Das Protokoll aus dem Cavendish-Labor
AFB I1897 untersucht J. J. Thomson in Cambridge Kathodenstrahlen. In einer luftleeren Glasröhre liegt zwischen zwei Elektroden eine hohe Spannung an; von der Kathode geht ein Strahl aus, der die gegenüberliegende Glaswand zum Leuchten bringt. Material M1 fasst vier Beobachtungen aus seinen Versuchen zusammen.
| Nr. | Beobachtung |
|---|---|
| 1 | Zwischen zwei geladenen Platten wird der Strahl zur positiv geladenen Platte hin abgelenkt. |
| 2 | Die Ablenkung ist sehr stark — viel stärker, als sie für ein Teilchen von der Masse eines Wasserstoffatoms sein dürfte. |
| 3 | Kathoden aus Kupfer, Aluminium und Eisen liefern Teilchen mit exakt denselben Eigenschaften. |
| 4 | Ein Stück Metall, aus dem solche Teilchen austreten, ist vorher und nachher nach außen elektrisch neutral. |
Aus der Richtung einer Ablenkung folgt das Vorzeichen der Ladung, aus ihrer Stärke die Masse des Teilchens.
- Nennen Sie zu jeder der vier Beobachtungen aus Material M1 die Folgerung, die Thomson daraus zog.
- Beschreiben Sie mit einer beschrifteten Skizze das Atommodell, das Thomson 1904 aus diesen Folgerungen entwickelte.
- Erläutern Sie, warum Daltons Vorstellung vom Atom als kleinster, unteilbarer Kugel nach diesen Versuchen nicht mehr haltbar war.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Beobachtung 1: Die Teilchen sind negativ geladen, denn sie werden von der positiven Platte angezogen.
Beobachtung 2: Die Teilchen sind sehr leicht — rund 2000-mal leichter als ein Wasserstoffatom, dem leichtesten bekannten Atom.
Beobachtung 3: Die Teilchen sind kein Bestandteil eines bestimmten Metalls, sondern stecken in jedem Atom. Thomson nannte sie Elektronen.
Beobachtung 4: Da das Metall trotz der enthaltenen negativen Elektronen neutral ist, muss im Atom ebenso viel positive Ladung vorhanden sein, die die negative ausgleicht.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Skizze: eine große Kugel, in der mehrere kleine Punkte verteilt sind. Beschriftung: Die Kugel trägt die positive Ladung und praktisch die gesamte Masse des Atoms; die Punkte sind die negativ geladenen Elektronen, sehr klein und sehr leicht, fest in der Kugel eingebettet. Es gibt keinen Kern und keine Bahnen. Die Zahl der Elektronen ist so groß wie die Zahl der positiven Ladungen, das Atom ist nach außen neutral. Name: Rosinenkuchenmodell (Teig = positive Kugel, Rosinen = Elektronen).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Dalton nahm an, Atome seien die kleinsten Bausteine der Materie und ließen sich nicht weiter zerlegen. Thomson holte jedoch aus Atomen Teilchen heraus, die etwa 2000-mal leichter sind als das leichteste Atom — sie können also nur ein Bruchstück des Atoms sein. Wer ein Bruchstück abtrennen kann, hat das Atom geteilt. Damit kann das Atom nicht unteilbar sein; es muss einen inneren Aufbau haben, den Daltons Modell nicht vorsieht. Daltons Aussagen über Masse und Verbindung von Atomen bleiben dabei gültig, nur die Unteilbarkeit fällt.
Drei Teilchen auf dem Prüfstand
AFB IIIm Rosinenkuchenmodell entscheidet allein der Vergleich zweier Anzahlen darüber, ob ein Teilchen geladen ist. Material M2 zeigt für drei Teilchen, wie viele positive Ladungen die Kugel trägt und wie viele Elektronen darin sitzen. Ladungen werden in Vielfachen der Elementarladung e gezählt.
| Teilchen | positive Ladungen der Kugel | Elektronen |
|---|---|---|
| A (Natrium) | 11 | 10 |
| B (Chlor) | 17 | 18 |
| C (Neon) | 10 | 10 |
Die positive Ladung der Kugel legt fest, um welches Element es sich handelt. Sie ändert sich nicht, wenn Elektronen hinzukommen oder fehlen.
- Bestimmen Sie für jedes der drei Teilchen die Gesamtladung und begründen Sie, welches davon ein Ion ist.
