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AbituraufgabenNahrungsketten und -netze

Eiderenten im Watt, Kabeljau in der Ostsee — was geschieht im Nahrungsnetz, wenn der Mensch ein Glied herausnimmt?

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Eiderenten im Wattenmeer

AFB I–III

Das Wattenmeer ist eines der produktivsten Ökosysteme Europas. Die Eiderente, eine große Meeresente, überwintert dort zu Zehntausenden. Ende der 1990er-Jahre wurden im niederländischen Wattenmeer große Mengen Herz- und Miesmuscheln maschinell gefischt (M1–M3).

M1Nahrungsbeziehungen im Wattenmeer (stark vereinfacht)
M2Muschelbestand und Eiderenten im niederländischen Wattenmeer (Modellwerte)
WinterMuschelbestand im Watt (1996 = 100)tot aufgefundene Eiderenten
1996/971001 200
1997/98722 100
1998/99455 800
1999/003021 000
2000/01389 500
Intensive Muschelfischerei in den Jahren 1997 bis 1999. Angelehnt an Beobachtungen im niederländischen Wattenmeer; tot aufgefundene Tiere waren meist stark abgemagert.
M3Nahrungswahl der Eiderente

Eiderenten tauchen nach Muscheln und schlucken sie mitsamt der Schale; der Muskelmagen zerreibt sie. Strandkrabben werden ebenfalls gefressen, liefern aber je Tauchgang deutlich weniger verwertbare Nahrung als ein dichtes Muschelbett. Im Winter brauchen die Enten besonders viel Energie, um ihre Körpertemperatur zu halten.

  1. Stellen Sie aus M1 zwei Nahrungsketten mit mindestens vier Gliedern dar und geben Sie für jedes Glied die Trophiestufe an.
  2. Erläutern Sie am Beispiel der Eiderente, weshalb eine Art in einem Nahrungsnetz auf mehreren Trophiestufen stehen kann.
  3. Erklären Sie, warum Nahrungsketten wie die in M1 kaum mehr als fünf Glieder umfassen.
  4. Ein Vertreter der Fischerei argumentiert: „Das Nahrungsnetz im Watt ist stark vernetzt — die Eiderenten können einfach auf Strandkrabben ausweichen.“ Beurteilen Sie diese Aussage unter Einbeziehung von M1 bis M3.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Beginnen Sie bei einem Produzenten und suchen Sie Art für Art den Fressfeind; die Pfeile zeigen zum Fresser.
Hinweis zu Aufgabe b)
Bestimmen Sie die Stufe der Eiderente getrennt für jede ihrer Nahrungsquellen.
Hinweis zu Aufgabe c)
Was geschieht mit der gefressenen Biomasse auf jeder Stufe?
Hinweis zu Aufgabe d)
Werten Sie zuerst M2 aus. Prüfen Sie dann, ob Ausweichen in M1 möglich und nach M3 auch ausreichend ist.Beurteilen: Zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Zum Beispiel: Kieselalgen (1. Stufe, Produzent) → Schlickkrebs (2. Stufe, Konsument 1. Ordnung) → Nordseegarnele (3. Stufe, Konsument 2. Ordnung) → Strandkrabbe (4. Stufe, Konsument 3. Ordnung) → Eiderente oder Silbermöwe (5. Stufe, Konsument 4. Ordnung). Oder: Kieselalgen (1.) → Herzmuschel (2.) → Strandkrabbe (3.) → Silbermöwe (4.). Auch Kieselalgen → Wattschnecke → Strandkrabbe → Eiderente ist richtig. Die Pfeile zeigen jeweils zum Fresser.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Die Trophiestufe ergibt sich aus der Zahl der Fressschritte vom Produzenten bis zur Art. Die Eiderente nutzt mehrere Nahrungsquellen, die selbst auf verschiedenen Stufen stehen: Frisst sie Muscheln (Konsumenten 1. Ordnung), steht sie auf der 3. Stufe. Frisst sie Strandkrabben, steht sie auf der 4. Stufe (Krabbe hat Muscheln oder Schnecken gefressen) oder sogar auf der 5. Stufe (Krabbe hat Garnelen gefressen). Eine Art mit mehreren Nahrungsquellen gehört damit mehreren Ketten an und steht in jeder auf der Stufe, die sich aus ihrer jeweiligen Nahrung ergibt. Die Einteilung in Stufen ist also eine Eigenschaft der einzelnen Kette, nicht der Art.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Mit der Nahrung wird Biomasse und die darin gebundene Energie weitergegeben. Auf jeder Stufe wird aber nur ein Teil der aufgenommenen Biomasse in körpereigene Biomasse eingebaut; ein großer Teil wird in der Zellatmung abgebaut, um ATP für Bewegung, Wärme und Stoffwechsel bereitzustellen, und ein Teil wird unverdaut ausgeschieden. Von Stufe zu Stufe steht deshalb immer weniger Biomasse als Nahrung zur Verfügung. Nach vier bis fünf Stufen reicht sie nicht mehr aus, um eine weitere Population von Konsumenten zu ernähren.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

