Gene stummschalten
Genexpression lässt sich nicht nur an der DNA regulieren. Bei der RNA-Interferenz wird die fertige mRNA im Cytoplasma abgefangen, bevor sie translatiert wird.
- Doppelsträngige RNA (dsRNA):Auslöser der RNA-Interferenz (RNAi): RNA aus zwei komplementären Strängen, z. B. aus Viren oder als Haarnadel aus eigenen Genen.
- Dicer:Enzym im Cytoplasma, das dsRNA in Stücke von etwa 21–23 Basenpaaren schneidet: siRNA (small interfering RNA).
- RISC:Proteinkomplex mit dem Enzym Argonaute; nimmt die siRNA auf und entfernt einen ihrer Stränge, den Passagierstrang.
- Leitstrang:verbleibender siRNA-Strang; paart komplementär mit der passenden mRNA, Argonaute schneidet sie — das Protein fehlt (Knock-down).
- Sense- und Antisense-RNA:Sense-RNA hat dieselbe Basenfolge wie die mRNA, Antisense-RNA ist zu ihr komplementär; zusammen bilden sie dsRNA.
- FIRE und MELLO (1998):injizierten Fadenwürmern (C. elegans) RNA zum Gen unc-22, das für ein Muskelprotein codiert; fällt es aus, zucken die Tiere (Nobelpreis 2006).
Wähle für jede der vier Injektionen, ob die Nachkommen der Würmer kaum oder stark zucken werden. Starte dann mit ▶ die Injektion und vergleiche. Die Balken zeigen modellhaft, wie viel unc-22-mRNA übrig bleibt.
Halte fest: Nur doppelsträngige RNA mit der Sequenz der reifen mRNA löst starkes Zucken aus; Einzelstränge wirken kaum, eine Intron-Sequenz gar nicht. Die Hemmung setzt also an der gespleißten mRNA an, nicht an der DNA — und wenige dsRNA-Moleküle je Zelle genügen.
RNA-Interferenz: dsRNA → Dicer → siRNA → RISC mit Leitstrang → Abbau der komplementären mRNA
Bedeutung und Anwendung
RNA-Interferenz ist kein Laborkunststück, sondern ein alter Mechanismus der Eukaryoten — und heute ein Werkzeug für Forschung und Medizin.
- Abwehr:Viele Viren bilden bei ihrer Vermehrung dsRNA; Pflanzen und Wirbellose zerschneiden sie. Auch springende Gene (Transposons) werden so stummgeschaltet.
- miRNA:körpereigene microRNA aus Haarnadel-Vorstufen; paart meist nur teilweise mit der mRNA und hemmt vor allem deren Translation. Eine miRNA reguliert viele Gene.
- Knock-down in der Forschung:Mit passender siRNA lässt sich fast jedes Gen gezielt drosseln; aus dem veränderten Phänotyp schließt man auf die Funktion des Gens.
- siRNA-Medikamente:Patisiran, 2018 als erstes siRNA-Medikament zugelassen, senkt bei erblicher Transthyretin-Amyloidose (hATTR) die Bildung eines fehlgefalteten Leberproteins.
- Ebenen der Regulation:Transkriptionsfaktoren, DNA-Methylierung und Histonmodifikation wirken im Zellkern auf die Transkription; RNAi wirkt danach im Cytoplasma auf die mRNA.
- Knock-down statt Knock-out:Die DNA bleibt unverändert; die Hemmung ist oft unvollständig und hält nur an, solange siRNA in der Zelle vorhanden ist.
Regulationsebene: RNAi hemmt die Genexpression posttranskriptionell: siRNA → mRNA-Abbau, miRNA → vor allem Translationshemmung
Allgemeine Hinweise
RNAi verändert keine Gene
Bei der RNA-Interferenz bleibt die DNA-Sequenz vollständig erhalten. Gehemmt wird nur die mRNA — anders als bei einer Mutation.
Komplementarität entscheidet
Der Leitstrang findet seine Ziel-mRNA allein über Basenpaarung. Deshalb muss die siRNA zur reifen mRNA passen, nicht zu Promotor oder Intron.
Mehr als ein Gegenstrang
Die Wirkung beruht nicht darauf, dass ein Gegenstrang die mRNA nur blockiert. Erst Dicer und RISC machen aus wenigen dsRNA-Molekülen eine starke, wiederholt schneidende Hemmung.
