MINT lernen

AbituraufgabenGenexpression steuern

Hühnereileiter und gescheckte Mäuse — welche Daten zeigen, dass Hormone und Futter über die Genexpression wirken?

Dein Fortschritt:
0 / 0 Aufgaben
1

Östrogen steuert Gene

AFB I–II

Im Eileiter von Hühnern bilden Drüsenzellen das Eiklarprotein Ovalbumin. Um die Wirkung von Östrogen zu untersuchen, wurden Eileiterzellen und Muskelzellen von Küken in Kultur gehalten und mit Östrogen behandelt. Gemessen wurde die Menge an Ovalbumin-mRNA (M1). In einem Teil der Ansätze wurde zusätzlich Actinomycin D zugegeben, ein Stoff, der die RNA-Polymerase hemmt. In weiteren Ansätzen hemmte Cycloheximid die Translation an den Ribosomen (M2).

M1Ovalbumin-mRNA in Zellkulturen (relative Einheiten, Modellwerte)
Ansatz0 h2 h8 h24 h
Eileiterzellen ohne Östrogen0000
Eileiterzellen + Östrogen0845100
Eileiterzellen + Östrogen + Actinomycin D0000
Muskelzellen + Östrogen0000
M2Ergebnisse mit Cycloheximid (Eileiterzellen + Östrogen, 24 h, Modellwerte)
Messgrößeohne Cycloheximidmit Cycloheximid
Ovalbumin-mRNA (relativ)10096
Ovalbumin (relativ)1002
  1. Beschreiben Sie, wie ein Steroidhormon wie Östrogen die Transkription eines Zielgens auslöst.
  2. Werten Sie die Messwerte der Eileiterzellen mit und ohne Östrogen (M1) aus.
  3. Erklären Sie, warum Muskelzellen trotz Östrogen keine Ovalbumin-mRNA bilden (M1).
  4. Deuten Sie die Ergebnisse mit Actinomycin D (M1) und mit Cycloheximid (M2).

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Verfolgen Sie den Weg des Hormons von der Blutbahn bis zur DNA.
Hinweis zu Aufgabe b)
Vergleichen Sie die Ansätze und den zeitlichen Verlauf.
Hinweis zu Aufgabe c)
Welche Voraussetzung muss eine Zielzelle erfüllen?
Hinweis zu Aufgabe d)
Ordnen Sie jeden Hemmstoff einem Schritt der Proteinbiosynthese zu.Deuten: Beobachtungen oder Messergebnisse mit dem physikalischen Modell in Zusammenhang bringen und ihre Bedeutung angeben.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Östrogen ist lipophil und diffundiert durch die Zellmembran. In der Zelle bindet es an einen spezifischen Rezeptor. Der Hormon-Rezeptor-Komplex gelangt in den Zellkern und bindet dort an ein Hormon-Response-Element (HRE) vor dem Promotor des Zielgens. Als Transkriptionsfaktor erleichtert er die Bindung der RNA-Polymerase am Promotor; das Gen wird transkribiert, es entsteht mRNA.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Ohne Östrogen enthalten die Eileiterzellen zu keinem Zeitpunkt Ovalbumin-mRNA. Mit Östrogen steigt die mRNA-Menge nach 2 h an (8 Einheiten) und nimmt bis 24 h stark zu (100 Einheiten). Östrogen ist also Voraussetzung dafür, dass das Ovalbumin-Gen in diesen Zellen abgelesen wird; die Wirkung setzt mit Verzögerung ein und verstärkt sich mit der Zeit.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Muskelzellen enthalten dasselbe Genom wie Eileiterzellen, also auch das Ovalbumin-Gen. Sie bilden aber offenbar keinen passenden Östrogen-Rezeptor (bzw. das Gen ist dort z. B. durch Methylierung dauerhaft abgeschaltet). Ohne Hormon-Rezeptor-Komplex am HRE wird das Gen nicht transkribiert. Die Wirkung eines Hormons hängt also von der Ausstattung der Zelle ab — Ergebnis der Zelldifferenzierung.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Actinomycin D hemmt die RNA-Polymerase: Trotz Östrogen entsteht keine Ovalbumin-mRNA. Das belegt, dass Östrogen die Neusynthese der mRNA (Transkription) auslöst und nicht etwa vorhandene mRNA stabilisiert. Cycloheximid hemmt die Translation: Die mRNA-Menge bleibt fast gleich (96 statt 100), Ovalbumin entsteht aber kaum (2 statt 100). Die Östrogenwirkung auf die mRNA-Menge ist also unabhängig von der Translation; das Protein entsteht erst in einem zweiten Schritt an den Ribosomen. Östrogen wirkt damit auf der Ebene der Transkription.

