Moleküle als Homologien
Nicht nur Knochen werden von Generation zu Generation weitergegeben, sondern vor allem Gene. Verwandte Arten tragen deshalb Abwandlungen desselben Gens, die auf ein Gen ihres gemeinsamen Vorfahren zurückgehen.
- Molekulare Homologie:Gene und Proteine verschiedener Arten, die auf dasselbe Gen eines gemeinsamen Vorfahren zurückgehen; Beispiel: Cytochrom c, ein Protein der Atmungskette (Kapitel 1), das fast alle Lebewesen besitzen.
- Sequenzvergleich:Basen- bzw. Aminosäuresequenzen werden so untereinandergeschrieben, dass sich einander entsprechende Positionen gegenüberstehen (Alignment); dann zählt man die abweichenden Positionen.
- Ursache der Unterschiede:Nach der Trennung zweier Linien sammeln sich in jeder Linie unabhängig voneinander Mutationen an, vor allem Substitutionen (Kapitel 3).
- Abgestufte Ähnlichkeit:Je weniger Unterschiede zwei homologe Sequenzen zeigen, desto kürzer liegt ihre Trennung zurück und desto näher sind die Arten verwandt.
- Distanzmatrix:Tabelle mit der Zahl der Unterschiede für alle Artpaare; fasst man darin schrittweise die ähnlichsten Arten zusammen, entsteht ein Stammbaum.
- DNA genauer als Protein:Wegen der Redundanz des genetischen Codes ändern stumme Mutationen die Aminosäure nicht; DNA-Vergleiche zeigen daher mehr Unterschiede und trennen auch nahe verwandte Arten.
Katze, Hund, Bär und Robbe besitzen dasselbe Gen — gezeigt ist ein ausgedachter Abschnitt daraus (Modellsequenzen). Wähle ein Artpaar und klicke jede Position an, an der sich die beiden Sequenzen unterscheiden (Tastatur: Position mit Tab anwählen, ←/→ wandern, Enter markiert). Richtig gezählte Paare wandern in die Distanzmatrix. Wechsle danach auf die DNA-Ebene und vergleiche.
Halte fest: Bär und Robbe unterscheiden sich am wenigsten, die Katze von den drei anderen am stärksten; daraus ergibt sich die Verzweigungsfolge ((Bär, Robbe), Hund), Katze — so ordnet sie auch die heutige Systematik. Auf DNA-Ebene findest du mehr Unterschiede als bei den Aminosäuren, weil stumme Mutationen die Aminosäure nicht verändern: DNA-Vergleiche lösen Verwandtschaft feiner auf.
Sequenzvergleich: Die Zahl der Unterschiede zwischen homologen DNA- oder Aminosäuresequenzen ist ein Maß für den Verwandtschaftsgrad — je weniger Unterschiede, desto näher verwandt.
Die molekulare Uhr
Sammeln sich Mutationen in einem Gen annähernd gleichmäßig an, verrät die Zahl der Unterschiede nicht nur die Reihenfolge der Verzweigungen, sondern auch ungefähr ihren Zeitpunkt.
- Substitutionsrate:mittlere Zahl der Unterschiede, die sich in einer Linie pro Zeiteinheit in einem bestimmten Gen ansammeln; Formelzeichen r.
- Molekulare Uhr:Annahme, dass die Substitutionsrate eines Gens über lange Zeit annähernd konstant ist; die Zahl der Unterschiede d wächst dann proportional zur Zeit t seit der Trennung.
- Eichung:Die Rate wird an einer Trennung bestimmt, die durch datierte Fossilien bekannt ist, und dann auf andere Artpaare übertragen.
- Gene ticken verschieden schnell:Gene mit strenger funktioneller Bindung wie Cytochrom c verändern sich langsam und eignen sich für entfernte Verwandtschaft, schnell veränderliche, nicht codierende Abschnitte für nahe verwandte Arten.
- Grenzen:Raten schwanken zwischen Linien und Zeiträumen (Generationsdauer, Selektion); mehrere Mutationen an derselben Position bleiben unerkannt, sodass weit zurückliegende Trennungen unterschätzt werden.
- DNA-Hybridisierung:Einzelstränge zweier Arten werden zu Doppelsträngen gemischt; je mehr Basen fehlpaaren, desto niedriger ist die Temperatur, bei der sich der Hybrid wieder trennt — ein Maß für die Ähnlichkeit des ganzen Genoms.
Seit der Trennung sammeln beide Linien Unterschiede an, jede für sich mit der Rate r über die Zeit t.
Die Zeit seit der Trennung folgt aus der Zahl der Unterschiede und der geeichten Rate.
Molekulare Uhr: \(t = \dfrac{d}{2\,r}\) mit t = Zeit seit der Trennung, d = Zahl der Unterschiede, r = Substitutionsrate je Linie.
Allgemeine Hinweise
Unterschiede sind noch keine Zeit
Die Zahl der Unterschiede wird erst mit einer geeichten Rate zu einer Zeitangabe. Ohne Eichung zeigt sie nur die Reihenfolge der Verzweigungen.
Nur Homologes vergleichen
Verglichen werden dürfen nur Sequenzen desselben Gens, die korrekt ausgerichtet sind. Eine Verschiebung um eine einzige Position durch eine Insertion oder Deletion täuscht sonst viele Unterschiede vor.
Vorfahr ist keine heutige Art
Wenige Unterschiede bedeuten einen jüngeren gemeinsamen Vorfahren, nicht dass eine heutige Art aus der anderen hervorgegangen ist. Beide Linien haben sich seit der Trennung verändert.
