Eiderenten im Wattenmeer
AFB I–IIIDas Wattenmeer ist eines der produktivsten Ökosysteme Europas. Die Eiderente, eine große Meeresente, überwintert dort zu Zehntausenden. Ende der 1990er-Jahre wurden im niederländischen Wattenmeer große Mengen Herz- und Miesmuscheln maschinell gefischt (M1–M3). Zugleich war das Wattenmeer mit Tributylzinn (TBT) belastet, einem hormonartig wirkenden Stoff aus Schiffsanstrichen (M4).
| Art | ernährt sich überwiegend von |
|---|---|
| Kieselalgen | Fotosynthese (Einzeller auf dem Schlick und im Wasser) |
| Seegras | Fotosynthese |
| Herzmuschel, Miesmuschel | Kieselalgen (aus dem Wasser gefiltert) |
| Wattschnecke | Kieselalgen (vom Schlick abgeweidet) |
| Schlickkrebs | Kieselalgen |
| Ringelgans | Seegras |
| Nordseegarnele | Schlickkrebsen |
| Strandkrabbe | Herzmuscheln, Wattschnecken, Nordseegarnelen |
| Eiderente | Miesmuscheln, Herzmuscheln, Strandkrabben |
| Silbermöwe | Strandkrabben, Herzmuscheln |
| Winter | Muschelbestand im Watt (1996 = 100) | tot aufgefundene Eiderenten |
|---|---|---|
| 1996/97 | 100 | 1 200 |
| 1997/98 | 72 | 2 100 |
| 1998/99 | 45 | 5 800 |
| 1999/00 | 30 | 21 000 |
| 2000/01 | 38 | 9 500 |
Eiderenten tauchen nach Muscheln und schlucken sie mitsamt der Schale; der Muskelmagen zerreibt sie. Strandkrabben werden ebenfalls gefressen, liefern aber je Tauchgang deutlich weniger verwertbare Nahrung als ein dichtes Muschelbett. Im Winter brauchen die Enten besonders viel Energie, um ihre Körpertemperatur zu halten.
TBT wurde bis in die 2000er-Jahre Schiffsanstrichen zugesetzt, damit sich keine Seepocken und Algen am Rumpf ansiedeln. Es ist fettlöslich und wird nur langsam abgebaut. Bei weiblichen Meeresschnecken wie der Wellhornschnecke löst es schon bei wenigen Nanogramm pro Liter Meerwasser die Bildung von Penis und Samenleiter aus (Imposex); die Weibchen werden unfruchtbar. Die Wellhornschnecke ist aus dem deutschen Wattenmeer seit den 1990er-Jahren weitgehend verschwunden.
| Probe | mittlere Körpermasse | Fettanteil | TBT in µg je kg Frischmasse |
|---|---|---|---|
| Meerwasser | — | — | 0,002 µg je Liter |
| Kieselalgen | Einzeller | 0,5 % | 4 |
| Herzmuschel (Weichkörper) | 5 g | 1,0 % | 40 |
| Strandkrabbe | 60 g | 0,5 % | 30 |
| Eiderente (Muskel) | 2 200 g | 2,0 % | 180 |
- Stellen Sie aus M1 zwei Nahrungsketten mit mindestens vier Gliedern dar und geben Sie für jedes Glied die Trophiestufe an.
- Erläutern Sie am Beispiel der Eiderente, weshalb eine Art in einem Nahrungsnetz auf mehreren Trophiestufen stehen kann.
- Wählen Sie aus M4 die Daten aus, die sich eignen, um eine Anreicherung von TBT in der Nahrungskette Kieselalgen → Herzmuschel → Strandkrabbe → Eiderente zu prüfen. Werten Sie diese Daten aus und erläutern Sie die Folgen für die Tiere der Kette.
