt und wird von der starken Kernkraft und der Kernzusammensetzung bestimmt. Temperatur, Druck und chemische Bindungen wirken dagegen nur auf die Elektronenhülle; die dabei umgesetzten Energien sind um viele Größenordnungen kleiner als die Bindungsenergien im Kern. Selbst im Inneren eines Hochofens oder unter extremem Druck bleibt die Halbwertszeit unverändert. Sie gehört zum Nuklid wie seine Nukleonenzahl.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(10\cdot 24\,110\,\mathrm a=241\,100\,\mathrm a\). Selbst nach dieser Faustregel müsste ein Endlager rund eine Viertelmillion Jahre sicher bleiben — ein Vielfaches der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte. Keine bisher gebaute Anlage und keine Beschriftung übersteht so lange, und selbst die Sprache, in der man warnen würde, gäbe es dann vermutlich nicht mehr. Eigene Position (Beispiel): Die Faustregel „zehn Halbwertszeiten“ ist bei kurzlebigen Nukliden wie Jod-131 praktisch brauchbar, bei Plutonium-239 zeigt sie vor allem, dass die Frage nach dem Endlager nicht durch Abwarten zu lösen ist, sondern durch die Wahl eines geologisch über Jahrhunderttausende stabilen Standorts.
