Das rote Leuchten des Chlorophylls
AFB I–IIIRegt man Chlorophyll mit blauem Licht (440 nm) an, sendet es tiefrotes Licht mit einem Maximum bei etwa 685 nm aus — die Chlorophyllfluoreszenz. In einem Versuch werden vier Proben mit gleich viel blauem Licht bestrahlt. Gemessen werden der Anteil der absorbierten Photonen, der als Fluoreszenz wieder abgegeben wird, und die Sauerstoffbildung (M1). DCMU ist ein Herbizid, das in PS II die Weitergabe der Elektronen vom primären Akzeptor an die nachfolgende Elektronentransportkette blockiert.
| Probe | Fluoreszenz in % der absorbierten Photonen | O₂-Bildung (rel.) |
|---|---|---|
| 1 · Chlorophyll a, in Aceton gelöst | 30 | 0 |
| 2 · isolierte Thylakoide | 2 | 100 |
| 3 · isolierte Thylakoide + DCMU | 9 | 3 |
| 4 · isolierte Thylakoide, 10 min auf 60 °C erhitzt | 24 | 0 |
- Beschreiben Sie die Messergebnisse in M1.
- Erklären Sie, warum gelöstes Chlorophyll stark fluoresziert, Chlorophyll in intakten Thylakoiden dagegen kaum, und warum das Fluoreszenzlicht langwelliger ist als das anregende Licht.
- Deuten Sie die Ergebnisse der Proben 3 und 4.
- Ein Agrar-Start-up bietet Drohnenflüge an, die die Chlorophyllfluoreszenz von Feldern messen, und wirbt: „Je stärker ein Feld rot leuchtet, desto besser arbeitet die Fotosynthese.“ Nehmen Sie Stellung zu dieser Aussage.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Gelöstes Chlorophyll gibt 30 % der absorbierten Photonen als Fluoreszenz ab und bildet keinen Sauerstoff. Intakte Thylakoide fluoreszieren nur mit 2 % und zeigen die höchste Sauerstoffbildung (100). Mit DCMU steigt die Fluoreszenz auf 9 %, die Sauerstoffbildung fällt fast auf null (3). Erhitzte Thylakoide fluoreszieren fast so stark wie die Lösung (24 %) und bilden keinen Sauerstoff. Hohe Fluoreszenz geht also mit geringer Sauerstoffbildung einher.
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Ein angeregtes Chlorophyll muss seine Energie innerhalb von Nanosekunden abgeben. In der Lösung liegen die Moleküle vereinzelt: Es bleiben nur Wärme und Fluoreszenz, daher ein großer Fluoreszenzanteil. In der Thylakoidmembran sind die Pigmente in Lichtsammelkomplexen dicht gepackt; die Anregungsenergie wird durch Resonanzenergietransfer sehr schnell weitergegeben und im Reaktionszentrum zur Ladungstrennung genutzt. Dieser Weg ist schneller als die Fluoreszenz, die deshalb kaum auftritt. Das Fluoreszenzlicht ist langwelliger (energieärmer), weil das mit 440 nm in S2 angeregte Elektron zunächst strahlungslos auf den niedrigsten angeregten Zustand S1 zurückfällt; nur dieser Energiebetrag (etwas weniger als die Energie der roten Absorptionsbande) wird als Licht abgegeben: \(E = h \cdot c/\lambda\) — kleinere Energie, größere Wellenlänge.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Probe 3: DCMU verhindert, dass die Elektronen vom primären Akzeptor aus an die Elektronentransportkette (Plastochinon) weiterfließen. Die Reaktionszentren bleiben „geschlossen“: Eine weitere Ladungstrennung ist nicht möglich, die in der Antenne gesammelte Energie staut sich und wird vermehrt als Fluoreszenz und Wärme abgegeben. Ohne Elektronenfluss wird P680+ nicht mehr gebildet, Wasser wird nicht gespalten — daher kaum Sauerstoff. Probe 4: Die Hitze denaturiert die Proteine, an die die Pigmente gebunden sind. Abstände und Ausrichtung der Pigmente gehen verloren, der Resonanzenergietransfer zum Reaktionszentrum bricht zusammen, und das Reaktionszentrum selbst ist zerstört. Die Pigmente verhalten sich fast wie in Lösung: hohe Fluoreszenz, keine Sauerstoffbildung.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Die Aussage kehrt den Zusammenhang um. Nach M1 steigt die Fluoreszenz gerade dann, wenn die Anregungsenergie nicht fotochemisch genutzt werden kann (Proben 3 und 4); gut arbeitende Thylakoide fluoreszieren am schwächsten (Probe 2). Starkes Leuchten weist also eher auf Stress hin — etwa Herbizidschäden, Hitze oder Trockenheit. Einschränkend: Die absolute Fluoreszenz hängt auch von der Chlorophyllmenge und der Lichtstärke ab; ein Feld mit viel Blattmasse leuchtet insgesamt stärker. Aussagekräftig sind deshalb nur Vergleiche unter gleichen Bedingungen oder Verhältniswerte. Fazit: Fluoreszenzmessung ist ein sinnvolles Werkzeug, die Werbeaussage ist aber in dieser Form falsch.
