Die 12 häufigsten Fehlkonzepte
Kern und Nuklid
1„Die Massenzahl zählt die Neutronen.“
Warum man das glaubt: In der Schreibweise taucht \(N\) nirgends auf. Wer eine Zahl für die Neutronen sucht, greift zur einzigen großen Zahl — und das ist \(A\).
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Reihenfolge beim Vergleichen: erst \(Z\), dann \(A\), zuletzt \(N=A-Z\) — nie raten.
2„A ist die Masse des Kerns — \(m=A\cdot u\) stimmt exakt.“
Warum man das glaubt: Die Größe heißt „Massenzahl“ — das Wort legt eine Masse nahe. Und die Näherung ist so gut, dass sie in Aufgaben fast immer trägt.
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\(38\cdot1{,}00728\,u+52\cdot1{,}00866\,u=38{,}277\,u+52{,}450\,u=90{,}73\,u\) — also \(0{,}8\,\%\) über \(90\,u\).
Real gemessen: \(\approx 89{,}9\,u\) — der Massendefekt zieht wieder nach unten. Beide Effekte wirken gegeneinander, deshalb ist \(m\approx A\cdot u\) auf zwei signifikante Stellen brauchbar, aber niemals „exakt“.
Ladung dagegen exakt: \(Q=38\cdot1{,}602\cdot10^{-19}\,\mathrm{C}=6{,}09\cdot10^{-18}\,\mathrm{C}\).
3„Gleiche Massenzahl heißt Isotope.“
Warum man das glaubt: „Isotop“ ist der einzige der drei Begriffe, den man ständig hört. Und beim Vergleich springt die große Zahl \(A\) zuerst ins Auge.
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Merkhilfen: Isotope = gleicher Platz im Periodensystem · Isobare von baros = Gewicht · Isotone — das n wie Neutronen.
Wichtig: Isotope sind chemisch praktisch gleich (Chemie hängt nur an der Hülle mit \(Z\) Elektronen), physikalisch aber verschieden — genau darauf beruht die C-14-Methode.
Zerfallsarten und Nuklidkarte
4„Beim \(\beta^-\)-Zerfall verlässt ein Hüllenelektron das Atom.“
Warum man das glaubt: Ein Elektron ist negativ. „Geht Negatives raus, muss die Kernladungszahl kleiner werden“ klingt zwingend — und Elektronen kennt man aus der Atomhülle. Es ist die häufigste Verwechslung des ganzen Kapitels.
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Doppelbilanz: oben \(137=137\), unten \(55=56+(-1)\) ✓
\(N\): von \(82\) auf \(81\) — Cs lag mit Neutronenüberschuss rechts vom Stabilitätsband, der Zug geht 1 Spalte nach links und 1 Zeile nach oben, also aufs Tal zu.
Allgemein: \({}^{A}_{Z}\mathrm{X}\longrightarrow{}^{A}_{Z+1}\mathrm{Y}+e^-+\bar{\nu}_e\)
5„Auch der \(\gamma\)-Übergang verschiebt den Kern auf der Nuklidkarte.“
Warum man das glaubt: Man merkt sich „Zerfall = Bewegung auf der Karte“ und verwechselt die Züge, weil alle drei diagonal aussehen. Dass \(\gamma\) überhaupt kein Nukleon anfasst, geht dabei unter.
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Beispiel: \({}^{226}_{\ 88}\mathrm{Ra}\rightarrow{}^{222}_{\ 86}\mathrm{Rn}+{}^{4}_{2}\mathrm{He}\); Bilanz \(226=222+4\) und \(88=86+2\).
Weil nur \(\alpha\) die Massenzahl ändert — und zwar um 4 — bleibt der Rest von \(A\bmod 4\) erhalten. Deshalb gibt es genau vier Zerfallsreihen, und kein Kern kann seine Reihe wechseln: \(226=4\cdot56+2\) → Uran-Radium-Reihe (\(4n+2\)).
