Rentiere auf einer Insel
AFB I–IIIIm Jahr 1944 setzte die US-Küstenwache 29 Rentiere auf der unbewohnten Insel St. Matthew Island aus, um eine Nahrungsreserve für die Besatzung einer Funkstation zu schaffen. Die Station wurde bald aufgegeben, die Rentiere blieben sich selbst überlassen (M1, M2).
| Jahr | Rentiere | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1944 | 29 | Aussetzung durch die US-Küstenwache |
| 1957 | 1350 | Tiere gut genährt, Flechtenteppiche dicht |
| 1963 | etwa 6000 | Tiere deutlich leichter als 1957 |
| 1966 | 42 | davon 41 Weibchen, kein Jungtier |
St. Matthew Island ist eine abgelegene Insel von gut 300 km² im Beringmeer. Große Raubtiere wie Wolf oder Bär fehlen, gejagt wurde nicht. Im Winter fressen Rentiere fast nur Flechten, die in diesem Klima nur wenige Millimeter pro Jahr wachsen. 1963 waren die Flechtenteppiche weitgehend abgeweidet. Der Winter 1963/64 war außergewöhnlich schneereich, der Schnee lag lange hoch.
- Beschreiben Sie die Entwicklung der Rentierpopulation (M1).
- Berechnen Sie die mittlere Zuwachsrate r und die Verdopplungszeit für die Zeiträume 1944–1957 und 1957–1963 unter Annahme exponentiellen Wachstums.
- Erklären Sie den Zusammenbruch der Population nach 1963 mithilfe von M2.
- Ein Mitschüler meint: „Die Entwicklung der Rentiere folgt dem logistischen Modell.“ Beurteilen Sie diese Aussage.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Von 1944 bis 1963 steigt die Zahl der Rentiere von 29 auf etwa 6000, also um mehr als das 200-Fache. Das Wachstum ist anfangs nahezu exponentiell. Zwischen 1963 und 1966 bricht die Population auf 42 Tiere zusammen, das sind weniger als 1 % des Höchststands; es gibt kaum noch Männchen und keine Jungtiere, sodass die Population praktisch nicht mehr lebensfähig ist.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
1944–1957: \(r = \tfrac{\ln(1350/29)}{13\,\text{a}} = \tfrac{3{,}84}{13\,\text{a}} \approx 0{,}30\) pro Jahr; \(t_d = \tfrac{0{,}693}{0{,}30} \approx 2{,}3\) Jahre. 1957–1963: \(r = \tfrac{\ln(6000/1350)}{6\,\text{a}} = \tfrac{1{,}49}{6\,\text{a}} \approx 0{,}25\) pro Jahr; \(t_d \approx 2{,}8\) Jahre. Die Zuwachsrate ist im zweiten Zeitraum etwas kleiner: Das Wachstum beginnt sich bei hoher Dichte bereits zu verlangsamen, passend zu den leichteren Tieren.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Ohne Fressfeinde und Jagd wuchs die Population weit über die Zahl hinaus, die die Insel dauerhaft ernähren kann. Die Winternahrung, Flechten, wächst nur wenige Millimeter pro Jahr und wurde schneller abgeweidet, als sie nachwuchs. Damit sank die Umweltkapazität selbst. Die geschwächten Tiere fanden im schneereichen Winter 1963/64 unter der hohen Schneedecke kaum Futter und verhungerten in großer Zahl. Überbevölkerung, zerstörte Nahrungsgrundlage und ein harter Winter wirkten zusammen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Die Aussage trifft nur für den Anfang zu. Bis etwa 1957 ähnelt der Verlauf dem Beginn einer S-Kurve (Anlauf- und exponentielle Phase), und von 1957 bis 1963 sinkt r leicht. Das logistische Modell sagt aber voraus, dass sich N einer konstanten Kapazität K von unten nähert und dort bleibt. Tatsächlich schoss die Population weit über die tragbare Zahl hinaus und brach dann zusammen. Gründe: Die Nahrung reagiert verzögert (Flechten verschwinden erst nach Jahren der Übernutzung), und K ist nicht konstant, weil die Rentiere ihre eigene Ressource zerstörten. Fazit: Für diesen Fall ist das logistische Modell ungeeignet; es gilt nur, wenn die Dichte ohne Verzögerung auf Geburten- und Sterberate zurückwirkt und die Ressourcen sich erneuern.
