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AbituraufgabenDie Erregungsleitung

Nervenfasern des Menschen vergleichen, eine Nervenleitgeschwindigkeit messen und erklären, warum Multiple Sklerose das Sehen verlangsamt.

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Nervenfasern im Vergleich

AFB I–II

Die Nerven des Menschen bestehen aus Tausenden Nervenfasern, die sich in Durchmesser und Umhüllung unterscheiden. M1 zeigt eine Übersicht der Fasertypen. In der Neurologie misst man die Leitungsgeschwindigkeit eines Nervs, indem man ihn an zwei Stellen reizt und die Antwort eines Muskels ableitet (M2).

M1Nervenfasern des Menschen (vereinfachte Richtwerte)
FasertypDurchmesser in µmMyelinscheideLeitungsgeschwindigkeit in m/sBeispiel
Aα13–20ja70–120Motoneurone zur Skelettmuskulatur
Aβ6–12ja35–75Berührung, Druck
Aδ1–5dünn5–30heller, stechender Schmerz; Kälte
C0,2–1,5nein0,5–2dumpfer, brennender Schmerz; Wärme
Einteilung nach ERLANGER und GASSER.
M2Messung der Nervenleitgeschwindigkeit am Unterarm (vereinfachte Modellwerte)
−8−404802468101214Spannung am Muskel in mVZeit nach dem Reiz in msBeginn 3,2 msBeginn 7,2 msReiz am HandgelenkReiz am Ellenbogen
Der Nerv wird nacheinander am Handgelenk und am Ellenbogen elektrisch gereizt; eine Elektrode auf einem Handmuskel misst dessen Antwort. Abstand der beiden Reizorte: 280 mm.
  1. Beschreiben Sie den Zusammenhang zwischen Faserdurchmesser, Myelinscheide und Leitungsgeschwindigkeit in M1.
  2. Erläutern Sie, wie Ausgleichsströme an einem myelinisierten Axon die Erregung weiterleiten, und begründen Sie damit den Geschwindigkeitsunterschied zwischen Aδ- und C-Fasern.
  3. Berechnen Sie aus M2 die Leitungsgeschwindigkeit des Nervs zwischen Ellenbogen und Handgelenk und ordnen Sie das Ergebnis einem Fasertyp aus M1 zu. Begründen Sie, warum man zwei Reizorte verwendet.
  4. Stößt man sich den Zeh, spürt man zuerst einen hellen, stechenden und etwa eine Sekunde später einen dumpfen Schmerz. Erklären Sie diese Beobachtung mithilfe von M1 (Weg Zeh–Rückenmark ≈ 1 m).

