Aufgabenblock — AFB III
Begründen statt nur abzählen: Behauptungen prüfen, Regeln widerlegen oder selbst formulieren, Modelle kritisch betrachten und zwischen Lösungsvorschlägen entscheiden — erst selbst aufschreiben, dann die Musterlösung aufklappen.
In einem Forum schreibt jemand: „Beim Verbrennen von Erdgas wird Energie frei, weil die Bindungen im Methan aufbrechen.“ Beurteile diese Aussage. Bindungsenergien: C–H 413 kJ/mol, O=O 498 kJ/mol, C=O (im \(\mathrm{CO_{2}}\)) 799 kJ/mol, O–H 463 kJ/mol.
Hinweis: Reaktionsgleichung \(\mathrm{CH_{4} + 2 O_{2} \longrightarrow CO_{2} + 2 H_{2}O}\). Stelle Spalten und Bilden getrennt auf.
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Musterlösung: Die Aussage ist falsch. Das Aufbrechen der C–H- und O=O-Bindungen kostet Energie: \(4\cdot 413 + 2\cdot 498 = 2648\) kJ pro Mol Methan. Frei wird Energie erst, wenn die neuen Bindungen im CO₂ und im Wasser entstehen: \(2\cdot 799 + 4\cdot 463 = 3450\) kJ. Weil beim Bilden rund 800 kJ mehr frei werden, als das Spalten kostet, liefert die Verbrennung insgesamt Energie. Richtig wäre: „Energie wird frei, weil in den Produkten stärkere Bindungen entstehen, als in den Ausgangsstoffen gespalten werden.“
Ein Schüler formuliert als Regel: „Jedes Molekül, das polare Bindungen enthält, ist ein Dipolmolekül.“ Widerlege diese Regel mit einem Gegenbeispiel, das du vollständig begründest.
Hinweis: Suche ein Molekül mit gleichen polaren Bindungen und ohne freies Elektronenpaar am Zentralatom.
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Musterlösung: Gegenbeispiel Bortribromid BBr₃: ΔEN(B–Br) = 3,0 − 2,0 = 1,0 — die drei Bindungen sind polar, jedes Br trägt δ−, das B-Atom δ+. Das B-Atom hat drei Bindungen und kein freies Paar, also drei Wolken: Das Molekül ist trigonal-planar mit 120°. Der Schwerpunkt der drei δ− liegt im Mittelpunkt des gleichseitigen Dreiecks — genau dort, wo das B-Atom mit δ+ sitzt. Beide Schwerpunkte fallen zusammen: BBr₃ ist kein Dipol. Die Regel ist damit widerlegt; richtig ist: Polare Bindungen sind nötig, aber nur ein unsymmetrischer Bau macht das Molekül zum Dipol. (Weitere Gegenbeispiele: CO₂, CF₄, C₂F₄.)
Salpetrige Säure \(\mathrm{HNO_{2}}\) ist nur in Lösung beständig. Die Atome sind in der Reihenfolge H–O–N–O verknüpft. Entwickle die Lewis-Formel und begründe jeden Schritt.
Hinweis: Nutze das Vorgehen in vier Schritten: Zählen, Gerüst, Verteilen, Prüfen. Klappe freie Paare um, wenn einem Atom etwas fehlt.
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Musterlösung: Zählen: H 1 + O 6 + N 5 + O 6 = 18 Valenzelektronen = 9 Striche. Gerüst: H–O–N–O mit 3 Einfachbindungen, 6 Striche bleiben. Verteilen: Das endständige O bekommt 3 freie Paare, das mittlere O 2, der letzte Strich kommt als freies Paar ans N. Nun hat das N-Atom nur 3 Striche (6 Elektronen). Umklappen: Ein freies Paar des endständigen O wird bindend: H–O–N=O mit 2 freien Paaren an jedem O und 1 freien Paar am N. Prüfen: 4 bindende + 5 freie = 9 Striche ✓; mittleres O: 2 Bindungen + 2 freie Paare = 8; N: 3 Bindungsstriche + 1 freies Paar = 8; endständiges O: 2 + 2 = 8; H: 2 ✓.
Lea meint: „Die ΔEN-Regel mit der Grenze 1,7 kann man sich sparen. Man sieht doch an der Formel, ob ein Metall dabei ist — dann liegen Ionen vor, sonst Moleküle.“ Nimm Stellung zu dieser Aussage. Berücksichtige Zinn(IV)-chlorid SnCl₄ (Zinn ist ein Metall, EN 2,0; der Stoff ist eine Flüssigkeit, die bei 114 °C siedet) und Siliciumtetrafluorid SiF₄ (ein Gas).
Hinweis: Berechne ΔEN für Sn–Cl und Si–F und vergleiche Vorhersage und Befund beider Verfahren.
