Aufgabenblock — AFB III
Zehn Aufgaben zum Beurteilen, Planen und Entwickeln: Aussagen prüfen, Experimente entwerfen, Verfahren übertragen. Zu jeder Aufgabe gibt es Strategie, Lösungsskizze und eine Musterlösung.
In einem Werbetext heißt es: „Unser neuer Eisenkatalysator steigert die Ammoniakausbeute der Anlage um 20 %.“ Beurteilen Sie die Aussage aus chemischer Sicht.
Hinweis: Trennen Sie Kinetik und Gleichgewichtslage.
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Musterlösung: Wörtlich genommen ist die Aussage falsch: Ein Katalysator senkt die Aktivierungsenergie von Hin- und Rückreaktion um denselben Betrag, \(k_{\text{hin}}\) und \(k_{\text{rück}}\) wachsen um denselben Faktor, \(K = k_{\text{hin}} : k_{\text{rück}}\) bleibt gleich — die Gleichgewichtsausbeute bei gleichem Druck und gleicher Temperatur ändert sich nicht. Sinnvoll wird die Aussage in zwei Lesarten: (1) Da die Anlage das Gleichgewicht pro Durchgang gar nicht erreicht, liefert ein schnellerer Katalysator pro Durchgang und pro Stunde mehr NH₃. (2) Ist der Katalysator schon bei tieferer Temperatur aktiv, kann man die Anlage kälter fahren; weil die Synthese exotherm ist, steigt dann \(K\) und damit die mögliche Ausbeute. Die Werbung meint also Raum-Zeit-Ausbeute oder geänderte Bedingungen, nicht eine Verschiebung des Gleichgewichts.
Ein Mitschüler behauptet, in einer gesättigten Kochsalzlösung mit Bodenkörper „passiere nichts mehr“. Planen Sie ein Experiment, das das Gegenteil zeigt, und sagen Sie das Ergebnis voraus.
Hinweis: Achten Sie darauf, dass Ihr Nachweis die Konzentrationen nicht verändert.
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Musterlösung: Zu einer gesättigten NaCl-Lösung über Bodenkörper wird etwas festes, radioaktiv markiertes \(^{22}\ce{NaCl}\) gegeben; Temperatur konstant halten, umrühren. Nach einiger Zeit wird eine Probe der klaren Lösung abfiltriert und mit einem Zählrohr gemessen. Vorhersage: Die Lösung wird radioaktiv, obwohl sich ihre Konzentration nicht ändert (sie war bereits gesättigt) und die Masse des Bodenkörpers gleich bleibt. Deutung: Lösen und Auskristallisieren laufen ständig gleich schnell ab — markierte Ionen gehen in Lösung, dafür lagern sich ebenso viele unmarkierte an. Kontrollen: gleiche Temperatur, Blindprobe (Lösung ohne markierten Zusatz), Bodenkörper wiegen. Ergänzend: ein zerbrochener Kristall bildet im Laufe von Tagen wieder Kanten, ohne dass sich seine Masse ändert.
Schwefeltrioxid wird nach \(\ce{2 SO2(g) + O2(g) <=> 2 SO3(g)}\) mit \(\Delta_r H^\circ = -198\,\text{kJ/mol}\) hergestellt. Der Vanadiumoxid-Katalysator arbeitet erst ab etwa 420 °C; bei 450 °C liegt der Umsatz im Gleichgewicht schon bei Normaldruck über 97 %. Die Anlagen arbeiten mit Luftüberschuss, bei nur 1–2 bar, in mehreren Kontaktstufen mit Zwischenkühlung und Zwischenabsorption des SO₃. Beurteilen Sie die gewählten Bedingungen und vergleichen Sie mit dem Haber-Bosch-Verfahren.
Hinweis: Vergleichen Sie, wie gut die Lage jeweils ohne Druckerhöhung ist.