- Ein Aluminium-Teilchen (13 positive Ladungen) hat die Gesamtladung +3 e. Berechnen Sie die Anzahl seiner Elektronen.
- Ein Schüler behauptet: „Ein Kohlenstoff-Teilchen (6 positive Ladungen) kann jede Ladung von −6 e bis +7 e annehmen.“ Prüfen Sie die Behauptung.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
A: 11 − 10 = +1 e. B: 17 − 18 = −1 e. C: 10 − 10 = 0.
A und B sind Ionen, weil positive und negative Ladungen sich nicht ausgleichen: Bei A fehlt ein Elektron, die positive Ladung überwiegt (positives Ion); bei B ist ein Elektron zu viel, die negative Ladung überwiegt (negatives Ion). C ist ein neutrales Atom — es enthält zwar beide Ladungsarten, aber in gleicher Anzahl.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Elektronen = 13 − 3 = 10. Das Aluminium-Teilchen hat drei Elektronen abgegeben; die Kugel behält ihre 13 positiven Ladungen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Behauptung ist teilweise falsch. Nach oben ist die Ladung begrenzt: Entfernt man alle 6 Elektronen, bleibt die Kugel mit +6 e übrig — mehr positive Ladung als die Kugel selbst trägt, kann das Teilchen nicht haben. +7 e ist also unmöglich. Nach unten gibt das Modell keine so einfache Grenze vor: Zusätzliche Elektronen ergeben −1 e, −2 e usw. Ob sich beliebig viele Elektronen tatsächlich in der Kugel halten lassen, kann das Modell nicht beantworten — in der Realität stoßen sich zu viele Elektronen gegenseitig ab. Korrekt wäre: höchstens +6 e, negative Werte nur in ganzen Schritten.
Wie viel wiegt der Teig, wie viel die Rosinen?
AFB IIThomsons Elektronen sind nicht nur klein, sondern auch extrem leicht. Ein Elektron hat die Masse me = 9,1 · 10−31 kg, ein Proton, der Baustein der positiven Ladung, die Masse mp = 1,67 · 10−27 kg. Betrachtet wird ein neutrales Sauerstoffatom, dessen Kugel 8 positive Ladungen trägt (Material M3).
| Bestandteil | Anzahl | Masse je Teilchen |
|---|---|---|
| positive Ladungen (Protonen) | 8 | 1,67 · 10−27 kg |
| Elektronen | 8 | 9,1 · 10−31 kg |
Im Modell von 1904 besteht die Masse des Atoms nur aus diesen beiden Anteilen; Neutronen wurden erst 1932 entdeckt.
- Berechnen Sie die Masse des positiven Teils und die Masse aller Elektronen des Atoms.
- Bestimmen Sie, welchen Anteil die Elektronen an der Gesamtmasse des Atoms haben (in Prozent), und vergleichen Sie mit dem Massenverhältnis eines einzelnen Protons zu einem Elektron.
- Aus 1 g Sauerstoff werden alle Elektronen entfernt. Beurteilen Sie, ob man die Massenänderung mit einer Laborwaage (Genauigkeit 0,1 mg) nachweisen kann.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Positiver Teil: 8 · 1,67 · 10−27 kg = 1,336 · 10−26 kg.
Alle Elektronen: 8 · 9,1 · 10−31 kg = 7,28 · 10−30 kg.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Gesamtmasse: 1,336 · 10−26 kg + 0,000728 · 10−26 kg ≈ 1,3367 · 10−26 kg.
Anteil der Elektronen: 7,28 · 10−30 ÷ 1,3367 · 10−26 ≈ 5,4 · 10−4 = 0,054 %.
Vergleich: Ein Proton ist 1,67 · 10−27 ÷ 9,1 · 10−31 ≈ 1835-mal so schwer wie ein Elektron. Das Verhältnis ist im ganzen Atom dasselbe wie beim einzelnen Paar, weil beide Sorten in gleicher Anzahl vorkommen — die Elektronen bleiben in jedem Fall unter einem Zwanzigstel Prozent.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Die Elektronen machen 0,054 % der Masse aus. Von 1 g = 1000 mg fehlen nach dem Entfernen aller Elektronen 0,00054 · 1000 mg ≈ 0,54 mg.
Das ist mehr als die Genauigkeit der Waage (0,1 mg); die Änderung wäre also im Prinzip messbar — etwa fünf Skalenschritte. Einschränkend: Man müsste den Vergleich mit derselben Probe durchführen und Störungen wie Luftfeuchte ausschließen, die leicht größere Massenänderungen verursachen. Außerdem ließe sich eine Probe mit derart vielen fehlenden Elektronen wegen der enormen positiven Ladung gar nicht zusammenhalten. Der rechnerische Effekt ist also nachweisbar, das Experiment praktisch undurchführbar.
