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AbituraufgabenKoevolution

Kuckuckseier und giftige Molche — Wettrüsten mit Material deuten und ultimat statt final erklären.

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Kuckuckseier im fremden Nest

AFB I–II

Der Kuckuck ist ein Brutparasit: Das Weibchen legt je ein Ei in die Nester anderer Vogelarten. Der junge Kuckuck schlüpft früh, wirft die Eier oder Jungen des Wirts aus dem Nest und wird von den Wirtseltern allein aufgezogen. Kuckucksweibchen sind jeweils auf eine Wirtsart spezialisiert; ihre Eier ähneln oft den Eiern dieser Wirtsart.

M1Freilandversuch mit Modelleiern (nach DAVIES und BROOKE, vereinfacht; Zahlen gerundet bzw. Modellwerte)
WirtsartWie oft vom Kuckuck genutzt?Kuckucksei ähnelt Wirtsei?Abgelehnte fremde Modelleier
Teichrohrsängerhäufigja, starketwa 60 %
Wiesenpieperhäufigja, starketwa 50 %
Heckenbraunellehäufigneinunter 5 %
Arten, die ihre Jungen mit Samen füttern (für Kuckucksjunge ungeeignet)nie—sehr gering
Rohrsänger in Gebieten ohne Kuckucknie—deutlich geringer als im Kuckucksgebiet
  1. Beschreiben Sie die Ergebnisse des Versuchs (M1).
  2. Erklären Sie ultimat, wie die Ähnlichkeit der Kuckuckseier mit den Eiern des Teichrohrsängers entstanden ist.
  3. Deuten Sie die Ergebnisse für die nie genutzten Arten und für Rohrsänger ohne Kuckuck.
  4. Erläutern Sie, weshalb die Beziehung zwischen Kuckuck und Teichrohrsänger als Wettrüsten bezeichnet wird, und ordnen Sie die Heckenbraunelle in diese Vorstellung ein.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie genutzte und nicht genutzte Wirte.
Hinweis zu Aufgabe b)
Beginnen Sie mit der Variation der Eier in der Kuckuckspopulation.
Hinweis zu Aufgabe c)
Hat das Ablehnen fremder Eier auch Kosten?
Hinweis zu Aufgabe d)
Denken Sie an die Reihenfolge von Angriff und Abwehr — und an unterschiedliche Stadien.Erläutern: Einen Sachverhalt so darstellen, dass Zusammenhänge und Bedingungen verständlich werden – mit Beispielen oder Belegen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Häufig genutzte Wirte wie Teichrohrsänger und Wiesenpieper lehnen einen großen Teil fremder Modelleier ab (etwa 50 bis 60 %); bei diesen Wirten ähneln die Kuckuckseier den Wirtseiern stark. Arten, die der Kuckuck nie nutzt, weil ihr Futter für Kuckucksjunge ungeeignet ist, lehnen fremde Eier kaum ab. Auch Rohrsänger aus Gebieten ohne Kuckuck lehnen deutlich weniger ab. Eine Ausnahme bildet die Heckenbraunelle: Sie wird häufig genutzt, lehnt aber fast keine fremden Eier ab, und das Kuckucksei ähnelt ihrem Ei nicht.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

In der Kuckuckspopulation, die Teichrohrsänger nutzt, variierten Farbe und Muster der Eier erblich. Teichrohrsänger erkannten stark abweichende Eier und entfernten sie; aus diesen Eiern gingen keine Nachkommen hervor. Weibchen, deren Eier den Wirtseiern ähnlicher waren, hatten daher mehr überlebende Junge. Über viele Generationen nahm der Anteil der Allele für wirtsähnliche Eier zu (Eimimikry). Der Wirt wirkt dabei als Selektionsfaktor; es gibt kein Ziel, sondern nur unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Wo der Kuckuck nicht vorkommt oder eine Art nicht nutzt, bringt das Ablehnen fremder Eier keinen Vorteil. Es kann sogar schaden, etwa wenn ein Vogel irrtümlich eigene Eier entfernt. Die Fähigkeit wird daher dort nicht begünstigt oder geht zurück. Dass nur genutzte Wirte fremde Eier häufig ablehnen, zeigt: Die Abwehr ist unter der Selektion durch den Kuckuck entstanden — der Kuckuck wirkt als Selektionsfaktor für seine Wirte.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Kuckuck und Teichrohrsänger haben gegensätzliche Interessen. Ablehnung fremder Eier beim Wirt begünstigt beim Kuckuck ähnlichere Eier; ähnlichere Eier begünstigen beim Wirt eine genauere Erkennung. Jede Verbesserung der einen Seite verschärft die Selektion auf der anderen — ein Wettrüsten. Die Heckenbraunelle zeigt weder Abwehr noch eine Eiähnlichkeit. Eine mögliche Deutung: Der Kuckuck nutzt diese Art erst seit vergleichsweise kurzer Zeit, das Wettrüsten steht also noch am Anfang. Solange der Wirt keine Eier ablehnt, besteht für den Kuckuck auch kein Selektionsdruck in Richtung ähnlicher Eier.

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Giftige Molche, zähe Nattern

AFB II–III

Der Rauhäutige Gelbbauchmolch (Taricha granulosa) aus dem Westen Nordamerikas enthält in seiner Haut Tetrodotoxin (TTX). Schon ein einzelner Molch enthält so viel davon, dass er viele Mäuse töten könnte. Die Gewöhnliche Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis) frisst diese Molche in manchen Gebieten trotzdem.

