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Abituraufgaben: Die Reaktionsenthalpie

Benzin im Prüflabor und Stickstoff im Airbag — zwei Reaktionen, bei denen die Volumenarbeit ganz verschieden ins Gewicht fällt.

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1

Wie viel Energie steckt in Benzin?

AFB I–II

Benzin besteht zu einem großen Teil aus Octan-Isomeren (\(M(\ce{C8H18}) = 114{,}2\,\text{g/mol}\)). Ein Prüflabor verbrennt \(1{,}00\,\text{g}\) Octan in reinem Sauerstoff in einem Bombenkalorimeter (starres Stahlgefäß). Das Kalorimeter nimmt dabei \(47{,}8\,\text{kJ}\) Wärme auf; Anfangs- und Endtemperatur des Reaktionsgemischs betragen 25 °C, das Wasser liegt am Ende flüssig vor.

  1. Formulieren Sie die Reaktionsgleichung der vollständigen Verbrennung von Octan mit Aggregatzuständen und bestimmen Sie \(\Delta n(\text{g})\) für den Formelumsatz.
  2. Berechnen Sie die molare innere Reaktionsenergie \(\Delta_r U\) der Verbrennung.
  3. Berechnen Sie die Reaktionsenthalpie \(\Delta_r H\) bei 25 °C.
  4. Beurteilen Sie, ob die Unterscheidung von \(\Delta_r U\) und \(\Delta_r H\) für die Angabe des Energiegehalts von Benzin an der Tankstelle bedeutsam ist.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Wasser flüssig, Octan flüssig; ganzzahlige oder halbe Koeffizienten.
Hinweis zu Aufgabe b)
In der Bombe ist W = 0.
Hinweis zu Aufgabe c)
ΔrH = ΔrU + Δn(g)·R·T.
Hinweis zu Aufgabe d)
Relativen Unterschied berechnen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(\ce{C8H18(l) + 12,5 O2(g) -> 8 CO2(g) + 9 H2O(l)}\) (bzw. verdoppelt). \(\Delta n(\text{g}) = 8 - 12{,}5 = -4{,}5\) (bzw. −9 für die verdoppelte Gleichung).

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Bei \(V = \text{konst.}\) gilt \(Q_V = \Delta_r U\). \(Q = -47{,}8\,\text{kJ/g}\) (abgegeben); \(\Delta_r U = -47{,}8\,\tfrac{\text{kJ}}{\text{g}}\cdot 114{,}2\,\tfrac{\text{g}}{\text{mol}} \approx -5459\,\tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(\Delta n\cdot R\cdot T = -4{,}5\cdot 8{,}314\cdot 298{,}15\,\tfrac{\text{J}}{\text{mol}} = -11{,}2\,\tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\); \(\Delta_r H = -5459 - 11{,}2 \approx -5470\,\tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\) (Literatur: −5470 kJ/mol).

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Der Unterschied beträgt \(11{,}2 / 5470 \approx 0{,}2\,\%\) und liegt unter den Schwankungen der Benzinzusammensetzung (Isomere, Zusätze). Für den Energiegehalt ist er praktisch bedeutungslos; fachlich korrekt ist für den offenen Motorraum trotzdem \(\Delta_r H\) (konstanter Druck).

2

Airbag: Gas statt Wärme

AFB II–III

In älteren Airbags zersetzt ein Zündsatz Natriumazid schlagartig: \(\ce{2 NaN3(s) -> 2 Na(s) + 3 N2(g)}\). Der entstehende Stickstoff bläst den Luftsack gegen den Luftdruck auf. (Das giftige Natrium wird in realen Systemen durch Zusätze gebunden; das bleibt hier unberücksichtigt.) Ein Molvolumen eines Gases beträgt bei 25 °C und 101,3 kPa \(24{,}5\,\text{L/mol}\).

GrößeWert
Masse Natriumazid im Gasgenerator65,0 g
molare Masse NaN₃65,0 g/mol
Standard-Reaktionsenthalpie (Gleichung oben)−43,4 kJ/mol
Luftdruck / Temperatur nach Abkühlen101,3 kPa / 25 °C
  1. Berechnen Sie das Volumen des Stickstoffs nach dem Abkühlen auf 25 °C.
  2. Berechnen Sie die Volumenarbeit, die Wärme bei konstantem Druck und die Änderung der inneren Energie für die Zersetzung der 65,0 g Natriumazid.
  3. Erläutern Sie, warum hier \(\Delta_r U\) deutlich negativer ist als \(\Delta_r H\), und zeigen Sie dies mit \(\Delta_r U = \Delta_r H - \Delta n(\text{g})\cdot R\cdot T\).
  4. Bewerten Sie die Aussage eines Mitschülers: „Die Volumenarbeit ist bei Reaktionen immer vernachlässigbar, man kann \(\Delta_r H = \Delta_r U\) setzen.“

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Stoffmengenverhältnis NaN₃ : N₂ = 2 : 3.
Hinweis zu Aufgabe b)
1,00 mol NaN₃ entspricht einem halben Formelumsatz.
Hinweis zu Aufgabe c)
Δn(g) für den Formelumsatz bestimmen.
Hinweis zu Aufgabe d)
Relativen Anteil von W an ΔU berechnen und mit einer Verbrennung vergleichen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

\(n(\ce{NaN3}) = 65{,}0\,\text{g} / 65{,}0\,\tfrac{\text{g}}{\text{mol}} = 1{,}00\,\text{mol}\) → \(n(\ce{N2}) = 1{,}50\,\text{mol}\); \(V = 1{,}50\,\text{mol}\cdot 24{,}5\,\tfrac{\text{L}}{\text{mol}} = 36{,}8\,\text{L}\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

\(W = -p\cdot\Delta V = -101{,}3\,\text{kPa}\cdot 36{,}8\,\text{L} \approx -3{,}73\,\text{kJ}\) (Festkörpervolumina vernachlässigt). \(Q_p = \Delta H = 0{,}5\cdot(-43{,}4\,\text{kJ}) = -21{,}7\,\text{kJ}\). \(\Delta U = Q + W = -21{,}7 - 3{,}73 \approx -25{,}4\,\text{kJ}\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(\Delta n(\text{g}) = +3\); \(\Delta_r U = -43{,}4 - 3\cdot 2{,}48 = -50{,}8\,\tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\) (= 2 · (−25,4 kJ), passt zu b). Das entstehende Gas verrichtet Arbeit am Luftsack und an der Atmosphäre; diese Energie stammt aus der inneren Energie des Systems und erscheint nicht als Wärme.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

\(|W| / |\Delta U| = 3{,}73 / 25{,}4 \approx 15\,\%\) — hier keineswegs vernachlässigbar, denn \(\Delta_r H\) ist klein und viel Gas entsteht. Bei Verbrennungen mit großem \(|\Delta_r H|\) liegt der Unterschied meist unter 1 %. Die Aussage ist also nur für Reaktionen mit kleinem \(\Delta n(\text{g})\) im Verhältnis zu \(|\Delta_r H|\) berechtigt; beim Airbag ist gerade die Arbeit der Zweck der Reaktion.