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Übung AFB III

Zehn Aufgaben, in denen das Argument zählt — vom Winterreifen bis zum Proteinpulver.

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Aufgabenblock — AFB III

Beurteilen, planen, entwickeln: Hier zählt das fachliche Argument. Versuchen Sie jede Aufgabe erst selbst, bevor Sie die Musterlösung aufklappen.

A1
Benzoesäure als Kettenstopper
AFB III

Bei der Herstellung eines Polyesters aus Terephthalsäure und Ethan-1,2-diol schlägt ein Techniker vor, 0,5 % Benzoesäure (\(\ce{C6H5-COOH}\)) zuzusetzen, um die Schmelzviskosität gezielt einzustellen. Beurteilen Sie den Vorschlag.

Hinweis: Denken Sie an die Stöchiometrie der funktionellen Gruppen.

Strategie: Funktionelle Gruppen je Molekül zählen (6.1.4).Warum so? Nur bifunktionelle Moleküle verlängern die Kette an beiden Enden.
Lösungsskizze: Benzoesäure ist monofunktionell → verschließt ein Kettenende → kürzere Ketten, geringere Viskosität, gut steuerbar.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

Musterlösung: Benzoesäure trägt nur eine Carboxygruppe. Sie wird wie die Dicarbonsäure verestert, bietet danach aber keine weitere reaktive Gruppe: Das Kettenende ist verschlossen. Damit begrenzt sie den mittleren Polymerisationsgrad — je mehr Benzoesäure, desto kürzer die Ketten, desto geringer die Schmelzviskosität. Der Vorschlag ist chemisch sinnvoll, wenn die Menge genau dosiert wird: Ein Zuviel liefert zu kurze Ketten mit schlechter Festigkeit. Zusätzlich verschiebt die zusätzliche Säure das 1 : 1-Verhältnis der Gruppen.

A2
Reifen für den sibirischen Winter
AFB III

Für Winterreifen stehen zwei vernetzte Kautschukmischungen zur Wahl: Mischung A mit \(T_\text{g} = -55\,°\text{C}\), Mischung B mit \(T_\text{g} = -15\,°\text{C}\). Die Reifen sollen bei −40 °C noch haften. Entscheiden Sie sich begründet für eine Mischung.

Hinweis: Vergleichen Sie jeweils Gebrauchstemperatur und Glasübergangstemperatur.

Strategie: Gebrauchstemperatur mit \(T_\text{g}\) vergleichen (6.1.2).Warum so? Unter \(T_\text{g}\) sind die Kettensegmente eingefroren.
Lösungsskizze: Bei −40 °C liegt B unter T_g → glasartig hart; A bleibt gummielastisch.
Musterlösung anzeigen (zählt als erledigt)

Musterlösung: Gummielastisch ist ein Elastomer nur oberhalb von \(T_\text{g}\): Dann schwingen die Kettensegmente, das weite Netz verhindert das Fließen. Bei −40 °C liegt Mischung B unterhalb ihrer Glasübergangstemperatur — die Segmente sind eingefroren, der Reifen wird hart und spröde, er haftet schlecht und kann reißen. Mischung A liegt 15 K über \(T_\text{g}\) und bleibt elastisch. Entscheidung: Mischung A.

A3
Welcher Abbruch lag vor?
AFB III

Styrol wird mit einem Initiator polymerisiert, dessen Reste R ein Brom-Atom enthalten. Die Analyse zeigt: Nahezu jede Kette trägt zwei Br-haltige Endgruppen; C=C-Doppelbindungen sind in den Ketten praktisch nicht nachweisbar. Deuten Sie den Befund im Hinblick auf den Kettenabbruch.

Hinweis: Zählen Sie die Initiatorreste pro fertiger Kette.

Strategie: Beide Abbruchwege aufschreiben und die Endgruppen vergleichen (6.1.3).Warum so? Jede Kette beginnt mit genau einem Initiatorrest.
Lösungsskizze: Rekombination verbindet zwei Ketten → zwei R-Enden, keine C=C. Disproportionierung → je ein R-Ende, eine Kette mit C=C.
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Musterlösung: Jede wachsende Kette trägt am Anfang genau einen Rest R. Bei der Rekombination verbinden sich zwei Radikal-Enden zu einer Bindung — die entstehende Kette hat an beiden Enden einen Rest R, eine Doppelbindung entsteht nicht. Bei der Disproportionierung überträgt ein Radikal ein H-Atom auf das andere: Beide Ketten behalten nur einen Rest R, eine davon erhält eine C=C-Endgruppe. Der Befund (zwei Br-Endgruppen, keine C=C) spricht also für den Abbruch durch Rekombination.

A4
Kunststoff für die Spülmaschine
AFB III

Für einen Besteckkorb, der täglich in heißer, stark alkalischer Spülmaschinenlauge liegt, stehen PET, PA 6.6 und Polypropen zur Wahl. Beurteilen Sie die Eignung der drei Kunststoffe aus der Struktur ihrer Hauptkette.

Hinweis: Dieselbe Bindung, die das Recycling ermöglicht, ist im Alltag eine Schwachstelle.

