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AbituraufgabenIsolation und Artbildung

Knallkrebse an zwei Ozeanen und Apfelfliegen auf neuen Früchten — Isolation erkennen und Wege der Artbildung beurteilen.

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Knallkrebse an zwei Ozeanen

AFB I–II

Knallkrebse (Gattung Alpheus) sind wenige Zentimeter lange Krebse tropischer Küsten. Auf beiden Seiten der Landenge von Panama leben Artenpaare, deren Partner sich äußerlich sehr ähneln (M1). Die Landenge schloss sich über mehrere Millionen Jahre allmählich; die letzten flachen Meeresverbindungen wurden vor rund 3 Millionen Jahren unterbrochen, tiefere Verbindungen schon früher. In Aquarienversuchen wurden Männchen und Weibchen zusammengesetzt (M2).

M1Lage der Artenpaare (schematisch)
Nordamerika Südamerika Landenge von Panama Pazifik Karibik A1 B1 A2 B2 A: Flachwasser · B: tieferes Wasser
M2Ergebnisse von Paarungsversuchen (Modellwerte, vereinfacht nach Laborversuchen)
zusammengesetzte TiereAnteil der Paare, die sich zusammenfindenAnteil der Paare mit sich entwickelndem GelegeUnterschied in einem untersuchten DNA-Abschnitt
A1 × A1 (gleiche Seite)90 %80 %—
A1 × A2 (Flachwasser, beide Seiten)40 %10 %gering
B1 × B2 (tieferes Wasser, beide Seiten)10 %0 %groß
  1. Beschreiben Sie die Ergebnisse der Paarungsversuche (M2).
  2. Erläutern Sie die Entstehung der Artenpaare als allopatrische Artbildung.
  3. Ordnen Sie die in M2 erkennbaren Barrieren den Isolationsmechanismen zu.
  4. Erklären Sie, warum die Isolation beim Artenpaar B stärker ist als beim Artenpaar A, obwohl beide durch dieselbe Landenge getrennt wurden.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie beide Spalten für die drei Kombinationen.
Hinweis zu Aufgabe b)
Gehen Sie die Schritte Separation, getrennte Entwicklung und Wiederkontakt durch.
Hinweis zu Aufgabe c)
Unterscheiden Sie zwischen „finden zusammen“ und „Gelege entwickelt sich“.
Hinweis zu Aufgabe d)
Nutzen Sie die Information zur Schließung der tiefen und flachen Meeresverbindungen.Erklären: Einen Sachverhalt auf Gesetzmäßigkeiten bzw. Ursachen zurückführen und in einen nachvollziehbaren Zusammenhang einordnen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Tiere derselben Art von derselben Seite finden in 90 % der Fälle zusammen, 80 % der Paare bilden ein sich entwickelndes Gelege. Bei Flachwassertieren von beiden Seiten (A1 × A2) finden nur 40 % zusammen, und nur 10 % haben ein sich entwickelndes Gelege. Bei Tieren aus tieferem Wasser (B1 × B2) finden 10 % zusammen, Gelege entwickeln sich gar nicht. Je größer der Unterschied im DNA-Abschnitt, desto geringer sind Paarungs- und Fortpflanzungserfolg.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Ursprünglich lebte je eine Population zu beiden Seiten des heutigen Isthmus, und Genfluss war über die offenen Meeresverbindungen möglich. Mit dem Schließen der Landenge wurde die Population in eine pazifische und eine karibische Teilpopulation getrennt (Separation, geografische Isolation). Ohne Genfluss veränderten sich die Genpools unabhängig: Mutationen lieferten auf jeder Seite andere neue Allele, Selektion wirkte unter den etwas verschiedenen Bedingungen der beiden Meere, und Gendrift veränderte Allelfrequenzen zufällig. Dabei entstanden Unterschiede im Balzverhalten und in der Verträglichkeit der Keimzellen. Treffen Tiere beider Seiten im Versuch aufeinander, pflanzen sie sich kaum noch erfolgreich fort — reproduktive Isolation ist entstanden.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Dass viele Paare gar nicht erst zusammenfinden, deutet auf präzygotische, vermutlich ethologische Isolation hin: Die Tiere erkennen oder akzeptieren den Partner der anderen Seite nicht als Paarungspartner. Dass sich bei gebildeten Paaren kaum Gelege entwickeln, spricht für weitere Barrieren: Die Befruchtung kann scheitern (gametische Isolation, präzygotisch), oder befruchtete Eier sterben ab (Hybridsterblichkeit, postzygotisch). Aus M2 allein lässt sich nicht entscheiden, welche dieser beiden Möglichkeiten vorliegt.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Die Tiere des Artenpaars B leben im tieferen Wasser. Die tieferen Meeresverbindungen wurden zuerst unterbrochen; zwischen B1 und B2 riss der Genfluss also früher ab als zwischen den Flachwasserformen A1 und A2, deren Verbindung erst vor rund 3 Millionen Jahren endete. Das Paar B hatte deshalb mehr Zeit, sich getrennt zu entwickeln: Es haben sich mehr Mutationen angesammelt (großer Unterschied im DNA-Abschnitt), und Selektion und Drift konnten länger wirken. Entsprechend ist die reproduktive Isolation stärker ausgeprägt.

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Apfel oder Weißdorn?

AFB II–III

Die Apfelfliege Rhagoletis pomonella legt ihre Eier in Früchte; die Larven entwickeln sich darin, verpuppen sich im Boden und schlüpfen im nächsten Sommer. Männchen und Weibchen paaren sich auf den Früchten der Pflanze, in der sie selbst aufgewachsen sind. Ursprünglich lebte die Art in Nordamerika nur auf Weißdorn. Um 1860 wurden im Hudson-Tal erstmals Larven in Äpfeln gefunden; heute unterscheidet man eine Apfel- und eine Weißdornrasse, die vielerorts nebeneinander vorkommen.

