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AbituraufgabenBiodiversität erfassen

Laufkäfer in der Falle, Larven im Bachkies — aus Freilanddaten Diversitätsindizes berechnen und belastbare Aussagen ableiten.

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1

Laufkäfer in Buchenwald und Fichtenforst

AFB I–II

In einem Mittelgebirge soll geprüft werden, wie sich ein naturnaher Buchenwald und ein benachbarter, gleich alter Fichtenforst in ihrer Laufkäferfauna unterscheiden. Laufkäfer sind überwiegend nachtaktive, am Boden jagende Käfer. M1 zeigt das Fanggerät, M2 die Ergebnisse.

M1Barberfalle im Querschnitt
Regendach Fangflüssigkeit Becher Boden
Der Becherrand schließt bündig mit der Bodenoberfläche ab. Je Fläche wurden 10 Fallen zufällig verteilt eingegraben, vier Wochen im Juni betrieben und wöchentlich geleert.
M2Gefangene Laufkäfer nach vier Wochen (Summe aus je 10 Fallen, Modellwerte)
ArtBuchenwaldFichtenforst
Abax parallelepipedus4018
Pterostichus oblongopunctatus30126
Carabus problematicus206
Nebria brevicollis150
Cychrus caraboides100
Carabus nemoralis50
Summe120150
Simpson-Index: \(D = 1 - \sum p_i^2\) mit \(p_i = n_i : N\).
  1. Beschreiben Sie das Vorgehen der Untersuchung (M1) und die Bedingungen, die einen Vergleich der beiden Flächen erlauben.
  2. Berechnen Sie für beide Flächen die Dominanz der jeweils häufigsten Art und den Simpson-Index (M2).
  3. Werten Sie die Ergebnisse im Hinblick auf die Biodiversität der Laufkäfer beider Flächen aus.
  4. Ein Förster argumentiert: „Im Fichtenforst gehen mehr Laufkäfer in die Fallen als im Buchenwald. Für Laufkäfer ist der Forst also mindestens gleichwertig.“ Beurteilen Sie diese Aussage.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Wie gelangen die Käfer in die Falle, und was muss auf beiden Flächen gleich sein?
Hinweis zu Aufgabe b)
Rechnen Sie zuerst alle \(p_i\) aus; Arten mit 0 Individuen tragen nichts bei.
Hinweis zu Aufgabe c)
Betrachten Sie Artenzahl, Verteilung der Individuen und den Index gemeinsam.
Hinweis zu Aufgabe d)
Was sagt die Gesamtzahl gefangener Tiere über die Vielfalt aus — und was sagt eine Barberfalle überhaupt über Individuenzahlen aus?Beurteilen: Zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Barberfallen sind Becher, die bündig mit der Bodenoberfläche eingegraben werden. Am Boden laufende Tiere stürzen hinein und werden in der Fangflüssigkeit konserviert; ein Dach hält Regen und Laub ab. Die Fänge werden regelmäßig entnommen, die Käfer bestimmt und je Art gezählt — es handelt sich um eine qualitative und quantitative Erfassung. Vergleichbar werden die Flächen, weil auf beiden gleich viele Fallen gleicher Bauart zufällig verteilt, im selben Zeitraum gleich lange betrieben und gleich oft geleert wurden; die Flächen liegen benachbart und sind gleich alt, sodass Klima und Jahreszeit übereinstimmen.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Buchenwald (\(N = 120\)): häufigste Art Abax parallelepipedus mit \(40 : 120 \approx 33\,\%\). \(p_i = 0{,}333;\ 0{,}25;\ 0{,}167;\ 0{,}125;\ 0{,}083;\ 0{,}042\); \(\sum p_i^2 \approx 0{,}111 + 0{,}063 + 0{,}028 + 0{,}016 + 0{,}007 + 0{,}002 = 0{,}226\); \(D \approx 0{,}77\).

