Aufgabenblock — AFB III
Begründen statt nur wiedergeben: Behauptungen prüfen und widerlegen, Versuche entwickeln, Regeln diskutieren und eigene Urteile formulieren — erst selbst aufschreiben, dann die Musterlösung aufklappen.
Tim behauptet: „Je mehr H-Atome ein Molekül hat, desto mehr Wasserstoffbrücken bildet es — und desto höher siedet der Stoff.“ Widerlege die Behauptung mit zwei Gegenbeispielen aus dem Kapitel.
Hinweis: Vergleiche Stoffe mit vielen H-Atomen an C mit Stoffen, deren wenige H-Atome an O sitzen.
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Musterlösung: Methan \(\mathrm{CH_4}\) hat vier H-Atome und siedet bei −161,5 °C, Wasser hat nur zwei und siedet bei 100 °C. Ethan \(\mathrm{C_2H_6}\) (6 H-Atome) siedet bei −89 °C, Methanol \(\mathrm{CH_3OH}\) (4 H-Atome) bei 65 °C. Die Behauptung ist also falsch. Eine Wasserstoffbrücke bildet nur ein H-Atom, das an F, O oder N gebunden ist, weil nur dann \(\Delta\mathrm{EN}\) groß genug ist (O–H: 1,24; C–H: 0,35). Außerdem braucht jede Brücke ein freies Elektronenpaar an F, O oder N als Partner. Korrigiert: „Je mehr H-Atome an F, O oder N und je mehr freie Elektronenpaare dort ein Molekül hat, desto mehr Brücken kann es bilden.“
In einem Schulbuch steht: „Beim Sieden von Wasser brechen die O–H-Bindungen auf.“ Beurteile diese Aussage mithilfe von Energiewerten: Zum Verdampfen von 1 mol Wasser braucht man etwa 41 kJ; eine O–H-Bindung zu spalten kostet etwa 460 kJ/mol.
Hinweis: Wie viele O–H-Bindungen hat ein Wassermolekül? Was müsste im Dampf zu finden sein, wenn die Aussage stimmte?
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Musterlösung: Die Aussage ist falsch. Würden beim Sieden die Atombindungen gespalten, bräuchte man für 1 mol Wasser etwa \(2 \cdot 460\ \text{kJ} = 920\ \text{kJ}\) — über zwanzigmal mehr als die tatsächlich nötigen 41 kJ. Außerdem entstünden Wasserstoff und Sauerstoff; kondensierter Wasserdampf ist aber wieder Wasser. Beim Sieden werden nur die Wasserstoffbrücken \(\mathrm{O{-}H\cdots O}\) zwischen den Molekülen gelöst (je etwa 20 kJ/mol). Richtig: „Beim Sieden werden die Wasserstoffbrücken zwischen den Wassermolekülen gelöst; die Moleküle bleiben erhalten.“
Entwickle einen Versuch, mit dem man in einem hohen Glaszylinder zeigen kann, dass sich Wasser von 4 °C am Boden sammelt, wenn oben Eis schwimmt. Gib Material, Durchführung, Messgröße und erwartetes Ergebnis an.
Hinweis: Ein Thermometer allein genügt nicht — du brauchst Messungen an mehreren Stellen und über längere Zeit.
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Musterlösung: Material: hoher Glaszylinder, außen mit Schaumstoff isoliert, zwei Thermometer (eines knapp unter der Oberfläche, eines am Boden), Eiswürfel, Wasser von etwa 15 °C. Durchführung: Zylinder mit Wasser füllen, Eiswürfel oben aufschwimmen lassen, nicht rühren; 30 Minuten lang alle 2 Minuten beide Temperaturen notieren; Temperatur-Zeit-Diagramm zeichnen. Erwartung: Das abgekühlte Wasser sinkt zunächst ab, bis es 4 °C erreicht hat — die Bodentemperatur fällt auf etwa 4 °C und bleibt dort. Oben stellt sich 0 °C ein; Wasser zwischen 0 und 4 °C ist weniger dicht und bleibt oben. Kontrolle: Versuch wiederholen; ohne Isolierung wird die Schichtung durch Wärme von außen gestört.
Zeige am Beispiel Natriumchlorid (Gitterenergie \(+788\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\), Hydratationsenergie \(-784\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\)), dass schon eine Messunsicherheit von 1 % bei einer der beiden Energien das Vorzeichen der Lösungswärme umkehren kann. Welche Folgerung ziehst du für Vorhersagen „warm oder kalt“?
Hinweis: 1 % von 788 kJ/mol sind knapp 8 kJ/mol.
