Becquerels Laborbericht
AFB IAm 2. März 1896 berichtet Henri Becquerel der Pariser Akademie der Wissenschaften über einen Versuch, der anders ausgegangen war als geplant. Er hatte eine Fotoplatte in schwarzes Papier gewickelt, ein Stück Uransalz daraufgelegt und das Ganze in die Sonne gestellt. Nach dem Entwickeln zeigte die Platte einen dunklen Fleck. Als es danach tagelang bewölkt blieb, ließ er einen neuen Aufbau in der Schublade liegen — und entwickelte die Platte trotzdem.
- Nennen Sie die drei Bestandteile von Becquerels Versuchsaufbau und die Aufgabe, die jeder davon hat.
- Beschreiben Sie, was Becquerel für die Platte aus der Schublade erwartet hatte und was er tatsächlich beobachtete.
- Geben Sie die Schlussfolgerung an, die Becquerel aus dem Vergleich der beiden Platten zog.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Fotoplatte — weist die Strahlung nach, weil sie sich beim Entwickeln dort schwärzt, wo Strahlung aufgetroffen ist. Schwarzes Papier — hält jedes sichtbare Licht von der Platte fern, sodass nur eine durchdringende Strahlung sie erreichen kann. Uransalz — der untersuchte Stoff, von dem die Strahlung ausgeht.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Erwartung: Das Salz sollte gespeichertes Sonnenlicht als Strahlung wieder abgeben. Ohne Sonne konnte es nichts gespeichert haben — die Platte aus der Schublade hätte also hell bleiben oder höchstens eine schwache Schwärzung zeigen müssen. Beobachtung: Die Platte war genauso stark geschwärzt wie die Platte, die stundenlang in der Sonne gestanden hatte.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Strahlung stammt nicht vom Sonnenlicht, sondern wird vom Uransalz von selbst und ununterbrochen ausgesendet — auch im Dunkeln.
Marie Curies Messreihe
AFB IIMarie Curie legte ihre Proben zwischen zwei Metallplatten und maß mit einem Elektrometer, wie stark die Strahlung die Luft dazwischen leitfähig macht. Material M1 zeigt eine vereinfachte Messreihe: Für jede Probe ist die enthaltene Uranmasse und der gemessene Strom angegeben (1 pA = 0,000 000 000 001 A).
| Probe | Zustand | Uranmasse in g | Strom in pA |
|---|---|---|---|
| Uransalz A | fest, Zimmertemperatur | 2,0 | 40 |
| Uransalz A | in Wasser gelöst | 2,0 | 40 |
| Uransalz A | fest, auf 60 °C erwärmt | 2,0 | 40 |
| Uranoxid | fest | 4,0 | 80 |
| Pechblende (Erz) | fest | 2,0 | 160 |
Die Uranmasse der Pechblende wurde chemisch bestimmt — sie enthält tatsächlich nur 2,0 g Uran.
- Bestimmen Sie für die ersten vier Zeilen den Strom pro Gramm Uran und formulieren Sie den Zusammenhang, den Marie Curie daraus ablas.
- Erläutern Sie, warum die Messung an der Pechblende aus der Reihe fällt, und welche Vermutung Marie Curie daraus ableitete.
- Ein Mitschüler sagt: „Die Pechblende strahlt stärker, weil da eben mehr Uran drin ist.“ Beurteilen Sie diese Aussage mithilfe von M1.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Uransalz fest: \(40:2{,}0=20\) pA/g; gelöst: 20 pA/g; erwärmt: 20 pA/g; Uranoxid: \(80:4{,}0=20\) pA/g. Der Strom pro Gramm Uran ist in allen vier Fällen gleich. Zusammenhang: Die Stärke der Strahlung hängt nur von der Menge Uran ab — nicht von der chemischen Verbindung, nicht vom Aggregatzustand, nicht von der Temperatur. Die Strahlung ist also eine Eigenschaft des Uranatoms selbst.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Pechblende: \(160:2{,}0=80\) pA/g — das Vierfache des Wertes für reines Uran. Nach a) müssten 2,0 g Uran aber nur 40 pA liefern. Der Überschuss von 120 pA kann nicht vom Uran stammen. Vermutung: In der Pechblende steckt ein weiterer, bisher unbekannter Stoff, der sehr viel stärker strahlt als Uran. Diese Vermutung führte 1898 zur Entdeckung von Polonium und Radium.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Aussage ist nicht haltbar. Laut Fußnote enthält die Pechblende-Probe genau 2,0 g Uran — ebenso viel wie Uransalz A, das nur 40 pA liefert. Mit „mehr Uran“ lässt sich die vierfache Wirkung also nicht erklären. Selbst reines Uran (100 %) käme nur auf 20 pA/g. Die Erklärung muss ein zusätzlicher strahlender Stoff sein — genau der Schluss Marie Curies.
