Der erste Versuch in der Physiksammlung
AFB IHerr K. holt ein Geiger-Müller-Zählrohr und ein schwaches Schulpräparat aus dem Schrank. Bevor er das Präparat auspackt, schaltet er das Zählrohr ein und misst 2 Minuten lang: Es registriert 36 Impulse. Anschließend legt er das Präparat vor das Zählrohr und misst 5 Minuten lang: Es registriert 1245 Impulse.
- Erläutern Sie, warum Herr K. zuerst ohne Präparat misst.
- Berechnen Sie die Nullrate, die Zählrate mit Präparat und die Nettozählrate, jeweils in \(\tfrac{1}{\text{s}}\).
- Begründen Sie, warum die Nettozählrate nicht die Aktivität des Präparats angibt.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Auch ohne Präparat treffen ständig Teilchen auf das Zählrohr: kosmische Strahlung, Strahlung aus Boden und Baustoffen sowie aus dem Körper selbst. Diese Impulse bilden den Nulleffekt. Herr K. muss ihn kennen, um ihn später von der Messung mit Präparat abziehen zu können – sonst schreibt er dem Präparat Impulse zu, die es gar nicht ausgesendet hat.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Nullrate: \(Z_{0}=\dfrac{36}{120\ \text{s}}=0{,}3\ \tfrac{1}{\text{s}}\).
Mit Präparat: \(Z=\dfrac{1245}{300\ \text{s}}=4{,}15\ \tfrac{1}{\text{s}}\).
Nettozählrate: \(Z_{\text{netto}}=4{,}15-0{,}3=3{,}85\ \tfrac{1}{\text{s}}\). Vom Präparat allein stammen also knapp vier Impulse pro Sekunde.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Das Präparat sendet seine Teilchen in alle Richtungen aus. Das Zählrohr steht aber nur an einer Stelle und fängt deshalb nur einen kleinen Bruchteil davon auf; zusätzlich wird ein Teil der Strahlung in der Luft und in der Rohrwand absorbiert. Die Nettozählrate ist damit stets deutlich kleiner als die Aktivität. Sie eignet sich gut zum Vergleichen zweier Präparate am selben Aufbau, ist aber kein Ersatz für die Aktivität in Becquerel.
Nebelkammer: Spuren lesen
AFB IIIn einer Nebelkammer steht ein Präparat, das gleichzeitig α-, β- und γ-Strahlung aussendet. Material M1 zeigt eine Fotografie der Kammer als Skizze: Man erkennt zwei deutlich verschiedene Sorten von Spuren.
- Beschreiben Sie, wie in einer Nebelkammer überhaupt eine sichtbare Spur entsteht.
- Ordnen Sie den Spurtypen A und B jeweils eine Strahlungsart zu und begründen Sie Ihre Entscheidung.
- Erläutern Sie, warum von der γ-Strahlung in M1 fast nichts zu sehen ist, obwohl das Präparat sie aussendet.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Die Kammer enthält übersättigten Alkoholdampf. Ein Strahlungsteilchen ionisiert auf seinem Weg die Gasatome; an den entstehenden Ionen kondensiert der Dampf zu winzigen Tröpfchen. Die Kette der Tröpfchen zeichnet die Bahn des Teilchens als feinen Nebelstreifen nach. Sichtbar ist also nicht das Teilchen selbst, sondern die Ionisationsspur, die es hinterlässt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Spurtyp A – α-Strahlung: kurz, dick und geradlinig. Das Alphateilchen ist schwer und zweifach positiv geladen, ionisiert deshalb sehr dicht (viele Tröpfchen dicht nebeneinander = dicke Spur) und hat seine Energie schon nach wenigen Zentimetern verbraucht (kurze Spur). Wegen seiner großen Masse wird es kaum abgelenkt.
Spurtyp B – β-Strahlung: lang, dünn und verschlungen. Das Betateilchen ist ein leichtes Elektron mit nur einfacher Ladung: Es ionisiert seltener (dünne Spur), kommt dadurch viel weiter und wird bei Stößen deutlich aus der Bahn geworfen (Zickzack).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
γ-Strahlung ist ungeladen und trägt keine Masse; sie tritt mit den Gasatomen nur selten in Wechselwirkung. Auf dem ganzen Weg durch die Kammer erzeugt ein γ-Quant deshalb nur vereinzelte Ionen – es entsteht keine zusammenhängende Tröpfchenkette, höchstens einzelne kurze Stücke. Genau diese geringe Ionisationsdichte ist auch der Grund, warum sich γ-Strahlung so schwer abschirmen lässt.
