Der Steckbrief des Sauerstoffatoms
AFB IIn der Luft, die wir atmen, steckt Sauerstoff. Material M1 zeigt den Steckbrief eines Sauerstoffatoms im Kern-Hülle-Modell nach Rutherford. Ein Proton ist 1836-mal so schwer wie ein Elektron; ein Neutron hat praktisch dieselbe Masse wie ein Proton.
Der Kern ist im Bild stark vergrößert — in Wirklichkeit passt zwischen Kern und Hülle ein ganzes Stadion.
- Geben Sie an, wie viele Neutronen der Sauerstoffkern enthält, und notieren Sie die verwendete Formel.
- Beschreiben Sie den Aufbau des Sauerstoffatoms: Welche Teilchen sitzen wo, und welche Ladung tragen sie?
- Begründen Sie, warum das Sauerstoffatom nach außen elektrisch neutral ist.
- Berechnen Sie, wie viel Mal schwerer der Kern des Sauerstoffatoms ist als seine gesamte Hülle.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(N = A - Z = 16 - 8 = 8\)
Der Sauerstoffkern enthält 8 Neutronen. Verwendete Formel: \(A = Z + N\), umgestellt nach \(N\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Im Atomkern sitzen 8 Protonen (positiv geladen) und 8 Neutronen (ungeladen). Protonen und Neutronen heißen zusammen Nukleonen; in ihnen steckt fast die gesamte Masse des Atoms.
In der Atomhülle bewegen sich 8 Elektronen (negativ geladen). Die Hülle ist fast leer, bestimmt aber die Größe des Atoms. Der positive Kern hält die negativen Elektronen durch elektrische Anziehung fest.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Im Kern sitzen 8 Protonen mit je einer positiven Ladung, in der Hülle 8 Elektronen mit je einer negativen Ladung. Jede positive Ladung wird durch genau eine negative ausgeglichen, die Gesamtladung ist \(8 \cdot (+1) + 8 \cdot (-1) = 0\).
Weil Protonenzahl und Elektronenzahl übereinstimmen, ist das Atom nach außen neutral. Erst wenn ein Elektron fehlt oder eines zu viel ist, entsteht ein geladenes Ion.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Masse des Kerns in Elektronenmassen: \(16 \cdot 1836\, m_e = 29\,376\, m_e\) (Neutron und Proton werden gleich schwer gesetzt).
Masse der Hülle: \(8\, m_e\).
\(\dfrac{29\,376\, m_e}{8\, m_e} = 3672\)
Der Kern ist rund 3700-mal so schwer wie die gesamte Hülle. Die Elektronen tragen also nur etwa 0,03 % zur Masse bei — deshalb genügt es, für die Masse nur die Nukleonenzahl zu betrachten.
Rutherfords Goldfolie
AFB II1911 beschoss Ernest Rutherford eine hauchdünne Goldfolie mit schnellen, positiv geladenen Teilchen (Material M2). Nach dem damals gültigen Modell von Thomson war ein Atom eine gleichmäßig mit positiver Ladung gefüllte Kugel, in der die Elektronen wie Rosinen im Kuchen stecken. Gold hat die Kernladungszahl \(Z = 79\) und die Nukleonenzahl \(A = 197\).
Die Goldfolie ist nur wenige hundert Atomlagen dick. Der Leuchtschirm lässt sich rund um die Folie herum aufstellen, sodass auch zurückgeworfene Teilchen gezählt werden können.
- Beschreiben Sie die beiden Beobachtungen des Versuchs.
- Erläutern Sie, welche Schlussfolgerung Rutherford aus jeder der beiden Beobachtungen über den Aufbau des Atoms zog.
- Berechnen Sie die Anzahl der Neutronen in einem Goldkern und geben Sie an, wie viele Elektronen ein neutrales Goldatom besitzt.
- Erklären Sie, warum das Thomson-Modell die Beobachtung der zurückgeworfenen Teilchen nicht erklären kann.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Beobachtung 1: Die allermeisten Teilchen durchqueren die Goldfolie ungehindert und treffen geradeaus hinter der Folie auf den Schirm.