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Musterlösung: Temperatur: exotherm → \(K\) sinkt beim Erwärmen; tiefe Temperatur wäre für die Lage besser, aber unter 420 °C ist der Katalysator zu langsam → Kompromiss um 450 °C, wie bei Haber-Bosch. Druck: 3 → 2 Gasteilchen, Druckerhöhung würde nach rechts verschieben. Anders als bei der Ammoniaksynthese (nur rund 15 % NH₃ pro Durchgang) ist die Lage aber schon bei Normaldruck sehr günstig — teure Verdichter lohnen sich nicht. Luftüberschuss: Edukt O₂ im Überschuss → \(Q < K\) → mehr SO₃. Zwischenkühlung: Die Reaktionswärme heizt das Gas auf; Kühlen vor der nächsten Stufe erhöht \(K\) wieder. Zwischenabsorption: SO₃ wird entzogen (Produktentzug) → in der letzten Stufe fast vollständiger Umsatz (> 99,5 %). Gemeinsam: Katalysator bestimmt die Temperatur, Produktentzug statt Kreislauf bzw. zusätzlich zum Kreislauf. Unterschied: Druck ist bei Haber-Bosch nötig, beim Kontaktverfahren nicht.
Eine Schülerin erklärt die RGT-Regel so: „Bei 10 °C mehr bewegen sich die Teilchen schneller, stoßen doppelt so oft zusammen, und deshalb verdoppelt sich \(v\).“ Die Stoßzahl ist proportional zu \(\sqrt{T}\). Beurteilen Sie die Erklärung quantitativ für eine Erwärmung von 25 °C auf 35 °C.
Hinweis: Rechnen Sie mit absoluten Temperaturen.
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Musterlösung: Stoßzahl: \(\sqrt{308\,\text{K} : 298\,\text{K}} \approx 1{,}017\) — die Teilchen stoßen nur etwa 1,7 % häufiger. Das erklärt keine Verdopplung. Entscheidend ist die Energieverteilung (Maxwell-Boltzmann): Beim Erwärmen wird sie flacher und breiter, der Anteil der Teilchen mit \(E \geq E_A\) im Ausläufer rechts wächst überproportional — bei typischen Aktivierungsenergien um 50 kJ/mol etwa auf das Doppelte. Die Erklärung der Schülerin nennt also den richtigen Effekt (schnellere Teilchen), gewichtet aber falsch: Die Zahl der Stöße ändert sich kaum, ihr Anteil mit ausreichender Energie dagegen stark.
Zwei Nachbarn werfen Äpfel über den Zaun: Jeder wirft in jeder Minute einen festen Anteil der Äpfel, die gerade in seinem Garten liegen, hinüber — Nachbar A 30 %, Nachbar B 10 %. Zu Beginn liegen alle 100 Äpfel bei A. Nach einiger Zeit ändern sich die Anzahlen nicht mehr (25 bei A, 75 bei B). Bewerten Sie das Modell für das chemische Gleichgewicht.
Hinweis: Nennen Sie Entsprechungen und Grenzen.
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Musterlösung: Entsprechungen: Äpfel in den Gärten ↔ Konzentrationen von Edukt und Produkt; Äpfel pro Minute ↔ Reaktionsgeschwindigkeit; Wurfanteil ↔ Geschwindigkeitskonstante. Die Wurfrate hängt von der Zahl der Äpfel ab — wie \(v\) von \(c\). Das Modell zeigt: Im Endzustand werfen beide gleich viele Äpfel (\(0{,}30 \cdot 25 = 0{,}10 \cdot 75 = 7{,}5\) pro Minute) — Gleichgewicht mit \(v_{\text{hin}} = v_{\text{rück}} \neq 0\); die Anzahlen sind konstant, aber verschieden; das Verhältnis \(75 : 25 = 3 = 0{,}30 : 0{,}10\) entspricht \(K = k_{\text{hin}} : k_{\text{rück}}\); startet man mit allen Äpfeln bei B, stellt sich derselbe Endzustand ein. Grenzen: Es gibt keine Stöße zwischen Teilchen und keine Energieverteilung; Koeffizienten ≠ 1 (Exponenten im MWG), Temperatur- und Katalysatoreffekte lassen sich nur künstlich einbauen (beide werfen schneller = Katalysator). Fazit: gutes Modell für Dynamik und Konstanz, nicht für die Teilchenebene.
