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AbituraufgabenNeuronale Verrechnung

Motoneurone, gereizte Fasern und Ausgangsfrequenzen — aus Messreihen zeitliche und räumliche Summation ableiten und die Rolle der Hemmung beurteilen.

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Summation am Motoneuron

AFB I–II

An einem Motoneuron im Rückenmark wird das Membranpotenzial am Axonhügel mit einer Mikroelektrode gemessen. Drei Nervenfasern, die auf das Motoneuron zulaufen, können einzeln gereizt werden: Die Fasern 1 und 2 bilden Synapsen an verschiedenen Dendriten, Faser 3 bildet eine Synapse am Zellkörper. M1 zeigt die Messungen, M2 eine ergänzende Messreihe.

M1Membranpotenzial am Axonhügel eines Motoneurons bei vier Reizprogrammen (vereinfachte Modellwerte)
−80−70−60−50−400255075100Membranpotenzial in mVZeit in msABCDSchwellenwertAP
A: Faser 1 einmal gereizt. B: Faser 1 dreimal im Abstand von 3 ms. C: Fasern 1 und 2 gleichzeitig je einmal. D: wie B, zusätzlich Faser 3 gleichzeitig mit der zweiten Reizung von Faser 1. Reizzeitpunkt jeweils 3 ms nach Beginn des Abschnitts. Das AP ist oben abgeschnitten (Spitze bei etwa +30 mV).
M2Größe des EPSP am Axonhügel in Abhängigkeit vom Ort der Synapse (vereinfachte Modellwerte)
Abstand der Synapse vom Axonhügel in µmEPSP am Ort der Synapse in mVEPSP am Axonhügel in mV
508,58,0
1508,55,4
3008,52,9
5008,51,2
Gleich große Synapsen an einem Dendriten; Messung mit zwei Elektroden.
  1. Beschreiben Sie die Messkurven A bis D in M1.
  2. Erklären Sie die Ergebnisse A bis C, indem Sie aus ihnen die zeitliche und die räumliche Summation ableiten.
  3. Erläutern Sie das Ergebnis D. Gehen Sie dabei auf die Art der Synapse von Faser 3 und auf die Vorgänge am Axonhügel ein.
  4. Werten Sie M2 aus und begründen Sie, warum Messung C trotz zweier Synapsen den Schwellenwert nicht erreicht.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Geben Sie für jeden Abschnitt den höchsten bzw. tiefsten Wert an.
Hinweis zu Aufgabe b)
In welchen Abschnitten wird dieselbe Faser, in welchen werden verschiedene Fasern gereizt?
Hinweis zu Aufgabe c)
Faser 3 senkt das Potenzial. Was geschieht an ihrer Postsynapse?
Hinweis zu Aufgabe d)
Berechnen Sie den Anteil, der vom EPSP am Axonhügel ankommt.Begründen: Sachverhalte auf Regeln, Gesetzmäßigkeiten bzw. kausale Zusammenhänge zurückführen und mit Argumenten stützen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Ruhepotenzial jeweils −70 mV. A: Nach dem Reiz steigt das Potenzial auf etwa −62 mV und fällt innerhalb von etwa 20 ms wieder ab (EPSP von rund 8 mV). B: Jeder der drei Reize hebt das Potenzial weiter an, bevor das vorige EPSP abgeklungen ist; nach der dritten Reizung wird der Schwellenwert von −50 mV erreicht, und es entsteht ein Aktionspotenzial bis etwa +30 mV mit anschließender Hyperpolarisation. C: Das Potenzial steigt auf etwa −55 mV, deutlich höher als in A, bleibt aber unter dem Schwellenwert. D: Wie in B steigt das Potenzial mehrmals an, erreicht jedoch nur etwa −55 mV; es entsteht kein AP.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

