Eine Zahnaufnahme beim Zahnarzt
AFB IBei einer einzelnen Zahnaufnahme trifft Röntgenstrahlung den Kopf des Patienten. Das bestrahlte Gewebe hat die Masse \(m = 5{,}0\ \mathrm{kg}\) und nimmt dabei die Energie \(E = 5{,}0\cdot 10^{-5}\ \mathrm{J}\) auf. Die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland beträgt im Mittel etwa \(2\ \mathrm{mSv}\) pro Jahr.
- Berechnen Sie die Energiedosis \(D\) und geben Sie sie in Milligray an.
- Geben Sie den Wichtungsfaktor \(q\) für Röntgenstrahlung an und berechnen Sie die Äquivalentdosis \(H\) in Millisievert.
- Vergleichen Sie das Ergebnis mit der natürlichen Jahresdosis: Wie vielen Zahnaufnahmen entspricht ein Jahr natürlicher Strahlung?
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(D=\dfrac{E}{m}=\dfrac{5{,}0\cdot 10^{-5}\ \mathrm J}{5{,}0\ \mathrm{kg}}=1{,}0\cdot 10^{-5}\ \tfrac{\mathrm J}{\mathrm{kg}}=1{,}0\cdot 10^{-5}\ \mathrm{Gy}\).
Umgerechnet: \(D=0{,}010\ \mathrm{mGy}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Für Röntgenstrahlung gilt \(q=1\).
\(H=q\cdot D=1\cdot 0{,}010\ \mathrm{mGy}=0{,}010\ \mathrm{mSv}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(\dfrac{2\ \mathrm{mSv}}{0{,}010\ \mathrm{mSv}}=200\).
Ein Jahr natürlicher Strahlung entspricht also etwa 200 Zahnaufnahmen. Eine einzelne Aufnahme trägt damit rund ein halbes Promille zur jährlichen Belastung bei — sie fällt gegenüber der natürlichen Strahlung kaum ins Gewicht.
Radon im Keller
AFB IIIn einem schlecht belüfteten Keller sammelt sich das radioaktive Edelgas Radon. Wer sich dort regelmäßig aufhält, atmet die Zerfallsprodukte ein; sie lagern sich in der Lunge ab und geben dort \(\alpha\)-Strahlung ab. In einem Modellfall nimmt das Lungengewebe (\(m = 1{,}2\ \mathrm{kg}\)) im Laufe eines Jahres die Energie \(E = 1{,}2\ \mathrm{mJ}\) auf. Für \(\alpha\)-Strahlung gilt \(q = 20\).
- Berechnen Sie die Energiedosis in der Lunge in Milligray und daraus die Äquivalentdosis in Millisievert.
- Dieselbe Energie würde bei einer Ganzkörperbestrahlung mit \(\gamma\)-Strahlung auf \(m = 70\ \mathrm{kg}\) verteilt. Bestimmen Sie auch für diesen Fall die Äquivalentdosis.
- Erklären Sie, warum aus derselben winzigen Energiemenge zwei so unterschiedliche Äquivalentdosen entstehen.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(D=\dfrac{1{,}2\cdot 10^{-3}\ \mathrm J}{1{,}2\ \mathrm{kg}}=1{,}0\cdot 10^{-3}\ \mathrm{Gy}=1{,}0\ \mathrm{mGy}\).
\(H=q\cdot D=20\cdot 1{,}0\ \mathrm{mGy}=20\ \mathrm{mSv}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(D=\dfrac{1{,}2\cdot 10^{-3}\ \mathrm J}{70\ \mathrm{kg}}\approx 1{,}7\cdot 10^{-5}\ \mathrm{Gy}=0{,}017\ \mathrm{mGy}\).
Mit \(q=1\) folgt \(H\approx 0{,}017\ \mathrm{mSv}\) — weniger als ein Hundertstel der natürlichen Jahresdosis.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Beide Effekte verstärken sich: Die Energie verteilt sich auf rund \(\tfrac{70}{1{,}2}\approx 58\)-mal weniger Masse, also ist die Energiedosis 58-mal größer. Zusätzlich wirkt \(\alpha\)-Strahlung mit \(q=20\) zwanzigmal stärker als \(\gamma\)-Strahlung gleicher Energiedosis.
Zusammen ergibt das den Faktor \(58\cdot 20\approx 1200\): aus 0,017 mSv werden 20 mSv. Physikalisch dahinter steht die kurze Reichweite der \(\alpha\)-Teilchen — sie geben ihre gesamte Energie auf wenigen Hundertstel Millimetern ab und ionisieren dort extrem dicht.