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Musterlösung: Lea hat teilweise recht: Metall + Nichtmetall ist sehr oft ionisch, Nichtmetall + Nichtmetall bildet Moleküle — der Schnellcheck ist nützlich. Er versagt aber bei SnCl₄: Trotz Metall ist der Stoff eine leicht siedende Flüssigkeit aus Molekülen; die ΔEN-Regel (3,2 − 2,0 = 1,2, polare Atombindung) sagt das richtig voraus. Umgekehrt versagt die ΔEN-Regel bei SiF₄ (4,0 − 1,9 = 2,1 > 1,7, also „ionisch“), obwohl es ein Gas aus Molekülen ist — hier liegt der Metall-Check richtig. Fazit: Keine der beiden Regeln ist überflüssig; beide sind Faustregeln. Am sichersten ist, beide anzuwenden und Grenzfälle an den Stoffeigenschaften (Schmelz- und Siedetemperatur, Leitfähigkeit der Schmelze) zu prüfen.
In der Lewis-Formel von Methan stehen die vier C–H-Bindungen im rechten Winkel zueinander. Mia sagt: „Dann ist die Lewis-Formel falsch — Methan hat doch 109,5°.“ Diskutiere Mias Aussage und gehe dabei auf Leistung und Grenzen von Lewis-Formel und EPA-Modell ein.
Hinweis: Was soll eine Lewis-Formel eigentlich zeigen — und was nicht?
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Musterlösung: Pro Mia: Wer die Zeichnung wörtlich nimmt, liest einen falschen Winkel ab — insofern ist die Formel als Bild des Moleküls irreführend. Contra: Eine Lewis-Formel will gar nicht den Raum zeigen. Sie zeigt, welche Atome verbunden sind, wie viele Elektronenpaare bindend oder frei sind und ob jedes Atom ein Oktett hat — das stimmt beim Methan vollständig. Die 90° sind nur Zeichenkonvention auf flachem Papier. Den räumlichen Bau liefert erst das EPA-Modell: Vier Wolken gehen maximal auseinander, Tetraeder, 109,5°. Das EPA-Modell braucht dafür aber die Lewis-Formel als Ausgangspunkt. Ergebnis: Die Lewis-Formel ist nicht falsch, sondern ein Modell mit begrenzter Aussage. Für den Raum nutzt man die Keil-Strich-Schreibweise.
Luft besteht zu 78 % aus Stickstoff, zu 21 % aus Sauerstoff. Sauerstoff unterhält Verbrennungen, Stickstoff reagiert dagegen kaum. Erkläre diesen Unterschied mit dem Bau der beiden Moleküle. Bindungsdaten: N≡N 110 pm, 945 kJ/mol; O=O 121 pm, 498 kJ/mol.
Hinweis: Zeichne beide Lewis-Formeln. Bevor ein Molekül reagieren kann, muss seine Bindung (zumindest teilweise) gespalten werden.
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Musterlösung: Im Stickstoffmolekül |N≡N| teilen sich die Atome drei Elektronenpaare, im Sauerstoffmolekül nur zwei (O=O mit je zwei freien Paaren). Drei gemeinsame Paare ziehen beide Kerne stärker zusammen: Die N≡N-Bindung ist kürzer (110 statt 121 pm) und viel stärker (945 statt 498 kJ/mol). Damit Stickstoff reagiert, muss diese sehr stabile Bindung aufgebrochen werden — dafür ist fast doppelt so viel Energie nötig wie beim Sauerstoff. Bei normalen Temperaturen reicht die Energie dafür nicht; Stickstoff ist deshalb reaktionsträge, Sauerstoff reagiert leicht. Folge: Wir atmen Stickstoff ein und aus, ohne dass etwas passiert.
Vom Dichlormethan \(\mathrm{CH_{2}Cl_{2}}\) gibt es nur einen einzigen Stoff. Früher hielten manche Chemiker das Methan-Molekül für flach-quadratisch (C in der Mitte eines Quadrats, H an den Ecken). Zeige, dass die Existenz nur eines Dichlormethans gegen das Quadrat und für den Tetraeder spricht.
Hinweis: Setze die beiden Cl-Atome in beiden Modellen auf alle möglichen Plätze. Wie viele verschiedene Anordnungen gibt es jeweils?
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Musterlösung: Quadrat: Die beiden Cl-Atome können an benachbarten Ecken (Winkel Cl–C–Cl 90°) oder an gegenüberliegenden Ecken (180°) sitzen. Das wären zwei verschiedene Moleküle — man müsste zwei Stoffe „Dichlormethan“ finden. Tetraeder: Hier ist jede Ecke mit jeder anderen Ecke gleichwertig verbunden (alle Winkel 109,5°). Egal, welche zwei Ecken die Cl-Atome besetzen — man kann das Molekül immer so drehen, dass es mit jeder anderen Besetzung übereinstimmt. Es gibt nur eine Anordnung. Da es tatsächlich nur ein Dichlormethan gibt, passt der Befund zum Tetraeder und widerlegt das flache Quadrat — genau wie es das EPA-Modell mit vier Wolken vorhersagt.