In B wird dieselbe Faser dreimal kurz hintereinander gereizt. Weil ein EPSP erst nach etwa 20 ms abgeklungen ist, trifft jedes neue EPSP auf den Rest des vorigen; die Potenziale addieren sich, bis der Schwellenwert am Axonhügel erreicht ist. Das ist zeitliche Summation. In C werden zwei verschiedene Fasern mit Synapsen an verschiedenen Stellen gleichzeitig gereizt. Ihre EPSP treffen gleichzeitig am Axonhügel ein und addieren sich zu einem größeren Ausschlag als in A. Das ist räumliche Summation. A dient als Vergleich: Ein einzelnes EPSP ist zu klein für ein AP.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Faser 3 bildet eine hemmende Synapse. Ihr Transmitter (z. B. Glycin im Rückenmark) öffnet ligandengesteuerte Cl⁻-Kanäle; Cl⁻ strömt ein, und es entsteht ein IPSP, eine Hyperpolarisation. Dieses IPSP breitet sich wie die EPSP elektrotonisch zum Axonhügel aus und trifft dort zeitgleich mit den EPSP der Faser 1 ein. Am Axonhügel werden alle PSP verrechnet: Die EPSP zählen positiv, das IPSP negativ. Die Summe bleibt deshalb unter dem Schwellenwert; die spannungsgesteuerten Na⁺-Kanäle des Axonhügels öffnen sich nicht in ausreichender Zahl, und das AP, das in B entstand, bleibt aus.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Am Ort der Synapse ist das EPSP stets 8,5 mV groß. Am Axonhügel kommen bei 50 µm noch 8,0 mV an (94 %), bei 150 µm 5,4 mV (64 %), bei 300 µm 2,9 mV (34 %) und bei 500 µm nur 1,2 mV (14 %). Das EPSP wird bei der elektrotonischen Ausbreitung also umso stärker abgeschwächt, je weiter die Synapse entfernt ist. In C addieren sich die EPSP beider Fasern (etwa 8 und 7 mV am Axonhügel) zu etwa 15 mV; bis zum Schwellenwert wären aber 20 mV nötig. Selbst zwei Synapsen direkt neben dem Axonhügel lieferten höchstens etwa 16 mV, weiter außen liegende Synapsen noch deutlich weniger. Für ein AP müssten deshalb mehr Synapsen gleichzeitig oder dieselben Synapsen wiederholt aktiv sein.

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Frequenz und Hemmung

AFB II–III

In einem Versuch an einem Hirnschnitt wird eine erregende Faser, die auf ein Neuron zuläuft, mit unterschiedlichen Frequenzen gereizt; gemessen wird, wie viele Aktionspotenziale das Neuron pro Sekunde bildet. In zwei weiteren Versuchsreihen wird gleichzeitig eine hemmende Faser gereizt (M3). M4 gibt eine Aussage zur Arbeitsweise von Nervenzellen wieder.

M3Ausgangsfrequenz eines Neurons bei Reizung einer erregenden Faser mit und ohne gleichzeitige Hemmung (vereinfachte Modellwerte)
02040608010012002550100150200AP-Frequenz des Neurons in HzReizfrequenz der erregenden Faser in Hzohne Hemmungmit Hemmung am Dendritenendemit Hemmung am Soma
Die hemmende Faser wurde mit konstant 50 Hz gereizt. Sie bildet GABA-Synapsen, entweder am Soma nahe dem Axonhügel oder am Ende eines Dendriten.
M4Aussage aus einem Lehrbuch-Forum

„Ein Neuron ist nichts anderes als ein Addierer: Es zählt alle eintreffenden Impulse zusammen. Ob eine hemmende Synapse am Soma oder weit draußen am Dendriten sitzt, spielt keine Rolle — es kommt nur darauf an, wie viele hemmende Impulse eintreffen.“

