Textaufgaben
In allen fünf Aufgaben steckt derselbe Vorgang: Ein Strahlungsteilchen schlägt ein Elektron aus einer Atomhülle. Einmal ist das die Grundlage einer Messung, einmal die Ursache eines Schadens, einmal die Erklärung dafür, warum Licht ungefährlich ist und Gammastrahlung nicht. Achte auf die Einheiten – Elektronenvolt, Megaelektronenvolt, Impulse pro Minute – und darauf, was ein Operator wie „begründen“ oder „beurteilen“ von dir verlangt. Zu jeder Teilaufgabe gibt es einen Hinweis und einen Erwartungshorizont — öffne den Erwartungshorizont erst, wenn du deine eigene Lösung aufgeschrieben hast.
Der Geigerzähler im Physikraum
AFB IIm Physikraum hält die Lehrerin ein Geiger-Müller-Zählrohr an ein schwaches Präparat. Sofort beginnt das Gerät zu knacken. Das Rohr ist mit Argon gefüllt; zwischen dem Draht in der Mitte (Pluspol) und dem Metallgehäuse (Minuspol) liegt eine Spannung von etwa 500 V. Ein Schüler fragt: „Woher weiß das Gerät, dass da Strahlung ist? Man sieht doch nichts.“
- Erkläre, was bei einer Ionisation mit einem Argon-Atom geschieht, und gib an, welche Ladung das Atom danach trägt.
- Beschreibe den Weg vom eintretenden Strahlungsteilchen bis zum Knacken im Lautsprecher. Verwende dabei die Begriffe Hochspannung, Elektronenlawine und Stromimpuls.
- Begründe, warum die vom Gerät angezeigte Impulsrate immer kleiner ist als die tatsächliche Zahl der Zerfälle im Präparat.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Das Strahlungsteilchen trifft auf die Hülle des Argon-Atoms und überträgt so viel Energie, dass ein Elektron seinen Platz verlässt und davonfliegt. Dem Atom fehlt nun eine negative Ladung, die positiven Ladungen des Kerns werden nicht mehr ausgeglichen: Das Atom ist ein positiv geladenes Ion. Der Kern selbst bleibt unverändert.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Die Strahlung tritt durch das dünne Fenster ins Rohr und ionisiert ein Argon-Atom: Ion und freies Elektron entstehen. Die Hochspannung zwischen Draht und Gehäuse beschleunigt das Elektron zum positiven Draht so stark, dass es unterwegs weitere Atome ionisiert – jedes neue Elektron wird wieder beschleunigt, es entsteht eine Elektronenlawine. Am Draht kommt dadurch ein messbarer Stromimpuls an; der Zähler springt um eins weiter und der Lautsprecher macht ihn als Knacken hörbar. Die positiven Ionen wandern zum Gehäuse, und das Rohr ist für den nächsten Impuls bereit.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Ein Präparat strahlt gleichmäßig in alle Richtungen. Das Zählrohr fängt mit seinem kleinen Fenster nur den Teil der Strahlung auf, der zufällig in seine Richtung fliegt – und auch davon wird nicht jedes Teilchen im Gas ionisieren. Gezählt werden außerdem nur Impulse, nicht Zerfälle. Antwortsatz: Die gemessene Impulsrate ist daher stets nur ein Bruchteil der tatsächlichen Zahl der Zerfälle, die Aktivität des Präparats ist größer als die Anzeige.
Ein Alphateilchen fliegt durch Luft
AFB IIRadium-226 sendet Alphateilchen mit einer Energie von \(E = 4{,}8\;\text{MeV}\) aus. In Luft kostet die Erzeugung eines Ionenpaars (positives Ion + freies Elektron) im Mittel \(W = 34\;\text{eV}\). Ein solches Alphateilchen kommt in Luft etwa \(s = 3{,}5\;\text{cm}\) weit; ein Betateilchen gleicher Energie dagegen mehrere Meter.