- Ein Vertreter der Fischerei argumentiert: „Das Nahrungsnetz im Watt ist stark vernetzt — die Eiderenten können einfach auf Strandkrabben ausweichen.“ Beurteilen Sie diese Aussage unter Einbeziehung von M1 bis M3.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Zum Beispiel: Kieselalgen (1. Stufe, Produzent) → Schlickkrebs (2. Stufe, Konsument 1. Ordnung) → Nordseegarnele (3. Stufe, Konsument 2. Ordnung) → Strandkrabbe (4. Stufe, Konsument 3. Ordnung) → Eiderente oder Silbermöwe (5. Stufe, Konsument 4. Ordnung). Oder: Kieselalgen (1.) → Herzmuschel (2.) → Strandkrabbe (3.) → Silbermöwe (4.). Auch Kieselalgen → Wattschnecke → Strandkrabbe → Eiderente ist richtig. Die Pfeile zeigen jeweils zum Fresser.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Die Trophiestufe ergibt sich aus der Zahl der Fressschritte vom Produzenten bis zur Art. Die Eiderente nutzt mehrere Nahrungsquellen, die selbst auf verschiedenen Stufen stehen: Frisst sie Muscheln (Konsumenten 1. Ordnung), steht sie auf der 3. Stufe. Frisst sie Strandkrabben, steht sie auf der 4. Stufe (Krabbe hat Muscheln oder Schnecken gefressen) oder sogar auf der 5. Stufe (Krabbe hat Garnelen gefressen). Eine Art mit mehreren Nahrungsquellen gehört damit mehreren Ketten an und steht in jeder auf der Stufe, die sich aus ihrer jeweiligen Nahrung ergibt. Die Einteilung in Stufen ist also eine Eigenschaft der einzelnen Kette, nicht der Art.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Geeignet sind die TBT-Werte und der Fettanteil, denn TBT ist fettlöslich und wird im Fett gespeichert; die Körpermasse sagt über die Anreicherung nichts aus. Auf die Frischmasse bezogen ergibt sich kein einheitlicher Trend (Herzmuschel 40, Strandkrabbe 30 µg/kg), weil die Arten unterschiedlich fett sind. Auf das Fett bezogen (Wert : Fettanteil) steigt die Konzentration dagegen von Stufe zu Stufe: Kieselalgen 4 : 0,005 = 800 µg/kg Fett, Herzmuschel 4 000, Strandkrabbe 6 000, Eiderente 9 000 µg/kg Fett — vom Produzenten bis zum Endkonsumenten etwa auf das Elffache. Gegenüber dem Meerwasser ist das Muskelgewebe der Eiderente rund 90 000-fach belastet (180 : 0,002). Die Kieselalgen nehmen TBT direkt aus dem Wasser auf (Bioakkumulation); jede weitere Stufe frisst ein Vielfaches ihrer Körpermasse an belasteter Nahrung, baut die Biomasse zum großen Teil in der Zellatmung ab, speichert TBT aber im Fett (Biomagnifikation). Folgen: TBT wirkt hormonartig und stört schon in Spuren die Fortpflanzung, wie der Imposex der Wellhornschnecke zeigt; Endkonsumenten wie die Eiderente tragen die höchste Last. Da es sich um Modellwerte handelt, sind Aussagen zur konkreten Wirkung bei der Ente nicht möglich — die Daten zeigen aber, dass eine im Wasser kaum messbare Belastung für Tiere höherer Stufen bedeutsam werden kann.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
M2: Während der intensiven Fischerei sank der Muschelbestand auf 30 % (1999/00), gleichzeitig stieg die Zahl tot aufgefundener Eiderenten von 1 200 auf 21 000; mit leichter Erholung des Bestands sank sie wieder. Der zeitliche Zusammenhang und die Abmagerung sprechen für Nahrungsmangel (Korrelation, kein strenger Beweis; ein kalter Winter könnte mitgewirkt haben). Zur Aussage: Richtig ist, dass die Eiderente laut M1 mehrere Nahrungsquellen hat und grundsätzlich auf Strandkrabben ausweichen kann. Nach M3 liefern Krabben aber je Tauchgang deutlich weniger Nahrung, während der Energiebedarf im Winter hoch ist. Zudem fressen Strandkrabben selbst Herzmuscheln; fehlen die Muscheln, kann auch ihr Bestand abnehmen. Die Vernetzung puffert also nur, wenn die Ausweichnahrung in ausreichender Menge und Qualität vorhanden ist. Die Aussage ist daher nicht haltbar: Die Muschelfischerei hat der Eiderente die wichtigste Nahrungsquelle entzogen, und M2 zeigt, dass das Ausweichen den Verlust nicht ausgleichen konnte.