Beobachtung 2: Sehr wenige Teilchen (etwa 1 bis 2 von 100 000) werden stark abgelenkt, einzelne sogar zur Quelle zurückgeworfen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Aus Beobachtung 1: Wenn fast alle Teilchen die Folie durchqueren, als wäre sie nicht da, muss das Atom fast vollständig leerer Raum sein. Die Teilchen treffen auf dem Weg durch Hunderte Atomlagen auf nichts, was sie aufhält.
Aus Beobachtung 2: Ein Teilchen kann nur dann zurückgeworfen werden, wenn es auf etwas trifft, das sehr klein (deshalb so selten), sehr schwer (sonst würde es weggestoßen statt das Teilchen zurückzuwerfen) und positiv geladen ist (sonst gäbe es keine Abstoßung). Dieses Etwas nannte Rutherford den Atomkern; der fast leere Bereich außen herum ist die Atomhülle.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(N = A - Z = 197 - 79 = 118\)
Ein Goldkern enthält 118 Neutronen. Ein neutrales Goldatom besitzt genauso viele Elektronen wie Protonen, also 79.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Im Thomson-Modell ist die positive Ladung gleichmäßig über die ganze Atomkugel verteilt. Ein durchfliegendes Teilchen spürt dann an jeder Stelle nur eine schwache, nach allen Seiten fast ausgeglichene Kraft — es kann höchstens minimal abgelenkt werden, aber niemals umkehren.
Ein Rückprall verlangt eine sehr große Kraft auf sehr kleinem Raum. Das gelingt nur, wenn die gesamte positive Ladung und fast die gesamte Masse auf einen winzigen Punkt konzentriert sind. Genau das leistet der Atomkern — deshalb musste das Thomson-Modell durch das Kern-Hülle-Modell ersetzt werden.
Kochsalz: ein Elektron wechselt die Seite
AFB IIKochsalz entsteht aus Natrium und Chlor. Ein Natriumatom (\(Z = 11\), \(A = 23\)) gibt dabei ein Elektron an ein Chloratom (\(Z = 17\), \(A = 35\)) ab. Beide Teilchen sind vorher neutral. Ein Proton ist 1836-mal so schwer wie ein Elektron; Neutron und Proton sind gleich schwer.
- Bestimmen Sie für das neutrale Natriumatom und das neutrale Chloratom jeweils die Anzahl der Protonen, Neutronen und Elektronen.
- Geben Sie an, welche Ladung die beiden Teilchen nach dem Elektronenübergang tragen, und begründen Sie Ihre Angabe.
- Erläutern Sie, warum Natrium auch nach der Abgabe des Elektrons Natrium bleibt.
- Berechnen Sie, wie viel Prozent der Masse des neutralen Natriumatoms auf die Elektronenhülle entfallen.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Natrium: 11 Protonen, \(N = 23 - 11 = 12\) Neutronen, 11 Elektronen.
Chlor: 17 Protonen, \(N = 35 - 17 = 18\) Neutronen, 17 Elektronen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Natrium hat nach der Abgabe nur noch 10 Elektronen, aber weiterhin 11 Protonen: Eine positive Ladung bleibt unausgeglichen, das Teilchen ist ein einfach positiv geladenes Ion (Na+).
Chlor hat jetzt 18 Elektronen bei 17 Protonen: Eine negative Ladung ist zu viel, das Teilchen ist ein einfach negativ geladenes Ion (Cl−).
Die Ladung eines Ions ist immer die Differenz Protonenzahl − Elektronenzahl.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Welches Element ein Teilchen ist, legt allein die Kernladungszahl Z fest, also die Anzahl der Protonen im Kern. Beim Elektronenübergang verändert sich nur die Hülle: Ein Elektron verlässt sie. Am Kern passiert nichts — er hat weiterhin 11 Protonen und 12 Neutronen.