Strategie: Verknüpfungsgruppe der Hauptkette bestimmen (6.1.5).Warum so? Ester- und Amidbindungen lassen sich durch Solvolyse spalten — das nutzt das rohstoffliche Recycling (6.1.6).
Lösungsskizze: PET, PA: hydrolyseempfindlich; PP: reine C–C-Kette, beständig.
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Musterlösung: PET ist ein Polyester: Hydroxid-Ionen spalten Esterbindungen (alkalische Hydrolyse), die Ketten werden kürzer, der Korb wird spröde. PA 6.6 enthält Amidbindungen, die heiße Lauge langsamer, aber ebenfalls hydrolysiert. Polypropen hat eine reine C–C-Hauptkette ohne Heteroatome; sie wird von Lauge nicht angegriffen. PP ist daher am besten geeignet (tatsächlich bestehen viele Spülmaschinenteile aus PP); zu prüfen bleibt nur, dass die Temperatur unter der Erweichung liegt.

A5
Verbundverpackung verwerten
AFB III

Eine Kaffeeverpackung besteht aus fest verklebten Schichten aus PET, Aluminium und PE. Bewerten Sie die drei Verwertungswege für diese Verpackung und entwickeln Sie eine Empfehlung für ein künftiges Verpackungsdesign.

Hinweis: Denken Sie an die Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes.

Strategie: Jeden Verwertungsweg an Sortenreinheit und Erhalt der Makromoleküle messen (6.1.6).Warum so? Werkstoffliches Recycling braucht sortenreine Thermoplaste.
Lösungsskizze: Werkstofflich kaum möglich, rohstofflich aufwendig, meist energetisch; besser: Monomaterial (z. B. nur PE/PP).
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Musterlösung: Werkstofflich: Die Schichten lassen sich nicht trennen, das Gemisch ergibt höchstens ein minderwertiges Rezyklat (Downcycling). Rohstofflich: Pyrolyse liefert aus PE Öl und Gas, PET und Aluminium stören; Solvolyse würde nur den PET-Anteil spalten. Energetisch: technisch einfach, aber der Kohlenstoff geht als CO₂ verloren, das Aluminium bleibt als Schlacke. Bewertung nach Abfallhierarchie: Für diese Verpackung bleibt meist nur die energetische Verwertung — ungünstig. Empfehlung: Monomaterialverpackung aus einem einzigen Polyolefin mit dünner Barriereschicht, damit werkstoffliches Recycling möglich wird.

A6
Asparaginsäure ausfällen
AFB III

Asparaginsäure (\(\mathrm{p}K_\mathrm{S}\)-Werte 1,88; 3,65 (Seitenkette); 9,60) liegt gelöst in einer schwach alkalischen Fermentationsbrühe vor. Planen Sie, wie man sie möglichst vollständig als Feststoff gewinnt, und begründen Sie den gewählten pH-Wert.

Hinweis: Nutzen Sie die Ladung in Abhängigkeit vom pH-Wert.

Strategie: Wo ist die Löslichkeit einer Aminosäure am geringsten (6.2.1)?Warum so? Am pI ist die mittlere Ladung null — Zwitterionen lagern sich zum Ionengitter zusammen.
Lösungsskizze: pI = (1,88 + 3,65) : 2 ≈ 2,8; mit Salzsäure ansäuern, kühlen, abfiltrieren.
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Musterlösung: Die ungeladene Zwitterionform liegt zwischen den beiden sauren Gruppen: \(\mathrm{pI} = (1{,}88 + 3{,}65) : 2 \approx 2{,}8\). In der alkalischen Brühe liegt Asp als Anion (Ladung −1 bis −2) vor und ist gut löslich. Vorgehen: unter Rühren Salzsäure zugeben, bis pH ≈ 2,8 (pH-Meter) erreicht ist; dann ist die Nettoladung null, die Hydratation durch Ionenladung fehlt, die Löslichkeit ist minimal. Kühlen, Niederschlag abfiltrieren, mit wenig kaltem Wasser waschen, trocknen. Zu viel Säure (pH < 2) würde wieder Kationen bilden und die Ausbeute senken.

A7
Werbeversprechen eines Proteinpulvers
AFB III

Ein Hersteller wirbt: „Unser Proteinpulver wird kalt verarbeitet — Erhitzen zerstört die wertvollen Aminosäuren.“ Beurteilen Sie die Aussage fachlich.

Hinweis: Welche Bindungen hält eine Strukturebene zusammen?

Strategie: Denaturierung und Hydrolyse unterscheiden (6.2.2).Warum so? Beim Erhitzen brechen nur nicht-kovalente Wechselwirkungen.
Lösungsskizze: Primärstruktur bleibt, Aminosäuren bleiben erhalten; der Nährwert ändert sich nicht.
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Musterlösung: Erhitzen denaturiert Proteine: Wasserstoffbrücken, Ionenbindungen und hydrophobe Wechselwirkungen brechen, Sekundär- bis Quartärstruktur gehen verloren. Die Peptidbindungen (Primärstruktur) bleiben erhalten — erst Enzyme oder stundenlanges Kochen mit Salzsäure spalten sie. Die Aminosäuren werden also nicht zerstört; der Körper verdaut das Protein ohnehin zu Aminosäuren, entfaltete Ketten sind für Proteasen sogar leichter zugänglich. Die Aussage ist fachlich falsch — sie verwechselt Denaturierung mit Zerstörung der Bausteine.