Filmdosimeter in der Röntgenpraxis
AFB IIIn einer Röntgenpraxis tragen alle Beschäftigten ein Filmdosimeter am Kittel. Es wird einmal im Monat eingeschickt und ausgewertet; die Schwärzung des Films wird in eine Dosis umgerechnet. Material M1 zeigt die Auswertung eines Halbjahres für zwei Mitarbeiterinnen.
| Monat | Jan | Feb | Mär | Apr | Mai | Jun |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Frau A (Anmeldung) | 0,00 | 0,00 | 0,01 | 0,00 | 0,00 | 0,01 |
| Frau B (am Gerät) | 0,22 | 0,19 | 0,25 | 0,20 | 0,21 | 0,23 |
- Erläutern Sie, auf welchem physikalischen Vorgang die Messung mit einem Filmdosimeter beruht.
- Berechnen Sie für Frau B die Jahresdosis, die bei gleichbleibender Belastung zu erwarten ist, und vergleichen Sie sie mit dem gesetzlichen Grenzwert von 20 mSv pro Jahr für beruflich strahlenexponierte Personen.
- Bewerten Sie die Aussage von Frau A: „Mein Dosimeter zeigt fast immer null – ich könnte es genauso gut weglassen.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Im Dosimeter steckt ein lichtdicht verpackter Film. Trifft ionisierende Strahlung auf die Fotoschicht, ionisiert sie dort Atome und löst dieselbe chemische Veränderung aus wie sonst das Licht. Beim Entwickeln wird der Film an diesen Stellen dunkel. Je mehr Strahlung eingewirkt hat, desto stärker die Schwärzung – der Film summiert also die Dosis über den ganzen Tragezeitraum und zeigt sie nicht sofort an.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Mittelwert: \(\dfrac{0{,}22+0{,}19+0{,}25+0{,}20+0{,}21+0{,}23}{6}=\dfrac{1{,}30}{6}\approx 0{,}217\ \text{mSv pro Monat}\).
Hochgerechnet: \(0{,}217\cdot 12\approx 2{,}6\ \text{mSv pro Jahr}\).
Das sind rund 13 % des Grenzwerts von 20 mSv. Frau B liegt damit deutlich darunter; die Schutzmaßnahmen der Praxis wirken. Zum Vergleich: Die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland beträgt ohnehin schon etwa 2 mSv pro Jahr.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Aussage ist nicht haltbar. Erstens ist gerade der Wert „null“ das Ergebnis, das gebraucht wird: Er belegt nachprüfbar, dass der Arbeitsplatz an der Anmeldung ausreichend abgeschirmt ist. Ohne Dosimeter gäbe es diesen Nachweis nicht. Zweitens wirkt das Dosimeter als Kontrolle für den Fall, dass sich etwas ändert – etwa eine defekte Abschirmung oder eine falsch eingestellte Anlage; ein plötzlicher Anstieg würde sofort auffallen. Ein Messgerät, das dauerhaft nichts anzeigt, hat seine Aufgabe also gerade erfüllt.
Warum lange messen? Zufall im Zählrohr
AFB IIEine Schülergruppe misst dasselbe Präparat fünfmal hintereinander, jeweils 20 Sekunden lang. Sie erhält die Impulszahlen 58, 71, 63, 55, 68. Eine zweite Gruppe misst dasselbe Präparat am selben Aufbau einmal über 300 Sekunden und erhält 951 Impulse. Die Nullrate beträgt in beiden Fällen \(Z_{0}=0{,}2\ \tfrac{1}{\text{s}}\).
- Begründen Sie, warum die fünf Messwerte der ersten Gruppe unterschiedlich ausfallen, obwohl sich am Aufbau nichts geändert hat.
- Berechnen Sie aus beiden Messreihen jeweils die Nettozählrate des Präparats und vergleichen Sie die Ergebnisse.