Drei Aussagen aus dem Physikkurs
AFB IINach der Stunde zu Thomsons Modell notieren drei Lernende ihre Zusammenfassung (Material M4). Alle drei verwenden Fachbegriffe richtig — und ziehen trotzdem falsche Schlüsse.
| Name | Aussage |
|---|---|
| Lena | „Die Elektronen kreisen im Rosinenkuchenmodell um die positive Kugel wie Planeten um die Sonne.“ |
| Ben | „Weil Elektronen fast nichts wiegen, kann man sie weglassen: Ein Atom ist praktisch eine positive Kugel.“ |
| Mira | „Da Elektronen negativ geladen sind, ist jedes Atom insgesamt leicht negativ.“ |
Jede Aussage enthält einen wahren Kern. Der Fehler steckt jeweils in der Folgerung.
- Prüfen Sie die drei Aussagen und formulieren Sie jeweils eine korrigierte Fassung.
- Reibt man einen Luftballon an den Haaren, lädt er sich negativ auf und die Haare positiv. Erklären Sie diesen Vorgang mit Thomsons Modell.
- Vergleichen Sie Daltons und Thomsons Atommodell in Bezug auf Teilbarkeit, elektrische Ladung und Verteilung der Masse.
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Lena: Falsch. Im Rosinenkuchenmodell gibt es keine Bahnen und keine Mitte, um die etwas kreisen könnte. Die Elektronen sitzen fest eingebettet in der positiven Kugel wie Rosinen im Teig. Kreisende Elektronen gehören zu späteren Modellen.
Ben: Für die Masse stimmt der Gedanke — über 99,9 % stecken im positiven Teil. Für die Ladung ist er falsch: Jedes Elektron trägt eine volle negative Elementarladung, und genau diese Ladungen machen das Atom neutral. Ohne Elektronen wäre das Atom ein stark positiv geladenes Ion. Korrigiert: Elektronen tragen kaum zur Masse, aber vollständig zur Ladungsbilanz bei.
Mira: Falsch. Die Kugel trägt genauso viele positive Ladungen, wie Elektronen darin sitzen. Beide heben sich nach außen exakt auf — das Atom ist neutral, nicht leicht negativ. Negativ wird es erst, wenn ein zusätzliches Elektron hinzukommt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Ballon und Haare bestehen aus neutralen Atomen: In jeder positiven Kugel sitzen genauso viele Elektronen wie positive Ladungen. Beim Reiben werden einige Elektronen aus den Atomen der Haare herausgelöst und wandern in das Material des Ballons. Die Atome der Haare haben nun weniger Elektronen als positive Ladungen — sie sind positive Ionen, die Haare insgesamt positiv. Die Atome des Ballons haben ein Elektron zu viel — sie sind negative Ionen, der Ballon insgesamt negativ. Das Modell erklärt den Vorgang, weil es bewegliche Ladungsträger (Elektronen) in einer festen positiven Umgebung vorsieht; Daltons Modell könnte ihn nicht erklären, da es keine Ladungen im Atom kennt.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Teilbarkeit: Dalton: Atome sind unteilbar. Thomson: Atome bestehen aus einer positiven Kugel und Elektronen, die sich abtrennen lassen — teilbar.
Ladung: Dalton: Atome sind ungeladene Kugeln ohne inneren Aufbau. Thomson: Atome enthalten positive und negative Ladung in gleicher Menge und sind deshalb nach außen neutral; durch Abgabe oder Aufnahme von Elektronen entstehen Ionen.
Masse: Dalton: Masse gleichmäßig über die Kugel verteilt. Thomson: Masse ebenfalls über die ganze Kugel verteilt, sie steckt aber fast vollständig im positiven Teil; die Elektronen tragen praktisch nichts bei.
Gemeinsam ist beiden: Atome sind kugelförmig, Atome eines Elements gleichen einander, und die Masse füllt die ganze Kugel — ein Kern kommt in keinem der beiden Modelle vor.
Ein Modell und seine Grenze
AFB IIIEin gutes Modell macht Vorhersagen, die man prüfen kann. Ernest Rutherford, ein ehemaliger Mitarbeiter Thomsons, plant 1909 einen Test: Er will sehr schnelle, positiv geladene Teilchen (α-Teilchen) auf eine hauchdünne Goldfolie schießen und beobachten, wie stark sie abgelenkt werden. Material M5 zeigt, was Thomsons Modell für ein einzelnes Goldatom erwarten lässt.