„\(\Delta A\) zuerst“: \({}^{238}\mathrm{U}\rightarrow{}^{206}\mathrm{Pb}\): \(\Delta A=32\Rightarrow 8\,\alpha\); \(92-2\cdot8=76\), Ziel \(82\Rightarrow 6\,\beta^-\).
6„\(\alpha\)-Strahlung ist harmlos — ein Blatt Papier stoppt sie ja.“
Warum man das glaubt: Im Absorptionsversuch verschwindet der \(\alpha\)-Anteil tatsächlich schon hinter dem ersten Blatt Papier. „Abgeschirmt“ wird dann still zu „weg“ übersetzt.
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\(\alpha\)-Anteil \(1240-430=810\) · \(\beta\)-Anteil \(430-96=334\) · hinter dem Blei noch \(12\gg0{,}4\) → auch \(\gamma\) ist dabei.
10 cm Blei, \(d_{1/2}=12\,\mathrm{mm}\), \(I_0=800\,\tfrac1{\mathrm s}\): \(n=100/12=8{,}3\), \(I=800\cdot\left(\tfrac12\right)^{8{,}3}\approx2{,}5\,\tfrac1{\mathrm s}\) — rund das Sechsfache des Nulleffekts, also klar nachweisbar.
Zerfallsgesetz und Aktivität
7„Nach zwei Halbwertszeiten ist alles zerfallen.“
Warum man das glaubt: „Hälfte plus Hälfte ist ein Ganzes“ — der Bruch wird auf den Anfangsbestand bezogen statt auf den jeweils aktuellen.
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Messreihe: \(n_0=480\,\tfrac1{\mathrm s}\), \(T_{1/2}=150\,\mathrm s\). Nach 6 HWZ (\(900\,\mathrm s\)): \(480\cdot\left(\tfrac12\right)^{6}=480/64=7{,}5\,\tfrac1{\mathrm s}\) — weit über dem Nulleffekt von \(0{,}4\,\tfrac1{\mathrm s}\), also klar messbar.
Auch bei \(t=3{,}5\,T_{1/2}\) gilt \(\left(\tfrac12\right)^{3{,}5}\approx8{,}8\,\%\) — der Exponent darf krumm sein, linear interpolieren (9,4 %) ist der falsche Ansatz.
8„In jeder Halbwertszeit zerfällt dieselbe Anzahl Kerne.“
Warum man das glaubt: Man denkt in Differenzen statt in Faktoren. Im Alltag nimmt man ja auch „jedes Jahr 100 Euro“ ab — genau dieses Muster wird auf den Zerfall übertragen.
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Wer den Beitrag der ersten Halbwertszeit vervierfacht (\(4\cdot800=3200\)), erhält doppelt so viele Kerne, wie überhaupt vorhanden waren — ein guter Plausibilitätstest.
Formal: \(N(t)=N_0\cdot\left(\tfrac12\right)^{t/T_{1/2}}=N_0\cdot e^{-\lambda t}\) mit \(\lambda=\dfrac{\ln 2}{T_{1/2}}\). Halblogarithmisch aufgetragen wird daraus die Gerade \(\ln N=\ln N_0-\lambda t\) — steiler heißt größeres \(\lambda\) und damit kürzere Halbwertszeit.
9„Was das Zählrohr anzeigt, ist die Aktivität.“
Warum man das glaubt: Beide Größen tragen „pro Sekunde“ im Namen, und das Gerät zeigt nur eine einzige Zahl. Dass zwischen Quelle und Anzeige noch Geometrie, Nulleffekt und Totzeit stehen, sieht man der Anzeige nicht an.
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Schwache Bodenprobe: 96 Impulse in 60 s \(=1{,}6\,\tfrac1{\mathrm s}\); der Nulleffekt \(0{,}42\,\tfrac1{\mathrm s}\) sind bereits 26 % der Anzeige — ohne Abzug ist der Wert wertlos.