Deshalb bleibt \(Z = 11\), und das Teilchen bleibt Natrium, nur eben als Ion. Ein anderes Element entstünde erst, wenn sich die Protonenzahl im Kern änderte — genau das passiert beim radioaktiven Zerfall, nicht bei chemischen Vorgängen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Masse des Kerns: \(23 \cdot 1836\, m_e = 42\,228\, m_e\)
Masse der Hülle: \(11\, m_e\)
Gesamtmasse: \(42\,228\, m_e + 11\, m_e = 42\,239\, m_e\)
\(\dfrac{11}{42\,239} \approx 0{,}00026 = 0{,}026\,\%\)
Nur rund 0,03 % der Masse des Natriumatoms stecken in der Hülle. Die Abgabe eines Elektrons ändert die Masse also praktisch nicht — mit Recht zählt die Nukleonenzahl A nur die Kernteilchen.
Tennisball im Stadion
AFB IIIm Unterricht wurde das Größenverhältnis von Kern und Hülle mit einem Vergleich veranschaulicht: Der Atomkern sei ein Tennisball am Anstoßpunkt, die Hülle das ganze Stadion. Material M4 enthält die Zahlenwerte, mit denen sich dieser Vergleich überprüfen lässt.
Die Angaben sind gerundete Größenordnungen; der Kerndurchmesser hängt vom Element ab.
- Berechnen Sie, wie viel Mal größer der Durchmesser eines Atoms ist als der Durchmesser seines Kerns.
- Berechnen Sie, welchen Durchmesser das Atom hätte, wenn der Kern so groß wie ein Tennisball wäre, und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Stadion.
- Erklären Sie mit dem Ergebnis aus a), warum bei Rutherford so wenige Teilchen zurückgeworfen wurden.
- Beurteilen Sie die Zeichnung im Schulbuch, in der der Kern etwa ein Viertel des Atoms ausfüllt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(\dfrac{10^{-10}\ \text{m}}{10^{-14}\ \text{m}} = 10^{4} = 10\,000\)
Das Atom ist rund 10 000-mal so groß wie sein Kern.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(6{,}5\ \text{cm} \cdot 10\,000 = 65\,000\ \text{cm} = 650\ \text{m}\)
Wäre der Kern ein Tennisball, so hätte das Atom einen Durchmesser von etwa 650 m. Ein Fußballstadion hat rund 250 m Durchmesser — das Atom wäre also noch gut zweieinhalbmal so groß wie das Stadion. Der Vergleich aus dem Unterricht untertreibt sogar: Der Kern ist im Verhältnis noch kleiner als ein Tennisball im Stadion.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Zurückgeworfen wird ein Teilchen nur, wenn es den Kern trifft. Der Kern nimmt aber nur einen winzigen Teil der Querschnittsfläche des Atoms ein: Bei 10 000-mal kleinerem Durchmesser ist die Fläche \(10\,000 \cdot 10\,000 = 10^{8}\)-mal kleiner, also ein Hundertmillionstel.
Ein Teilchen, das ein einzelnes Atom durchquert, trifft den Kern nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1 : 100 000 000. Selbst nach mehreren hundert Atomlagen in der Folie bleibt das ein sehr seltenes Ereignis — genau die 1 bis 2 von 100 000 Teilchen, die Rutherford beobachtete.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Richtig an der Zeichnung ist der Aufbau: ein positiver Kern aus Protonen und Neutronen in der Mitte, Elektronen außen in der Hülle, dazwischen nichts. Diese Struktur soll die Zeichnung vermitteln, und das gelingt.
Falsch ist das Größenverhältnis. Nähme der Kern in einer 10 cm großen Zeichnung ein Viertel ein, wäre er 2,5 cm groß. Maßstäblich müsste er 10 cm : 10 000 = 0,01 mm groß sein — unsichtbar. Eine maßstäbliche Zeichnung wäre ein leerer Kreis ohne erkennbaren Kern und damit als Lernbild wertlos.
Urteil: Die Schulbuchzeichnung ist als Modellskizze sinnvoll, sie darf aber nicht als Abbild verstanden werden. Sie sollte mit dem Hinweis „nicht maßstäblich“ versehen sein, und man sollte ihr den Tennisball-Vergleich zur Seite stellen, damit die eigentliche Botschaft — das Atom ist fast leer — nicht verloren geht.