M2: Während der intensiven Fischerei sank der Muschelbestand auf 30 % (1999/00), gleichzeitig stieg die Zahl tot aufgefundener Eiderenten von 1 200 auf 21 000; mit leichter Erholung des Bestands sank sie wieder. Der zeitliche Zusammenhang und die Abmagerung sprechen für Nahrungsmangel (Korrelation, kein strenger Beweis; ein kalter Winter könnte mitgewirkt haben). Zur Aussage: Richtig ist, dass die Eiderente laut M1 mehrere Nahrungsquellen hat und grundsätzlich auf Strandkrabben ausweichen kann. Nach M3 liefern Krabben aber je Tauchgang deutlich weniger Nahrung, während der Energiebedarf im Winter hoch ist. Zudem fressen Strandkrabben selbst Herzmuscheln; fehlen die Muscheln, kann auch ihr Bestand abnehmen. Die Vernetzung puffert also nur, wenn die Ausweichnahrung in ausreichender Menge und Qualität vorhanden ist. Die Aussage ist daher nicht haltbar: Die Muschelfischerei hat der Eiderente die wichtigste Nahrungsquelle entzogen, und M2 zeigt, dass das Ausweichen den Verlust nicht ausgleichen konnte.

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Ohne Kabeljau in der Ostsee

AFB II–III

Die zentrale Ostsee ist ein Brackwassermeer: Ihr Wasser ist weniger salzig als das der Nordsee. Nur wenige Meeresarten kommen damit zurecht, entsprechend einfach ist das Nahrungsnetz im freien Wasser (M4). In den 1980er-Jahren brach der Kabeljaubestand durch Überfischung und ungünstige Bedingungen für die Fortpflanzung ein (M5).

M4Hauptnahrungskette im freien Wasser der zentralen Ostsee

Phytoplankton (einzellige Algen) → Zooplankton (vor allem Ruderfußkrebse) → Sprotte (kleiner Schwarmfisch) → Kabeljau (Dorsch). Sprotten fressen außerdem Eier und Larven des Kabeljaus. Weitere große Raubfische im freien Wasser gibt es kaum.