M3Apfel- und Weißdornrasse im Vergleich (Größenordnungen nach Literaturangaben, teils Modellwerte)
MerkmalApfelrasseWeißdornrasse
Reife der WirtsfrüchteAugust bis Anfang SeptemberMitte September bis Oktober
Schlüpfen der meisten Fliegenfrüher im Sommeretwa drei bis vier Wochen später
Anteil der Fliegen, die sich pro Generation mit der anderen Rasse paarenetwa 4 bis 6 %etwa 4 bis 6 %
Frequenz eines Allels an einem untersuchten Genort (Modellwert)0,250,45
Kreuzungen im Laborlebensfähige, fruchtbare Nachkommenlebensfähige, fruchtbare Nachkommen
M4Ein Laborbefund

Puppen der Weißdornrasse wurden im Labor künstlich früher „geweckt“, so als ob sie wie die Apfelrasse im Hochsommer schlüpfen müssten. Unter diesen Bedingungen überlebten Puppen mit einem bestimmten Allel des untersuchten Genorts deutlich schlechter als solche mit dem anderen Allel (Modellbefund, vereinfacht).

  1. Erläutern Sie, welche Isolationsmechanismen zwischen Apfel- und Weißdornrasse wirken und welche fehlen (M3).
  2. Erklären Sie die unterschiedlichen Allelfrequenzen am untersuchten Genort mithilfe von M4.
  3. Begründen Sie, dass es sich hier um eine mögliche sympatrische Artbildung handelt.
  4. Ein Mitschüler meint: „Apfel- und Weißdornrasse werden zwangsläufig zu zwei Arten, die sich nicht mehr miteinander fortpflanzen.“ Diskutieren Sie diese Aussage.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Prüfen Sie jeden Mechanismus aus dem Unterkapitel einzeln.
Hinweis zu Aufgabe b)
Welcher Evolutionsfaktor wirkt, wenn das Schlüpfen zur Fruchtreife passen muss?
Hinweis zu Aufgabe c)
Was unterscheidet die Situation von der Artbildung bei den Knallkrebsen?
Hinweis zu Aufgabe d)
Stellen Sie Faktoren, die die Rassen trennen, solchen gegenüber, die sie zusammenhalten.Diskutieren: Zu einer Problemstellung oder These Argumente (Pro und Contra) gegeneinander abwägen und zu einem begründeten Ergebnis kommen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Es wirkt ökologische Isolation: Die Fliegen paaren sich auf der Frucht ihrer Wirtspflanze, Apfel- und Weißdornfliegen treffen sich deshalb meist nicht. Hinzu kommt zeitliche Isolation: Äpfel reifen früher, und die Apfelrasse schlüpft drei bis vier Wochen vor der Weißdornrasse. Beide Barrieren sind präzygotisch und nicht vollständig, denn etwa 4 bis 6 % der Fliegen paaren sich pro Generation mit der anderen Rasse. Postzygotische Isolation fehlt: Kreuzungen ergeben lebensfähige, fruchtbare Nachkommen. Mechanische, gametische oder ethologische Isolation sind in M3 nicht belegt.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Die Weißdornrasse trägt das Allel mit der Frequenz 0,45, die Apfelrasse nur mit 0,25. Nach M4 beeinflusst der Genort, wie gut Puppen einen früheren Schlupftermin überleben. Auf Äpfeln müssen die Fliegen früher im Sommer schlüpfen. Fliegen mit dem Allel, das bei frühem Schlüpfen die Überlebenschancen senkt, haben dort im Mittel weniger Nachkommen; das Allel wird in der Apfelrasse durch Selektion seltener. Auf Weißdorn entfällt dieser Nachteil, sodass es dort häufiger bleibt. Die unterschiedlichen Frequenzen sind also Folge verschiedener Selektion in den beiden Wirtspflanzen; der verbleibende Genfluss von 4 bis 6 % verhindert, dass sich die Frequenzen noch weiter auseinanderentwickeln oder angleichen.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Beide Rassen kommen vielerorts im selben Gebiet nebeneinander vor; es gibt keine geografische Barriere, die den Genfluss unterbricht. Der Genfluss wird stattdessen im selben Gebiet eingeschränkt — durch die Bindung der Paarung an die Wirtsfrucht und durch verschiedene Schlupfzeiten. Wenn sich daraus vollständige reproduktive Isolation entwickelt, wäre die Artbildung sympatrisch erfolgt.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Für die Aussage spricht: Ökologische und zeitliche Isolation schränken den Genfluss bereits stark ein; unterschiedliche Selektion in den Wirtspflanzen führt zu verschiedenen Allelfrequenzen (M3, M4); mit der Zeit können sich weitere Unterschiede ansammeln, etwa im Verhalten, und Hybride, deren Schlupfzeit zu keiner der beiden Früchte passt, könnten im Nachteil sein — das würde die Trennung verstärken. Gegen die Aussage spricht: Pro Generation paaren sich 4 bis 6 % der Fliegen mit der anderen Rasse; dieser Genfluss gleicht Unterschiede laufend aus. Hybride sind lebensfähig und fruchtbar; postzygotische Isolation fehlt. Evolution verläuft zudem nicht zielgerichtet: Ob die Trennung vollständig wird, hängt davon ab, ob die trennende Selektion stärker bleibt als der Genfluss, und die Bedingungen können sich ändern, etwa wenn Apfelsorten mit späterer Reife angebaut werden. Fazit: Die Rassen befinden sich möglicherweise auf dem Weg zu getrennten Fortpflanzungsgemeinschaften; „zwangsläufig“ ist aber nicht haltbar.