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie Zeile für Zeile und achten Sie auf die Spalten Durchmesser und Myelinscheide.
Hinweis zu Aufgabe b)
Wo entstehen bei myelinisierten Axonen APs, und was geschieht dazwischen?
Hinweis zu Aufgabe c)
Die Zeit vom Reiz bis zur Antwort enthält auch Vorgänge am Muskel, die bei beiden Messungen gleich lang dauern.
Hinweis zu Aufgabe d)
Berechnen Sie für beide Fasertypen die Leitungszeit mit einem mittleren Wert.Erklären: Einen Sachverhalt auf Gesetzmäßigkeiten bzw. Ursachen zurückführen und in einen nachvollziehbaren Zusammenhang einordnen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Die Leitungsgeschwindigkeit steigt mit dem Faserdurchmesser: von 0,5–2 m/s bei den dünnsten C-Fasern (0,2–1,5 µm) bis 70–120 m/s bei den dicksten Aα-Fasern (13–20 µm). Alle schnellen Fasern (A-Fasern) besitzen eine Myelinscheide, die langsamen C-Fasern sind marklos. Innerhalb der myelinisierten Fasern gilt: je dicker, desto schneller.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Am erregten Schnürring ist das Axoninnere positiv, am nächsten, noch unerregten Schnürring negativ. Zwischen beiden fließen Ausgleichsströme — innen entlang des Axons, außen in umgekehrter Richtung. Die Myelinscheide isoliert das Axon zwischen den Schnürringen, sodass die Ströme dort nicht über die Membran abfließen, sondern bis zum nächsten Schnürring reichen. Dort depolarisieren sie die Membran über den Schwellenwert, spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle öffnen, und ein neues AP entsteht; die Erregung springt von Ring zu Ring (saltatorische Erregungsleitung). Die Refraktärzeit des vorigen Schnürrings verhindert den Rücklauf. Aδ-Fasern sind myelinisiert und dicker als C-Fasern; bei den marklosen C-Fasern muss jede Membranstelle nacheinander erregt werden (kontinuierliche Erregungsleitung), was viel Zeit kostet. Zusätzlich leitet der kleine Durchmesser der C-Fasern die Ausgleichsströme schlecht. Deshalb sind Aδ-Fasern etwa 10-mal schneller.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Die Zeitdifferenz der beiden Antworten beträgt 7,2 ms − 3,2 ms = 4,0 ms. Für den Weg von 280 mm zwischen den Reizorten ergibt sich v = 280 mm : 4,0 ms = 70 mm/ms = 70 m/s. Das liegt im Bereich der Aα-Fasern — passend, denn gemessen wird die Antwort eines Muskels, also die Leitung in Motoneuronen. Zwei Reizorte braucht man, weil jede einzelne Zeit auch die Übertragung auf den Muskel und dessen Erregung enthält sowie die Leitung auf der Reststrecke bis zum Muskel. Diese Anteile sind bei beiden Messungen gleich und fallen bei der Differenz heraus; übrig bleibt allein die Leitungszeit auf der Strecke zwischen den Reizorten.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Der Schmerzreiz erregt gleichzeitig Aδ- und C-Fasern. Mit etwa 15 m/s braucht die Erregung in den Aδ-Fasern für 1 m rund 1 m : 15 m/s ≈ 0,07 s; mit etwa 1 m/s benötigt sie in den C-Fasern rund 1 s. Der helle, stechende Schmerz wird über die schnellen, myelinisierten Aδ-Fasern gemeldet und kommt deshalb zuerst an; der dumpfe Schmerz über die langsamen, marklosen C-Fasern trifft etwa eine Sekunde später im Rückenmark und Gehirn ein. Die zeitliche Trennung beruht also auf den unterschiedlichen Leitungsgeschwindigkeiten.

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Multiple Sklerose und Sehen

AFB II–III

Multiple Sklerose (MS) beginnt häufig mit einer Entzündung des Sehnervs. Zur Diagnose leitet man am Hinterkopf ab, wie die Sehrinde auf einen Lichtreiz antwortet (visuell evozierte Potenziale, M3). M4 enthält Befunde zur Leitung in entmarkten Axonen.

M3Visuell evozierte Potenziale (vereinfachte Modellwerte)
−6−30369050100150200250Spannung in µVZeit nach dem Lichtreiz in msP100P100gesunde PersonPerson mit MS
Die Person blickt auf ein wechselndes Schachbrettmuster; Elektroden am Hinterkopf messen die Antwort der Sehrinde. Der Gipfel P100 zeigt an, wann die Erregung aus dem Sehnerv dort ankommt.
M4Befunde zur Multiplen Sklerose

(1) Die Axone des Sehnervs sind myelinisiert. Bei MS entstehen Entzündungsherde, in denen die Myelinscheide abgebaut ist (Entmarkung); die Axone selbst bleiben zunächst erhalten. (2) Die Membran unter der früheren Myelinscheide enthält anfangs nur sehr wenige spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle. (3) Nach Wochen bauen viele entmarkte Axone Na⁺-Kanäle über die ganze entmarkte Strecke ein; die Leitung kehrt zurück, die P100-Latenz bleibt aber verlängert. (4) Viele Betroffene sehen nach einem heißen Bad vorübergehend schlechter. Wärme verkürzt die Öffnungsdauer der Na⁺-Kanäle, sodass der Na⁺-Einstrom je AP kleiner wird.

  1. Werten Sie M3 aus.
  2. Erklären Sie die Unterschiede in M3 mithilfe von M4 (1) und (2).
  3. Deuten Sie die Befunde (3) und (4) aus M4.
  4. In einem Schulbuch wird die Myelinscheide mit der Kunststoffisolierung eines Stromkabels verglichen; MS entspreche einem Kabel mit beschädigter Isolierung. Beurteilen Sie dieses Modell.