Ohne Kabeljau in der Ostsee
AFB II–IIIDie zentrale Ostsee ist ein Brackwassermeer: Ihr Wasser ist weniger salzig als das der Nordsee. Nur wenige Meeresarten kommen damit zurecht, entsprechend einfach ist das Nahrungsnetz im freien Wasser (M5). In den 1980er-Jahren brach der Kabeljaubestand durch Überfischung und ungünstige Bedingungen für die Fortpflanzung ein (M6).
Phytoplankton (einzellige Algen) → Zooplankton (vor allem Ruderfußkrebse) → Sprotte (kleiner Schwarmfisch) → Kabeljau (Dorsch). Sprotten fressen außerdem Eier und Larven des Kabeljaus. Weitere große Raubfische im freien Wasser gibt es kaum.
| Zeitraum | Kabeljau | Sprotte | Zooplankton (Sommer) | Phytoplankton (Sommer) |
|---|---|---|---|---|
| um 1980 | 100 | 100 | 100 | 100 |
| um 1990 | 35 | 280 | 70 | 125 |
| um 2000 | 20 | 400 | 55 | 145 |
- Beschreiben Sie die Entwicklung der vier Bestände (M6).
- Erklären Sie diese Entwicklung mithilfe der Nahrungskette in M5.
- Erläutern Sie, warum sich der Rückgang einer einzigen Art in der Ostsee so stark auf das ganze Nahrungsnetz auswirkt.
- Ein Politiker fordert: „Wir verbieten den Kabeljaufang für einige Jahre — dann stellt sich der Zustand von 1980 von selbst wieder ein.“ Bewerten Sie diese Erwartung.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Der Kabeljaubestand sinkt von 1980 bis 2000 stark, auf 35 % und dann auf 20 %. Der Sprottenbestand steigt im selben Zeitraum auf fast das Dreifache (280) und schließlich auf das Vierfache (400). Das Zooplankton nimmt ab, auf 70 % und 55 %. Das Phytoplankton nimmt zu, auf 125 % und 145 %. Die Bestände benachbarter Stufen verändern sich also jeweils gegenläufig, die Veränderung setzt sich über alle vier Stufen fort.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Der Kabeljau ist der Hauptfressfeind der Sprotte. Nach seinem Rückgang werden weniger Sprotten gefressen; ihr Bestand wächst stark. Die vielen Sprotten fressen mehr Zooplankton, dessen Bestand deshalb sinkt. Weniger Zooplankton frisst weniger Phytoplankton; die Algen nehmen zu. Der Wegfall der obersten Stufe wirkt so Stufe für Stufe bis zu den Produzenten nach unten — jeweils mit wechselndem Vorzeichen (weniger Kabeljau → mehr Sprotten → weniger Zooplankton → mehr Phytoplankton).
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Das Nahrungsnetz der Ostsee ist wegen des Brackwassers artenarm und kaum vernetzt: Auf jeder Stufe dominiert im Wesentlichen eine Art oder Gruppe, und es gibt kaum weitere große Raubfische (M5). Fällt der Kabeljau aus, übernimmt keine andere Art seine Rolle als Fressfeind der Sprotte; die Sprotte hat keine anderen Fressfeinde, die ihren Bestand begrenzen. Umgekehrt hängen die Sprotten fast nur vom Zooplankton ab. In einem stark vernetzten Netz könnten Fressfeinde und Beutearten ausweichen und die Veränderung abpuffern; in der Ostsee wirkt sie dagegen ungebremst über die ganze Kette.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Ein Fangverbot ist sinnvoll, weil es die Sterblichkeit des Kabeljaus senkt — die Erwartung, dass sich der alte Zustand „von selbst“ einstellt, ist aber zu optimistisch. Die inzwischen sehr häufigen Sprotten fressen Eier und Larven des Kabeljaus (M5); je mehr Sprotten, desto weniger junge Kabeljaue überleben. Diese Rückkopplung hält den Kabeljaubestand niedrig und stabilisiert den neuen Zustand. Hinzu kommen die im Text genannten ungünstigen Bedingungen für die Fortpflanzung, die ein Fangverbot nicht ändert. Ergänzend könnte man daher über einen verstärkten Fang von Sprotten nachdenken, der den Druck auf die Kabeljaubrut senkt; dabei ist zu bedenken, dass Sprotten auch Nahrung weiterer Arten sind. Insgesamt ist das Fangverbot ein notwendiger, aber allein wahrscheinlich nicht ausreichender Schritt; die Erholung dauert, wenn sie gelingt, lange und ist nicht garantiert.