2

Futter färbt das Fell

AFB II–III

Die Fellfarbe von Mäusen hängt u. a. vom Agouti-Gen ab, das in den Haarwurzeln die Bildung von gelbem Farbstoff steuert. Beim Mausstamm Avy liegt vor dem Agouti-Gen ein zusätzlicher DNA-Abschnitt, der als Promotor wirkt und reich an CpG-Stellen ist (M3). Ist dieser Abschnitt unmethyliert, wird das Agouti-Gen in allen Zellen ständig abgelesen: Die Mäuse sind gelb, stark übergewichtig und erkranken häufig an Diabetes. Ist er methyliert, entstehen braune, schlanke Mäuse; teilweise Methylierung ergibt gescheckte Tiere. In einem Versuch erhielten genetisch identische Avy-Weibchen vor und während der Trächtigkeit entweder Kontrollfutter oder Futter mit zusätzlichen Methylgruppen-Lieferanten (Folsäure, Vitamin B12, Cholin). Untersucht wurden die Nachkommen (M4, nach WATERLAND und JIRTLE 2003, Werte gerundet und vereinfacht).

M3Methylierungsgrad des zusätzlichen Promotors (Modellwerte)
Fellfarbe der Nachkommenmethylierte CpG-Stellen
gelb8 %
gescheckt45 %
braun86 %
M4Fellfarben der Nachkommen nach Futter der Mutter
0 %10 %20 %30 %40 %50 %424018Kontrollfutter184537methylgruppenreiches Futtergelbgeschecktbraun
Anteil der Nachkommen je Fellfarbe in Prozent.
  1. Beschreiben Sie die Ergebnisse in M4.
  2. Erklären Sie den Unterschied in der Fellfarbe zwischen gelben und braunen Mäusen auf molekularer Ebene (M3).
  3. Deuten Sie die Ergebnisse aus M4 unter Einbeziehung von M3.
  4. In einer Zeitschrift heißt es: „Die Agouti-Mäuse zeigen: Nicht die Gene, sondern die Ernährung der Mutter bestimmt, wie ihre Kinder aussehen.“ Beurteilen Sie diese Aussage.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie die Anteile jeder Fellfarbe zwischen beiden Futtergruppen.
Hinweis zu Aufgabe b)
Verbinden Sie Methylierung, Promotor und Transkription.
Hinweis zu Aufgabe c)
Was liefert das Futter, und was braucht die Methyltransferase?
Hinweis zu Aufgabe d)
Prüfen Sie, welche Rolle Gene und Umwelt im Versuch spielen, und achten Sie auf die Grenzen der Übertragbarkeit.Beurteilen: Zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Bei Kontrollfutter sind 42 % der Nachkommen gelb, 40 % gescheckt und 18 % braun. Bei methylgruppenreichem Futter sinkt der Anteil gelber Nachkommen auf 18 %, der Anteil brauner Nachkommen steigt auf 37 %; gescheckte Tiere nehmen leicht zu (45 %). Die Verteilung verschiebt sich also deutlich von gelb nach braun.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Bei gelben Mäusen ist der zusätzliche Promotor kaum methyliert (8 %). Transkriptionsfaktoren und RNA-Polymerase können binden, das Agouti-Gen wird ständig transkribiert und translatiert; es entsteht viel gelber Farbstoff. Bei braunen Mäusen sind 86 % der CpG-Stellen methyliert. Der Promotor ist für die Transkriptionsmaschinerie blockiert, das Agouti-Gen bleibt stumm, der gelbe Farbstoff fehlt. Die Basensequenz ist bei beiden gleich — der Unterschied ist epigenetisch.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Das Futter der Mütter enthielt zusätzliche Methylgruppen-Lieferanten. Offenbar standen den Methyltransferasen in den Embryonen mehr Methylgruppen zur Verfügung; der zusätzliche Promotor wurde bei mehr Nachkommen stärker methyliert. Nach M3 geht ein hoher Methylierungsgrad mit brauner Fellfarbe einher, deshalb steigt der Anteil brauner (und damit auch schlankerer) Nachkommen. Da alle Tiere genetisch identisch sind, ist der Unterschied auf eine umweltbedingte Veränderung des Methylierungsmusters zurückzuführen, die während der Embryonalentwicklung festgelegt und bei den Zellteilungen weitergegeben wurde.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Die Aussage ist in ihrer Ausschließlichkeit falsch. Richtig ist: Bei genetisch identischen Tieren hat die Ernährung der Mutter die Verteilung der Fellfarben deutlich verändert — über die Methylierung, also die Genexpression. Voraussetzung ist aber ein bestimmtes Gen (Agouti mit zusätzlichem Promotor); ohne dieses Allel gäbe es den Effekt nicht. Auch mit Spezialfutter blieben 18 % der Nachkommen gelb — die Ernährung verschiebt nur Wahrscheinlichkeiten. Merkmale entstehen also im Zusammenwirken von Genen und Umwelt. Zudem handelt es sich um einen Sonderfall bei Mäusen; eine Übertragung auf den Menschen ist ohne eigene Untersuchungen nicht zulässig. Fazit: Die Aussage überbewertet den Umwelteinfluss; zutreffend wäre „Die Ernährung der Mutter beeinflusst, wie stark bestimmte Gene der Kinder abgelesen werden.“