Merke: Die Energiemenge von 1,2 mJ ist winzig — sie würde ein Gramm Wasser nicht einmal um ein Tausendstel Grad erwärmen. Gefährlich ist nicht die Wärme, sondern die Ionisation.
Radiojodtherapie der Schilddrüse
AFB IIBei einer Radiojodtherapie schluckt die Patientin eine Kapsel mit Iod-131. Die Schilddrüse reichert Iod an — das Nuklid sammelt sich also fast vollständig dort und bestrahlt sie von innen mit \(\beta\)-Strahlung (\(q = 1\)). Im Behandlungsverlauf nimmt die Schilddrüse (\(m = 20\ \mathrm g\)) die Energie \(E = 0{,}60\ \mathrm J\) auf.
- Berechnen Sie die Äquivalentdosis in der Schilddrüse in Sievert.
- Berechnen Sie, welche Äquivalentdosis sich ergäbe, wenn sich dieselbe Energie gleichmäßig auf den ganzen Körper (\(m = 70\ \mathrm{kg}\)) verteilte.
- Ab etwa \(4\ \mathrm{Sv}\) Ganzkörperdosis ist eine Bestrahlung meist tödlich. Erläutern Sie, warum die Patientin die 30-fache Dosis in der Schilddrüse überlebt und die Therapie trotzdem wirkt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(D=\dfrac{0{,}60\ \mathrm J}{0{,}020\ \mathrm{kg}}=30\ \mathrm{Gy}\), mit \(q=1\) also \(H=30\ \mathrm{Sv}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(D=\dfrac{0{,}60\ \mathrm J}{70\ \mathrm{kg}}\approx 8{,}6\cdot 10^{-3}\ \mathrm{Gy}\), also \(H\approx 8{,}6\ \mathrm{mSv}\) — etwa so viel wie eine Computertomographie und rund 3500-mal weniger als in a).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Der Grenzwert von 4 Sv gilt für eine Ganzkörperdosis. Tödlich ist eine solche Bestrahlung vor allem, weil das Knochenmark zerstört wird und die Blutbildung ausfällt.
Hier sind die 30 Sv jedoch eine Organdosis: Die \(\beta\)-Teilchen haben in Gewebe nur wenige Millimeter Reichweite, und das Iod reichert sich fast ausschließlich in der Schilddrüse an. Der übrige Körper — insbesondere das Knochenmark — bekommt nur einen Bruchteil ab.
Genau darauf beruht die Therapie: Das überaktive oder bösartige Schilddrüsengewebe wird gezielt zerstört, während das restliche Gewebe geschont bleibt. Der Preis ist, dass die Schilddrüse anschließend meist nicht mehr arbeitet und die Hormone lebenslang als Tablette ersetzt werden müssen.
Strahlenschutz auf dem Weg zum Mars
AFB IIIAuf einem sechsmonatigen Raumflug trifft eine Astronautin (\(m = 75\ \mathrm{kg}\)) kosmische Strahlung. Ein Teil davon wirkt wie \(\gamma\)-Strahlung (\(q = 1\)), ein anderer Teil besteht aus Neutronen, für die hier \(q = 10\) angesetzt wird. Material M1 zeigt die in diesen sechs Monaten aufgenommenen Energien. Für beruflich strahlenexponierte Personen gilt auf der Erde ein Grenzwert von \(20\ \mathrm{mSv}\) pro Jahr.
Die Neutronen liefern nur einen kleinen Teil der Energie — auf ihre Wirkung sagt das noch nichts aus.
- Berechnen Sie für beide Anteile getrennt die Energiedosis und die Äquivalentdosis und geben Sie die Gesamtwerte an.
- Vergleichen Sie die auf ein Jahr hochgerechnete Belastung mit dem Grenzwert von 20 mSv pro Jahr.
- Die Abschirmung des Raumschiffs kann aus Gewichtsgründen nur verstärkt werden — entweder gegen den \(\gamma\)-Anteil oder gegen die Neutronen. Beurteilen Sie anhand Ihrer Ergebnisse, welche der beiden Maßnahmen mehr bringt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(\gamma\)-Anteil: \(D_\gamma=\dfrac{0{,}90\ \mathrm J}{75\ \mathrm{kg}}=0{,}012\ \mathrm{Gy}=12\ \mathrm{mGy}\), also \(H_\gamma=1\cdot 12\ \mathrm{mGy}=12\ \mathrm{mSv}\).
Neutronen: \(D_\mathrm n=\dfrac{0{,}15\ \mathrm J}{75\ \mathrm{kg}}=0{,}002\ \mathrm{Gy}=2{,}0\ \mathrm{mGy}\), also \(H_\mathrm n=10\cdot 2{,}0\ \mathrm{mGy}=20\ \mathrm{mSv}\).