- Berechne, wie viele Ionenpaare das Alphateilchen auf seinem Weg insgesamt erzeugt, bis seine Energie aufgebraucht ist.
- Ermittle die mittlere Zahl der Ionenpaare pro Millimeter Flugstrecke und vergleiche sie mit dem Betateilchen, das auf 3 m Weg etwa dieselbe Zahl von Ionenpaaren erzeugt.
- Erkläre mit dem Zusammenhang zwischen Ionisationsvermögen und Reichweite, warum das Betateilchen so viel weiter kommt, obwohl es dieselbe Energie hat.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
\(E = 4{,}8\;\text{MeV} = 4\,800\,000\;\text{eV}\). Anzahl der Ionenpaare: \(N = \dfrac{E}{W} = \dfrac{4\,800\,000\;\text{eV}}{34\;\text{eV}} \approx 141\,000\).
Antwortsatz: Ein einziges Alphateilchen erzeugt rund 141 000 Ionenpaare, bevor es stehen bleibt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(s = 3{,}5\;\text{cm} = 35\;\text{mm}\), also \(\dfrac{141\,000}{35\;\text{mm}} \approx 4\,000\) Ionenpaare pro Millimeter.
Das Betateilchen verteilt dieselben rund 141 000 Ionenpaare auf \(3\;\text{m} = 3\,000\;\text{mm}\): etwa \(47\) pro Millimeter. Antwortsatz: Das Alphateilchen ionisiert auf jedem Millimeter fast hundertmal so dicht wie das Betateilchen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Jede Ionisation kostet das Teilchen Energie. Das Alphateilchen ist groß und zweifach positiv geladen; es trifft fast jedes Atom auf seinem Weg und gibt seine Energie deshalb in wenigen Zentimetern vollständig ab – großes Ionisationsvermögen, kleine Reichweite. Das Betateilchen ist ein leichtes, nur einfach geladenes Elektron; es ionisiert viel seltener, verliert seine Energie langsamer und kommt daher meterweit – kleines Ionisationsvermögen, große Reichweite. Antwortsatz: Ionisationsvermögen und Reichweite verhalten sich bei gleicher Energie genau umgekehrt zueinander.
Messreihe mit Absorbern
AFB IIEin unbekanntes Präparat wird vor ein Zählrohr gestellt. Nacheinander werden verschiedene Absorber zwischen Präparat und Zählrohr gebracht; die Ergebnisse zeigt Material M1. Zur Erinnerung: Ein Blatt Papier stoppt Alphastrahlung, einige Millimeter Aluminium stoppen Betastrahlung, Gammastrahlung wird durch Blei nur geschwächt.
Alle Werte sind Mittelwerte über je 10 Minuten. Der letzte Balken wurde ganz ohne Präparat gemessen – das ist die Nullrate aus der natürlichen Umgebungsstrahlung.
- Ermittle mit M1, welche Strahlungsarten das Präparat aussendet. Begründe jede Entscheidung mit den Messwerten.
- Berechne, welcher Anteil der vom Präparat verursachten Impulse auf Betastrahlung und welcher auf Gammastrahlung entfällt. Berücksichtige die Nullrate.
- Beurteile die Aussage eines Schülers: „Mit 5 cm Blei ist das Präparat vollständig abgeschirmt, dahinter kommt nichts mehr an.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Papier: 812 → 808 Impulse pro Minute, praktisch keine Änderung – es ist keine Alphastrahlung dabei (sie wäre vom Papier gestoppt worden). Aluminium: 808 → 310, ein starker Rückgang – das Präparat sendet Betastrahlung aus. Blei: 310 → 95, aber deutlich mehr als die Nullrate von 20 – es bleibt Strahlung übrig, die selbst 5 cm Blei durchdringt: Gammastrahlung. Antwortsatz: Das Präparat ist ein Beta- und Gammastrahler.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Nullrate abziehen: ohne Absorber \(812 - 20 = 792\) Impulse pro Minute stammen vom Präparat. Hinter dem Aluminium bleiben \(310 - 20 = 290\) – das ist der Gammaanteil. Der Betaanteil ist die Differenz \(792 - 290 = 502\).