A8
Trehalose — ein unbekannter Zweifachzucker
AFB III

Trehalose ist α-D-Glucopyranosyl-(1→1)-α-D-glucopyranosid. Stellen Sie begründete Vermutungen auf, ob Trehalose a) die Fehling-Probe reduziert, b) Mutarotation zeigt und c) nach Säurehydrolyse Fehling-positiv ist.

Hinweis: Vergleichen Sie mit Maltose und Saccharose.

Strategie: Welche C-Atome sind gebunden, bleibt ein Halbacetal (6.2.4)?Warum so? Nur ein freies anomeres C-Atom erlaubt die Ringöffnung zur Aldehydform.
Lösungsskizze: Beide C1 gebunden → Vollacetal → a) nein b) nein c) ja (2 Glucose).
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Musterlösung: Die glykosidische Bindung verknüpft die beiden anomeren C1-Atome. Beide sind Teil eines Vollacetals; eine Halbacetal-OH-Gruppe gibt es nicht. a) Der Ring kann sich nicht öffnen, eine Aldehydgruppe entsteht nicht → Fehling negativ (wie Saccharose). b) Ohne Ringöffnung kein Wechsel zwischen α und β → keine Mutarotation. c) Säure spaltet das Acetal: \(\ce{C12H22O11 + H2O -> 2 C6H12O6}\); die freie Glucose reduziert Fehling → positiv.

A9
Baumwolle und Stärke
AFB III

Eine Schülerin argumentiert: „Stärke und Cellulose haben dieselbe Summenformel \(\ce{(C6H10O5)_n}\) und bestehen aus Glucose — also müsste sich ein Baumwoll-T-Shirt in heißem Wasser genauso lösen wie Stärke quillt.“ Prüfen Sie diese Argumentation.

Hinweis: Denken Sie an Helix und Faser.

Strategie: Die Stellung am anomeren C-Atom vergleichen (6.2.4).Warum so? Molekülgestalt bestimmt die Wechselwirkungen zwischen den Ketten.
Lösungsskizze: α-1,4 → Helix, locker, wasserzugänglich; β-1,4 → gestreckte Ketten, dichte H-Brücken-Bündel → unlöslich.
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Musterlösung: Die Summenformel sagt nichts über die Verknüpfung. In Amylose sind die Glucose-Einheiten α-1,4-verknüpft; die Kette windet sich zur Helix, zwischen den Ketten bleiben Lücken, Wasser kann eindringen (Quellen, Kleister). In Cellulose sind die Einheiten β-1,4-verknüpft, jede zweite ist gedreht; die gestreckten Ketten liegen parallel und sind über sehr viele Wasserstoffbrücken zu Fasern gebündelt. Wasser kann diese Bündel nicht aufbrechen. Der Schluss ist falsch: Gleiche Bausteine, aber andere Konfiguration am anomeren C-Atom führen zu völlig anderen Eigenschaften.

A10
Drei Fette, drei Schmelztemperaturen
AFB III

Tristearin (drei C18:0-Ketten) schmilzt bei 73 °C, Trielaidin (drei C18:1-trans-Ketten) bei 42 °C, Triolein (drei C18:1-cis-Ketten) bei etwa 5 °C. Entwickeln Sie eine Erklärung für diese Reihenfolge und erörtern Sie, warum teilgehärtete Fette ernährungsphysiologisch kritisch gesehen werden.

Hinweis: Nutzen Sie die cis/trans-Isomerie.

Strategie: Drei Schritte: Molekülgestalt → Packung → London-Kräfte (6.2.6).Warum so? Gleiche Kettenlänge — also muss die Gestalt den Unterschied machen.
Lösungsskizze: gestreckt > leicht geknickt (trans) > stark geknickt (cis); bei Teilhärtung entstehen trans-Fettsäuren.
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Musterlösung: Alle drei Fette haben gleich lange C18-Ketten; entscheidend ist die Gestalt. Gesättigte Ketten sind gestreckt, packen dicht, die London-Kräfte sind groß → höchste Schmelztemperatur. Eine trans-Doppelbindung knickt die Kette kaum; die Packung ist nur wenig gestört → mittlere Schmelztemperatur. Die cis-Doppelbindung erzeugt einen Knick, die Moleküle liegen locker, die Kräfte sind schwach → Triolein ist bei Raumtemperatur flüssig. Bei der Fetthärtung wird Wasserstoff an C=C addiert; bricht man vorher ab, lagern sich cis- teilweise in trans-Doppelbindungen um. Diese trans-Fettsäuren machen das Fett zwar fester, erhöhen aber nach heutigem Kenntnisstand das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen — deshalb gelten Grenzwerte.