Toleranz mit und ohne Konkurrenz
Wie gut eine Art einen Umweltfaktor verträgt, hängt davon ab, ob sie allein wächst oder mit anderen Arten um Licht, Wasser und Nährsalze konkurriert. Deshalb unterscheidet man zwei Formen der Potenz.
- Potenz:Fähigkeit einer Art, Schwankungen eines Umweltfaktors zu ertragen; beschrieben durch eine Toleranzkurve mit Optimum (Bereich der höchsten Vitalität) und Toleranzbereich (Bereich, in dem sie überlebt).
- Physiologische Potenz:Toleranzbereich und Optimum einer Art ohne Konkurrenz, gemessen in Reinkultur (nur diese Art, z. B. im Versuchsgarten); sie ist genetisch festgelegt.
- Ökologische Potenz:Toleranzbereich und Optimum unter natürlichen Bedingungen mit interspezifischer Konkurrenz, ermittelt in Mischkultur oder im Freiland.
- Verschiebung:Konkurrenzstärkere Arten verdrängen eine Art aus Teilen ihres physiologischen Bereichs; das ökologische Optimum verschiebt sich, der Bereich wird enger und kann in mehrere Teile zerfallen.
- Ökogramm:Diagramm mit zwei abiotischen Faktoren als Achsen, z. B. Bodenfeuchte und Säuregrad des Bodens; eingetragen ist, wo eine Art im Freiland vorkommt (nach ELLENBERG für mitteleuropäische Baumarten).
- Rotbuche:physiologisches und ökologisches Optimum fast deckungsgleich auf mittleren Böden; ihre dichte Krone lässt wenig Licht durch, sodass lichtbedürftige Arten darunter nicht aufkommen.
- Waldkiefer:physiologisch sehr breit mit Optimum auf mittelfeuchten Böden; im Mischwald nur auf sehr trockenen Sand- oder Kalkböden und in sauren Mooren, wo die Rotbuche versagt.
Wähle eine Baumart und schalte zwischen Reinkultur, Mischbestand und Überlagern um. Ziehe den Standort-Punkt entlang der Bodenfeuchte oder klicke in ein Diagramm: Wo wächst die Art ohne Konkurrenz am besten, wo findet man sie im Mischwald?
Halte fest: Nur bei der Rotbuche liegen physiologisches und ökologisches Optimum fast übereinander. Waldkiefer, Stieleiche und Schwarzerle werden von konkurrenzstärkeren Arten an trockene, nasse oder saure Randbereiche gedrängt, die sie physiologisch gar nicht bevorzugen.
Physiologische und ökologische Potenz: Die physiologische Potenz beschreibt die Toleranz einer Art ohne Konkurrenz, die ökologische Potenz ihre Toleranz unter Konkurrenz — diese ist meist enger und im Optimum verschoben.
Die ökologische Nische
Eine Art hängt nicht nur von einem Faktor ab, sondern von vielen gleichzeitig — abiotischen wie biotischen. Das gesamte Gefüge dieser Beziehungen fasst der Begriff ökologische Nische zusammen.
- Habitat:Lebensraum, in dem man eine Art antrifft — gewissermaßen ihre „Adresse“.
- Ökologische Nische:Gesamtheit der Beziehungen einer Art zu den abiotischen und biotischen Faktoren ihrer Umwelt — ihr „Beruf“: welche Temperaturen, Nahrung, Brutplätze und Aktivitätszeiten sie nutzt und welche Konkurrenten und Fressfeinde auf sie wirken. Die Nische ist kein Ort.
- Darstellung:Jeder Umweltfaktor wird zu einer Achse, der Toleranzbereich zu einer Strecke darauf; zwei Faktoren spannen eine Fläche auf, drei einen Raum, alle zusammen einen vieldimensionalen Raum (HUTCHINSON 1957).
- Fundamentalnische:Nische, die eine Art ohne Konkurrenz nutzen könnte; sie entspricht der physiologischen Potenz in allen Faktoren.
- Realnische:Teil der Fundamentalnische, den die Art unter Konkurrenz und Fressfeinden tatsächlich besetzt; sie entspricht der ökologischen Potenz.
- Einnischung:Arten mit ähnlichen Ansprüchen bestehen nebeneinander, wenn sich ihre Nischen in mindestens einem Faktor unterscheiden: Kormoran und Krähenscharbe brüten an denselben Felsküsten, doch der Kormoran jagt am Grund vor allem Plattfische, die Krähenscharbe im freien Wasser Sandaale und Heringe. Die Selektion fördert solche Unterschiede, weil sie die Konkurrenz verringern.
- Stellenäquivalenz:Nicht näher verwandte Arten in verschiedenen Regionen besetzen ähnliche Nischen und sind oft ähnlich gebaut, z. B. der Maulwurf in Europa und der Beutelmull in Australien; sie heißen Stellenäquivalente.
Ökologische Nische: Beziehungsgefüge einer Art mit allen Faktoren ihrer Umwelt, kein Ort; unter Konkurrenz ist die Realnische meist kleiner als die Fundamentalnische.
Allgemeine Hinweise
Nische ist kein Ort
Der Ort, an dem eine Art lebt, ist ihr Habitat. Zwei Arten im selben Wald können deshalb völlig verschiedene Nischen besetzen.
Ökogramme zeigen das Freiland
Ein Ökogramm nach ELLENBERG zeigt das Vorkommen im Mischwald, also die ökologische Potenz. Wo eine Art darin fehlt, könnte sie in Reinkultur oft trotzdem gut wachsen.
Keine „Vorliebe“ unterstellen
Die Kiefer wächst nicht auf dürrem Sand, weil sie Trockenheit „liebt“. Sie behauptet sich dort nur, weil konkurrenzstärkere Arten an solchen Standorten versagen.
