Muskelschwund in Familie S.
AFB I–IIDie Muskeldystrophie Typ Duchenne (DMD) ist eine Erbkrankheit, bei der die Muskulatur schon im Kindesalter fortschreitend abgebaut wird. Frau S. (III-2 in M1) ist gesund und erwartet ein Kind. Sie sucht eine genetische Beratung auf, weil ihr Bruder und ihr Onkel erkrankt sind.
Ursache sind Mutationen im Dystrophin-Gen, das auf dem X-Chromosom liegt. Dystrophin verankert das Cytoskelett der Muskelfasern an der Zellmembran; fehlt es, reißen die Fasern bei Belastung und sterben ab. Etwa einer von 3500 bis 5000 neugeborenen Jungen ist betroffen, Mädchen fast nie.
- Beschreiben Sie, wie die Krankheit in Familie S. auftritt (M1).
- Begründen Sie, dass ein X-chromosomal-rezessiver Erbgang vorliegt (M1, M2).
- Geben Sie die Genotypen von I-1, I-2, II-2 und III-1 an.
- Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind von Frau S. erkrankt — zunächst unter der Annahme, dass es ein Junge wird, dann ohne Kenntnis des Geschlechts.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Erkrankt sind nur zwei Männer: II-3 und III-1. Beide haben gesunde Eltern. Die Krankheit „überspringt“ Generationen und wird über gesunde Frauen weitergegeben: II-3 ist Sohn von I-2, III-1 Sohn von II-2 — beide Mütter sind gesund, ebenso die Väter I-1 und II-1. Alle Frauen und die übrigen Männer (II-4, III-3) sind gesund.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Dominant ist ausgeschlossen, weil II-3 und III-1 gesunde Eltern haben. Rezessiv bleiben autosomal oder X-chromosomal möglich. Für X-chromosomal-rezessiv sprechen: nur Männer erkrankt, die Weitergabe erfolgt über gesunde Mütter (Konduktorinnen), nie vom Vater auf den Sohn. M2 bestätigt, dass das Gen auf dem X-Chromosom liegt; Männer sind hemizygot und erkranken schon mit einem einzigen rezessiven Allel.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
I-1: XAY (gesunder Mann). I-2: XAXa (Konduktorin, da ihr Sohn II-3 erkrankt ist und der Vater gesund). II-2: XAXa (ihr Sohn III-1 ist erkrankt). III-1: XaY.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
P(III-2 ist Konduktorin) = 1/2, denn sie erhielt von II-2 (XAXa) mit gleicher Wahrscheinlichkeit XA oder Xa; vom Vater hat sie sicher XA.
Junge: P = 1/2 · 1/2 = 1/4 = 25 % (ein Konduktorinnen-Sohn erbt Xa mit 1/2).
Geschlecht unbekannt: P(Junge) = 1/2, Mädchen erkranken nicht, da der Vater XA weitergibt: P = 1/2 · 1/4 = 1/8 = 12,5 %.
Wissen oder nicht wissen?
AFB II–IIIChorea Huntington ist eine autosomal-dominant vererbte Erkrankung des Gehirns. Sie beginnt meist zwischen dem 35. und 50. Lebensjahr mit unwillkürlichen Bewegungen und führt über Jahre zu Demenz und Tod. Eine heilende Therapie gibt es nicht. Ursache ist eine verlängerte Wiederholung des Tripletts CAG im Huntingtin-Gen.