M5Entwicklung der Bestände (Modellwerte, Index: 1980 = 100)
ZeitraumKabeljauSprotteZooplankton (Sommer)Phytoplankton (Sommer)
um 1980100100100100
um 19903528070125
um 20002040055145
Biomasse bzw. Chlorophyllgehalt als Index; Werte angelehnt an Untersuchungen in der zentralen Ostsee, gerundet.
  1. Beschreiben Sie die Entwicklung der vier Bestände (M5).
  2. Erklären Sie diese Entwicklung mithilfe der Nahrungskette in M4.
  3. Erläutern Sie, warum sich der Rückgang einer einzigen Art in der Ostsee so stark auf das ganze Nahrungsnetz auswirkt.
  4. Ein Politiker fordert: „Wir verbieten den Kabeljaufang für einige Jahre — dann stellt sich der Zustand von 1980 von selbst wieder ein.“ Bewerten Sie diese Erwartung.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Nennen Sie für jede Stufe Richtung und ungefähres Ausmaß der Veränderung.
Hinweis zu Aufgabe b)
Gehen Sie von oben nach unten durch die Kette: Wer wird weniger gefressen, wer mehr?
Hinweis zu Aufgabe c)
Wie viele Arten stehen in M4 auf jeder Stufe, und gibt es Ausweichmöglichkeiten?
Hinweis zu Aufgabe d)
Beachten Sie die zweite Nahrungsbeziehung in M4 zwischen Sprotte und Kabeljau.Bewerten: Einen Sachverhalt an erkennbaren Wertkategorien oder an Beurteilungskriterien messen und ein begründetes Urteil abgeben.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Der Kabeljaubestand sinkt von 1980 bis 2000 stark, auf 35 % und dann auf 20 %. Der Sprottenbestand steigt im selben Zeitraum auf fast das Dreifache (280) und schließlich auf das Vierfache (400). Das Zooplankton nimmt ab, auf 70 % und 55 %. Das Phytoplankton nimmt zu, auf 125 % und 145 %. Die Bestände benachbarter Stufen verändern sich also jeweils gegenläufig, die Veränderung setzt sich über alle vier Stufen fort.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Der Kabeljau ist der Hauptfressfeind der Sprotte. Nach seinem Rückgang werden weniger Sprotten gefressen; ihr Bestand wächst stark. Die vielen Sprotten fressen mehr Zooplankton, dessen Bestand deshalb sinkt. Weniger Zooplankton frisst weniger Phytoplankton; die Algen nehmen zu. Der Wegfall der obersten Stufe wirkt so Stufe für Stufe bis zu den Produzenten nach unten — jeweils mit wechselndem Vorzeichen (weniger Kabeljau → mehr Sprotten → weniger Zooplankton → mehr Phytoplankton).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Das Nahrungsnetz der Ostsee ist wegen des Brackwassers artenarm und kaum vernetzt: Auf jeder Stufe dominiert im Wesentlichen eine Art oder Gruppe, und es gibt kaum weitere große Raubfische (M4). Fällt der Kabeljau aus, übernimmt keine andere Art seine Rolle als Fressfeind der Sprotte; die Sprotte hat keine anderen Fressfeinde, die ihren Bestand begrenzen. Umgekehrt hängen die Sprotten fast nur vom Zooplankton ab. In einem stark vernetzten Netz könnten Fressfeinde und Beutearten ausweichen und die Veränderung abpuffern; in der Ostsee wirkt sie dagegen ungebremst über die ganze Kette.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Ein Fangverbot ist sinnvoll, weil es die Sterblichkeit des Kabeljaus senkt — die Erwartung, dass sich der alte Zustand „von selbst“ einstellt, ist aber zu optimistisch. Die inzwischen sehr häufigen Sprotten fressen Eier und Larven des Kabeljaus (M4); je mehr Sprotten, desto weniger junge Kabeljaue überleben. Diese Rückkopplung hält den Kabeljaubestand niedrig und stabilisiert den neuen Zustand. Hinzu kommen die im Text genannten ungünstigen Bedingungen für die Fortpflanzung, die ein Fangverbot nicht ändert. Ergänzend könnte man daher über einen verstärkten Fang von Sprotten nachdenken, der den Druck auf die Kabeljaubrut senkt; dabei ist zu bedenken, dass Sprotten auch Nahrung weiterer Arten sind. Insgesamt ist das Fangverbot ein notwendiger, aber allein wahrscheinlich nicht ausreichender Schritt; die Erholung dauert, wenn sie gelingt, lange und ist nicht garantiert.