Ein Gramm Uran in der Schublade
AFB IIHeute weiß man, was Becquerel nur ahnen konnte: In 1 g natürlichem Uran zerfallen in jeder Sekunde rund 12 400 Atomkerne — die Aktivität beträgt also etwa 12 400 Bq. Becquerels Salzprobe enthielt ungefähr 1 g Uran und lag vier volle Tage in der Schublade.
- Berechnen Sie, wie viele Kerne in den vier Tagen in der Schublade zerfallen sind.
- Von 1 g Uran mit etwa \(2{,}5\cdot10^{21}\) Atomen zerfällt in vier Tagen nur ein winziger Bruchteil. Berechnen Sie diesen Anteil und erklären Sie damit, warum Uransalz scheinbar „ewig“ strahlt.
- Begründen Sie, warum Becquerel mit der Fotoplatte einen Nachweis führen konnte, obwohl ein einzelner Zerfall nicht sichtbar ist.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(t = 4\cdot 24\cdot 3600\ \text{s} = 345\,600\ \text{s}\). Zerfälle: \(N = 12\,400\ \tfrac{1}{\text{s}}\cdot 345\,600\ \text{s} \approx 4{,}29\cdot 10^{9}\) — rund 4,3 Milliarden Kernzerfälle.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Anteil: \(\dfrac{4{,}29\cdot10^{9}}{2{,}5\cdot10^{21}} \approx 1{,}7\cdot10^{-12}\), also weniger als ein Billionstel. Erklärung: Obwohl jede Sekunde Tausende Kerne zerfallen, ist der Vorrat so unvorstellbar groß, dass er praktisch nicht abnimmt. Die Aktivität bleibt über Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende nahezu gleich — das Salz strahlt „ewig“, ohne jemals Energie von außen zu brauchen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Ein einzelner Zerfall verändert nur ein einzelnes Silberkorn in der Schicht der Platte — unsichtbar. Die Fotoplatte summiert aber alle Treffer, die während der Belichtungszeit an derselben Stelle ankommen. Bei über vier Milliarden Zerfällen in vier Tagen (Aufgabe a) werden so viele Körner verändert, dass beim Entwickeln eine deutliche Schwärzung entsteht. Genau deshalb wird die Schwärzung mit der Wartezeit stärker — und deshalb hinterließ das Kupferkreuz einen Schatten.
Radium aus einer Tonne Erz
AFB IIIZwischen 1898 und 1902 verarbeiteten Marie und Pierre Curie in einem zugigen Holzschuppen etwa eine Tonne Pechblende-Rückstände. Sie lösten, fällten, filterten und kristallisierten in immer neuen Runden. Am Ende hielten sie rund 0,1 g reines Radiumsalz in der Hand — genug, um daraus die Atommasse des neuen Elements zu bestimmen. Das Radiumsalz strahlte etwa eine Million Mal stärker als dieselbe Masse Uran und leuchtete im Dunkeln bläulich.
- Berechnen Sie den Massenanteil des Radiumsalzes am Ausgangsmaterial in Prozent.
- Erläutern Sie, warum die Curies bei dieser Trennarbeit nach jedem Schritt das Elektrometer und nicht die Fotoplatte einsetzten.
