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Textaufgaben: Atommodell der Griechen

Fünf Sachaufgaben mit Teilaufgaben, Operatoren und vollständigem Erwartungshorizont — von der Kreide im Klassenraum bis zum Urteil über Demokrit.

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Fünf Sachaufgaben mit Erwartungshorizont

1

Die Kreide im Klassenraum

AFB I

Zu Beginn der Stunde bricht Frau Weber ein 8 cm langes Stück Kreide in der Mitte durch, dann eine Hälfte noch einmal, und noch einmal. Nach vier Schritten hält sie ein 0,5 cm kurzes Krümelchen in der Hand und fragt: „Und jetzt? Geht das ewig so weiter?“ Die Klasse ist sich uneinig.

M1Das Kreide-Experiment
8 cm4 cm2 cm1 cm0,5 cm…?Schritt 0 · 1 · 2 · 3 · 4 — und dann?
  1. Angeben Sie die Länge des Kreidestücks nach dem 5. und nach dem 6. Schritt.
  2. Nennen Sie die Frage, die die griechischen Denker vor 2500 Jahren an genau dieser Stelle gestellt haben, und Nennen Sie die beiden möglichen Antworten.
  3. Erklären Sie, warum die Griechen diese Frage nur durch Nachdenken beantworten konnten.
Hinweis zu Aufgabe a)
Jeder Schritt halbiert die Länge: 0,5 cm → ? → ?„Angeben“ verlangt nur die zwei Zahlen — kein Rechenweg nötig, aber die Einheit gehört dazu.
Hinweis zu Aufgabe b)
Die Frage steht im Kapitel als Überschrift des Einstiegs. Die Antworten heißen im Schema „Stopp“ und „∞“.„Nennen“ heißt: knapp aufzählen. Zwei Antworten, jeweils ein Halbsatz.
Hinweis zu Aufgabe c)
Was hätte man gebraucht, um die Frage experimentell zu klären? Überlege, wie klein ein Atom ist.„Erklären“ verlangt eine Ursache: Nenne, was fehlte, und warum das Fehlen entscheidend war.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Nach dem 5. Schritt ist das Stück 0,25 cm = 2,5 mm lang, nach dem 6. Schritt 0,125 cm = 1,25 mm.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Die Frage: Endet das Zerteilen von Materie irgendwann — oder geht es unendlich weiter? Antwort 1 (Atomisten, Leukipp und Demokrit): Ja, es endet bei einem kleinsten, unteilbaren Baustein, dem atomos. Antwort 2 (Kontinuum, Aristoteles): Nein, Materie ist lückenlos und lässt sich beliebig weit teilen.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Um die Frage zu prüfen, müsste man Materie bis in die Größenordnung von Atomen (etwa 0,1 nm) zerteilen und beobachten. Die Griechen hatten weder Mikroskope noch Waagen für kleinste Mengen noch andere Messgeräte; mit bloßem Auge ist schon ein Zehntelmillimeter kaum zu erkennen. Deshalb blieb nur das Gedankenexperiment — und deshalb konnten beide Seiten ihre Vorstellung gleich gut begründen, aber keine sie beweisen.

2

Ein Wort, drei Bedeutungen

AFB I

In einer Schulbibliothek findet Lena drei Bücher: ein Griechisch-Wörterbuch, ein Physikbuch von 1810 und ein aktuelles Physikbuch. In allen dreien kommt das Wort Atom vor — aber es scheint jedes Mal etwas anderes zu bedeuten (M1).