Ein Abwasser enthält giftige \(\ce{Ba^2+}\)-Ionen. Der Grenzwert liegt bei \(1{,}0 \cdot 10^{-7}\,\text{mol/L}\). \(K_L(\ce{BaSO4}) = 1{,}1 \cdot 10^{-10}\,\text{mol}^2/\text{L}^2\). Entwickeln Sie ein Fällungsverfahren und berechnen Sie, welche Sulfat-Konzentration nach der Fällung mindestens vorliegen muss. Beurteilen Sie, ob eine äquimolare Sulfatzugabe genügt.
Hinweis: Denken Sie an den gleichionigen Zusatz.
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Musterlösung: Verfahren: Natriumsulfat im Überschuss zugeben, rühren, Niederschlag absetzen lassen und abfiltrieren. Bedingung: \(c(\ce{Ba^2+}) = K_L : c(\ce{SO4^2-}) \leq 1{,}0 \cdot 10^{-7}\) → \(c(\ce{SO4^2-}) \geq 1{,}1 \cdot 10^{-10} : 1{,}0 \cdot 10^{-7} = 1{,}1 \cdot 10^{-3}\,\text{mol/L}\) als Rest-Sulfat nach der Fällung. Äquimolare Zugabe reicht nicht: Dann ist \(c(\ce{Ba^2+}) = c(\ce{SO4^2-}) = \sqrt{K_L} \approx 1{,}05 \cdot 10^{-5}\,\text{mol/L}\), rund hundertmal über dem Grenzwert. Der Überschuss verschiebt das Löslichkeitsgleichgewicht nach links (gleichioniger Zusatz). Einschränkung: Sulfat selbst ist in dieser Konzentration unbedenklich; Temperatur konstant halten, da \(K_L\) temperaturabhängig ist.
Im Praktikum liefert die Veresterung von Essigsäure mit Ethanol (äquimolar, \(K_c = 4\)) nur zwei Drittel Ausbeute. Vorgeschlagen werden: (1) Ethanol im Überschuss, (2) mehr konzentrierte Schwefelsäure als Katalysator, (3) laufendes Abdestillieren des Esters (Sdp. 77 °C), (4) Erhitzen auf eine höhere Temperatur bei geschlossenem Gefäß (\(\Delta_r H \approx 0\)). Beurteilen Sie jede Maßnahme.
Hinweis: Unterscheiden Sie Lage und Tempo.
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Musterlösung: (1) Wirksam: Edukt im Überschuss → \(Q < K\) → Hinreaktion; bei 1 : 2 steigt die Ausbeute auf etwa 85 % (bezogen auf Essigsäure), Ethanol wird dabei verschwendet. (2) Als Katalysator ändert Schwefelsäure nur das Tempo. Konzentrierte Schwefelsäure bindet aber zusätzlich Wasser — Produktentzug; dieser Nebeneffekt verbessert die Ausbeute. (3) Sehr wirksam: Ständiges Entfernen eines Produkts hält \(Q < K\), die Reaktion läuft nahezu vollständig ab (Prinzip Produktentzug wie bei Haber-Bosch). (4) Da \(\Delta_r H \approx 0\), ändert sich \(K\) kaum; das Gleichgewicht stellt sich nur schneller ein. Empfehlung: (3), gegebenenfalls kombiniert mit (1).
Zahnschmelz besteht überwiegend aus Hydroxylapatit: \(\ce{Ca5(PO4)3OH(s)}\) \(\ce{<=> 5 Ca^2+ + 3 PO4^3- + OH-}\), \(K_L \approx 10^{-58}\,\text{mol}^9/\text{L}^9\). Bakterien im Zahnbelag bilden aus Zucker Säuren. Fluorid ersetzt OH⁻ zu Fluorapatit \(\ce{Ca5(PO4)3F}\) mit \(K_L \approx 10^{-60}\,\text{mol}^9/\text{L}^9\). Erklären Sie die Entstehung von Karies und beurteilen Sie die Wirkung fluoridhaltiger Zahnpasta sowie den Rat, nach dem Essen von Obst nicht sofort die Zähne zu putzen.
Hinweis: KL-Werte gleichen Formeltyps dürfen Sie direkt vergleichen.
