Enzyme aus Eis und heißen Quellen
AFB I–IIBakterien besiedeln Lebensräume von −2 °C im Meereis bis über 80 °C in heißen Quellen. Aus drei Arten wurde dasselbe Stoffwechselenzym isoliert und seine Aktivität bei verschiedenen Temperaturen gemessen (M1).
| Temperatur in °C | 0 | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 80 | 90 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Art A (Meereis der Antarktis) | 22 | 45 | 80 | 100 | 35 | 3 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| Art B (Darm von Säugetieren) | 5 | 11 | 24 | 52 | 100 | 40 | 2 | 0 | 0 | 0 |
| Art C (heiße Quelle) | 1 | 2 | 4 | 8 | 16 | 30 | 55 | 90 | 100 | 45 |
- Beschreiben Sie den Verlauf der Aktivität für Art B.
- Berechnen Sie Q10 für Art B zwischen 20 °C und 30 °C sowie für Art C zwischen 40 °C und 50 °C.
- Erläutern Sie den Kurvenverlauf von Art B auf Ebene der Enzymmoleküle.
- Begründen Sie, warum das Enzym von Art C bei 80 °C noch arbeitet, das von Art A aber schon bei 50 °C kaum noch.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Die Aktivität steigt von 5 % bei 0 °C zunächst langsam, dann immer schneller an (11 %, 24 %, 52 %) und erreicht bei 40 °C das Maximum (100 %). Darüber fällt sie steil ab: 40 % bei 50 °C, 2 % bei 60 °C, ab 70 °C keine messbare Aktivität.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Art B: \(Q_{10} = 52 : 24 \approx 2{,}2\). Art C: \(Q_{10} = 30 : 16 \approx 1{,}9\). Beide Werte liegen im Bereich der RGT-Regel (etwa 2 bis 3), weil beide Temperaturbereiche unterhalb des jeweiligen Optimums liegen.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Unterhalb des Optimums bewegen sich Enzym- und Substratmoleküle mit steigender Temperatur schneller; sie stoßen häufiger zusammen, und mehr Substratmoleküle haben die nötige Aktivierungsenergie — es bilden sich mehr Enzym-Substrat-Komplexe je Zeit (RGT-Regel). Bei 40 °C ist das Optimum erreicht. Darüber schwingen die Molekülteile so stark, dass Wasserstoffbrücken, Ionenbindungen und hydrophobe Wechselwirkungen der Tertiärstruktur aufbrechen. Das aktive Zentrum verliert seine passende Form, das Substrat bindet nicht mehr: Das Enzym denaturiert irreversibel. Da immer mehr Moleküle denaturieren, fällt die Aktivität steil ab.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Die Temperaturstabilität hängt von der Raumstruktur ab. Das Enzym von Art C ist durch zusätzliche stabilisierende Wechselwirkungen (z. B. mehr Ionenbindungen und Wasserstoffbrücken, Disulfidbrücken, dichter gepackter hydrophober Kern) so stabil, dass es erst oberhalb von 80 °C denaturiert; in der heißen Quelle ist das eine Voraussetzung zum Überleben. Das Enzym von Art A ist dagegen sehr flexibel gebaut. Das ermöglicht ihm, auch in der Kälte noch schnell zu arbeiten (22 % bei 0 °C), macht es aber hitzeempfindlich: Schon oberhalb von 30 °C brechen seine wenigen stabilisierenden Bindungen, bei 50 °C ist es fast vollständig denaturiert.
Ein Bakterium für Bioethanol
AFB II–IIIDas Bakterium Zymomonas mobilis vergärt Zucker sehr schnell zu Ethanol und CO₂ und wird für die Herstellung von Bioethanol untersucht. Ein Schlüsselenzym ist seine Pyruvatdecarboxylase. Ihre Umsatzgeschwindigkeit wurde bei verschiedenen Pyruvatkonzentrationen und zwei Enzymmengen gemessen (M2). Das Temperaturoptimum der Bakterien liegt bei etwa 30–35 °C.
| [Pyruvat] in mmol/L | 0,1 | 0,2 | 0,4 | 0,8 | 1,6 | 3,2 | 6,4 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| v in µmol/min, Enzymmenge 1 | 24 | 40 | 60 | 80 | 96 | 107 | 113 |
| v in µmol/min, Enzymmenge 2 (doppelt) | 48 | 80 | 120 | 160 | 192 | 213 | 226 |
- Ermitteln Sie aus M2 näherungsweise vmax und KM für Enzymmenge 1.
- Erklären Sie den Verlauf der Messreihe für Enzymmenge 1 mit dem Schlüssel-Schloss-Prinzip.
- Deuten Sie die Messreihe für Enzymmenge 2 im Vergleich zu Enzymmenge 1.
- Beurteilen Sie den Vorschlag eines Ingenieurs: „Wir heizen den Reaktor auf 60 °C. Nach der RGT-Regel läuft die Gärung dann etwa achtmal so schnell.“
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Die Geschwindigkeit nähert sich mit steigender Konzentration einem Grenzwert; bei 6,4 mmol/L sind 113 µmol/min erreicht, der Zuwachs wird immer kleiner. vmax ≈ 120 µmol/min. Die halbe Höchstgeschwindigkeit (60 µmol/min) wird bei [Pyruvat] = 0,4 mmol/L erreicht: KM ≈ 0,4 mmol/L.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Pyruvat passt als Substrat in das aktive Zentrum der Pyruvatdecarboxylase (Schlüssel-Schloss-Prinzip); nur ein gebildeter Enzym-Substrat-Komplex führt zur Umsetzung. Bei niedriger Konzentration sind die meisten aktiven Zentren frei; jede Erhöhung von [S] führt zu deutlich mehr Komplexen je Zeit, v steigt fast proportional (0,1 → 0,2 mmol/L: 24 → 40 µmol/min). Mit steigender Konzentration sind immer mehr aktive Zentren besetzt; zusätzliche Substratmoleküle finden seltener ein freies Zentrum. Sind praktisch alle besetzt, ist das Enzym gesättigt, und v nähert sich vmax.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Bei doppelter Enzymmenge ist jede Geschwindigkeit genau doppelt so groß; auch vmax verdoppelt sich auf ≈ 240 µmol/min. Die halbe Höchstgeschwindigkeit (120 µmol/min) wird aber wieder bei 0,4 mmol/L erreicht — KM bleibt gleich. Deutung: Es gibt doppelt so viele aktive Zentren, sodass je Zeit doppelt so viele Substratmoleküle umgesetzt werden können. Die Affinität des einzelnen Enzymmoleküls zum Substrat ändert sich nicht; KM ist eine Eigenschaft des Enzyms, vmax hängt von der Enzymmenge ab.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Rechnung: Von 30 °C auf 60 °C sind 3 Zehnerschritte; mit Q10 = 2 ergibt sich \(2^3 = 8\) — rechnerisch stimmt der Faktor. Die RGT-Regel gilt aber nur unterhalb des Temperaturoptimums. Das Optimum von Zymomonas liegt bei 30–35 °C; bei 60 °C würden die Enzyme — darunter die Pyruvatdecarboxylase — denaturieren und die Bakterien absterben. Die Gärung käme also nahezu zum Erliegen statt schneller zu werden. Der Vorschlag ist abzulehnen. Sinnvoller wäre, die Temperatur nahe dem Optimum zu halten und die Umsatzrate über die Zellzahl (mehr Enzym) oder ein ausreichendes Substratangebot zu steigern; für höhere Temperaturen bräuchte man thermostabile Organismen oder Enzyme.