\(\dfrac{502}{792} \approx 0{,}63\) und \(\dfrac{290}{792} \approx 0{,}37\). Antwortsatz: Rund 63 % der Impulse gehen auf Betastrahlung zurück, rund 37 % auf Gammastrahlung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Hinter dem Blei werden 95 Impulse pro Minute gezählt, davon sind nur 20 Nullrate. Es kommen also noch \(75\) Impulse pro Minute vom Präparat an – etwa ein Viertel der 290 Gamma-Impulse. Die Aussage ist daher falsch: Gammastrahlung besteht aus reiner Energie ohne Ladung, ionisiert selten und lässt sich deshalb nur schwächen, nie vollständig abschirmen. Dickeres Blei würde den Rest weiter verringern, aber nicht auf null bringen. Antwortsatz: 5 cm Blei halten die Betastrahlung vollständig, von der Gammastrahlung aber nur etwa drei Viertel zurück.
Radon im Keller
AFB IIIIn vielen Kellern sammelt sich das radioaktive Edelgas Radon, ein Alphastrahler, das aus dem Boden aufsteigt. Im Gewebe kommt ein Alphateilchen nur etwa \(0{,}05\;\text{mm}\) weit; die abgestorbene Hornschicht der Haut ist rund \(0{,}1\;\text{mm}\) dick. Ein Mieter beruhigt seine Familie: „Alphastrahlung ist harmlos, die hält doch schon ein Blatt Papier auf.“
- Erkläre mit den angegebenen Zahlen, warum Alphastrahlung, die von außen auf die Haut trifft, tatsächlich kaum Schaden anrichtet.
- Erläutere am Beispiel eines eingeatmeten Radon-Atoms, das in der Lunge zerfällt, die drei Ebenen der Strahlenwirkung: physikalisch, chemisch, biologisch.
- Nimm zu der Aussage des Mieters Stellung. Gehe dabei auf den Unterschied zwischen äußerer und innerer Bestrahlung ein.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Ein Alphateilchen dringt im Gewebe nur etwa 0,05 mm tief ein, die abgestorbene Hornschicht ist mit 0,1 mm aber doppelt so dick. Das Teilchen gibt seine gesamte Ionisationswirkung also in Zellen ab, die ohnehin tot sind; die lebenden Zellen darunter erreicht es nicht. Antwortsatz: Von außen bleibt Alphastrahlung in der Hornhaut stecken und ist deshalb nahezu harmlos.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Physikalische Ebene: Das Alphateilchen trifft in einer Lungenzelle ein Atom und schlägt ein Elektron aus der Hülle – das Atom wird zum positiven Ion. Findet es schnell wieder ein Elektron, bleibt der Vorgang folgenlos.
Chemische Ebene: Das ionisierte Atom sitzt in einem Molekül, zum Beispiel in der DNS. Das Molekül wird beschädigt; oft kann die Zelle es reparieren, sonst entstehen schädliche Stoffe, DNS-Schäden und Chromosomenbrüche.
Biologische Ebene: Bleibt der Schaden bestehen, kann die Zelle absterben oder entarten. Geschädigte Zellen werden meist ersetzt oder ausgeschieden; gelingt das nicht, drohen Früh- oder Spätschäden wie Lungenkrebs. Ob es dazu kommt, hängt von der Dosis und vom Zufall ab.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Der Mieter hat in einem Punkt recht: Wegen ihrer kleinen Reichweite lässt sich Alphastrahlung leicht abschirmen, und von außen richtet sie kaum Schaden an. Er übersieht aber, dass Radon ein Gas ist, das eingeatmet wird. Zerfällt es in der Lunge, gibt es die gesamte Ionisationswirkung – etwa 140 000 Ionenpaare pro Teilchen – direkt in lebenden Zellen ab, ohne schützende Hornschicht davor. Gerade das große Ionisationsvermögen, das Alphastrahlung außen harmlos macht, macht sie innen besonders gefährlich. Antwortsatz: Die Aussage gilt nur für äußere Bestrahlung; bei Radon im Keller ist die innere Bestrahlung entscheidend, deshalb ist Lüften bzw. Abdichten sinnvoll.