Fichtenforst (\(N = 150\)): häufigste Art Pterostichus oblongopunctatus mit \(126 : 150 = 84\,\%\). \(p_i = 0{,}84;\ 0{,}12;\ 0{,}04\); \(\sum p_i^2 = 0{,}7056 + 0{,}0144 + 0{,}0016 = 0{,}7216\); \(D \approx 0{,}28\).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Im Buchenwald kommen sechs Arten vor, im Fichtenforst nur drei. Im Buchenwald verteilen sich die Individuen relativ gleichmäßig (häufigste Art ein Drittel), im Forst beherrscht eine Art mit 84 % den Fang. Entsprechend ist der Simpson-Index im Buchenwald fast dreimal so hoch: Die Wahrscheinlichkeit, zwei Käfer verschiedener Arten zu ziehen, liegt bei 77 % gegenüber 28 %. Der Buchenwald weist also eine deutlich höhere Artenvielfalt der Laufkäfer auf. Drei Arten fehlen im Forst ganz; sie finden dort offenbar keine geeigneten Bedingungen (z. B. andere Streu, Bodenfeuchte, Beutetiere).

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Die Aussage ist nicht haltbar. Die Gesamtzahl gefangener Käfer ist kein Maß für Biodiversität; entscheidend sind Artenzahl und Verteilung, und beide sind im Forst deutlich geringer (\(S = 3\) statt 6, \(D = 0{,}28\) statt \(0{,}77\)). Die hohe Zahl geht fast nur auf eine Art zurück. Zudem messen Barberfallen die Aktivität der Tiere: Käfer, die in lichter, trockener Streu mehr umherlaufen, werden häufiger gefangen, ohne häufiger zu sein. Einschränkend gilt: Es handelt sich um eine Stichprobe aus einem Monat und einer Tiergruppe; für ein Gesamturteil über den Wert des Forstes müssten weitere Monate, Jahre und Organismengruppen untersucht werden. Für Laufkäfer spricht das Ergebnis aber klar gegen die Gleichwertigkeit.

2

Ein Bach nach der Renaturierung

AFB II–III

Ein begradigter Bach mit befestigter Sohle wurde renaturiert: Er erhielt wieder Kurven, Kiesbänke und beschattende Ufergehölze. Vor der Maßnahme und drei Jahre danach wurden an derselben Stelle zur selben Jahreszeit die wirbellosen Tiere der Gewässersohle aufgenommen (M3). M4 liefert Zusatzinformationen.

M3Wirbellose Tiere je Probe (Modellwerte)
Tiergruppevorhernach drei Jahren
Zuckmückenlarven6015
Wasserasseln305
Schlammröhrenwürmer100
Bachflohkrebse025
Eintagsfliegenlarven025
Köcherfliegenlarven020
Steinfliegenlarven010
Summe100100
Jede Tiergruppe wird hier vereinfachend wie eine Art behandelt.
M4Ansprüche der Tiere und Rechenhilfen

Steinfliegen-, Eintagsfliegen- und Köcherfliegenlarven sowie Bachflohkrebse brauchen kühles, sauerstoffreiches Wasser und einen strukturreichen Grund aus Kies, Steinen und Falllaub. Zuckmückenlarven, Wasserasseln und Schlammröhrenwürmer ertragen Sauerstoffmangel und leben auch in schlammigem Grund.

\(H = -\sum p_i \cdot \ln p_i\), \(E = H : \ln S\) · \(\ln 0{,}6 \approx -0{,}51\) · \(\ln 0{,}3 \approx -1{,}20\) · \(\ln 0{,}1 \approx -2{,}30\) · \(\ln 3 \approx 1{,}10\) · \(\ln 6 \approx 1{,}79\)

Nach drei Jahren: \(H \approx 1{,}68\), \(E \approx 0{,}94\).