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Musterlösung: Mit den angegebenen Werten: \(E_\text{Lösung} = 788 + (-784) = +4\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\) (schwach endotherm). Ist die Gitterenergie um 1 % kleiner, also etwa 780 kJ/mol, ergibt sich \(780 + (-784) = -4\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}}\) (schwach exotherm). Ein Fehler von nur 8 kJ/mol bei einem Wert von fast 800 kJ/mol dreht das Vorzeichen um. Folgerung: Die Lösungswärme ist die kleine Differenz zweier großer Energien. Liegen beide Beträge dicht beieinander, ist die Vorhersage aus Tabellenwerten unsicher — dann entscheidet der Versuch. Sicher ist die Vorhersage nur, wenn sich die Beträge deutlich unterscheiden, z. B. bei \(\mathrm{CaCl_2}\) \((-81\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}})\). Tatsächlich ändert sich die Temperatur beim Lösen von Kochsalz kaum.
Lea meint: „Ein Salz löst sich nur, wenn dabei Energie frei wird. Salze mit positiver Lösungswärme sind unlöslich.“ Nimm Stellung zu dieser Aussage. Nutze Beispiele aus dem Kapitel.
Hinweis: Denke an Kaliumchlorid, Ammoniumnitrat und Silberchlorid.
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Musterlösung: Die Aussage ist in dieser Form falsch. Gegenbeispiele: Kaliumchlorid \((+17\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}})\) löst sich gut (34 g in 100 g Wasser), Ammoniumnitrat \((+26\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}})\) so gut, dass man damit Kühlkompressen baut. Die fehlende Energie wird der Umgebung als Wärme entzogen — die Lösung kühlt ab. Richtig ist nur ein Teil: Ist die Lösungswärme stark positiv wie bei Silberchlorid \((+65\ \tfrac{\text{kJ}}{\text{mol}})\), löst sich das Salz kaum. Meine Position: Die Lösungswärme sagt zuverlässig, ob die Lösung warm oder kalt wird; über die Löslichkeit gibt sie nur bei großen positiven Werten einen Hinweis. Korrigiert: „Auch Salze mit positiver Lösungswärme können gut löslich sein; sehr stark endotherme Salze lösen sich meist schlecht.“
Eine Faustregel lautet: „Metall + Nichtmetall ergibt eine Ionenverbindung, nur Nichtmetalle ergeben eine Molekülverbindung.“ Diskutiere die Regel an Aluminiumchlorid \(\mathrm{AlCl_3}\) (sublimiert schon bei etwa 180 °C) und Ammoniumchlorid \(\mathrm{NH_4Cl}\) (salzartig, Lösung leitet). Pauling: Al 1,61, Cl 3,16, O 3,44.
Hinweis: Berechne \(\Delta\mathrm{EN}\) für Al–Cl und für Al–O (Aluminiumoxid schmilzt erst bei 2072 °C) und vergleiche mit der Grenze 1,7.
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Musterlösung: Pro: Für die meisten Stoffe stimmt die Regel, z. B. NaCl, KBr, CaO oder \(\mathrm{Al_2O_3}\) \((\Delta\mathrm{EN} = 3{,}44 - 1{,}61 = 1{,}83 > 1{,}7\), Smp. 2072 °C). Contra 1: In \(\mathrm{AlCl_3}\) ist \(\Delta\mathrm{EN} = 3{,}16 - 1{,}61 = 1{,}55 < 1{,}7\) — die Bindung liegt im Bereich der polaren Atombindung. Dazu passt, dass der Stoff schon bei etwa 180 °C sublimiert: Zwischen seinen Teilchen wirken nur schwache Kräfte. Contra 2: Ammoniumchlorid besteht nur aus Nichtmetallen, enthält aber \(\mathrm{NH_4^+}\)- und \(\mathrm{Cl^-}\)-Ionen. Ergebnis: Die Regel ist ein guter erster Blick auf die Formel. Sicherer ist die Elektronegativitätsdifferenz — und am sichersten die Eigenschaften (Schmelztemperatur, Leitfähigkeit der Schmelze).
In Kraftwerken, Motoren und Rechenzentren wird mit Wasser gekühlt. Bewerte Wasser als Kühlmittel. Beziehe die Wasserstoffbrücken, die Siedetemperatur und die Anomalie des Wassers ein.
Hinweis: Lege Kriterien fest, z. B. Wärmeaufnahme, Temperaturbereich, Verhalten bei Frost, Verfügbarkeit.