Weil die positive Ladung auf das ganze Atomvolumen verteilt ist, wirkt auf ein durchfliegendes Teilchen an jeder Stelle nur ein kleiner Teil der Gesamtladung.
- Begründen Sie mit Thomsons Modell, warum die drei Teilchen in Material M5 nur schwach abgelenkt werden — und warum das mittlere überhaupt nicht.
- Im Experiment beobachtet Rutherfords Team 1909 tatsächlich, dass fast alle Teilchen die Folie nahezu ungehindert durchdringen. Etwa eines von 8000 wird jedoch um mehr als 90° abgelenkt, einzelne fliegen sogar zurück. Beurteilen Sie, ob Thomsons Modell diesen Befund erklären kann.
- Nehmen Sie zu der Aussage Stellung: „Ein Modell, das schon nach sieben Jahren ersetzt wird, war ein Fehlschlag.“
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Im Rosinenkuchenmodell ist die positive Ladung gleichmäßig über die ganze Kugel verteilt. Ein Teilchen, das die Kugel durchquert, ist daher von allen Seiten von positiver Ladung umgeben: Die abstoßenden Kräfte von oben und unten heben sich weitgehend auf. Zusätzlich sind die negativen Elektronen zwischen den positiven Ladungen verteilt und schwächen die Abstoßung weiter. Übrig bleibt nur eine kleine Nettokraft — das obere Teilchen wird leicht nach oben, das untere leicht nach unten abgelenkt. Das mittlere Teilchen fliegt genau durch den Mittelpunkt: Für jede Ladung auf der einen Seite gibt es eine gleich große auf der anderen Seite, alle Kräfte heben sich vollständig auf, es wird nicht abgelenkt. Für kein Teilchen sagt das Modell eine starke Ablenkung voraus.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Die erste Hälfte des Befundes passt zum Modell: Dass fast alle Teilchen die Folie fast ungehindert durchdringen, ist genau die schwache Ablenkung aus Aufgabe a).
Die zweite Hälfte kann das Modell nicht erklären. Um ein schnelles Teilchen um mehr als 90° umzulenken oder gar zurückzuwerfen, braucht es eine sehr große abstoßende Kraft — also viel positive Ladung, die auf sehr kleinem Raum konzentriert ist. Bei Thomson ist die Ladung aber über das ganze Atom verschmiert, sodass an keiner Stelle eine große Kraft entsteht. Auch die Elektronen können nichts beitragen: Sie sind rund 7000-mal leichter als ein α-Teilchen und könnten es nicht einmal merklich ablenken. Dass gleichzeitig fast alle Teilchen durchkommen und wenige zurückgeworfen werden, deutet auf ein Atom, das überwiegend leer ist und dessen positive Ladung und Masse in einem winzigen Bereich sitzen. Urteil: Thomsons Modell scheitert an diesem Befund; Rutherford entwickelt 1911 daraus das Kern-Hülle-Modell.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Der Aussage ist zu widersprechen. Thomsons Modell war der erste Atomentwurf, der auf Messungen beruhte, und er erklärt bis heute Gültiges: dass Atome Elektronen enthalten, dass sie neutral sind, weil positive und negative Ladung sich ausgleichen, und dass Ionen durch Abgabe oder Aufnahme von Elektronen entstehen. Diese Bausteine hat Rutherford übernommen; er hat nur die Verteilung der positiven Ladung korrigiert.
Vor allem aber hat das Modell eine prüfbare Vorhersage gemacht (nur schwache Ablenkung). Erst diese Vorhersage machte Rutherfords Versuch zu einem Test, an dem etwas scheitern konnte. Ein Modell, das an einer klaren Beobachtung scheitert, hat seine Aufgabe erfüllt: Es zeigt, wo die nächste Frage liegt. Dass es ersetzt wurde, ist kein Fehlschlag, sondern der normale Weg der Physik — Modelle werden nicht bewiesen, sondern so lange verbessert, bis sie an neuen Beobachtungen scheitern.
Eine differenzierte Position könnte ergänzen: „Fehlschlag“ wäre das Modell nur gewesen, wenn es keine überprüfbaren Aussagen gemacht oder Bekanntes falsch beschrieben hätte. Beides trifft nicht zu.