M1Drei Fundstellen
QuelleZitat
Griechisch-Wörterbuch„á-tomos: nicht geschnitten, nicht teilbar“
Physikbuch 1810„Jedes Element besteht aus Atomen — kleinsten, unteilbaren Kügelchen, die sich durch Wiegen unterscheiden lassen.“
Physikbuch heute„Ein Atom besteht aus einem Kern aus Protonen und Neutronen und einer Hülle aus Elektronen.“
  1. Angeben Sie die Wortherkunft von „Atom“ und Erläutern Sie, welche Kernaussage des griechischen Modells darin steckt.
  2. Begründen Sie, welche der drei Fundstellen zum griechischen Modell passt, welche zu Dalton und welche zur heutigen Physik.
  3. Überprüfen Sie die Aussage eines Mitschülers: „Wenn Atome teilbar sind, ist das Wort Atom falsch und müsste abgeschafft werden.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Die Formelbox im Kapitel zerlegt das Wort in zwei Teile.„Angeben“ (das Wort) und „Erläutern“ (die Aussage dahinter) sind zwei Aufträge — beide beantworten.
Hinweis zu Aufgabe b)
Achte auf drei Signalwörter: „nicht teilbar“, „Wiegen“, „besteht aus“.„Begründen“ verlangt für jede Zuordnung einen Grund — nicht nur die Zuordnung selbst.
Hinweis zu Aufgabe c)
Vergleiche mit anderen Wörtern, die etwas Altes im Namen tragen, z. B. „Kugelschreiber“ oder „Elektronenröhre“ — verrät ein Name, was heute gilt, oder was man früher dachte?„Überprüfen“ heißt: Aussage an Fakten messen und ein klares Ergebnis formulieren — stimmt sie, stimmt sie nicht, oder nur teilweise?
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Griechisch a- = nicht, tomos = geschnitten/teilbar, also „nicht teilbar“. Darin steckt die erste Kernaussage der Griechen: Das Zerteilen von Materie endet bei einem kleinsten Rest, der sich nicht weiter zerlegen lässt. Alle Körper bestehen aus sehr vielen solcher Bausteine.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Das Wörterbuch passt zum griechischen Modell: Es nennt nur die Unteilbarkeit und keinerlei Messung — reine Gedankenarbeit. Das Buch von 1810 passt zu Dalton (1803): Es behält das unteilbare Kügelchen bei, stützt sich aber auf Wiegen, also auf Messungen in der Chemie. Das heutige Buch passt zur Physik ab 1904: Es zerlegt das Atom in Kern und Hülle — das Atom ist teilbar, „atomos“ stimmt als Aussage nicht mehr.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Die Aussage stimmt nur zur Hälfte. Richtig ist: Die Bedeutung „unteilbar“ gilt seit 1904 nicht mehr. Falsch ist die Folgerung: Ein Name verrät, was man früher dachte, nicht was heute gilt — so wie ein „Kugelschreiber“ keine Kugel schreibt. Der Name ist ein historisches Etikett; er hat sich als Fachbegriff eingebürgert und wird deshalb beibehalten. Abgeschafft werden müsste er nur, wenn er heute in die Irre führt — das tut er nicht, solange man die Geschichte des Wortes kennt.

3

Zwei Denker, ein Streit

AFB II

In einem Rollenspiel im Unterricht diskutieren „Demokrit“ und „Aristoteles“ über den Aufbau der Materie. Der Protokollant hat drei Aussagen notiert, aber vergessen, wer sie gesagt hat (M1).

M1Protokoll des Rollenspiels
Nr.Aussage
1„Zwischen den Bausteinen muss leerer Raum sein — sonst könnten sie sich nicht bewegen.“
2„Leeren Raum kann es nicht geben. Die Natur ist überall lückenlos gefüllt, und teilen kann man immer weiter.“
3„Ob Eisen oder Wasser: Der Unterschied liegt in der Form und Anordnung der Bausteine.“
  1. Ordnen Sie jede Aussage einem der beiden Denker zu und Begründen Sie Ihre Zuordnung.
  2. Vergleichen Sie die beiden Vorstellungen anhand der Kriterien „Ende des Teilens“, „leerer Raum“ und „Ursache der Stoffunterschiede“.
  3. Erklären Sie, warum der Streit trotz guter Argumente auf beiden Seiten damals nicht entschieden werden konnte — und wer sich für rund 2000 Jahre durchsetzte.
Hinweis zu Aufgabe a)
Wer braucht leeren Raum — und wer hält ihn für unmöglich?Zuordnen allein genügt nicht: Für jede Aussage gehört ein Stichwort dazu, warum sie zu diesem Denker passt.
Hinweis zu Aufgabe b)
Eine Tabelle mit drei Zeilen (Kriterien) und zwei Spalten (Atomisten, Kontinuum) ist die übersichtlichste Form.„Vergleichen“ verlangt, dass beide Seiten zu jedem Kriterium genannt werden.
Hinweis zu Aufgabe c)
Denk an die letzte Zeile der Vergleichstabelle im Kapitel: „Womit begründet?“„Erklären“ verlangt eine Ursache. Hier sind es zwei: die fehlende Prüfbarkeit und die Autorität einer Person.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Aussagen 1 und 3 stammen von Demokrit: Die Atomisten nahmen unteilbare Bausteine an, die sich in leerem Raum bewegen (1), und führten Stoffunterschiede auf Form und Anordnung dieser Bausteine zurück (3). Aussage 2 stammt von Aristoteles: Er hielt leeren Raum für unmöglich und Materie für lückenlos und beliebig teilbar — das Kontinuum.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
KriteriumAtomisten (Demokrit)Kontinuum (Aristoteles)
Ende des Teilensja, beim Atomnein, es geht immer weiter
Leerer Raumja, zwischen den Atomennein, alles ist gefüllt
StoffunterschiedeForm und Anordnung der AtomeMischung von Grundeigenschaften
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Beide Seiten stützten sich ausschließlich auf Nachdenken; keine konnte ihre Vorstellung durch ein Experiment prüfen, weil Atome viel zu klein für jede damalige Beobachtung sind. Es stand also Modell gegen Modell, nicht Messung gegen Messung. Durchgesetzt hat sich Aristoteles — nicht, weil er recht hatte, sondern weil er über viele Jahrhunderte als höchste wissenschaftliche Autorität galt. Die Atomidee geriet dadurch für rund 2000 Jahre in Vergessenheit, bis Dalton sie 1803 mit Messungen wieder aufgriff.