Gesamt: \(D=14\ \mathrm{mGy}\) und \(H=32\ \mathrm{mSv}\) in sechs Monaten.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Auf ein Jahr hochgerechnet: \(2\cdot 32\ \mathrm{mSv}=64\ \mathrm{mSv}\).
Das ist mehr als das Dreifache des Grenzwerts von 20 mSv pro Jahr. Ein solcher Flug wäre nach irdischen Strahlenschutzregeln nicht zulässig; für Raumfahrende gelten deshalb eigene, deutlich höhere Grenzwerte, die als Ausnahme für eine kleine Personengruppe festgelegt sind.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Anteil an der Energiedosis: Neutronen \(\tfrac{2}{14}\approx 14\ \%\), \(\gamma\) rund 86 %. Anteil an der Äquivalentdosis: Neutronen \(\tfrac{20}{32}=62{,}5\ \%\), \(\gamma\) nur 37,5 %.
Beurteilung: Obwohl die Neutronen nur ein Siebtel der Energie liefern, verursachen sie den größeren Teil der biologischen Wirkung — Ursache ist ihr Wichtungsfaktor \(q=10\). Eine Verstärkung der Neutronenabschirmung bringt daher mehr: Halbiert man den Neutronenanteil, sinkt \(H\) um 10 mSv (auf 22 mSv), halbiert man dagegen den \(\gamma\)-Anteil, nur um 6 mSv (auf 26 mSv).
Diese Aufgabe zeigt zugleich, warum die Energiedosis allein als Maß für den Strahlenschutz nicht genügt: Sie hätte die Neutronen als das kleinere Problem erscheinen lassen.
Zwei Messwerte nach einem Störfall
AFB IIINach einem Zwischenfall in einem Labor werden zwei Beschäftigte (beide \(m = 80\ \mathrm{kg}\)) untersucht. Für beide wird dieselbe Äquivalentdosis von \(H = 4{,}0\ \mathrm{mSv}\) ermittelt. Person A war äußerer \(\gamma\)-Strahlung ausgesetzt (\(q=1\)), Person B hat einen \(\alpha\)-Strahler eingeatmet (\(q=20\)).
Ein Kollege kommentiert: „Person B hat ja viel weniger Energie abbekommen — also ist B eindeutig besser dran."
- Berechnen Sie für beide Personen die Energiedosis und die insgesamt aufgenommene Energie.
- Beurteilen Sie die Aussage des Kollegen.
- Die Angabe „\(m = 80\ \mathrm{kg}\)" ist bei Person B in Wahrheit fragwürdig. Begründen Sie, warum, und erläutern Sie, welche Folge das für die tatsächliche Belastung hat.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Person A: \(D=\dfrac{4{,}0\ \mathrm{mSv}}{1}=4{,}0\ \mathrm{mGy}=0{,}0040\ \mathrm{Gy}\); \(E=D\cdot m=0{,}0040\cdot 80=0{,}32\ \mathrm J\).
Person B: \(D=\dfrac{4{,}0\ \mathrm{mSv}}{20}=0{,}20\ \mathrm{mGy}=2{,}0\cdot 10^{-4}\ \mathrm{Gy}\); \(E=2{,}0\cdot 10^{-4}\cdot 80=0{,}016\ \mathrm J\).
Person B hat also genau ein Zwanzigstel der Energie aufgenommen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Die Aussage ist falsch. Gleiche Äquivalentdosis bedeutet gerade gleiche zu erwartende biologische Wirkung — genau dafür wurde die Größe eingeführt. Dass B weniger Energie aufgenommen hat, ist kein Vorteil, sondern nur die Folge des Wichtungsfaktors: \(\alpha\)-Teilchen richten pro Joule zwanzigmal mehr Schaden an.
Der Kollege verwendet die Energie als Maß für die Gefährdung — das wäre nur bei gleicher Strahlungsart zulässig.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
\(\alpha\)-Teilchen haben in Gewebe eine Reichweite von nur einigen Hundertstel Millimetern. Ein eingeatmeter \(\alpha\)-Strahler bestrahlt daher nicht 80 kg Körpermasse, sondern nur das Gewebe unmittelbar um den Ablagerungsort — etwa einige Gramm Lungengewebe.
Setzt man diese kleine Masse in den Nenner ein, wird die Energiedosis dort um viele Größenordnungen höher als der berechnete Mittelwert. Die tatsächliche lokale Belastung von Person B ist also erheblich größer, als der Ganzkörperwert von 4 mSv vermuten lässt — sie ist auf ein kleines Gebiet konzentriert.
Deshalb wird im Strahlenschutz zwischen äußerer Bestrahlung und Inkorporation unterschieden und für inkorporierte Stoffe mit Organdosen gerechnet.