Bakterien im Kolben
AFB II–IIIIn der Mikrobiologie werden Bakterien häufig in geschlossenen Gefäßen angezogen. Eine solche Kultur durchläuft typische Wachstumsphasen (M3, M4).
| Zeit in h | Zellen je ml |
|---|---|
| 0 | 2,0 · 10⁶ |
| 1 | 2,1 · 10⁶ |
| 2 | 3,0 · 10⁶ |
| 3 | 6,0 · 10⁶ |
| 4 | 1,2 · 10⁷ |
| 5 | 2,4 · 10⁷ |
| 6 | 4,7 · 10⁷ |
| 7 | 8,5 · 10⁷ |
| 8 | 1,3 · 10⁸ |
| 9 | 1,6 · 10⁸ |
| 10 | 1,7 · 10⁸ |
| 12 | 1,7 · 10⁸ |
| 16 | 1,6 · 10⁸ |
| 20 | 9,0 · 10⁷ |
| 24 | 4,0 · 10⁷ |
100 ml Nährlösung mit Glucose und Aminosäuren werden mit dem Bodenbakterium Bacillus subtilis beimpft und bei 37 °C geschüttelt. Während des Versuchs wird nichts zugegeben und nichts entnommen außer den kleinen Proben. Der pH-Wert der Lösung sinkt von 7,0 zu Beginn auf 5,4 nach 24 Stunden.
- Ordnen Sie den Zeitabschnitten in M3 die Phasen des Populationswachstums zu.
- Bestimmen Sie die Verdopplungszeit und die Zuwachsrate r der Kultur in der exponentiellen Phase.
- Erläutern Sie mithilfe von M4 die Ursachen für den Verlauf ab 7 Stunden.
- Eine Arbeitsgruppe vermutet, dass die Nährstoffmenge die Höhe der stationären Phase bestimmt, nicht aber die Zuwachsrate. Entwickeln Sie ein Experiment zur Prüfung dieser Vermutung und geben Sie das erwartete Ergebnis an.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
0–2 h: Anlaufphase (die Zellzahl steigt kaum; die Bakterien stellen sich auf das Medium ein). 2–6 h: exponentielle Phase (Verdopplung in gleichen Zeitabständen). 6–10 h: Verzögerungsphase (der Zuwachs je Stunde nimmt ab). 10–16 h: stationäre Phase (etwa 1,7 · 10⁸ Zellen je ml). Ab 16 h: Absterbephase (die Zahl lebender Zellen sinkt).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Von 2 h bis 6 h verdoppelt sich die Zellzahl jede Stunde: 3,0 · 10⁶ → 6,0 · 10⁶ → 1,2 · 10⁷ → 2,4 · 10⁷ → 4,7 · 10⁷. Die Verdopplungszeit beträgt also \(t_d \approx 1\,\text{h}\) (60 min). Daraus folgt \(r = \tfrac{\ln 2}{t_d} \approx 0{,}69\) pro Stunde. Kontrolle: \(\ln(4{,}7 \cdot 10^7 / 3{,}0 \cdot 10^6) / 4\,\text{h} = \tfrac{2{,}75}{4\,\text{h}} \approx 0{,}69\) pro Stunde.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Ab etwa 7 h werden die Nährstoffe knapp, und Stoffwechselprodukte wie Säuren reichern sich an (pH-Abfall in M4). Die Teilungsrate sinkt, die Sterberate steigt: Der Zuwachs wird kleiner (Verzögerungsphase), bis sich Teilung und Absterben ausgleichen (stationäre Phase bei etwa 1,7 · 10⁸ Zellen je ml). Da im geschlossenen Kolben weder Nährstoffe nachgeliefert noch Abfallstoffe entfernt werden, verschlechtern sich die Bedingungen weiter; die Sterberate übersteigt die Teilungsrate, und die Zahl lebender Zellen sinkt ab 16 h (Absterbephase).
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Mehrere Kulturansätze mit gleicher Nährlösung, aber verschiedener Nährstoffkonzentration (z. B. halbe, einfache, doppelte Menge Glucose und Aminosäuren) werden mit gleich vielen Zellen beimpft; Temperatur, Volumen, Schütteln und Bakterienstamm bleiben gleich, jeder Ansatz wird mehrfach wiederholt. Stündlich wird die Zahl lebender Zellen bestimmt. Ausgewertet werden die Zuwachsrate r aus der exponentiellen Phase (Steigung von ln N) und die Zellzahl in der stationären Phase. Erwartung, wenn die Vermutung stimmt: gleiche Zuwachsrate in allen Ansätzen (die Nährstoffe sind anfangs nicht begrenzend), aber eine stationäre Phase, die mit der Nährstoffmenge ansteigt — bei doppelter Menge etwa doppelt so hoch.