Hinweise

Hinweis zu Aufgabe a)
Vergleichen Sie Lage und Höhe des Gipfels P100 bei beiden Personen.
Hinweis zu Aufgabe b)
Was geschieht mit den Ausgleichsströmen an einer entmarkten Stelle, und was bedeutet eine kleinere Antwort der Sehrinde für die Zahl der leitenden Axone?
Hinweis zu Aufgabe c)
Welche Form der Erregungsleitung wird durch die neuen Na⁺-Kanäle möglich? Denken Sie bei (4) an den Abstand zwischen Depolarisation und Schwellenwert.
Hinweis zu Aufgabe d)
Stellen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Kabel und Axon gegenüber.Beurteilen: Zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen.

Erwartungshorizont

Erwartungshorizont zu Aufgabe a)

Bei der gesunden Person folgt auf einen kleinen negativen Ausschlag bei etwa 75 ms der positive Gipfel P100 nach 100 ms mit etwa 7,5 µV, danach ein negativer Ausschlag bei etwa 140 ms. Bei der Person mit MS hat die Kurve dieselbe Form, ist aber um etwa 28 ms nach rechts verschoben: P100 liegt bei rund 128 ms. Außerdem ist der Gipfel mit etwa 4,5 µV nur rund 60 % so hoch. Die Erregung erreicht die Sehrinde also später und insgesamt schwächer.

Erwartungshorizont zu Aufgabe b)

Im Sehnerv wird die Erregung normalerweise saltatorisch geleitet: Die Myelinscheide isoliert, die Ausgleichsströme reichen bis zum nächsten Schnürring. In einem entmarkten Abschnitt fließt ein Teil der Ausgleichsströme durch die freiliegende Membran ab. Am nächsten Schnürring kommt deshalb eine schwächere Depolarisation an, die den Schwellenwert erst verzögert erreicht — oder nicht erreicht. Da die entmarkte Membran kaum Na⁺-Kanäle besitzt (M4 (2)), kann dort auch kein AP entstehen, das die Lücke überbrückt. Folge: In einem Teil der Axone wird die Erregung verlangsamt, was die P100-Latenz verlängert; in anderen Axonen bricht sie ganz ab (Leitungsblock). Weil dann weniger Axone gleichzeitig Erregung zur Sehrinde bringen und diese zeitlich stärker streut, ist die Antwort kleiner.

Erwartungshorizont zu Aufgabe c)

Befund (3): Mit Na⁺-Kanälen auf der ganzen entmarkten Strecke kann dort ein AP an jeder Membranstelle entstehen — die Axone leiten in diesem Abschnitt kontinuierlich. Die Leitung funktioniert wieder, das erklärt die Besserung der Beschwerden. Weil die kontinuierliche Leitung viel langsamer ist als die saltatorische, bleibt die Latenz verlängert. Befund (4): An geschädigten Stellen reicht der Strom gerade noch knapp, um die nächste Membranstelle über den Schwellenwert zu depolarisieren. Wird durch Wärme der Na⁺-Einstrom je AP kleiner, fällt auch der Ausgleichsstrom kleiner aus; der Schwellenwert wird nicht mehr erreicht und die Leitung bricht vorübergehend ab. Nach dem Abkühlen reicht der Strom wieder aus, das Sehen normalisiert sich.

Erwartungshorizont zu Aufgabe d)

Das Modell trifft einen wichtigen Punkt: Wie die Isolierung eines Kabels verhindert die Myelinscheide, dass Strom unterwegs nach außen abfließt; eine beschädigte Isolierung führt in beiden Fällen zu Stromverlust, und das Signal kommt schwächer oder gar nicht an. Damit erklärt das Modell anschaulich, warum Entmarkung die Leitung stört. Es hat aber deutliche Grenzen. Ein Kabel leitet passiv: Das Signal wird nicht erneuert und würde über lange Strecken schwächer. Das Axon dagegen erzeugt an jedem Schnürring aktiv ein neues AP mit voller Höhe — gerade diese Unterbrechungen der Isolierung sind nötig, während sie beim Kabel ein Defekt wären. Im Kabel fließen Elektronen durch Metall mit sehr geringem Widerstand, im Axon verschieben sich Ionen in einer schlecht leitenden Lösung. Außerdem erklärt das Modell weder die Refraktärzeit noch die Befunde (3) und (4), bei denen Na⁺-Kanäle entscheidend sind. Insgesamt eignet sich das Kabelmodell, um die Isolierfunktion und den Stromverlust bei MS zu veranschaulichen, nicht aber, um die Erregungsleitung selbst zu erklären.