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Musterlösung: Kriterium Temperaturbereich: Wasser bleibt bis 100 °C flüssig, obwohl Moleküle dieser Größe ohne Brücken schon um −80 °C sieden würden — die Wasserstoffbrücken halten es flüssig. Kriterium Wärmeaufnahme: Beim Verdampfen müssen viele Brücken gelöst werden; Wasser nimmt dabei viel Energie auf (41 kJ pro mol). Kriterium Kosten und Sicherheit: Wasser ist ungiftig, nicht brennbar und überall verfügbar. Nachteil: Wegen der Anomalie dehnt sich Wasser beim Gefrieren um etwa 9 % aus und kann Leitungen und Motorblöcke sprengen; im Winter braucht man deshalb Frostschutzmittel. Außerdem leitet Leitungswasser wegen gelöster Ionen den Strom — für elektrische Geräte ist das ein Risiko. Urteil: Wasser ist ein sehr gutes Kühlmittel, sofern Frost und Kontakt mit Strom ausgeschlossen werden.
Die Brücke \(\mathrm{F{-}H\cdots F}\) ist stärker als \(\mathrm{O{-}H\cdots O}\). Mia folgert: „Also muss Fluorwasserstoff höher sieden als Wasser.“ Überprüfe diese Folgerung an den Messwerten (HF: 19,5 °C, \(\mathrm{H_2O}\): 100 °C) und erkläre das Ergebnis.
Hinweis: Zähle für beide Moleküle die geeigneten H-Atome und die freien Elektronenpaare.
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Musterlösung: Die Messwerte widerlegen die Folgerung: Wasser siedet 80,5 °C höher als HF. Grund: Jede Brücke verbraucht ein geeignetes H-Atom und ein freies Elektronenpaar, der knappere Partner begrenzt: \(n_\text{Brücken} = \min(n_\text{H},\ n_\text{Paare})\). HF: \(\min(1, 3) = 1\) Brücke je Molekül; \(\mathrm{H_2O}\): \(\min(2, 2) = 2\). Die einzelne F–H···F-Brücke ist zwar stärker, doch Wasser knüpft doppelt so viele Brücken je Molekül — das netzartige Gefüge hält insgesamt stärker zusammen. Mias Fehler: Sie hat nur die Stärke einer einzelnen Brücke betrachtet, nicht ihre Anzahl.
Aceton \((\mathrm{CH_3{-}CO{-}CH_3})\) bildet untereinander keine Wasserstoffbrücken, ist aber mit Wasser in jedem Verhältnis mischbar. Formuliere eine allgemeine Bedingung dafür, dass sich zwischen zwei verschiedenen Molekülen eine Wasserstoffbrücke bilden kann, und wende sie auf Aceton und Wasser an.
Hinweis: Unterscheide den „Spender“ (H-Atom) und den „Partner“ (freies Elektronenpaar) einer Brücke.
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Musterlösung: Bedingung: Zwischen zwei Molekülen kann sich eine Wasserstoffbrücke bilden, wenn eines von ihnen ein H-Atom besitzt, das an ein F-, O- oder N-Atom gebunden ist (Spender), und das andere ein freies Elektronenpaar an einem F-, O- oder N-Atom (Partner). Bei gleichen Molekülen muss jedes Molekül beides mitbringen. Anwendung: Im Aceton hängen alle sechs H-Atome an C-Atomen — Acetonmoleküle können untereinander keine Brücke spenden. Das O-Atom der C=O-Gruppe trägt aber zwei freie Elektronenpaare. Wassermoleküle richten ihre \(\delta^+\)-H-Atome darauf aus: \(\mathrm{O{-}H\cdots O{=}C}\). Deshalb mischt sich Aceton mit Wasser.
Ein weißer Stoff schmilzt bei 1418 °C, seine Schmelze leitet den Strom, in Wasser löst er sich aber praktisch nicht. Es ist entweder Calciumfluorid \(\mathrm{CaF_2}\) oder Harnstoff. Lege dich begründet fest, um welchen Stoff es sich handelt, und erkläre, warum er sich nicht in Wasser löst, obwohl er aus Ionen besteht.
Hinweis: Verbinde die Eigenschaften (2.2.3) mit der Energiebilanz beim Lösen (2.2.2).
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Musterlösung: Festlegung: Es ist Calciumfluorid. Eine Schmelztemperatur von 1418 °C und eine leitende Schmelze zeigen ein Ionengitter; Harnstoff ist eine Molekülverbindung aus Nichtmetallen, schmilzt niedrig (133 °C) und leitet nicht. Außerdem: \(\Delta\mathrm{EN}(\mathrm{Ca{-}F}) = 3{,}98 - 1{,}00 = 2{,}98 > 1{,}7\). Unlöslichkeit: Beim Lösen muss zuerst das Gitter aufgebrochen werden. Zweifach geladene \(\mathrm{Ca^{2+}}\)-Ionen und kleine \(\mathrm{F^-}\)-Ionen ziehen sich sehr stark an — die Gitterenergie ist sehr groß. Die Hydratationsenergie reicht nicht aus, diesen Aufwand auszugleichen; das Gitter bleibt bestehen. Folgerung: Gute Wasserlöslichkeit ist kein sicheres Kennzeichen von Salzen.