4

Die Teilungsmaschine rechnet nach

AFB II

Ein Würfel aus Kupfer hat 10 cm Kantenlänge. In einem Gedankenexperiment wird bei jedem Schritt jedes vorhandene Stück halbiert, sodass sich die Anzahl der Teile verdoppelt und die Kantenlänge halbiert. Ein Kupferatom ist etwa 0,25 nm groß; 1 nm = 10−9 m = 10−7 cm.

M1Die ersten Schritte
Schritt01234…10
Anzahl Teile124816…?
Kantenlänge10 cm5 cm2,5 cm1,25 cm0,625 cm…?
  1. Berechnen Sie die Anzahl der Teile und die Kantenlänge nach 10 Schritten.
  2. Bestimmen Sie, nach wie vielen Schritten die Kantenlänge erstmals kleiner als ein Kupferatom ist. Nutzen Sie 210 ≈ 1000.
  3. Beschreiben Sie, was die Teilungsmaschine an dieser Stelle in der Vorstellung der Atomisten und in der Vorstellung des Kontinuums jeweils tun würde.
Hinweis zu Aufgabe a)
Anzahl: 2 · 2 · 2 … (zehnmal). Länge: 10 cm : 2 : 2 : 2 … (zehnmal).„Berechnen“ verlangt den Ansatz (210 bzw. 10 cm / 210), die Rechnung und das Ergebnis mit Einheit.
Hinweis zu Aufgabe b)
Wie viele Zehnerpakete brauchst du? 10 cm → 0,01 cm → 0,00001 cm → …; vergleiche jeweils mit 0,25 nm = 2,5 · 10−8 cm.„Bestimmen“ lässt den Weg frei — eine Überschlagsrechnung mit 210 ≈ 1000 ist ausdrücklich erlaubt, das Ergebnis muss aber begründet sein.
Hinweis zu Aufgabe c)
Im Applet gibt es einen Modus, in dem weitere Klicks „nichts mehr bewirken“, und einen, in dem es ewig weitergeht.„Beschreiben“ heißt hier: beide Fälle getrennt und in eigenen Worten wiedergeben.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Anzahl: 210 = 1024 Teile. Kantenlänge: 10 cm / 1024 ≈ 0,0098 cm ≈ 0,1 mm. Nach zehn Halbierungen ist jedes Stück also nur noch etwa einen Zehntelmillimeter groß — gerade noch mit bloßem Auge erkennbar.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Mit 210 ≈ 1000 verkleinert sich die Kante alle 10 Schritte etwa um den Faktor 1000: nach 10 Schritten ≈ 10−2 cm, nach 20 Schritten ≈ 10−5 cm, nach 30 Schritten ≈ 10−8 cm = 0,1 nm. Ein Kupferatom hat 0,25 nm = 2,5 · 10−8 cm. Nach 28 Schritten beträgt die Kante 10 cm / 228 ≈ 3,7 · 10−8 cm (noch größer), nach 29 Schritten ≈ 1,9 · 10−8 cm (kleiner). Erstmals kleiner als ein Kupferatom ist die Kante also nach 29 Schritten; in der Überschlagsrechnung „etwa 30“.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Atomisten: Die Maschine hält an. Der letzte Baustein ist das atomos, unteilbar — jeder weitere Teilungsversuch bleibt wirkungslos, genau wie im Applet, wo „weitere Klicks nichts mehr bewirken“. Kontinuum: Die Maschine merkt an dieser Stelle nichts Besonderes. Materie ist lückenlos, jedes Stück lässt sich wieder halbieren, die Kantenlänge wird immer kleiner, ohne je bei null oder bei einem Endstück anzukommen.