Zwei Beiträge im Physik-Forum
AFB IIIIn einem Online-Forum diskutieren Schülerinnen und Schüler über das Kern-Hülle-Modell. Zwei Beiträge fallen auf:
Beitrag 1 (Lena): „Fast die ganze Masse steckt im Kern, und die Hülle ist sowieso leer. Eigentlich könnte man Atome einfach als Kerne betrachten und die Hülle weglassen.“
Beitrag 2 (Tom): „Ein Teilchen mit mehr Elektronen als Protonen kann es nicht geben. Der Kern kann ja nur so viele Elektronen festhalten, wie er positive Ladungen hat.“
Außerdem wird gefragt, ob zwei Atomkerne mit derselben Nukleonenzahl \(A\) immer zum selben Element gehören. Als Beispiel werden Argon (\(Z = 18\)) und Calcium (\(Z = 20\)) genannt, die beide Kerne mit \(A = 40\) besitzen.
- Nehmen Sie zu Lenas Beitrag Stellung.
- Widerlegen Sie Toms Behauptung mithilfe eines Beispiels aus Aufgabe 3.
- Berechnen Sie die Neutronenzahlen der beiden Kerne mit \(A = 40\) und begründen Sie damit die Antwort auf die Forumsfrage.
- Begründen Sie, warum für das Kapitel Radioaktivität das einfache Kern-Hülle-Modell nach Rutherford ausreicht, obwohl es inzwischen genauere Modelle der Hülle gibt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Lena hat in einem Punkt recht: Für die Masse spielt die Hülle keine Rolle, sie trägt nur rund 0,03 % bei (vgl. Aufgabe 3d). Wer nur Massen betrachtet, darf die Hülle vernachlässigen — deshalb zählt die Nukleonenzahl A nur den Kern.
Als allgemeine Regel ist der Beitrag aber falsch. Die Hülle bestimmt die Größe des Atoms (das 10 000-fache des Kerns), sie entscheidet darüber, ob ein Teilchen neutral oder ein Ion ist, und alle chemischen Vorgänge sowie der elektrische Strom beruhen auf den Elektronen der Hülle. Ohne Hülle gäbe es keine Stoffe, keine Bindungen, keine Ionen.
Ich stimme Lena daher nur für Massenbetrachtungen zu. Für alles, was mit Größe, Ladung und chemischem Verhalten zu tun hat, ist gerade die Hülle entscheidend.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Toms Behauptung ist falsch. Gegenbeispiel: Das Chlorid-Ion aus Aufgabe 3 hat 17 Protonen, aber 18 Elektronen. Es existiert in jedem Salzkorn — als negativ geladenes Ion.
Der Denkfehler: Der Kern zieht jedes Elektron an, nicht nur so viele, wie er Protonen hat. Ein zusätzliches Elektron wird zwar auch von den anderen Elektronen abgestoßen, bei Chlor überwiegt aber die Anziehung des Kerns. Neutralität ist der häufigste Fall, aber keine Naturregel. Ein Beispiel genügt, um Toms allgemeine Aussage zu widerlegen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Argon: \(N = 40 - 18 = 22\) Neutronen. Calcium: \(N = 40 - 20 = 20\) Neutronen.
Beide Kerne haben dieselbe Nukleonenzahl 40, aber verschiedene Kernladungszahlen. Weil allein Z das Element festlegt, sind es zwei verschiedene Elemente: Argon ist ein Edelgas, Calcium ein Metall. Gleiche Nukleonenzahl bedeutet also nur gleiche Masse, nicht gleiches Element. Die Antwort auf die Forumsfrage lautet: nein.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Radioaktivität ist ein Vorgang im Atomkern: Beim Zerfall verändert sich die Zusammensetzung des Kerns, etwa die Protonenzahl, und damit das Element. Die Hülle ist daran nicht beteiligt — sie passt sich hinterher nur der neuen Kernladung an.
Die genaueren Modelle (Bohrs Schalen, das Orbitalmodell) verfeinern ausschließlich die Beschreibung der Hülle: wo sich Elektronen aufhalten und welche Energien sie haben. Für Fragen der Radioaktivität liefern sie keine zusätzliche Information. Deshalb reicht das Rutherford-Modell: Es beschreibt den Kern mit Protonen und Neutronen genau so, wie es für Zerfälle, Zerfallsreihen und Halbwertszeiten gebraucht wird — und ein Modell soll gerade so genau sein wie nötig, nicht so genau wie möglich.
