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3.3.1 · Textaufgaben

Textaufgaben: Die Ableitung an der Stelle 0,5

Fünf Sachaufgaben zur h-Methode an einer konkreten Stelle — mit Operatoren, Teilaufgaben, gestuften Hinweisen und vollständigem Erwartungshorizont.

1

Freier Fall im Fallturm

AFB I

Im Fallturm einer Universität fällt eine Kapsel aus der Ruhe. Für den zurückgelegten Fallweg gilt näherungsweise \(s(t)=5t^{2}\); dabei ist \(t\) die Fallzeit in Sekunden und \(s(t)\) der Weg in Metern.

  1. Berechnen Sie die mittlere Fallgeschwindigkeit im Intervall \([1;3]\) in \(\tfrac{\text{m}}{\text{s}}\).
  2. Bestimmen Sie die Momentangeschwindigkeit zum Zeitpunkt \(t=2\), indem Sie den Differenzenquotienten mit dem Abstand \(h\) aufstellen, vereinfachen und \(h\to 0\) betrachten.
  3. Erläutern Sie, warum beide Ergebnisse übereinstimmen, obwohl sie ganz Verschiedenes messen.
Hinweis zu Aufgabe a)
\(s(1)\) und \(s(3)\) berechnen, dann \(m=\dfrac{s(3)-s(1)}{3-1}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(s(1)=5\) und \(s(3)=45\). Ansatz: \(m=\dfrac{45\ \text{m}-5\ \text{m}}{3\ \text{s}-1\ \text{s}}=\dfrac{40}{2}=20\). Ergebnis: \(20\ \tfrac{\text{m}}{\text{s}}\).

Hinweis zu Aufgabe b)
\(s(2+h)=5(2+h)^{2}\) — verwenden Sie die erste binomische Formel und kürzen Sie erst danach durch \(h\).Vor dem Kürzen steht im Nenner ein \(h\); erst danach darf \(h=0\) betrachtet werden.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(s(2)=20\) und \(s(2+h)=5\big(4+4h+h^{2}\big)=20+20h+5h^{2}\).

Differenzenquotient: \(\dfrac{s(2+h)-s(2)}{h}=\dfrac{20h+5h^{2}}{h}=20+5h\). Für \(h\to 0\) folgt \(s'(2)=20\), also \(20\ \tfrac{\text{m}}{\text{s}}\).

Hinweis zu Aufgabe c)
Achten Sie darauf, wo die Stelle \(t=2\) innerhalb des Intervalls \([1;3]\) liegt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Die Stelle \(t=2\) ist genau die Mitte des Intervalls \([1;3]\). Bei einer quadratischen Funktion ist die Änderungsrate \(s'(t)=10t\) linear; eine lineare Funktion nimmt ihren Mittelwert stets in der Intervallmitte an. Deshalb stimmt hier der Mittelwert über \([1;3]\) zufällig mit dem Momentanwert bei \(t=2\) überein. Bei einer anderen Stelle — etwa \(t=1\) mit \(s'(1)=10\) — wäre das nicht so.

2

Quadratische Solarfläche

AFB II

Eine quadratische Solarfläche mit der Seitenlänge \(a\) (in Metern) hat den Flächeninhalt \(A(a)=a^{2}\) (in Quadratmetern). Die Fläche soll schrittweise vergrößert werden.

  1. Bestimmen Sie den Differenzenquotienten von \(A\) über dem Intervall \([a;a+h]\) und vereinfachen Sie ihn so weit wie möglich.
  2. Geben Sie \(A'(0{,}5)\) an und deuten Sie den Wert im Sachzusammenhang.
  3. Begründen Sie anschaulich am Quadrat, warum \(A'(a)=2a\) gilt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Setzen Sie \(a+h\) in den Term ein und wenden Sie \((a+h)^{2}=a^{2}+2ah+h^{2}\) an.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(\dfrac{A(a+h)-A(a)}{h}=\dfrac{(a+h)^{2}-a^{2}}{h}=\dfrac{a^{2}+2ah+h^{2}-a^{2}}{h}=\dfrac{2ah+h^{2}}{h}=2a+h\).

Hinweis zu Aufgabe b)
Setzen Sie \(a=0{,}5\) in Ihr Ergebnis aus a) ein und lassen Sie \(h\) gegen null gehen. Die Einheit ist \(\tfrac{\text{m}^{2}}{\text{m}}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Für \(a=0{,}5\) ist der Differenzenquotient \(1+h\); für \(h\to 0\) folgt \(A'(0{,}5)=1\), also \(1\ \tfrac{\text{m}^{2}}{\text{m}}\). Deutung: Ist die Fläche gerade 0,5 m breit, so wächst ihr Flächeninhalt je zusätzlichem Meter Seitenlänge im Moment um rund einen Quadratmeter.