Echte Aktivität: \({}^{90}\mathrm{Sr}\), \(N=2{,}0\cdot10^{14}\), \(T_{1/2}=28{,}8\,\mathrm a\approx9{,}1\cdot10^{8}\,\mathrm s\) → \(\lambda=\dfrac{\ln2}{T_{1/2}}\approx7{,}6\cdot10^{-10}\,\mathrm{s^{-1}}\) → \(A=\lambda N\approx1{,}5\cdot10^{5}\,\mathrm{Bq}\approx153\,\mathrm{kBq}\). Für Bq muss \(\lambda\) in \(\mathrm{s^{-1}}\) stehen.
Messen und Spektren
10„Auch \(\alpha\)-Teilchen liefern ein kontinuierliches Band.“
Warum man das glaubt: Beide Diagramme heißen „Spektrum“ und werden gleich gelesen (Lage = Energie, Höhe = Häufigkeit). Dass die Form die Ursache verrät, übersieht man leicht.
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Feinstruktur eines \(\alpha\)-Strahlers: Linien bei \(5{,}49\,\mathrm{MeV}\) (Tochterkern im Grundzustand) und \(5{,}30\,\mathrm{MeV}\) (Tochterkern angeregt) → \(W_{\gamma}=5{,}49-5{,}30=0{,}19\,\mathrm{MeV}=190\,\mathrm{keV}\). Ein einziges Nuklid genügt also für \(\alpha\)- und \(\gamma\)-Linien.
Nie addieren: \(5{,}4+6{,}0\) MeV ergibt keine \(11{,}4\) MeV — jedes Teilchen gehört zu genau einer Gruppe, die höchste Einzelenergie ist \(6{,}0\) MeV.
11„Die Kanalnummer ist schon die Energie.“
Warum man das glaubt: Der Vielkanalanalysator liefert Zahlen, die wie Messwerte aussehen. Dass zwischen Kanal und Energie noch eine Kalibriergerade steht, sieht man dem Histogramm nicht an.
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\(m=\dfrac{6{,}00-4{,}20}{480-120}=\dfrac{1{,}80}{360}=0{,}0050\ \dfrac{\mathrm{MeV}}{\text{Kanal}}\) · \(b=4{,}20-0{,}0050\cdot120=3{,}60\,\mathrm{MeV}\)
Damit \(W(340)=0{,}0050\cdot340+3{,}60=5{,}30\,\mathrm{MeV}\). Kontrolle: \(0{,}0050\cdot480+3{,}60=6{,}00\) ✓
Rückwärts \(K=(W-b)\div m\) — erst \(b\) abziehen, dann teilen.
Häufigkeiten über die Flächen: \(2400/10\,000=24\,\%\) und \(7600/10\,000=76\,\%\). Fläche statt Höhe, weil ein breiterer Peak zwar niedriger, aber flächengleich ist.
12„Mehr Spannung heißt mehr Anzeige — und hohe Impulse heißen viel Energie.“
Warum man das glaubt: Am Gerät ist ein Regler, und die Anzeige steigt tatsächlich — nur nicht aus dem vermuteten Grund. Dahinter steckt die Grundfehlvorstellung, das Zählrohr sage etwas über die Qualität der Strahlung aus.
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Auflösung: \(W_{\text{Paar}}=3{,}6\,\mathrm{eV}\) in Silizium gegen \(30\,\mathrm{eV}\) im Zählgas → rund 8-mal mehr Ladungsträger. Bei \(1{,}0\,\mathrm{MeV}\): Gas \(N=3{,}3\cdot10^{4}\), \(1/\sqrt N\approx0{,}55\,\%\); Silizium \(N=2{,}8\cdot10^{5}\), \(1/\sqrt N\approx0{,}19\,\%\) — Peaks etwa dreimal schmäler. Länger messen hilft dabei nicht: das verbessert nur die Zählstatistik, nicht die Breite eines einzelnen Impulses.
