Aufgabenblock — AFB III
Beurteilen, begründen, Stellung nehmen: Formulieren Sie Ihre Antwort zuerst selbst, bevor Sie die Musterlösung aufklappen.
Beurteilen Sie die Aussage: „In einer ideal isolierten, verschlossenen Thermoskanne läuft eine exotherme Reaktion ab. Weil Wärme frei wird, nimmt die innere Energie des Inhalts ab.“
Hinweis: Welche Energieformen kann ein isoliertes System mit der Umgebung austauschen?
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Musterlösung: Die Aussage ist falsch. Ein isoliertes System tauscht weder Wärme noch Arbeit mit der Umgebung aus, also gilt \(Q=0\), \(W=0\) und nach dem ersten Hauptsatz \(\Delta U=Q+W=0\).
Die innere Energie bleibt konstant; sie wird nur umverteilt: Energie aus Bindungen (chemische Energie) wird in Bewegungsenergie der Teilchen umgewandelt, deshalb steigt die Temperatur. „Exotherm“ beschreibt, dass bei konstanter Temperatur Wärme an die Umgebung abgegeben würde — das geht erst, wenn die Kanne geöffnet wird bzw. die Wärme nach außen gelangen kann.
Begründen Sie, warum bei der Verbrennung von Kohlenstoff \(\ce{C(s) + O2(g) -> CO2(g)}\) die Werte von \(\Delta U\) und \(\Delta_r H\) praktisch gleich sind, bei \(\ce{2 H2(g) + O2(g) -> 2 H2O(l)}\) dagegen nicht.
Hinweis: Zählen Sie die Gasteilchen vor und nach der Reaktion.
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Musterlösung: Es gilt \(\Delta_r H=\Delta U+p\cdot\Delta V\). Bei der Kohlenstoffverbrennung entsteht aus \(1\,\mathrm{mol}\) Gas wieder \(1\,\mathrm{mol}\) Gas; das Volumen des festen Kohlenstoffs ist vernachlässigbar. Also ist \(\Delta V\approx0\) und \(\Delta U\approx\Delta_r H\).
Bei der Knallgasreaktion verschwinden \(3\,\mathrm{mol}\) Gas, das Volumen sinkt um etwa \(73\,\mathrm{L}\) (bei \(25\,{}^\circ\mathrm{C}\)). Die Umgebung verrichtet dabei rund \(7{,}4\,\mathrm{kJ}\) Arbeit am System, daher unterscheiden sich \(\Delta U\approx-564\,\mathrm{kJ}\) und \(\Delta_r H=-571{,}6\,\mathrm{kJ}\) deutlich.
Nehmen Sie Stellung zu der Behauptung: „Exotherme Reaktionen laufen immer sofort von selbst ab, endotherme nie.“
Hinweis: Denken Sie an ein Streichholz und an einen Kältepack.
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Musterlösung: Beide Teile sind falsch. Holz, Erdgas oder ein Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch reagieren stark exotherm, bleiben aber an der Luft lange unverändert. Erst ein Funke oder eine Flamme liefert die Aktivierungsenergie; danach hält die frei werdende Wärme die Reaktion in Gang.
Umgekehrt löst sich Ammoniumnitrat im Kältepack von selbst in Wasser, obwohl der Vorgang endotherm ist (\(\Delta_L H=+25{,}7\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)). Das Vorzeichen von \(\Delta_r H\) entscheidet also weder darüber, ob noch wie schnell ein Vorgang abläuft. (Welche Größe das Ablaufen tatsächlich entscheidet, ist kein Thema des Grundkurses.)
Im Schulversuch (Spiritusbrenner unter einem Becherglas) ergibt sich für Ethanol \(\Delta_c H\approx-1049\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\), der Tabellenwert ist \(-1367\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\). Beurteilen Sie die Messung, indem Sie mindestens vier Fehlerquellen nennen und ihre Richtung angeben, und entwickeln Sie zwei Verbesserungen.
Hinweis: Verfolgen Sie die Energie von der Flamme bis ins Wasser — und prüfen Sie, ob die Verbrennung so abläuft wie in der Tabelle angenommen.
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Musterlösung: Die Messung liefert nur rund 77 % des Tabellenwerts; der systematische Fehler ist also groß. Ursachen, die alle den Betrag verkleinern: (1) Ein großer Teil der Wärme erwärmt Luft, Glas und Stativ statt des Wassers. (2) Die Verbrennung am Docht ist unvollständig (Ruß, Kohlenstoffmonooxid), dadurch wird weniger Energie frei. (3) Das entstehende Wasser entweicht als Dampf — der Tabellenwert bezieht sich aber auf flüssiges Wasser (Brennwert). (4) Ethanol verdunstet unverbrannt vom Docht, die gewogene Massenabnahme ist größer als die verbrannte Masse.
