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AbituraufgabenReaktionsenthalpien berechnen

Wassergas aus Koks und Eisen aus Erz: zwei Industrieprozesse, zweimal der Satz von Hess.

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Wassergas aus Koks

AFB I–II

Leitet man Wasserdampf über glühenden Koks, entsteht „Wassergas“, ein Gemisch aus Kohlenstoffmonooxid und Wasserstoff: \(\ce{C(s) + H2O(g) -> CO(g) + H2(g)}\). Die Reaktion kühlt den Koks ab; deshalb bläst man im Wechsel Luft ein, damit ein Teil des Kokses verbrennt und die Temperatur wieder steigt.

M1Verbrennungsenthalpien (25 °C, 1013 hPa)
Nr.Gleichung\(\Delta_r H^\circ\) in \(\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)
(1)\(\ce{C(s) + O2(g) -> CO2(g)}\)−393,5
(2)\(\ce{CO(g) + 1/2 O2(g) -> CO2(g)}\)−283,0
(3)\(\ce{H2(g) + 1/2 O2(g) -> H2O(g)}\)−241,8
M2Standard-Bildungsenthalpien
Stoff\(\ce{CO(g)}\)\(\ce{H2O(g)}\)
\(\Delta_f H^\circ\) in \(\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)−110,5−241,8
  1. Nennen Sie den Satz von Hess.
  2. Leiten Sie aus den Gleichungen (1) bis (3) die Reaktionsenthalpie der Wassergasreaktion her.
  3. Bestätigen Sie Ihr Ergebnis mithilfe der Standard-Bildungsenthalpien aus M2.
  4. Erläutern Sie, warum im Wassergas-Generator abwechselnd Wasserdampf und Luft eingeblasen werden.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Es geht um die Wegunabhängigkeit der Reaktionsenthalpie.
Hinweis zu Aufgabe b)
Gleichung (1) bleibt, (2) und (3) werden umgekehrt.
Hinweis zu Aufgabe c)
\(\Delta_f H^\circ\) von C(s) und \(\ce{H2(g)}\) ist null.
Hinweis zu Aufgabe d)
Vergleichen Sie das Vorzeichen der Wassergasreaktion mit dem der Kohleverbrennung (1).

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Die Reaktionsenthalpie einer Reaktion hängt nur vom Anfangs- und Endzustand ab, nicht vom Weg bzw. von möglichen Zwischenschritten. Sie ist gleich der Summe der Reaktionsenthalpien der Teilschritte.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

(1): \(\ce{C + O2 -> CO2}\), −393,5

(2) umgekehrt: \(\ce{CO2 -> CO + 1/2 O2}\), +283,0

(3) umgekehrt: \(\ce{H2O(g) -> H2 + 1/2 O2}\), +241,8

Summe (\(\ce{CO2}\) und \(\ce{O2}\) kürzen sich): \(\ce{C + H2O(g) -> CO + H2}\), \(\Delta_r H^\circ = -393{,}5 + 283{,}0 + 241{,}8 = +131{,}3\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(\Delta_r H^\circ = \Delta_f H^\circ(\ce{CO}) - \Delta_f H^\circ(\ce{H2O,g}) = -110{,}5 - (-241{,}8) = +131{,}3\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\). Beide Wege liefern denselben Wert.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Die Wassergasreaktion ist endotherm (+131,3 kJ/mol): Sie entzieht dem Koks Wärme, bis er zu kalt ist und die Reaktion zum Erliegen kommt. Beim Einblasen von Luft verbrennt ein Teil des Kokses stark exotherm (−393,5 kJ/mol bzw. zu CO), der Koks glüht wieder. Die exotherme Verbrennung liefert die Energie für die endotherme Wassergasbildung.

2

Eisen ohne Koks

AFB II–III

Im Hochofen wird Eisenerz mit Kohlenstoffmonooxid reduziert, das aus Koks entsteht. Neue Anlagen sollen Eisenerz stattdessen mit Wasserstoff aus Elektrolyse reduzieren („Direktreduktion“), wobei Wasser statt Kohlenstoffdioxid entsteht. Das Erz wird vereinfacht als \(\ce{Fe2O3}\) betrachtet; Wasser entweicht als Dampf.

