MINT lernen

Abituraufgaben: Zersetzungs- und Überspannung

Eine Nickelschicht auf dem Lenker und Kupfer aus Erzlösung — wo Überspannung hilft und wo sie teuer wird.

Dein Fortschritt:
0 / 0 Aufgaben
1

Ein Fahrradlenker wird vernickelt

AFB I–II

In einer Galvanikwerkstatt wird ein Stahllenker (Oberfläche 600 cm²) als Kathode in ein Nickelbad getaucht (Nickelsulfat-Lösung, c(Ni²⁺) ≈ 1 mol/L, pH ≈ 4). Anode ist eine Platte aus Reinnickel. Es soll eine 10 µm dicke Schicht entstehen; die Stromstärke beträgt 2,0 A.

\(E^\circ(\ce{Ni^2+}/\ce{Ni}) = -0{,}23\,\text{V}\); Überspannung von H₂ an Nickel: 0,28 V; \(\rho(\ce{Ni}) = 8{,}9\,\text{g/cm}^3\), \(M(\ce{Ni}) = 58{,}69\,\text{g/mol}\), \(F = 96\,485\,\text{C/mol}\)

  1. Formulieren Sie die Reaktionen an Kathode und Anode.
  2. Erklären Sie, warum schon eine kleine Badspannung ausreicht.
  3. Begründen Sie rechnerisch, dass an der Kathode Nickel und nicht Wasserstoff abgeschieden wird.
  4. Berechnen Sie die Dauer der Vernickelung bei einer Stromausbeute von 95 %.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Die Nickelplatte löst sich auf.
Hinweis zu Aufgabe b)
Welche Redoxpaare liegen an beiden Elektroden vor?
Hinweis zu Aufgabe c)
Nernst für H₃O⁺ bei pH 4, dann Überspannung abziehen.
Hinweis zu Aufgabe d)
V = A · d, dann m, n, Q = n · z · F.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Kathode (−): \(\ce{Ni^2+ + 2 e- -> Ni}\); Anode (+): \(\ce{Ni -> Ni^2+ + 2 e-}\). Die Konzentration im Bad bleibt dadurch konstant.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

An beiden Elektroden liegt dasselbe Paar Ni²⁺/Ni vor, ΔE ≈ 0 V; es entsteht kein Gas mit großer Überspannung. Die Spannung muss nur den Widerstand des Bades und kleine Hemmungen überwinden.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(E(\ce{H2}) = -0{,}059\,\text{V} \cdot 4 = -0{,}24\,\text{V}\), mit Überspannung \(-0{,}24\,\text{V} - 0{,}28\,\text{V} = -0{,}52\,\text{V}\). Nickel wird schon bei −0,23 V abgeschieden, also bevorzugt. Ohne Überspannung lägen beide praktisch gleichauf.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

\(V = 600\,\text{cm}^2 \cdot 1{,}0 \cdot 10^{-3}\,\text{cm} = 0{,}60\,\text{cm}^3\), \(m = 5{,}34\,\text{g}\), \(n = 0{,}0910\,\text{mol}\); \(Q = 0{,}0910\,\text{mol} \cdot 2 \cdot 96\,485\,\tfrac{\text{C}}{\text{mol}} = 1{,}76 \cdot 10^4\,\text{C}\); \(t = \frac{Q}{0{,}95 \cdot I} = 9{,}24 \cdot 10^3\,\text{s} \approx 154\,\text{min}\).

2

Kupfer aus Laugungslösung

AFB II–III

Beim Electrowinning wird Kupfer aus schwefelsaurer Kupfersulfat-Lösung (pH ≈ 0) gewonnen: Edelstahlkathoden, unlösliche Bleianoden. Im Labor wurde eine Strom-Spannungs-Kurve an glatten Platinelektroden aufgenommen:

U in V1,01,41,62,02,22,42,6
I in mA2354080120160

\(E^\circ(\ce{Cu^2+}/\ce{Cu}) = +0{,}34\,\text{V}\), \(E^\circ(\ce{O2}/\ce{H2O}) = +1{,}23\,\text{V}\), \(F = 96\,485\,\text{C/mol}\), \(M(\ce{Cu}) = 63{,}55\,\text{g/mol}\). Industrielle Zellspannung: 2,0 V.

  1. Formulieren Sie die Elektrodenreaktionen und begründen Sie, warum an der Anode kein Sulfat oxidiert wird.
  2. Ermitteln Sie die Zersetzungsspannung grafisch.
  3. Vergleichen Sie mit der theoretischen Zersetzungsspannung und deuten Sie die Abweichung.
  4. Beurteilen Sie den Energiebedarf pro Tonne Kupfer bei 2,0 V im Vergleich zum theoretischen Minimum.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Welche Teilchen sind an der Anode oxidierbar?
Hinweis zu Aufgabe b)
Gerade durch die Punkte ab 2,0 V.
Hinweis zu Aufgabe c)
ΔE aus beiden Standardpotenzialen.
Hinweis zu Aufgabe d)
W = n · z · F · U.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Kathode: \(\ce{Cu^2+ + 2 e- -> Cu}\); Anode: \(\ce{6 H2O -> O2 + 4 H3O+ + 4 e-}\). Im Sulfat hat Schwefel bereits die höchste Oxidationszahl +VI, es kann nicht weiter oxidiert werden; Wasser wird oxidiert.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Die Punkte ab 2,0 V liegen auf einer Geraden mit 40 mA pro 0,2 V (200 mA/V). Verlängert bis I = 0: \(U_Z = 2{,}0\,\text{V} - \frac{40\,\text{mA}}{200\,\text{mA/V}} = 1{,}8\,\text{V}\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

\(\Delta E = 1{,}23\,\text{V} - 0{,}34\,\text{V} = 0{,}89\,\text{V}\). Die Differenz von etwa 0,9 V ist Überspannung, fast vollständig bei der Sauerstoffabscheidung an Platin (Tabellenwert ≈ 0,95 V); die Kupferabscheidung ist kaum gehemmt.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

\(n(\ce{Cu}) = 1{,}574 \cdot 10^4\,\text{mol}\); \(Q = 3{,}04 \cdot 10^9\,\text{C}\); \(W = Q \cdot 2{,}0\,\text{V} = 6{,}07 \cdot 10^9\,\text{J} \approx 1{,}7\,\text{MWh}\); Minimum mit 0,89 V: 0,75 MWh. Über die Hälfte (ca. 55 %) geht als Wärme durch Überspannung und Badwiderstand verloren — Anoden mit geringerer O₂-Überspannung und bessere Leitfähigkeit senken die Kosten deutlich.