Hinweis zu Aufgabe c)
Zeichnen Sie ein Quadrat der Seitenlänge \(a\) und legen Sie an zwei Seiten einen schmalen Streifen der Breite \(h\) an. Welche Fläche kommt hinzu?
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Vergrößert man die Seitenlänge um \(h\), so kommen zwei Streifen der Größe \(a\cdot h\) hinzu (an der rechten und an der oberen Seite) sowie das kleine Eckquadrat \(h\cdot h\). Insgesamt also \(2ah+h^{2}\). Teilt man durch \(h\), bleibt \(2a+h\); für sehr kleine \(h\) fällt das Eckquadrat nicht mehr ins Gewicht, und es bleibt genau der Beitrag der beiden Streifen: \(2a\).

3

Annäherung an die Stelle 0,5

AFB II

Für die Funktion \(f\) mit \(f(x)=x^{2}\) soll die Ableitung an der Stelle \(0{,}5\) ohne Rechnerbefehl bestimmt werden. Material M1 enthält dazu Sekantensteigungen für immer kleinere Abstände \(h\).

M1Sekantensteigungen von \(f(x)=x^{2}\) um die Stelle \(0{,}5\)
Sekantensteigungen des Graphen von \(f(x)=x^{2}\), exakte Werte.
\(h\)0,50,10,010,001
linksseitig: \(\dfrac{f(0{,}5)-f(0{,}5-h)}{h}\)0,50,90,990,999
rechtsseitig: \(\dfrac{f(0{,}5+h)-f(0{,}5)}{h}\)1,51,11,011,001
Die beiden Zeilen liegen bei \(h=0{,}5\) noch um 1 auseinander, bei \(h=0{,}001\) nur noch um 0,002.
  1. Beschreiben Sie, wie sich die links- und die rechtsseitigen Werte in M1 mit kleiner werdendem \(h\) verhalten.
  2. Geben Sie den Grenzwert an, gegen den beide Zeilen streben.
  3. Zeigen Sie mit dem allgemeinen Differenzenquotienten, dass dieser Grenzwert exakt \(1\) beträgt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie die Werte spaltenweise und achten Sie darauf, von welcher Seite sich die Zeilen dem gemeinsamen Wert nähern.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Die linksseitigen Werte wachsen von \(0{,}5\) auf \(0{,}999\), die rechtsseitigen fallen von \(1{,}5\) auf \(1{,}001\). Beide Zeilen nähern sich also von unten bzw. von oben demselben Wert an; ihr Abstand schrumpft von \(1\) auf \(0{,}002\).

Hinweis zu Aufgabe b)
Der gesuchte Wert liegt zwischen den beiden letzten Spaltenwerten.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Der Grenzwert ist \(1\), also \(f'(0{,}5)=1\).

Hinweis zu Aufgabe c)
Rechnen Sie \(\dfrac{f(0{,}5+h)-f(0{,}5)}{h}\) mit \(f(x)=x^{2}\) aus und kürzen Sie.„Zeigen“ verlangt eine vollständige Rechnung, nicht nur den Verweis auf die Tabelle.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(\dfrac{f(0{,}5+h)-f(0{,}5)}{h}=\dfrac{(0{,}5+h)^{2}-0{,}25}{h}=\dfrac{0{,}25+h+h^{2}-0{,}25}{h}=\dfrac{h+h^{2}}{h}=1+h\).

Für \(h\to 0\) folgt \(f'(0{,}5)=1\). Die rechtsseitigen Werte sind genau \(1+h\), die linksseitigen genau \(1-h\) — beide Zeilen der Tabelle bestätigen die Rechnung.

4

Zulauf eines Regenrückhaltebeckens

AFB III

Das Wasservolumen in einem Rückhaltebecken wird durch \(V(t)=t^{2}+4t\) beschrieben; \(t\) ist die Zeit in Minuten und \(V(t)\) das Volumen in Litern.

  1. Bestimmen Sie mit dem Differenzenquotienten und \(h\to 0\) die momentane Zuflussrate zum Zeitpunkt \(t=0{,}5\).
  2. Zeigen Sie mit derselben Methode, dass allgemein \(V'(t)=2t+4\) gilt.
  3. Entscheiden Sie, zu welchem Zeitpunkt die Zuflussrate \(10\ \tfrac{\ell}{\text{min}}\) beträgt, und beurteilen Sie, ob das Becken jemals mit konstanter Rate gefüllt wird.
Hinweis zu Aufgabe a)
\(V(0{,}5)=0{,}25+2=2{,}25\). Setzen Sie anschließend \(0{,}5+h\) ein und kürzen Sie.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(V(0{,}5+h)=(0{,}5+h)^{2}+4(0{,}5+h)=0{,}25+h+h^{2}+2+4h=2{,}25+5h+h^{2}\).

Differenzenquotient: \(\dfrac{V(0{,}5+h)-V(0{,}5)}{h}=\dfrac{5h+h^{2}}{h}=5+h\). Für \(h\to 0\) folgt \(V'(0{,}5)=5\), also \(5\ \tfrac{\ell}{\text{min}}\).

