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Zeitkonstante aus Messwerten

Aus der Messreihe holen wir die Physik heraus: Durch Linearisierung und lineare Regression bestimmen wir die Zeitkonstante — und daraus Widerstand oder Kapazität.

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Warum ausgerechnet eine Exponentialfunktion?

Vor jeder Regression steht die Frage: Welcher Funktionstyp passt zur Messreihe aus 1.3.3? Ein hohes Bestimmtheitsmaß allein genügt nicht — die Wahl muss begründet werden.

  • Physikalisch:Je weniger Ladung noch da ist, desto kleiner der Strom, der sie abbaut — Änderung proportional zum Bestand → e-Funktion (1.3.2).
  • Quotiententest:gleiche Zeitschritte → gleiche Quotienten (bei einer Geraden: gleiche Differenzen).
  • Grenzverhalten:\(U\) nähert sich null, wird aber nie negativ.
Quotiententest an der Messreihe (Zeitschritt \(\Delta t = 2\,\mathrm s\))
\(t\) in s\(U\) in VDifferenz zum VorwertQuotient zum Vorwert
010,0——
26,5−3,5 V0,65
44,3−2,2 V0,66
62,8−1,5 V0,65
81,8−1,0 V0,64
101,2−0,6 V0,67

Die Differenzen schrumpfen, die Quotienten bleiben bei etwa 0,65: Alle zwei Sekunden bleiben rund 65 % übrig — typisch für eine Exponentialfunktion.

  • Gerade:nach etwa 17 s negative Spannung — unmöglich.
  • Parabel:hinter dem Scheitel stiege \(U\) wieder — ohne Nachladen unmöglich.
  • e-Funktion:nähert sich der Zeitachse, bleibt positiv — wie beobachtet.
Merke

Regressionswahl begründen: physikalisch (Änderung proportional zum Bestand), rechnerisch (Quotiententest), Grenzverhalten. Ein hoher \(r^2\)-Wert allein ist kein Argument.

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Warum man die Kurve linearisiert

Aus einer gekrümmten Kurve lässt sich \(\tau\) nur schätzen, aus einer Geraden eindeutig ablesen. Deshalb trägt man \(\ln U\) über \(t\) auf.

  • Keine feste Steigung:die Exponentialkurve ändert ihre Steigung überall.
  • Ausgleich von Hand schwierig:durch gekrümmte Punkte keine Ausgleichslinie mit dem Lineal.
  • τ steckt im Exponenten:\(\tau\) bestimmt nur die Krümmung — im Rohdiagramm nicht ablesbar.
Dieselbe Messreihe, zweimal aufgetragen
gemessen: U über t 10 5 0 U in V 0 2 4 6 8 10 t in s Die Steigung ist an jeder Stelle anders — kein Ablesewert. linearisiert: ln U über t 2,5 1,0 0 ln U 0 2 4 6 8 10 t in s Eine Gerade — und damit genau eine Steigung m. ln U bilden
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Vom Exponentialgesetz zur Geraden

Logarithmiert man die Entladegleichung, wird aus der Kurve eine Gerade:

Herleitung:

\(U=U_0\,e^{-\frac{t}{RC}}\)
| \(\ln\)
Das Entladegesetz aus 1.3.2.
\(\ln U=\ln U_0-\dfrac{1}{R\,C}\,t\)
| vergleichen
Logarithmieren macht aus dem Produkt eine Summe.
\(y=b+m\,t\)
| \(m\) ablesen
Geradengleichung mit \(y=\ln U\), \(b=\ln U_0\), \(m=-\tfrac{1}{RC}\).
\(\tau=R\,C=-\dfrac{1}{m}\)
Ergebnis
Aus der Steigung der Geraden folgt die Zeitkonstante.
  • Widerstand:\(R=\dfrac{\tau}{C}\)
Formel

Linearisierung

\(\ln U=\ln U_0-\dfrac{1}{RC}\,t\)
Das ist eine Geradengleichung \(y=b+m\,t\) mit Steigung \(m=-\dfrac{1}{\tau}\).
Merke

Zeitkonstante aus der Steigung: \(\tau=-\dfrac{1}{m}\)

So arbeitet LinReg: Die beste Gerade hat die kleinste Summe der quadrierten senkrechten Abstände. Lege sie selbst.

Ausgleichsgerade legen

Die Fehlerquadratsumme unten sagt, wie gut die Gerade zu den Messpunkten passt — kleiner ist besser. „Beste Gerade“ liefert den Wert, den auch der GTR berechnet.

linearisiert: ln U über t
Fehlerquadratsumme
–
Zeitkonstante τ = −1/m
–
Widerstand R = τ/C
–
Anfangsspannung U₀ = eb
–

Die Fehlerquadratsumme reagiert empfindlich auf die Steigung — genau die gesuchte Größe. In der Ansicht \(U\) über \(t\) erscheint dieselbe Gerade als e-Kurve.

