Textaufgaben im Abiturformat
Zwei Aufgaben im Abiturformat — mit Operatoren-Erklärung, gestuften Hinweisen und vollständigem Erwartungshorizont.
Ein gerader Stab steht schräg in einem mit Wasser gefüllten Glas. Von der Seite betrachtet scheint er an der Wasseroberfläche geknickt zu sein.
| Stoff | Brechzahl n |
|---|---|
| Luft | 1,00 |
| Wasser | 1,33 |
| Kronglas | 1,52 |
Alle Winkel werden zum Lot gemessen.
Beim Übergang von Wasser (n = 1,33) in Luft (n = 1,00) geht das Licht ins optisch dünnere Medium über. Es wird deshalb vom Lot weg gebrochen; der Brechungswinkel ist größer als der Einfallswinkel.
1,33 · sin 30° = 1,00 · sin β
sin β = 1,33 · 0,500 = 0,665
β = 41,7° — also deutlich größer als die 30° im Wasser, wie in Teil a) vorhergesagt.
Von jedem Punkt des untergetauchten Stabteils geht ein Lichtbündel aus. An der Wasseroberfläche wird es vom Lot weg gebrochen und läuft danach flacher weiter, als es unter Wasser lief.
Das Auge kann diese Brechung nicht „wissen“: Es nimmt an, das Licht sei geradlinig gekommen, und verlegt den Punkt auf die rückwärtige Verlängerung der ins Auge laufenden Strahlen. Diese Verlängerung trifft die Wasseroberfläche höher als der wirkliche Punkt liegt.
Jeder untergetauchte Punkt erscheint deshalb angehoben, die Punkte über Wasser dagegen nicht. Genau an der Wasseroberfläche springt die scheinbare Lage — der gerade Stab sieht geknickt aus. Aus demselben Grund wirkt ein Schwimmbecken flacher, als es ist.
In einem Lichtwellenleiter läuft Licht durch einen Kern aus Glas, der von einem Mantel aus Glas mit kleinerer Brechzahl umgeben ist. Das Licht bleibt dabei über Kilometer im Kern gefangen.
| Bauteil | Brechzahl n |
|---|---|
| Kern | 1,50 |
| Mantel | 1,46 |
Das Licht muss vom optisch dichteren in das optisch dünnere Medium laufen (nKern > nMantel), und der Einfallswinkel muss größer als der Grenzwinkel sein. Dann gibt es keinen gebrochenen Strahl mehr; das gesamte Licht wird zurückgeworfen.
sin αg = nMantel : nKern = 1,46 : 1,50 = 0,9733
αg = 76,7° — gemessen zum Lot, also nur rund 13° gegen die Faserachse. Alle flacher laufenden Strahlen bleiben im Kern gefangen.
Rein rechnerisch funktioniert der Vorschlag: Für Glas gegen Luft ist sin αg = 1,00 : 1,50 = 0,667, also αg = 41,8°. Der Grenzwinkel wäre sogar viel kleiner, es würden also mehr Strahlrichtungen totalreflektiert.
Praktisch ist der Vorschlag dennoch unbrauchbar. Totalreflexion setzt eine saubere, unberührte Grenzfläche voraus. Eine blanke Faser berührt an jedem Auflagepunkt Halterungen, Staub, Feuchtigkeit oder Fett — und überall dort ist das zweite Medium nicht mehr Luft. Dort tritt Licht aus, und das Signal wäre nach kurzer Strecke verloren. Der Mantel hält die optisch wirksame Grenzfläche dauerhaft im Inneren des Kabels, wo sie geschützt ist.
Der kleine Brechzahlunterschied hat zudem einen Vorteil: Nur sehr flach laufende Strahlen bleiben geführt. Dadurch sind die Laufwege aller Strahlen ähnlich lang, und ein Lichtimpuls wird auf langer Strecke weniger verschmiert — die Übertragungsrate steigt.