MINT lernen

Glühelektrischer Effekt

Ein glühender Draht gibt Elektronen ab: Wärme liefert die Austrittsarbeit, das Feld die Geschwindigkeit — so entsteht ein freier Elektronenstrahl.

1

Warum Elektronen das Metall nicht von allein verlassen

In einem Metall sind die äußeren Elektronen nicht an einzelne Atome gebunden, sondern bewegen sich frei zwischen den ortsfesten Atomrümpfen — deshalb leitet Metall den Strom so gut. Frei heißt aber nur: frei innerhalb des Metalls. An der Oberfläche hält das positive Gitter die Elektronen zurück; wer hinaus will, muss Arbeit gegen diese Anziehung verrichten.

  • Freie Elektronen:Im Metall beweglich, aber an der Oberfläche durch die Anziehung der Atomrümpfe gebunden.
  • Austrittsarbeit \(W_\text{A}\):Die Mindestenergie, die ein Elektron braucht, um die Metalloberfläche zu verlassen.
  • Größenordnung:Je nach Material etwa 2 eV bis 5 eV, also \(3\cdot10^{-19}\,\mathrm J\) bis \(8\cdot10^{-19}\,\mathrm J\).
  • Energiequelle:Diese Energie muss von außen kommen — durch Licht (Fotoeffekt) oder durch Wärme (glühelektrischer Effekt).
Merke

Austrittsarbeit: Die Austrittsarbeit \(W_\text{A}\) ist die Energie, die ein Elektron mindestens aufbringen muss, um aus der Metalloberfläche auszutreten. Sie ist eine Materialeigenschaft und wird meist in Elektronenvolt angegeben: \(1\,\mathrm{eV}=1{,}602\cdot10^{-19}\,\mathrm J\).

2

Der glühelektrische Effekt

Erhitzt man einen Metalldraht auf etwa 1000 °C bis 2500 °C, so wächst die ungeordnete Wärmebewegung der Elektronen stark an. Ein kleiner Teil von ihnen hat dann genug Energie, um die Austrittsarbeit zu überwinden und das Metall zu verlassen. Dieser Vorgang heißt glühelektrischer Effekt (auch Edison-Richardson-Effekt), der glühende Draht heißt Glühkathode.

  • Ursache:Thermische Energie ersetzt die fehlende Austrittsarbeit — nicht ein elektrisches Feld.
  • Temperatur:Je heißer die Kathode, desto mehr Elektronen treten je Sekunde aus; der Zusammenhang ist sehr steil.
  • Material:Wolfram, oft mit Oxidschicht, weil dadurch die Austrittsarbeit sinkt.
  • Vakuum:Nötig, damit die Elektronen nicht sofort mit Luftmolekülen zusammenstoßen — und damit der Draht nicht verbrennt.
  • Raumladungswolke:Ohne äußeres Feld bleiben die ausgetretenen Elektronen als negative Wolke dicht vor der Kathode und halten weitere Elektronen zurück.
Merke

Glühelektrischer Effekt: Wird ein Metall stark erhitzt, so treten Elektronen aus seiner Oberfläche aus, weil ihre thermische Energie die Austrittsarbeit übersteigt. Man erhält so im Vakuum freie Elektronen, die anschließend durch ein elektrisches Feld beschleunigt werden können.

3

Die Elektronenkanone: austreten und beschleunigen

Der glühelektrische Effekt liefert die Elektronen, das elektrische Feld gibt ihnen die Geschwindigkeit. Dazu stellt man der Glühkathode eine durchbohrte Anode gegenüber und legt zwischen beide die Beschleunigungsspannung \(U_\text{B}\). Die Elektronen werden zur Anode hin beschleunigt; ein Teil fliegt durch das Loch und bildet dahinter einen scharf gebündelten Elektronenstrahl.

Die Rechnung ist die bekannte Energiebilanz aus Kapitel 1.2.1: Die vom Feld verrichtete Arbeit \(W=e\,U_\text{B}\) steckt anschließend vollständig in der kinetischen Energie des Elektrons. Die kleine Startgeschwindigkeit aus der Wärmebewegung wird dabei vernachlässigt.