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Am GTR zur Zeitkonstante und zum Widerstand

Der Taschenrechner bildet die Logarithmen und legt die Ausgleichsgerade durch alle Punkte zugleich — man muss ihm nur die richtigen Listen übergeben.

  • Messwerte eingeben: Zeiten in Liste L1, Spannungen in L2.
  • Neue Liste bilden: L3 = ln(L2).
  • Lineare Regression auf L1, L3 ausführen (LinReg / lineare Anpassung).
  • Die Steigung \(m\) ablesen — hier \(m\approx-0{,}21\,\tfrac{1}{\mathrm s}\).
  • Zeitkonstante: \(\tau=-\dfrac{1}{m}\approx4{,}7\,\mathrm s\); dann \(R=\dfrac{\tau}{C}\).
Das Steigungsdreieck in der ln-Geraden
Steigung ablesen: immer über einen großen Abschnitt Δ(ln U) = −1,28 Δt = 6,0 s 2,0 1,0 0 ln U 0 2 4 6 8 10 t in s m = Δ(ln U) : Δt = −1,28 : 6,0 s ≈ −0,2131s

Von der Steigung zum Widerstand

Regression liefert \(m=-0{,}213\,\tfrac{1}{\mathrm s}\), Kapazität \(C=1000\,\mu\mathrm F\).

Zeitkonstante\(\tau=-\dfrac{1}{m}=\dfrac{1}{0{,}213}\approx4{,}7\,\mathrm s\)
Widerstand\(R=\dfrac{\tau}{C}=\dfrac{4{,}7}{1000\cdot10^{-6}}\)
Ergebnis\(R\approx4{,}7\cdot10^{3}\,\Omega=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\) — passt zum eingebauten Widerstand.
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Denselben Versuch umgekehrt lesen: die Kapazität bestimmen

Meist ist \(R\) genau bekannt (±1 %), ein Elko dagegen nur auf ±20 %. Dann liefert derselbe Versuch die Kapazität \(C=\dfrac{\tau}{R}\).

Herleitung:

  • Ablesen:Halbwertszeit \(t_{1/2}\) am Diagramm ablesen.
\(t_{1/2}=\tau\cdot\ln 2\)
| : \(\ln 2\)
Zusammenhang aus 1.3.2.
\(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}\)
| : \(R\)
Nach der Zeitkonstante umgestellt.
\(C=\dfrac{\tau}{R}\)
Ergebnis
Mit bekanntem Widerstand liefert derselbe Versuch die Kapazität.
Formel

Kapazität aus der Entladekurve

\(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}\)
\(C=\dfrac{\tau}{R}\)
\(\ln 2\approx0{,}693\); \(t_{1/2}\) in s und \(R\) in Ω ergeben \(C\) in F.
Von der Halbwertszeit zur Kapazität
Halbwertszeit direkt aus der Messkurve ablesen 02468100246810 U in V t in s U₀ = 10,0 V U₀/2 = 5,0 V t₁/₂ ≈ 3,3 s τ = t₁/₂ : ln 2 ≈ 4,8 s C = τ : R ≈ 1,0 mF
Bei \(\dfrac{U_0}{2}\) waagerecht zur Kurve, dann senkrecht zur Zeitachse: \(t_{1/2}\).
Merke

Eine Messung, zwei Leserichtungen: Die Entladekurve liefert nur das Produkt \(\tau=R\cdot C\). Bekannt sein muss das zuverlässigere Bauteil.

Kapazität aus der Halbwertszeit

Abgelesen: \(U_0=10{,}0\,\mathrm V\), halber Wert \(5{,}0\,\mathrm V\) nach \(t_{1/2}=3{,}3\,\mathrm s\); eingebaut ist \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\).

Zeitkonstante\(\tau=\dfrac{t_{1/2}}{\ln 2}=\dfrac{3{,}3}{0{,}693}\approx4{,}8\,\mathrm s\)
Kapazität\(C=\dfrac{\tau}{R}=\dfrac{4{,}8}{4700}\)
Ergebnis\(C\approx1{,}0\cdot10^{-3}\,\mathrm F=1{,}0\,\mathrm{mF}=1000\,\mu\mathrm F\) — der Aufdruck wird bestätigt.
BewertungEine Abweichung von einigen Prozent ist normal: Elkos haben große Toleranzen, und \(t_{1/2}\) lässt sich nur auf etwa eine Zehntelsekunde genau ablesen.
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Die geflossene Ladung aus dem I-t-Diagramm

Bei konstantem Strom ist \(Q=I\cdot t\) (1.1.2) die Rechteckfläche unter der \(I\)-\(t\)-Linie. Beim Kondensator fällt \(I\) — die Ladung bleibt die Fläche unter der Kurve.

Die Ladung steckt in der Fläche
0369120,00,51,01,52,02,5t in sI in mAQ ≈ 8,8 mCt = 10 s
Aufladen mit \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), \(C=1000\,\mu\mathrm F\), \(U_0=10\,\mathrm V\): Die orange Fläche ist die Ladung der ersten zehn Sekunden.