M1Giftigkeit und Widerstandskraft in fünf Gebieten (relative Modellwerte, nach Freilanddaten vereinfacht)
0255075100Gebiet 1Gebiet 2Gebiet 3Gebiet 4Gebiet 5keine Molcherelativer WertTetrodotoxin je MolchWiderstandskraft der Nattern
M2Wirkung von TTX und Grundlage der Widerstandskraft

TTX verstopft die Natriumkanäle in der Membran von Nerven- und Muskelzellen. Das sind Proteine, durch die Na⁺-Ionen strömen; ohne diesen Strom können Nerven und Muskeln nicht erregt werden, das Tier wird gelähmt. Bei widerstandsfähigen Nattern ist im Gen für den Natriumkanal der Skelettmuskulatur an wenigen Stellen die Basenfolge verändert. Dadurch sitzen an der Bindungsstelle für TTX andere Aminosäuren, und TTX bindet schlechter.

M3Kosten der Widerstandskraft (Modellwerte)
Widerstandskraft der NatterKriechgeschwindigkeit (relativ)
gering100 %
mitteletwa 90 %
hochetwa 80 %
  1. Werten Sie M1 aus.
  2. Erklären Sie mithilfe von M2 die Entstehung widerstandsfähiger Nattern auf molekularer Ebene und ultimat.
  3. Erläutern Sie anhand von M3, warum in Gebieten mit ungiftigen Molchen kaum widerstandsfähige Nattern vorkommen.
  4. In einer Zeitschrift heißt es: „Die Molche wurden immer giftiger, um sich gegen die Nattern zu wehren, und die Nattern passten sich an, um die Molche weiter fressen zu können. Am Ende hat keiner gewonnen.“ Nehmen Sie Stellung zu dieser Aussage.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie die beiden Balken jedes Gebiets, und suchen Sie eine Ausnahme.
Hinweis zu Aufgabe b)
Verbinden Sie Genmutation, Protein und Fortpflanzungserfolg.
Hinweis zu Aufgabe c)
Was bringt die Widerstandskraft dort — und was kostet sie?
Hinweis zu Aufgabe d)
Prüfen Sie Formulierung und Inhalt getrennt, und beziehen Sie die Rote-Königin-Hypothese ein.Stellung nehmen: Zu einem Sachverhalt nach kritischer Prüfung und sorgfältiger Abwägung eine eigene begründete Position beziehen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

In den meisten Gebieten hängen Giftigkeit der Molche und Widerstandskraft der Nattern zusammen: Wo die Molche viel TTX enthalten (Gebiet 1), sind die Nattern sehr widerstandsfähig; bei mittlerer Giftigkeit (Gebiet 2) sind sie mittel widerstandsfähig; wo die Molche kaum giftig sind oder fehlen (Gebiete 4 und 5), sind die Nattern kaum widerstandsfähig. Gebiet 3 ist eine Ausnahme: Die Nattern sind deutlich widerstandsfähiger, als es die mäßige Giftigkeit der Molche erfordert. Insgesamt spricht die räumliche Übereinstimmung für wechselseitige Selektion, das Muster ist aber nicht überall gleich stark.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Durch Mutationen im Gen des Natriumkanals entstanden Allele, die für einen Kanal mit veränderter Aminosäuresequenz an der TTX-Bindungsstelle codieren. TTX bindet an diesen Kanal schlechter, Nerven und Muskeln bleiben erregbar. In Gebieten mit giftigen Molchen überlebten Nattern mit solchen Allelen das Fressen der Molche häufiger, erschlossen sich eine zusätzliche Nahrungsquelle und hatten mehr Nachkommen. Über viele Generationen nahm der Anteil dieser Allele zu. Umgekehrt überlebten Molche mit mehr TTX Angriffe widerstandsfähiger Nattern eher — so steigerten sich Giftigkeit und Widerstandskraft wechselseitig.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Widerstandsfähige Nattern kriechen langsamer (M3). Langsamere Nattern erbeuten schlechter andere Beute und entkommen ihren eigenen Feinden seltener. In Gebieten mit giftigen Molchen überwiegt der Nutzen der Widerstandskraft diesen Nachteil. Wo die Molche ungiftig sind oder fehlen, bringt die Widerstandskraft keinen Vorteil, der Nachteil bleibt aber bestehen. Dort haben Nattern ohne Widerstandsallele im Mittel mehr Nachkommen; deren Anteil bleibt hoch oder nimmt zu.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Inhaltlich beschreibt die Aussage ein Wettrüsten zutreffend: Giftigkeit der Molche und Widerstandskraft der Nattern haben sich wechselseitig gesteigert (M1). Auch der letzte Satz trifft einen wahren Kern: Nach der Rote-Königin-Hypothese verändern sich beide Seiten ständig, ohne dass eine dauerhaft einen Vorsprung gewinnt; Gebiet 3 zeigt, dass mal die eine, mal die andere Seite vorn liegen kann. Die Formulierungen „um sich zu wehren“ und „um … fressen zu können“ sind jedoch finale Begründungen: Sie unterstellen Absicht und Ziel. Fachlich richtig ist: Molche mit mehr TTX überlebten Angriffe häufiger, Nattern mit Widerstandsallelen überlebten das Fressen giftiger Molche häufiger — jeweils mit mehr Nachkommen. Die Aussage ist also im Ergebnis vertretbar, in der Begründung aber fachlich falsch und sollte ultimat umformuliert werden.