Merke

Geschwindigkeit nach dem Durchlaufen der Beschleunigungsspannung: Aus \(e\,U_\text{B}=\tfrac12 m\,v^{2}\) folgt \(\;v=\sqrt{\dfrac{2\,e\,U_\text{B}}{m}}\). Die Geschwindigkeit wächst also nur mit der Wurzel der Spannung — für die vierfache Geschwindigkeit braucht man die sechzehnfache Spannung.

Elektron in einer Elektronenkanone

Eine Glühkathode liefert Elektronen, die mit \(U_\text{B}=1{,}5\,\mathrm{kV}\) beschleunigt werden. Gegeben: \(e=1{,}602\cdot10^{-19}\,\mathrm C\), \(m_\text{e}=9{,}109\cdot10^{-31}\,\mathrm{kg}\).

Ansatz\(e\,U_\text{B}=\tfrac12 m\,v^{2}\)
Umstellen\(v=\sqrt{\dfrac{2\,e\,U_\text{B}}{m}}\)
Einsetzen\(v=\sqrt{\dfrac{2\cdot1{,}602\cdot10^{-19}\cdot1500}{9{,}109\cdot10^{-31}}}\)
Ergebnis\(v\approx2{,}3\cdot10^{7}\,\mathrm{\tfrac{m}{s}}\) — rund 8 % der Lichtgeschwindigkeit.
4

Was den Strom begrenzt

Die Anordnung aus Glühkathode und Anode ist zugleich die einfachste Elektronenröhre — eine Diode. An ihr lassen sich zwei Beobachtungen machen, die für das Verständnis wichtiger sind als jede Formel.

  • Einbahnstraße:Nur die geheizte Kathode gibt Elektronen ab. Polt man die Spannung um, fließt kein Strom — die Röhre leitet nur in einer Richtung.
  • Sättigungsstrom:Erhöht man \(U_\text{B}\) immer weiter, steigt der Strom nicht unbegrenzt: Irgendwann werden alle austretenden Elektronen abgesaugt. Mehr Strom gibt es dann nur über eine heißere Kathode.
  • Zwei getrennte Spannungen:Die Heizspannung bestimmt, wie viele Elektronen austreten, die Beschleunigungsspannung, wie schnell sie werden. Beide werden gern verwechselt.
Merke

Zwei Stellschrauben: Die Heizung steuert die Anzahl der freien Elektronen (Stromstärke), die Beschleunigungsspannung steuert ihre Energie (Geschwindigkeit). Im nächsten Unterkapitel kommt eine dritte Stellschraube dazu: die Ablenkspannung, die die Richtung bestimmt.

Zwei Regler, zwei Wirkungen: Die Kathodentemperatur bestimmt, wie viele Elektronen je Sekunde austreten, die Beschleunigungsspannung, wie schnell sie werden. Wird die Kennlinie flach, hilft nur noch Heizen.

Heizung oder Spannung?

Halte fest: Die Heizung legt den Sättigungsstrom fest, die Beschleunigungsspannung die Geschwindigkeit — ist die Kennlinie flach, bringt mehr Spannung mehr Tempo, aber kein einziges Elektron mehr.

Damit ist die Elektronenquelle fertig. Was mit dem Strahl danach geschieht — bündeln, ablenken, sichtbar machen — ist das Thema der Braunschen Röhre im nächsten Unterkapitel.

5

Allgemeine Hinweise

Tempo wächst mit der Wurzel

Aus \(e\,U_\mathrm{B}=\tfrac12 m v^{2}\) folgt \(v=\sqrt{\tfrac{2eU_\mathrm{B}}{m}}\). Doppelte Spannung gibt nicht doppelte Geschwindigkeit, sondern nur den Faktor \(\sqrt{2}\).

Heizen ist nicht Beschleunigen

Die Heizung legt fest, wie viele Elektronen austreten, die Beschleunigungsspannung, wie schnell sie werden. Ist die Kennlinie flach, hilft nur noch heißer heizen.

Erst kV in Volt umschreiben

Vor dem Einsetzen: \(1{,}5\,\mathrm{kV}=1500\,\mathrm{V}\), Masse in kg, Austrittsarbeit von eV in Joule mit \(1{,}602\cdot 10^{-19}\). Sonst stimmt die Zehnerpotenz von \(v\) nicht.

Videos