Elektronenschub über den Ring
Induktive Effekte (5.3.3) wirken über σ-Bindungen und klingen nach wenigen Bindungen ab. Ist ein Substituent mit einem π-System konjugiert, verschiebt er Elektronen über Grenzstrukturen (5.4.2) durch das ganze System: der mesomere Effekt (M-Effekt).
- +M-Effekt:Ein freies Elektronenpaar am ersten Atom des Substituenten wird in den Ring geschoben: –O⁻, –NH₂, –OH, –OR, Halogene.
- −M-Effekt:Eine Mehrfachbindung vom ersten Atom zu einem elektronegativeren Atom zieht π-Elektronen aus dem Ring: –NO₂, –CHO, –COR, –COOH, –CN, –SO₃H.
- Verteilung:Ladungen treten in den Grenzstrukturen nur in ortho- und para-Stellung auf, nie in meta-Stellung.
Mesomere Effekte am Benzolring: +M: Elektronendichte in o- und p-Stellung erhöht · −M: Elektronendichte in o- und p-Stellung verringert
Lege Elektronenpaare Schritt für Schritt um: Klicke das orange markierte Elektronenpaar an (oder „Umlegen ▶“; Tastatur: Tab, Enter). Die gestrichelten Pfeile zeigen den nächsten Schritt. Die Ladungskarte rechts sammelt, wo im Ring Ladungen auftauchen.
Halte fest: Die Methoxygruppe schiebt ihr freies Elektronenpaar in den Ring (+M) — negative Ladung in o- und p-Stellung. Die Nitrogruppe zieht π-Elektronen aus dem Ring (−M) — positive Ladung in o- und p-Stellung. Die m-Stellung trägt in keiner Grenzstruktur eine Ladung.
Folgen für Säuren und Basen
- Phenol:pKs = 10,0, Ethanol ca. 16. Im Phenolat-Ion ist die negative Ladung über das O-Atom und drei Ring-C-Atome (o, p) delokalisiert — das Anion ist stabilisiert.
- Nitrophenole:4-Nitrophenol (pKs 7,2) ist saurer als 3-Nitrophenol (pKs 8,4): Nur aus der para-Stellung kann die Nitrogruppe (−M) die negative Ladung zusätzlich übernehmen.
- Anilin:pKB = 9,4, Methylamin 3,4. Das freie Elektronenpaar des N-Atoms ist in den Ring delokalisiert und steht für ein Proton kaum zur Verfügung.
- Konkurrenz:Bei –OH und –NH₂ überwiegt +M gegenüber −I. Bei Halogenen überwiegt −I (Ring elektronenärmer), +M bestimmt aber, wo die Elektronendichte am höchsten ist (o, p).
Zweitsubstitution: +M-Substituenten (außer Halogenen) erleichtern die elektrophile Substitution am Ring und lenken den Zweitsubstituenten in o-/p-Stellung; −M-Substituenten erschweren sie und lenken in m-Stellung.
Allgemeine Hinweise
M-Effekt braucht Konjugation
Liegt eine CH₂-Gruppe zwischen Ring und Substituent, ist die Konjugation unterbrochen — dann wirkt nur noch der I-Effekt.
Halogene sind Sonderfälle
−I und +M wirken gegeneinander: Chlorbenzol wird langsamer substituiert als Benzol, der Zweitsubstituent tritt aber trotzdem in o-/p-Stellung ein.
Freies Paar oder Mehrfachbindung?
Erstes Atom des Substituenten mit freiem Elektronenpaar → +M. Erstes Atom mit Mehrfachbindung zu einem elektronegativeren Atom → −M. Alkylgruppen: kein M-, nur +I-Effekt.