Jonas (22) hat erfahren, dass sein Großvater mütterlicherseits an Chorea Huntington gestorben ist. Seine Mutter (45) hat bisher keine Symptome. Sie hat sich bewusst gegen einen Test entschieden und möchte ihr Ergebnis nicht wissen. Jonas plant, bald eine Familie zu gründen, und möchte sich testen lassen.
| CAG-Wiederholungen | Bedeutung |
|---|---|
| bis 26 | normal, keine Erkrankung |
| 27 bis 35 | keine Erkrankung, Verlängerung bei Weitergabe an Kinder möglich |
| 36 bis 39 | Erkrankung möglich, aber nicht sicher (unvollständige Penetranz) |
| 40 und mehr | Erkrankung im Laufe des Lebens sicher |
(1) Ärztin: „Der Test bestimmt die Zahl der Wiederholungen sehr zuverlässig.“ (2) Freund: „Man muss doch wissen, was auf einen zukommt.“ (3) Mutter: „Wenn Jonas positiv ist, weiß ich es auch — das will ich nicht.“ (4) Schwester: „Ein positives Ergebnis würde Jonas depressiv machen, also sollte er es lassen.“
- Berechnen Sie Jonas’ Risiko, das Huntington-Allel geerbt zu haben, bevor ein Test gemacht wird (M3).
- Interpretieren Sie mögliche Testergebnisse von 22, 38 und 43 CAG-Wiederholungen für Jonas und seine Mutter (M4).
- Untersuchen Sie die Aussagen in M5 daraufhin, ob sie deskriptiv oder normativ sind, und ordnen Sie den normativen Aussagen einen Wert zu.
- Bewerten Sie, ob Jonas den Test machen lassen sollte. Berücksichtigen Sie dabei das Gendiagnostikgesetz.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Der Großvater war erkrankt und damit (sehr wahrscheinlich) heterozygot Hh. Die Mutter hat das Allel mit P = 1/2 geerbt. Nur wenn sie es trägt, kann sie es mit P = 1/2 an Jonas weitergeben.
P(Jonas trägt H) = 1/2 · 1/2 = 1/4 = 25 %.
(Da die Mutter mit 45 noch symptomfrei ist, wäre ihr tatsächliches Risiko etwas geringer; das bleibt hier unberücksichtigt.)
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
22: normal; Jonas erkrankt nicht, über die Mutter sagt das Ergebnis nichts Sicheres aus.
38: Bereich unvollständiger Penetranz — eine Erkrankung ist möglich, aber nicht sicher; die Unsicherheit bleibt, eine klare Lebensplanung ist kaum möglich.
43: Jonas wird im Laufe seines Lebens sicher erkranken. Da er das Allel nur über die Mutter haben kann, trägt auch sie es — sie würde ungewollt von ihrer eigenen Erkrankung erfahren.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
(1) deskriptiv: überprüfbare Aussage über die Zuverlässigkeit.
(2) normativ („man muss“), Wert: Autonomie/Planungsfreiheit — allerdings ohne Begründung verallgemeinert.
(3) enthält eine deskriptive Folgerung („dann weiß ich es auch“) und die normative Haltung, nicht wissen zu wollen: Recht auf Nichtwissen der Mutter.
(4) verbindet eine unbelegte Prognose („würde depressiv machen“, eigentlich deskriptiv, aber nicht gesichert) mit einer normativen Folgerung („sollte es lassen“): Nichtschaden/Fürsorge.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Konflikt: Jonas’ Recht auf Wissen (Autonomie, Familienplanung) steht gegen das Recht der Mutter auf Nichtwissen, weil ein positives Ergebnis auch sie betrifft.
Fakten: 25 % Risiko, keine Therapie, sehr zuverlässiger Test; nach dem GenDG ist vor und nach dem prädiktiven Test eine genetische Beratung vorgeschrieben und Bedenkzeit einzuräumen; die Einwilligung ist schriftlich und jederzeit widerrufbar.
Abwägung (Beispiel): Jonas ist volljährig und trägt die Folgen für sich und seine künftigen Kinder; sein Selbstbestimmungsrecht wiegt schwer. Das Nichtwissen der Mutter lässt sich teilweise schützen, wenn Jonas das Ergebnis vertraulich behandelt. Urteil: Der Test ist vertretbar, wenn Jonas ihn nach Beratung und Bedenkzeit wünscht und mit seiner Mutter vorher über den Umgang mit dem Ergebnis spricht. Eine andere Gewichtung ist möglich, wenn sie ebenso begründet wird.