Auf die Frage „Warum ist Ammoniak ein Dipolmolekül?“ antworten zwei Schüler. Jan: „Weil Stickstoff eine größere EN hat als Wasserstoff.“ Ella: „Die N–H-Bindungen sind polar (ΔEN 0,8). Das freie Elektronenpaar am N macht das Molekül zur Pyramide, darum liegen die Schwerpunkte der δ+ (bei den H-Atomen) und der δ− (am N) an verschiedenen Stellen.“ Bewerte beide Antworten.
Hinweis: Welche zwei Bedingungen müssen für ein Dipolmolekül erfüllt sein? Welche Antwort nennt beide?
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Musterlösung: Maßstab: Ein Dipolmolekül braucht polare Bindungen und einen Bau, in dem die Ladungsschwerpunkte nicht zusammenfallen. Jan nennt nur die erste Bedingung — und ohne ΔEN nicht einmal vollständig. Dieselbe Begründung passt auch auf BBr₃ (Br ist elektronegativer als B) — und BBr₃ ist kein Dipol. Die Antwort ist unvollständig. Ella prüft die Polarität mit ΔEN, erklärt mit dem freien Paar die Pyramidenform und schließt aus der Lage der Schwerpunkte auf den Dipol. Ihre Antwort ist vollständig und fachsprachlich korrekt. Verbesserungsvorschlag für Jan: die Form (EPA-Modell) und die Schwerpunkte ergänzen.
Betrachte Moleküle XYₙ mit einem Zentralatom X und n gleichen Bindungspartnern Y (n = 2, 3 oder 4), deren Bindungen polar sind. Formuliere eine allgemeine Regel, mit der man an der Zahl der freien Elektronenpaare am Zentralatom erkennt, ob ein solches Molekül ein Dipol ist. Belege die Regel mit je einem Beispiel.
Hinweis: Gehe alle Gestalten durch: linear, trigonal-planar, tetraedrisch, trigonal-pyramidal, gewinkelt. Welche haben freie Paare am Zentralatom?
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Musterlösung: Regel: Ein Molekül XYₙ mit gleichen polaren Bindungen ist genau dann ein Dipol, wenn das Zentralatom mindestens ein freies Elektronenpaar trägt. Begründung: Ohne freie Paare verteilen sich die n gleichen Partner gleichmäßig (linear, trigonal-planar, tetraedrisch); der Schwerpunkt der Teilladungen der Partner fällt ins Zentralatom — kein Dipol. Beispiele: CO₂ (n = 2), BBr₃ (n = 3), CF₄ (n = 4). Mit freien Paaren werden die Partner auf eine Seite gedrückt (gewinkelt, trigonal-pyramidal) — die Schwerpunkte trennen sich: SF₂ (n = 2), PF₃ (n = 3). Grenze der Regel: Sie gilt nur für gleiche Partner und polare Bindungen; sind die Bindungen unpolar (z. B. PH₃, ΔEN 0) oder die Partner verschieden (CH₃F), muss man einzeln prüfen.
Für Chlorcyan ClCN werden drei Lewis-Formeln vorgeschlagen: (A) Cl–C≡N mit drei freien Paaren am Cl und einem am N; (B) Cl=C=N mit zwei freien Paaren am Cl und zwei am N; (C) Cl–N≡C mit drei freien Paaren am Cl und einem am C. Lege dich begründet auf die beste Formel fest.
Hinweis: Prüfe jeden Vorschlag: Stimmt die Zahl der Striche? Hat jedes Atom 8 Elektronen? Passt die Bindigkeit (C 4, N 3, Cl 1)?
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Musterlösung: Striche: 7 + 4 + 5 = 16 Elektronen = 8 Striche; das erfüllen alle drei Vorschläge. Oktett: In allen drei Formeln hat jedes Atom 8 Elektronen — die Oktettregel allein entscheidet also nicht. Bindigkeit: (B) gibt dem Cl-Atom eine Doppelbindung; Halogene sind 1-bindig und bilden nur Einfachbindungen — verworfen. (C) setzt N in die Mitte: N hätte vier Bindungen, C nur drei, obwohl N 3-bindig und C 4-bindig ist — verworfen. Entscheidung: Formel (A), Cl–C≡N mit drei freien Paaren am Cl und einem am N: Jedes Atom hat seine normale Bindigkeit (Cl 1, C 4, N 3) und ein Oktett. Nach dem EPA-Modell ist das Molekül linear (zwei Wolken am C).