  1. Beschreiben Sie die Kurve „ohne Hemmung“ in M3.
  2. Erklären Sie, warum das Neuron bei Reizfrequenzen bis 25 Hz keine APs bildet, oberhalb davon aber mit steigender Frequenz immer häufiger feuert.
  3. Vergleichen Sie die beiden Kurven mit Hemmung und deuten Sie den Unterschied.
  4. Beurteilen Sie die Aussage in M4 anhand von M3 und Ihrer Kenntnisse.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Nennen Sie den Bereich ohne APs, den Beginn und den weiteren Verlauf mit Werten.
Hinweis zu Aufgabe b)
Wie groß ist der Abstand zwischen zwei Impulsen bei 25 Hz, wie groß bei 100 Hz?
Hinweis zu Aufgabe c)
Wo wird ein IPSP auf dem Weg zum Axonhügel stärker abgeschwächt?
Hinweis zu Aufgabe d)
Prüfen Sie beide Teile der Aussage getrennt: „nur Addierer“ und „Ort egal“.Beurteilen: Zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Bis zu einer Reizfrequenz von 25 Hz bildet das Neuron keine Aktionspotenziale. Ab 50 Hz feuert es (12 Hz); mit steigender Reizfrequenz nimmt die AP-Frequenz annähernd linear zu, auf 45 Hz bei 100 Hz, 80 Hz bei 150 Hz und 110 Hz bei 200 Hz. Die Ausgangsfrequenz bleibt stets unter der Reizfrequenz.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Jeder Impuls der erregenden Faser erzeugt ein EPSP, das allein unter dem Schwellenwert bleibt. Bei 25 Hz folgen die Impulse im Abstand von 40 ms; ein EPSP ist bis dahin weitgehend abgeklungen, es kommt kaum zu zeitlicher Summation, und der Schwellenwert wird nicht erreicht. Bei höheren Frequenzen (100 Hz: 10 ms Abstand) trifft jedes EPSP auf den Rest der vorigen; die EPSP summieren sich zeitlich, das Potenzial am Axonhügel steigt über den Schwellenwert. Je höher die Reizfrequenz, desto höher und länger liegt die Summe über dem Schwellenwert und desto schneller wird er nach jedem AP (nach der Refraktärzeit) wieder erreicht — die AP-Frequenz steigt. Das Ergebnis der Verrechnung wird so in eine Frequenz übersetzt.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Beide Hemmungen verringern die AP-Frequenz, aber unterschiedlich stark. Die Hemmung am Dendritenende senkt die Werte nur wenig (z. B. 38 statt 45 Hz bei 100 Hz); das Neuron feuert weiterhin ab 50 Hz. Die Hemmung am Soma verschiebt die Kurve deutlich: APs entstehen erst ab 100 Hz, und bei 200 Hz sind es nur 70 statt 110 Hz. Deutung: Die GABA-Synapsen erzeugen durch Cl⁻-Einstrom IPSP, die elektrotonisch zum Axonhügel laufen. Vom fernen Dendriten kommt nur ein kleiner Teil des IPSP am Axonhügel an, vom Soma dagegen fast das ganze. Das somatische IPSP wird deshalb stärker von der Summe der EPSP abgezogen; es werden mehr EPSP, also eine höhere Reizfrequenz, benötigt, um den Schwellenwert zu erreichen.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Richtig ist, dass ein Neuron eintreffende Signale zusammenrechnet: EPSP werden addiert, IPSP abgezogen, und nur bei Erreichen des Schwellenwerts entstehen APs. Die Aussage vereinfacht aber zu stark. Es werden nicht Impulse gezählt, sondern PSP verrechnet, die zeitlich überlappen müssen: Dieselbe Zahl von Impulsen führt bei niedriger Frequenz zu keinem AP (M3, bis 25 Hz). Außerdem wirkt die Verrechnung nicht linear, sondern mit Schwelle, und das Ergebnis erscheint als AP-Frequenz. Der zweite Teil ist durch M3 widerlegt: Bei gleicher Zahl hemmender Impulse (konstant 50 Hz) hemmt die Synapse am Soma viel stärker als die am Dendritenende, weil ihr IPSP auf dem kurzen Weg kaum abgeschwächt wird. Die Lage der Synapse spielt also eine wichtige Rolle. Insgesamt ist die Aussage nur im Kern zutreffend und in ihren Einzelheiten falsch.