- In einer Zeitung von 1903 steht: „Radium leuchtet von selbst im Dunkeln — es ist also ein besonders starkes Nachleuchten, wie man es von Leuchtfarben kennt.“ Beurteilen Sie diese Aussage.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
1 t = 1 000 000 g. Anteil: \(\dfrac{0{,}1\ \text{g}}{1\,000\,000\ \text{g}} = 1\cdot10^{-7} = 0{,}000\,01\ \%\). Auf zehn Millionen Gramm Erz kam also ein Gramm Radiumsalz.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Nach jedem Trennschritt musste entschieden werden, in welchem der beiden Teile das Radium steckt — und nur dieser Teil wurde weiterverarbeitet. Das Elektrometer liefert dafür innerhalb von Minuten eine Zahl (den Strom), mit der sich die beiden Teile direkt vergleichen lassen: Der aktivere Teil enthält das Radium. Die Fotoplatte braucht Tage der Belichtung plus Entwicklung und zeigt nur „schwarz oder nicht“ — ein feiner Vergleich zweier Proben ist damit kaum möglich. Bei Hunderten von Trennschritten wäre die Plattenmethode viel zu langsam und zu ungenau gewesen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Aussage ist falsch. Leuchtfarben zeigen Nachleuchten (Fluoreszenz/Phosphoreszenz): Sie geben Energie ab, die sie vorher als Licht aufgenommen haben, und werden im Dunkeln nach kurzer Zeit dunkel. Radium leuchtet dagegen ohne jede vorherige Bestrahlung und hört auch nach Jahren im Dunkeln nicht auf. Die Energie stammt aus dem Inneren der Atome, nicht aus gespeichertem Licht — das ist das Kennzeichen der Radioaktivität (Becquerels Schubladenversuch). Das Leuchten ist nur eine Folge: Die Strahlung regt umliegende Stoffe und die Luft zum Leuchten an.
Zufall oder Wissenschaft?
AFB IIIIn einem Schülerreferat heißt es:
Setzen Sie sich mit dieser Einschätzung auseinander.
- Nennen Sie die Elemente der Entdeckungsgeschichte, die tatsächlich Zufall waren.
- Erläutern Sie an drei Entscheidungen Becquerels bzw. der Curies, was daran wissenschaftliches Arbeiten war.
- Beurteilen Sie abschließend die Aussage des Referats.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Zufällig waren: die bewölkten Tage Ende Februar 1896, die den geplanten Versuch verhinderten; und dass Becquerel gerade ein Uransalz als nachleuchtenden Stoff gewählt hatte — mit einer anderen fluoreszierenden Substanz (z. B. Zinksulfid) hätte die Platte in der Schublade hell bleiben müssen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Beispiele (drei genügen): 1. Becquerel entwickelte die ungenutzte Platte trotzdem — er prüfte seine Annahme („ohne Sonne keine Schwärzung“), statt sie vorauszusetzen. 2. Er nahm das unerwartete Ergebnis ernst, wiederholte den Versuch im Dunkeln und mit lange gelagertem Salz und veröffentlichte es. 3. Marie Curie ersetzte die Fotoplatte durch das Elektrometer und machte die Strahlung damit messbar — eine Zahl statt „schwarz oder nicht“. 4. Sie variierte gezielt eine Größe nach der anderen (chemische Form, Temperatur, Masse) und fand so den Zusammenhang „nur die Uranmenge zählt“. 5. Aus dem Widerspruch bei der Pechblende leitete sie eine Hypothese ab (neues Element) und prüfte sie durch jahrelanges Trennen und Nachmessen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Der erste Teil der Aussage ist teilweise richtig: Ohne den bewölkten Himmel wäre die Entdeckung 1896 wohl nicht in dieser Form gelungen — der Zufall hat den Anstoß gegeben. Der zweite Teil ist falsch: Der Zufall lieferte nur eine Beobachtung, keine Erkenntnis. Erst die wissenschaftliche Haltung — eine Erwartung formulieren, sie prüfen, das Unerwartete nicht wegerklären, sondern durch Kontrollversuche und Messungen absichern — machte aus dem dunklen Fleck die Entdeckung der Radioaktivität. Viele Menschen hätten die Platte gar nicht entwickelt oder die Schwärzung als Fehler abgetan. Urteil: Zufall und Wissenschaft schließen sich nicht aus; der Zufall war der Auslöser, die Methode war die Entdeckung.