- Beurteilen Sie, welche der beiden Vorgehensweisen den zuverlässigeren Wert liefert.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Radioaktiver Zerfall ist ein Zufallsprozess: Für jeden einzelnen Kern lässt sich nur eine Wahrscheinlichkeit angeben, nicht der Zeitpunkt seines Zerfalls. In gleich langen Zeitabschnitten zerfallen deshalb nicht exakt gleich viele Kerne, und außerdem trifft nur ein zufälliger Teil der Teilchen das Zählrohr. Schwankungen von einigen Impulsen sind bei so kleinen Zahlen völlig normal und kein Zeichen für einen Fehler.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Erste Gruppe: \(58+71+63+55+68=315\) Impulse in \(5\cdot 20\ \text{s}=100\ \text{s}\), also \(Z=3{,}15\ \tfrac{1}{\text{s}}\) und \(Z_{\text{netto}}=3{,}15-0{,}2=2{,}95\ \tfrac{1}{\text{s}}\).
Zweite Gruppe: \(Z=\dfrac{951}{300\ \text{s}}=3{,}17\ \tfrac{1}{\text{s}}\), also \(Z_{\text{netto}}=3{,}17-0{,}2=2{,}97\ \tfrac{1}{\text{s}}\).
Beide Werte stimmen im Rahmen der Messgenauigkeit überein – die Abweichung beträgt weniger als ein Prozent.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Zuverlässiger ist die lange Messung. Bei rund 60 Impulsen fällt eine zufällige Abweichung von etwa 8 Impulsen mit gut 13 % ins Gewicht; bei 951 Impulsen macht dieselbe absolute Schwankung nur noch weniger als 1 % aus. Der relative Fehler wird also mit wachsender Impulszahl kleiner. Gleichwertig wäre es allerdings, die fünf kurzen Messungen zusammenzufassen – genau das ist in Teilaufgabe b) geschehen, und deshalb liegen beide Ergebnisse so dicht beieinander. Entscheidend ist nicht die Zahl der Messungen, sondern die Gesamtzahl der gezählten Impulse.
Was steckt in dem unbeschrifteten Präparat?
AFB IIIIm Sammlungsschrank findet sich ein Präparat, dessen Etikett unleserlich geworden ist. Um herauszufinden, welche Strahlungsarten es aussendet, schiebt eine Arbeitsgruppe nacheinander verschiedene Absorber zwischen Präparat und Zählrohr und misst jedes Mal 100 Sekunden lang. Material M1 zeigt die Messreihe. Die Nullrate wurde bereits abgezogen.
- Bestimmen Sie mithilfe von M1, welche Strahlungsarten das Präparat aussendet.
- Berechnen Sie, welchen Anteil jede Strahlungsart an der Nettozählrate ohne Absorber hat (in Prozent).
- Begründen Sie, warum auch hinter 3 cm Blei noch ein kleiner Wert gemessen wird – und warum daraus nicht folgt, dass die Messung fehlerhaft war.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Schon ein Blatt Papier senkt die Zählrate von 12,0 auf 4,5 – Papier hält nur α-Strahlung auf, also enthält das Präparat einen α-Anteil. Von 4,5 auf 0,6 fällt der Wert erst hinter 3 mm Aluminium; dieser Rückgang geht auf die β-Strahlung zurück. Was auch das Aluminium noch durchdringt und erst von Blei merklich geschwächt wird, ist γ-Strahlung. Das Präparat sendet demnach alle drei Strahlungsarten aus.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
α: \(12{,}0-4{,}5=7{,}5\ \tfrac{1}{\text{s}}\) → \(\dfrac{7{,}5}{12{,}0}=0{,}625=62{,}5\ \%\).
β: \(4{,}5-0{,}6=3{,}9\ \tfrac{1}{\text{s}}\) → \(\dfrac{3{,}9}{12{,}0}=0{,}325=32{,}5\ \%\).
γ: \(0{,}6\ \tfrac{1}{\text{s}}\) → \(\dfrac{0{,}6}{12{,}0}=0{,}05=5\ \%\).
Kontrolle: 62,5 % + 32,5 % + 5 % = 100 %.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
γ-Strahlung ist ungeladen und tritt nur selten mit Materie in Wechselwirkung. Blei schwächt sie deshalb stark, hält sie aber nie vollständig auf: Ein Teil der Quanten kommt immer durch. Der Wert 0,1 \(\tfrac{1}{\text{s}}\) ist damit physikalisch zu erwarten. Hinzu kommt, dass er aus nur etwa zehn Impulsen in 100 Sekunden stammt – bei so kleinen Zahlen sind Schwankungen groß, und auch die Nullrate ist nur näherungsweise bekannt. Ein Restwert in dieser Größenordnung spricht also nicht gegen die Messung, sondern bestätigt sie; ein Ergebnis von exakt null wäre eher verdächtig.