5

Hatten die Griechen recht?

AFB III

In einer Diskussionsrunde fallen zwei Sätze: Tom sagt: „Demokrit hatte recht, das steht doch fest — heute weiß jeder, dass es Atome gibt.“ Mia widerspricht: „Er hatte Glück. Ohne Experiment war seine Idee nicht mehr wert als die von Aristoteles.“

  1. Erläutern Sie, was in der Physik unter einem Modell verstanden wird und wann ein Modell ersetzt wird.
  2. Beurteilen Sie die beiden Positionen von Tom und Mia. Berücksichtigen Sie dabei, was die Griechen wussten und was erst Dalton (1803) und die Physik ab 1904 hinzufügten.
  3. Entwickeln Sie ein einfaches Kriterium, mit dem sich heute entscheiden lässt, ob eine Vorstellung über den Aufbau der Materie mehr ist als eine bloße Vermutung.
Hinweis zu Aufgabe a)
Der Glossar-Eintrag „Modell“ nennt zwei Dinge: was ein Modell ist und wie lange man es behält.„Erläutern“ verlangt neben der Definition ein Beispiel oder einen Bezug — etwa das Modellauto oder das griechische Atommodell selbst.
Hinweis zu Aufgabe b)
Trenne zwei Fragen: Stimmt die Aussage der Griechen heute? Und: War sie damals begründet? Tom beantwortet nur die erste, Mia nur die zweite.„Beurteilen“ verlangt ein eigenes, begründetes Urteil — nicht nur die Wiedergabe beider Meinungen. Ein „teils/teils“ ist erlaubt, wenn du sagst, welcher Teil warum stimmt.
Hinweis zu Aufgabe c)
Was hatten Dalton und Thomson, was Demokrit fehlte?„Entwickeln“ heißt: Du formulierst selbst ein Kriterium und zeigst an einem Beispiel, dass es funktioniert.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Ein Modell ist eine vereinfachte Vorstellung, mit der man etwas erklärt, das man nicht direkt sehen kann — es ist nie die Wirklichkeit selbst, sondern ähnlich wie ein Modellauto: brauchbar, aber nicht das echte Auto. Ein Modell wird so lange beibehalten, wie es zu den Beobachtungen passt; widersprechen neue Beobachtungen, wird es verändert oder ersetzt. Genau das ist mit dem griechischen Atommodell passiert: Der Baustein blieb, die Unteilbarkeit wurde 1904 aufgegeben.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Beide haben teilweise recht. Tom hat recht mit dem Ergebnis: Materie besteht tatsächlich aus Bausteinen, und die Griechen haben das als Erste gedacht. Er übersieht aber, dass „unteilbar“ heute widerlegt ist und dass Demokrit seine Vorstellung nicht prüfen konnte — „recht haben“ im Sinne von „bewiesen haben“ trifft nicht zu. Mia hat recht mit der Methode: Ohne Messung standen sich zwei gleichwertig begründete Modelle gegenüber, und dass sich Aristoteles 2000 Jahre lang durchsetzte, zeigt, dass damals nichts entscheidbar war. Sie übertreibt aber mit „Glück“: Demokrits Idee war ein durchdachter Gedankengang mit Erklärungskraft (Stoffunterschiede durch Form und Anordnung), kein Zufallstreffer. Angemessenes Urteil: Die Griechen hatten eine gute Idee, aber keine Erkenntnis — zur Erkenntnis wurde sie erst durch Daltons Messungen und die Experimente ab 1904, die das Modell zugleich bestätigten und korrigierten.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Mögliches Kriterium: Eine Vorstellung ist mehr als eine Vermutung, wenn sie eine überprüfbare Vorhersage macht und diese Vorhersage durch eine Messung bestätigt wird. Beispiel: Daltons Modell sagt voraus, dass sich Elemente immer in festen Massenverhältnissen verbinden — das lässt sich durch Wiegen prüfen und trifft zu. Demokrits Modell machte keine messbare Vorhersage, also blieb es eine (gute) Vermutung. Auch ein negatives Ergebnis zählt: Als Experimente ab 1904 zeigten, dass Atome Bestandteile haben, wurde die Vorhersage „unteilbar“ widerlegt und das Modell korrigiert. Andere sinnvolle Kriterien (z. B. „Kann das Modell etwas erklären, was das Gegenmodell nicht erklärt?“) sind ebenfalls zulässig, wenn sie an einem Beispiel belegt werden.