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Musterlösung: Säuren liefern \(\ce{H+}\); diese binden \(\ce{OH-}\) zu Wasser und \(\ce{PO4^3-}\) zu \(\ce{HPO4^2-}\). Beide Ionen werden der Lösung entzogen, das Ionenprodukt sinkt unter \(K_L\) (\(Q < K_L\)) — das Gleichgewicht verschiebt sich nach rechts, Hydroxylapatit löst sich (Demineralisierung, Karies). Steigt der pH-Wert wieder (Speichel puffert), kann sich Apatit aus Ca²⁺ und Phosphat des Speichels zurückbilden (Remineralisierung). Fluorid: Fluorapatit hat denselben Formeltyp und ein rund 100-mal kleineres \(K_L\) — er ist schwerer löslich; zudem ist F⁻ eine viel schwächere Base als OH⁻ und wird von Säure kaum entzogen. Fluoridzahnpasta ist deshalb sinnvoll. Nach saurem Obst ist die Schmelzoberfläche kurzzeitig angelöst; sofortiges Putzen würde sie mechanisch abtragen. Warten (etwa 30 min), bis der Speichel den pH-Wert angehoben hat, ist chemisch begründet.
Zur Reaktion von Eisen mit Salzsäure liegen drei Versuche vor (gleiche Eisenmasse und Säurevolumen): V1 Eisennägel, \(c(\ce{HCl}) = 1\,\text{mol/L}\), 20 °C: \(v_0 = 0{,}4\,\text{mL/s}\); V2 Eisennägel, \(2\,\text{mol/L}\), 20 °C: \(0{,}8\,\text{mL/s}\); V3 Eisenpulver, \(2\,\text{mol/L}\), 30 °C: \(4{,}0\,\text{mL/s}\). Beurteilen Sie die Versuchsplanung und die Schlussfolgerung „Die Temperatur erhöht \(v\) um den Faktor 5“. Entwickeln Sie eine verbesserte Versuchsreihe.
Hinweis: Prüfen Sie jeden Versuchsvergleich einzeln.
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Musterlösung: V1 → V2: Nur die Konzentration ändert sich, \(v_0\) verdoppelt sich — gültiger Vergleich. V2 → V3: Temperatur und Zerteilungsgrad ändern sich gleichzeitig; der Faktor 5 ist die kombinierte Wirkung, die Schlussfolgerung ist nicht zulässig. Nach der RGT-Regel wäre für +10 °C allein ein Faktor 2–4 zu erwarten, der Rest geht auf die größere Oberfläche. Verbesserte Reihe: V3a Nägel, 2 mol/L, 30 °C (nur Temperatur geändert); V3b Pulver, 2 mol/L, 20 °C (nur Zerteilung geändert); jede Messung mindestens dreimal wiederholen, gleiche Eisenmasse, Temperatur im Wasserbad konstant halten, \(v_0\) stets als Tangentensteigung bei \(t = 0\) bestimmen.
Ein Lehrbuch schreibt: „Beim Kalkbrennen stellt sich ein Gleichgewicht ein, deshalb lässt sich Kalk nie vollständig brennen.“ Gebrannter Kalk \(\ce{CaO}\) wird außerdem luftdicht gelagert. Beurteilen Sie die Lehrbuchaussage und erläutern Sie die Lagerungsvorschrift.
Hinweis: Prüfen Sie, ob ein Gleichgewicht überhaupt möglich ist.
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Musterlösung: Die Aussage gilt nur für ein geschlossenes Gefäß: Dort stellt sich \(c(\ce{CO2}) = K_c\) ein und neben CaO bleibt CaCO₃ übrig. Ein technischer Kalkofen ist offen — das CO₂ wird mit den Rauchgasen abgeführt, \(c(\ce{CO2})\) bleibt unter \(K_c\), \(Q < K\): Das Carbonat zersetzt sich vollständig (Le Chatelier, Produktentzug). Die Aussage ist also für die Technik falsch. Lagerung: Bei Raumtemperatur ist \(K_c\) für die Zersetzung winzig; die Luft enthält CO₂ mit \(Q > K\) → die Rückreaktion \(\ce{CaO + CO2 -> CaCO3}\) läuft ab, der Branntkalk würde (zusammen mit Luftfeuchtigkeit) unbrauchbar. Daher luftdicht lagern.