Verbesserungen: Brenner und Gefäß mit einem Windschutz bzw. Kupferblech-Kamin umgeben und ein Metallgefäß verwenden (bessere Wärmeübertragung), die Wärmekapazität des Gefäßes mitberücksichtigen, den Brenner sofort nach dem Löschen verschlossen wiegen; am besten ein Verbrennungskalorimeter mit reinem Sauerstoff einsetzen.
Begründen Sie den Satz von Hess mit dem Energieerhaltungssatz. Gehen Sie von der Annahme aus, zwei Wege von denselben Edukten zu denselben Produkten hätten unterschiedliche Reaktionsenthalpien.
Hinweis: Was passiert, wenn man einen Weg hin- und den anderen zurückläuft?
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Musterlösung: Angenommen, Weg 1 liefert \(\Delta H_1\) und Weg 2 \(\Delta H_2\) mit \(\Delta H_1\ne\Delta H_2\). Man lässt die Reaktion auf Weg 1 ablaufen und kehrt sie auf Weg 2 um (Enthalpie \(-\Delta H_2\)). Danach liegen genau die Ausgangsstoffe wieder vor, das System ist im selben Zustand.
Trotzdem wäre insgesamt die Energie \(\Delta H_1-\Delta H_2\ne0\) ausgetauscht worden. Man könnte den Kreisprozess beliebig oft wiederholen und Energie „aus dem Nichts“ gewinnen — ein Widerspruch zum Energieerhaltungssatz. Also muss \(\Delta H_1=\Delta H_2\) gelten: Die Reaktionsenthalpie hängt nur von Anfangs- und Endzustand ab, nicht vom Weg.
In Tabellen steht \(\Delta_f H^\circ(\ce{O3(g)})=+142{,}7\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\) und \(\Delta_f H^\circ(\ce{C},\text{Diamant})=+1{,}9\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\), obwohl Ozon und Diamant nur aus einem Element bestehen. Erläutern Sie diesen scheinbaren Widerspruch und beurteilen Sie, welche Modifikation energetisch stabiler ist.
Hinweis: Lesen Sie die Definition der Standard-Bildungsenthalpie ganz genau.
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Musterlösung: \(\Delta_f H^\circ=0\) ist nur für Elemente in ihrem Standardzustand festgelegt, also in der unter Standardbedingungen stabilsten Form: Sauerstoff als \(\ce{O2(g)}\), Kohlenstoff als Graphit. Ozon und Diamant sind andere Modifikationen derselben Elemente.
Ihre Bildungsenthalpie ist die Enthalpie der Umwandlung aus dem Standardzustand: \(\ce{3/2 O2 -> O3}\) (\(+142{,}7\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)) bzw. Graphit → Diamant (\(+1{,}9\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)). Beide Werte sind positiv, also liegen Ozon und Diamant energetisch höher; \(\ce{O2}\) und Graphit sind die stabileren Modifikationen. Dass Diamant trotzdem nicht zu Graphit zerfällt, liegt an der extrem hohen Aktivierungsenergie.
Löst man Natriumhydroxid in Wasser, wird die Lösung heiß (\(\Delta_L H=-44{,}5\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)); bei Ammoniumnitrat kühlt sie ab (\(\Delta_L H=+25{,}7\,\mathrm{kJ\,mol^{-1}}\)). Erklären Sie den Unterschied mithilfe von Gitter- und Hydratationsenthalpie und skizzieren Sie für beide Salze ein qualitatives Enthalpiediagramm in Worten.
Hinweis: Das Lösen lässt sich gedanklich in zwei Teilschritte zerlegen.
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Musterlösung: Gedanklich wird zuerst das Ionengitter in freie Ionen zerlegt; dafür muss die Gitterenthalpie aufgewendet werden (\(\Delta_G H>0\), Pfeil im Diagramm nach oben). Dann lagern sich Wassermoleküle mit ihren Dipolen um die Ionen (Hydratation); dabei wird Energie frei (\(\Delta_{Hyd}H<0\), Pfeil nach unten). Nach Hess gilt \(\Delta_L H=\Delta_G H+\Delta_{Hyd}H\).
Bei Natriumhydroxid ist der Abwärtspfeil länger als der Aufwärtspfeil: Die Ionen in Lösung liegen tiefer als das Gitter, die Differenz wird als Wärme frei. Bei Ammoniumnitrat ist der Aufwärtspfeil länger: Das Endniveau liegt über dem Gitter, die fehlende Energie wird dem Wasser als Wärme entzogen, die Lösung kühlt ab.