Warum eine Lampe nicht ionisiert
AFB IIIUm ein Molekül der Luft zu ionisieren, sind mindestens etwa \(12\;\text{eV}\) nötig (Ionisierungsenergie). Licht überträgt seine Energie in einzelnen Portionen, den Lichtquanten. Ein Quant sichtbaren Lichts trägt je nach Farbe \(1{,}6\) bis \(3{,}3\;\text{eV}\), ein Röntgenquant etwa \(50\,000\;\text{eV}\), ein Gammaquant von Cobalt-60 rund \(1{,}3\;\text{MeV}\). Eine helle Deckenlampe sendet pro Sekunde etwa \(10^{19}\) Lichtquanten aus.
- Entscheide für jede der drei Strahlungsarten, ob ein einzelnes Quant ein Luftmolekül ionisieren kann, und begründe mit einem Zahlenvergleich.
- Berechne, wie viele Quanten grünen Lichts (\(2{,}4\;\text{eV}\)) zusammen die Energie eines Gammaquants von Cobalt-60 hätten, und erkläre, warum sie trotzdem nicht gemeinsam ein Molekül ionisieren.
- Beurteile die Behauptung: „Eine 100-W-Lampe gibt viel mehr Energie ab als ein schwaches Gammapräparat – sie ist für den Körper deshalb gefährlicher.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Sichtbares Licht: höchstens \(3{,}3\;\text{eV} < 12\;\text{eV}\) – keine Ionisation möglich. Röntgenquant: \(50\,000\;\text{eV} \gg 12\;\text{eV}\) – ionisiert. Gammaquant: \(1{,}3\;\text{MeV} = 1\,300\,000\;\text{eV} \gg 12\;\text{eV}\) – ionisiert. Antwortsatz: Nur Röntgen- und Gammaquanten tragen genug Energie, um ein Luftmolekül zu ionisieren; sichtbares Licht ist keine ionisierende Strahlung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
\(1{,}3\;\text{MeV} = 1\,300\,000\;\text{eV}\); \(\dfrac{1\,300\,000\;\text{eV}}{2{,}4\;\text{eV}} \approx 540\,000\). Rund 540 000 grüne Lichtquanten enthalten zusammen so viel Energie wie ein einziges Gammaquant.
Trotzdem ionisieren sie nicht: Bei der Ionisation wird die Energie in einem einzigen Stoß von einem Quant auf ein Elektron übertragen. Die Quanten können ihre Energie nicht „ansparen“ – ein Lichtquant, dem die 12 eV fehlen, regt das Molekül höchstens kurz an oder erwärmt es, und die Energie ist danach für eine Ionisation verloren. Antwortsatz: Entscheidend ist die Energie pro Quant, nicht die Summe über viele Quanten.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Richtig ist, dass die Lampe insgesamt viel mehr Energie abgibt – 100 J pro Sekunde, das schwache Präparat nur einen winzigen Bruchteil davon. Über die Gefährlichkeit entscheidet aber nicht die Gesamtenergie, sondern ob die Strahlung ionisieren kann: Nur dann werden Moleküle in Zellen beschädigt, DNS-Brüche und Spätschäden möglich. Die Lichtquanten der Lampe bleiben unter 12 eV und erwärmen den Körper lediglich; jedes einzelne Gammaquant des Präparats dagegen erzeugt Tausende Ionenpaare im Gewebe. Antwortsatz: Die Behauptung ist falsch – die Lampe ist ungefährlich, weil ihre Quanten nicht ionisieren, das Gammapräparat ist trotz viel geringerer Energieabgabe das Risiko.