Näherung: Fläche in schmale Streifen zerlegen; jeder Streifen ist ein Trapez (Mittelwert der Randströme mal Breite).

Formel
\(Q\approx\displaystyle\sum_{i}\dfrac{I_i+I_{i+1}}{2}\cdot\Delta t\)
\(Q_{\text{gesamt}}=C\cdot U_0\)

Oben die Streifenmethode, unten die Gesamtladung als Kontrolle. \(1\,\mathrm{mA}\cdot1\,\mathrm s=1\,\mathrm{mC}\).

Geflossene Ladung in den ersten zehn Sekunden

Messwerte im Abstand \(\Delta t=2\,\mathrm s\): \(2{,}13\;|\;1{,}39\;|\;0{,}91\;|\;0{,}59\;|\;0{,}39\;|\;0{,}25\) mA.

Randwerte halbierenInnere Werte zählen ganz, die beiden äußeren nur halb: \(\dfrac{2{,}13}{2}+1{,}39+0{,}91+0{,}59+0{,}39+\dfrac{0{,}25}{2}\)
Summe\(1{,}065+3{,}28+0{,}125=4{,}47\,\mathrm{mA}\)
Mit der Streifenbreite\(Q\approx4{,}47\,\mathrm{mA}\cdot2\,\mathrm s\approx8{,}9\,\mathrm{mC}\)
KontrolleInsgesamt fließen \(Q=C\cdot U_0=1000\,\mu\mathrm F\cdot10\,\mathrm V=10\,\mathrm{mC}\). Nach zehn Sekunden sind also rund 89 % davon angekommen — passend zu \(10\,\mathrm s\approx2{,}1\,\tau\).
BewertungDie Streifen liegen über der Kurve, weil sie deren Krümmung abschneiden. Der Näherungswert fällt deshalb etwas zu groß aus; mit \(\Delta t=0{,}5\,\mathrm s\) schrumpft die Abweichung von etwa 1,5 % auf unter 0,1 %.
Merke

Fläche statt Produkt: Ändert sich \(I\), tritt die Fläche unter dem \(I\)-\(t\)-Verlauf an die Stelle von \(I\cdot t\). Das Ergebnis darf \(C\cdot U_0\) nie überschreiten.

Streifenbreite und Endzeitpunkt sind wählbar; der exakte Wert wird mitgerechnet.

Ladung als Fläche

Aufladekurve für \(R=4{,}7\,\mathrm{k\Omega}\), \(C=1000\,\mu\mathrm F\), \(U_0=10\,\mathrm V\). Die Streifensumme nähert den exakten Flächeninhalt unter der Kurve an.

0369120,00,51,01,52,02,5t in sI in mA t = 10 s
Streifensumme–
exakter Wert–
Abweichung–
Anteil an \(C\cdot U_0\)–

Die Streifensumme liegt immer etwas über dem exakten Wert; halbe Streifenbreite viertelt ungefähr die Abweichung. Die 10 mC aus \(C\cdot U_0\) werden nie ganz erreicht.

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Allgemeine Hinweise

Diese Fehler liefern trotzdem schöne Geraden — nur eine Plausibilitätskontrolle deckt sie auf.

\(\lg U\) statt \(\ln U\)

Wird der Zehnerlogarithmus aufgetragen, ist die Steigung um \(\ln 10\approx2{,}30\) zu klein — \(\tau\) und \(R\) also um denselben Faktor zu groß. Die Punkte liegen trotzdem exakt auf einer Geraden; nur der Vergleich mit dem Bauteil-Aufdruck verrät den Fehler.

Kapazität in \(\mu\mathrm F\)

\(C\) muss in Farad eingesetzt werden, hier \(1000\,\mu\mathrm F=0{,}001\,\mathrm F\). Sonst liegt \(R\) um \(10^{6}\) daneben. Einheitenprobe: \(1\,\Omega\cdot1\,\mathrm F=1\,\mathrm s\).

Die Steigung sauber ablesen

Das Steigungsdreieck sollte mindestens die halbe Messdauer überspannen, hier also rund fünf Sekunden. Und das Minuszeichen in \(\tau=-\dfrac{1}{m}\) nicht vergessen — eine negative Zeitkonstante ist unmöglich.

Der häufigste Fehler: \(\lg U\) statt \(\ln U\)
Beide Punktreihen liegen perfekt auf einer Geraden — nur eine ist richtig 0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 0 2 4 6 8 10 t in s ln U bzw. lg U ln U aufgetragen · m = −0,2131s→ τ = 4,7 s ✓ lg U aufgetragen · m = −0,09241s→ τ = 10,8 s ✗
Beide Auftragungen sind tadellose Geraden — der Fehler steckt nur in der Achse. Bleib konsequent bei \(\ln\).

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