Hinweis zu Aufgabe b)
Gehen Sie genauso vor wie in a), nur mit \(t\) statt \(0{,}5\): \((t+h)^{2}=t^{2}+2th+h^{2}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(V(t+h)-V(t)=\big(t^{2}+2th+h^{2}+4t+4h\big)-\big(t^{2}+4t\big)=2th+h^{2}+4h\).

Also \(\dfrac{V(t+h)-V(t)}{h}=2t+h+4\) und für \(h\to 0\) schließlich \(V'(t)=2t+4\). Die Probe mit \(t=0{,}5\) liefert \(1+4=5\) — das bestätigt a).

Hinweis zu Aufgabe c)
Setzen Sie Ihr Ergebnis aus b) gleich 10 und lösen Sie nach \(t\) auf. Für die Beurteilung: Wie müsste \(V'\) aussehen, damit die Rate konstant ist?
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(2t+4=10 \Rightarrow 2t=6 \Rightarrow t=3\). Nach 3 Minuten beträgt die Zuflussrate \(10\ \tfrac{\ell}{\text{min}}\).

Beurteilung: Eine konstante Rate läge nur vor, wenn \(V'\) eine konstante Funktion wäre. Hier ist \(V'(t)=2t+4\) jedoch streng monoton wachsend — der Zufluss nimmt in jedem Augenblick zu. Das Becken wird also zu keinem Zeitpunkt mit konstanter Rate gefüllt; lediglich zu Beginn (\(t=0\)) liegt sie bei \(4\ \tfrac{\ell}{\text{min}}\) und wächst danach ständig weiter.

5

Warum man h nicht einfach null setzen darf

AFB III

Ein Schüler will \(f'(0{,}5)\) für \(f(x)=x^{2}\) bestimmen und setzt im Differenzenquotienten sofort \(h=0\) ein. Er erhält \(\dfrac{f(0{,}5)-f(0{,}5)}{0}=\dfrac{0}{0}\) und schließt daraus, die Ableitung sei null. Material M1 zeigt die Ausgangslage.

M1Normalparabel mit Tangente und Sekante
SekanteTangente in (0,5|0,25) 0,5 1 1,5 2 1 2 3 4 x y
Die Tangente hat die Steigung 1, die eingezeichnete Sekante die Steigung 2,5.
  1. Erläutern Sie, warum der Ausdruck \(\dfrac{0}{0}\) keine Auskunft über die Ableitung gibt.
  2. Zeigen Sie den korrekten Weg: Vereinfachen Sie den Differenzenquotienten zuerst und führen Sie erst danach den Grenzübergang durch.
  3. Beurteilen Sie die Aussage: „Für sehr kleine \(h\) ist die Sekante dasselbe wie die Tangente.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Ein Bruch mit dem Nenner null ist nicht definiert. Überlegen Sie, was der Differenzenquotient überhaupt misst, wenn beide Punkte zusammenfallen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Der Differenzenquotient vergleicht zwei verschiedene Punkte des Graphen. Setzt man \(h=0\), fallen beide Punkte zusammen: Es gibt keine Sekante mehr, und der Ausdruck \(\tfrac{0}{0}\) ist nicht definiert — er ist also kein Ergebnis, sondern ein Zeichen dafür, dass so nicht gerechnet werden darf. Man betrachtet stattdessen, wogegen der Quotient strebt, wenn \(h\) immer kleiner wird.

Hinweis zu Aufgabe b)
Kürzen Sie \(\dfrac{h+h^{2}}{h}\), bevor Sie \(h\) gegen null gehen lassen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(\dfrac{f(0{,}5+h)-f(0{,}5)}{h}=\dfrac{(0{,}5+h)^{2}-0{,}25}{h}=\dfrac{h+h^{2}}{h}=1+h\) für alle \(h\neq 0\).

Dieser vereinfachte Term ist auch bei \(h=0\) sinnvoll auswertbar. Der Grenzübergang liefert \(f'(0{,}5)=\lim\limits_{h\to 0}(1+h)=1\) — und nicht 0.

Hinweis zu Aufgabe c)
Vergleichen Sie in M1 Sekante und Tangente: Wie viele gemeinsame Punkte hat jede von beiden mit der Parabel? Und was passiert mit der Sekantensteigung \(1+h\), wenn \(h\) klein, aber nicht null ist?
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Die Aussage ist ungenau und in dieser Form falsch. Für jedes \(h\neq 0\) ist die Sekante eine andere Gerade als die Tangente: Sie schneidet die Parabel in zwei Punkten und hat die Steigung \(1+h\), die Tangente berührt sie in einem Punkt und hat die Steigung \(1\). Richtig ist: Die Sekantensteigungen nähern sich der Tangentensteigung beliebig genau an, wenn \(h\) gegen null geht. Die Tangente ist die Grenzlage der Sekanten — erreicht wird sie von keiner einzelnen Sekante.