  1. Nennen Sie die drei Ebenen der Biodiversität und die Ebene, die mit der Untersuchung in M3 erfasst wird.
  2. Bestimmen Sie den Shannon-Index und die Evenness für die Probe vor der Renaturierung (M3, M4).
  3. Interpretieren Sie die Veränderungen in Artenzusammensetzung und Diversität (M3, M4).
  4. In der Lokalzeitung heißt es: „Drei Jahre nach der Renaturierung ist die Biodiversität des Baches vollständig wiederhergestellt.“ Nehmen Sie zu dieser Aussage Stellung.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Unterscheiden Sie Vielfalt innerhalb von Arten, zwischen Arten und zwischen Lebensräumen.
Hinweis zu Aufgabe b)
Bei 100 Tieren ist \(p_i\) die Individuenzahl geteilt durch 100; \(S = 3\).
Hinweis zu Aufgabe c)
Welche Gruppen sind neu hinzugekommen, welche seltener geworden — und was sagt das über das Wasser und den Grund?
Hinweis zu Aufgabe d)
Was wurde gemessen, was nicht? Womit müsste man vergleichen, um von „wiederhergestellt“ zu sprechen?Stellung nehmen: Zu einem Sachverhalt nach kritischer Prüfung und sorgfältiger Abwägung eine eigene begründete Position beziehen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Genetische Vielfalt (Allelvielfalt innerhalb einer Art), Artenvielfalt und Vielfalt der Ökosysteme. M3 erfasst die Artenvielfalt (hier vereinfacht auf der Ebene von Tiergruppen) an einer Probestelle.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Vorher: \(p_i = 0{,}6;\ 0{,}3;\ 0{,}1\). \(H = -(0{,}6 \cdot (-0{,}51) + 0{,}3 \cdot (-1{,}20) + 0{,}1 \cdot (-2{,}30)) = 0{,}306 + 0{,}360 + 0{,}230 \approx 0{,}90\). \(E = 0{,}90 : \ln 3 = 0{,}90 : 1{,}10 \approx 0{,}82\) (mit ungerundeten Logarithmen ebenfalls \(\approx 0{,}82\)).

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Die Zahl der Tiergruppen steigt von 3 auf 6, der Shannon-Index fast auf das Doppelte (0,90 → 1,68), die Evenness von 0,82 auf 0,94: Die Individuen verteilen sich gleichmäßiger, keine Gruppe dominiert mehr so stark wie vorher die Zuckmückenlarven mit 60 %. Neu hinzugekommen sind ausschließlich Gruppen, die sauerstoffreiches Wasser und einen strukturreichen Grund brauchen; die gegen Sauerstoffmangel unempfindlichen Gruppen sind seltener geworden oder fehlen. Das spricht dafür, dass die Renaturierung Sauerstoffgehalt, Strömungsvielfalt und Strukturen am Grund (Kies, Falllaub) verbessert hat, etwa durch schnellere Strömung über Kiesbänke und kühleres Wasser unter den Gehölzen.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Die Daten belegen eine deutliche Zunahme der Artenvielfalt und der Gleichverteilung sowie die Rückkehr anspruchsvoller Gruppen — die Maßnahme wirkt also in die gewünschte Richtung. „Vollständig wiederhergestellt“ ist dennoch nicht belegt: Es gibt nur eine Probestelle und je einen Termin; Tiergruppen statt Arten wurden gezählt, sodass die tatsächliche Artenzahl unbekannt bleibt; genetische Vielfalt und die Vielfalt der Lebensräume entlang des Baches wurden nicht untersucht; vor allem fehlt der Vergleich mit einem naturnahen Referenzbach, der zeigt, welcher Zustand ohne menschlichen Eingriff zu erwarten wäre. Angemessen wäre: Die Biodiversität der Wirbellosen hat sich an der Probestelle deutlich erhöht; ob der naturnahe Zustand erreicht ist, müssen Vergleiche und Folgeuntersuchungen zeigen.