Wasserstoff hat mit \(141{,}8\,\mathrm{MJ\,kg^{-1}}\) den höchsten Brennwert aller Treibstoffe (Octan: \(47{,}9\,\mathrm{MJ\,kg^{-1}}\)). Ein Liter Wasserstoffgas bei 700 bar enthält aber nur knapp \(6\,\mathrm{MJ}\), ein Liter Benzin rund \(35\,\mathrm{MJ}\). Bewerten Sie Wasserstoff als Autotreibstoff anhand von mindestens drei Kriterien.
Hinweis: Brennwert pro kg ist nur ein Kriterium — denken Sie an Tank, Herstellung und Abgase.
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Musterlösung: Energie pro Masse: Mit \(141{,}8\,\mathrm{MJ\,kg^{-1}}\) liefert Wasserstoff pro kg fast dreimal so viel Energie wie Octan — ein Vorteil, wo Masse zählt (Raketen, Lkw). Energie pro Volumen: Selbst bei 700 bar enthält ein Liter nur etwa ein Sechstel der Energie eines Liters Benzin; man braucht große, schwere Drucktanks. Klimabilanz: Bei der Verbrennung entsteht nur Wasser, kein \(\ce{CO2}\).
Allerdings wird Wasserstoff heute überwiegend aus Erdgas gewonnen; klimaneutral ist er nur, wenn die Elektrolyse mit Ökostrom erfolgt, wobei Energie verloren geht. Fazit: Wasserstoff ist als Treibstoff sinnvoll, wenn er „grün“ hergestellt wird und die Speicherprobleme gelöst sind — pro kg Brennwert allein ist kein ausreichendes Argument.
Erhöht man die Temperatur von \(20\,{}^\circ\mathrm{C}\) auf \(30\,{}^\circ\mathrm{C}\), steigt die mittlere Bewegungsenergie der Teilchen nur um etwa 3 %; viele Reaktionen laufen aber etwa doppelt so schnell. Erklären Sie diesen Befund mit der Energieverteilung der Teilchen und der Aktivierungsenergie.
Hinweis: Nicht alle Teilchen haben dieselbe Energie. Betrachten Sie den rechten Rand der Verteilungskurve.
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Musterlösung: Die Teilchen einer Stoffportion haben sehr unterschiedliche Energien; die Energieverteilung hat ein Maximum und läuft zu hohen Energien flach aus. Reagieren können nur Teilchen, deren Energie mindestens die Aktivierungsenergie \(E_A\) erreicht — das ist bei den meisten Reaktionen nur ein winziger Anteil am äußersten rechten Rand der Kurve.
Bei höherer Temperatur verschiebt sich die Kurve etwas nach rechts und wird flacher. Der Mittelwert steigt nur wenig, aber der Anteil der Teilchen oberhalb von \(E_A\) wächst überproportional, weil der flache Ausläufer sehr empfindlich auf die Verschiebung reagiert. Damit verdoppelt sich die Zahl der Teilchen, die genug Energie haben, und entsprechend häufig kommt es zur Reaktion.
Ein Mitschüler behauptet: „Der Katalysator im Auto liefert zusätzliche Energie, deshalb verbrennen Kohlenstoffmonooxid und Kohlenwasserstoffe dort vollständiger, und die Reaktion wird stärker exotherm.“ Widerlegen Sie die Behauptung mit einem Energiediagramm und dem Satz von Hess.
Hinweis: Vergleichen Sie Anfangs- und Endzustand mit und ohne Katalysator.
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Musterlösung: Mit und ohne Katalysator entstehen aus denselben Edukten (\(\ce{CO}\), \(\ce{O2}\)) dieselben Produkte (\(\ce{CO2}\)). Nach dem Satz von Hess ist \(\Delta_r H\) deshalb gleich; die Reaktion wird nicht stärker exotherm. Im Energiediagramm liegen Edukt- und Produktniveau an derselben Stelle, nur das Maximum ist mit Katalysator niedriger.
Der Katalysator liefert keine Energie und wird nicht verbraucht. Er ermöglicht einen anderen Reaktionsweg: Die Gase werden an der Platin-/Rhodium-/Palladiumoberfläche gebunden und reagieren über Zwischenstufen mit kleinerer Aktivierungsenergie. Deshalb reagiert bei der Abgastemperatur ein viel größerer Anteil der Moleküle — die Umsetzung wird schneller und damit vollständiger.