M3Standard-Bildungsenthalpien (25 °C, 1013 hPa)
Stoff\(\ce{Fe2O3(s)}\)\(\ce{CO(g)}\)\(\ce{CO2(g)}\)\(\ce{H2O(g)}\)
\(\Delta_f H^\circ\) in \(\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)−824,2−110,5−393,5−241,8
M4Weitere Daten
AngabeWert
molare Masse Eisen\(55{,}85\,\mathrm{g\,mol^{-1}}\)
molare Masse \(\ce{CO2}\)\(44{,}01\,\mathrm{g\,mol^{-1}}\)
Energiebedarf der Wasserelektrolyse (Praxis)etwa 55 kWh je kg Wasserstoff
Jahresproduktion eines großen Stahlwerksetwa 4 Mio. t Eisen
  1. Stellen Sie die Reaktionsgleichung für die Reduktion von \(\ce{Fe2O3}\) mit Wasserstoff auf.
  2. Berechnen Sie die Reaktionsenthalpien der Reduktion mit Kohlenstoffmonooxid und mit Wasserstoff.
  3. Ermitteln Sie für beide Verfahren je Tonne Eisen die umgesetzte Wärme sowie beim CO-Verfahren die Masse an entstehendem \(\ce{CO2}\).
  4. Diskutieren Sie die Aussage: „Die Direktreduktion mit Wasserstoff ist energetisch ungünstiger und deshalb keine sinnvolle Klimaschutzmaßnahme.“

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Aus 1 mol \(\ce{Fe2O3}\) entstehen 2 mol Fe; der Sauerstoff geht in Wasser über.
Hinweis zu Aufgabe b)
Produkte minus Edukte; Elemente haben \(\Delta_f H^\circ = 0\).
Hinweis zu Aufgabe c)
Pro Formelumsatz entstehen 2 mol Fe. Eine Tonne Eisen sind \(10^6\,\mathrm{g}/55{,}85\,\mathrm{g\,mol^{-1}}\).
Hinweis zu Aufgabe d)
Beziehen Sie Reaktionsenthalpie, Energiebedarf für Wasserstoff, Herkunft des Stroms und \(\ce{CO2}\)-Ausstoß ein.Diskutieren: Argumente für und gegen abwägen und zu einem begründeten Ergebnis kommen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(\ce{Fe2O3(s) + 3 H2(g) -> 2 Fe(s) + 3 H2O(g)}\)

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

CO: \(\Delta_r H^\circ = 3(-393{,}5) - [-824{,}2 + 3(-110{,}5)] = -1180{,}5 + 1155{,}7 = -24{,}8\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\) (schwach exotherm).

\(\ce{H2}\): \(\Delta_r H^\circ = 3(-241{,}8) - (-824{,}2) = -725{,}4 + 824{,}2 = +98{,}8\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\) (endotherm).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(n(\ce{Fe}) = 10^6/55{,}85 = 1{,}79\cdot10^4\,\mathrm{mol}\), also \(8{,}95\cdot10^3\) Formelumsätze.

CO-Verfahren: \(8{,}95\cdot10^3\cdot(-24{,}8\,\mathrm{kJ}) \approx -222\,\mathrm{MJ}\) (frei). \(\ce{CO2}\): \(3\cdot8{,}95\cdot10^3\,\mathrm{mol}\cdot44{,}01\,\mathrm{g\,mol^{-1}} \approx 1{,}18\,\mathrm{t}\).

\(\ce{H2}\)-Verfahren: \(8{,}95\cdot10^3\cdot98{,}8\,\mathrm{kJ} \approx +884\,\mathrm{MJ}\) (zuzuführen).

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Pro: Die Reduktion mit Wasserstoff ist tatsächlich endotherm; zusätzlich kostet die Herstellung des Wasserstoffs viel Energie (je t Eisen rund 54 kg \(\ce{H2}\), also etwa 3 MWh Strom). Wird dieser Strom aus fossilen Kraftwerken gewonnen, entsteht indirekt ebenfalls viel \(\ce{CO2}\).

Contra: Beim CO-Verfahren entstehen schon in diesem Schritt rund 1,2 t \(\ce{CO2}\) je t Eisen (real mehr, weil Koks auch als Brennstoff dient); beim Wasserstoffverfahren entsteht nur Wasser. Mit Strom aus erneuerbaren Quellen sinkt der \(\ce{CO2}\)-Ausstoß drastisch.

Ergebnis: Der höhere Energiebedarf ist unbestritten, entscheidend für den Klimaschutz ist aber der \(\ce{CO2}\)-Ausstoß. Die Aussage ist daher in ihrer Folgerung abzulehnen — sofern ausreichend erneuerbarer Strom verfügbar ist.