Antennen im Sonnen- und im Schattenblatt
AFB I–IIIIm Lichtsammelkomplex von Fotosystem II sind die Pigmente in der Membran an Proteine gebunden. Ihre Absorptionsmaxima im Blatt (in vivo) sind gegenüber einer Lösung leicht verschoben (M2). M3 vergleicht Blätter einer Rotbuche vom sonnigen Kronenrand mit Blättern aus dem schattigen Kroneninneren. Pflanzen einer Mutante der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana) können kein Chlorophyll b bilden; ihre Lichtsammelkomplexe sind deutlich kleiner.
| Pigment | langwelligstes Absorptionsmaximum in nm |
|---|---|
| Lutein (Carotinoid) | 495 |
| Chlorophyll b | 650 |
| Chlorophyll a (Antenne) | 675 |
| P680 (Reaktionszentrum) | 680 |
| Merkmal | Sonnenblatt | Schattenblatt |
|---|---|---|
| Verhältnis Chlorophyll a : Chlorophyll b | 3,3 : 1 | 2,5 : 1 |
| Chlorophyllmoleküle je Reaktionszentrum von PS II | ≈ 280 | ≈ 520 |
| Lichtstärke, bei der die Fotosyntheserate sättigt (rel.) | 100 | 25 |
- Berechnen Sie die Energie eines Photons (in eV) für die vier Absorptionsmaxima aus M2 \((h \cdot c = 1240\,\text{eV}\cdot\text{nm})\).
- Erläutern Sie mithilfe Ihrer Ergebnisse aus a), wie die Anregungsenergie im Lichtsammelkomplex zum Reaktionszentrum gelangt.
- Begründen Sie die Unterschiede zwischen Sonnen- und Schattenblättern in M3 als Angepasstheit an die Lichtverhältnisse.
- Eine Mitschülerin vermutet: „Die Mutante ohne Chlorophyll b wächst im Schwachlicht genauso gut wie der Wildtyp, denn das Reaktionszentrum besteht ohnehin aus Chlorophyll a.“ Beurteilen Sie diese Vermutung.
Hinweise
Hinweis zu Aufgabe a)
Hinweis zu Aufgabe b)
Hinweis zu Aufgabe c)
Hinweis zu Aufgabe d)
Erwartungshorizont
Erwartungshorizont zu Aufgabe a)
Lutein: \(1240/495 \approx 2{,}51\,\text{eV}\); Chlorophyll b: \(1240/650 \approx 1{,}91\,\text{eV}\); Chlorophyll a (Antenne): \(1240/675 \approx 1{,}84\,\text{eV}\); P680: \(1240/680 \approx 1{,}82\,\text{eV}\).
Erwartungshorizont zu Aufgabe b)
Ein Photon hebt in einem Antennenpigment ein Elektron in einen angeregten Zustand; das Pigment gibt die Anregungsenergie strahlungslos durch Resonanzenergietransfer an ein benachbartes Pigment weiter, das Elektron bleibt dabei im Molekül. Die Übertragung läuft bevorzugt zu Pigmenten mit gleicher oder etwas geringerer Anregungsenergie, also von Carotinoiden (2,51 eV) über Chl b (1,91 eV) zu Chl a (1,84 eV) und schließlich zu P680 (1,82 eV). Bei jedem Schritt „bergab“ wird die Differenz als Wärme frei; dadurch wird der Rückweg unwahrscheinlich und die Energie wird wie in einem Trichter zum Reaktionszentrum geleitet. Dort gibt das angeregte P680* ein Elektron an den primären Akzeptor Phäophytin ab (Ladungstrennung); P680+ holt sich Elektronen aus Wasser.
Erwartungshorizont zu Aufgabe c)
Im Schatten ist Licht knapp. Schattenblätter haben je Reaktionszentrum etwa doppelt so viele Chlorophyllmoleküle (≈ 520 statt ≈ 280), also größere Antennen: Jedes Reaktionszentrum sammelt Photonen von einer größeren Fläche und bleibt auch bei Schwachlicht ausgelastet. Da Chl b nur in den Lichtsammelkomplexen vorkommt, sinkt mit größeren Antennen das Verhältnis Chl a : Chl b (2,5 statt 3,3). Chl b erweitert zudem den nutzbaren Spektralbereich — wichtig, weil unter dem Kronendach vor allem das Licht fehlt, das die oberen Blätter schon absorbiert haben. Sonnenblätter bekommen reichlich Licht; große Antennen würden hier die Reaktionszentren überlasten (die Sättigung liegt ohnehin erst bei viermal höherer Lichtstärke). Sie investieren stattdessen in mehr Reaktionszentren und Elektronentransportketten, erkennbar am höheren a : b-Verhältnis.
Erwartungshorizont zu Aufgabe d)
Die Vermutung trifft nur teilweise zu. Richtig ist: Das Reaktionszentrum besteht aus Chl a; die Ladungstrennung selbst bleibt in der Mutante möglich. Chl b ist aber Bestandteil der Lichtsammelkomplexe; ohne Chl b sind die Antennen deutlich kleiner, und der Bereich um 650 nm sowie im Blau um 450–470 nm wird schlechter genutzt. Im Schwachlicht ist nicht das Reaktionszentrum, sondern die Zahl der eingefangenen Photonen begrenzend (vgl. M3: Schattenblätter vergrößern gerade ihre Antennen). Die Mutante wird daher im Schwachlicht weniger Photonen je Reaktionszentrum erhalten, eine geringere Fotosyntheserate haben und schlechter wachsen als der Wildtyp. Im Starklicht, wenn die Reaktionszentren ohnehin gesättigt sind, dürfte der Nachteil geringer sein. Eine Überprüfung wäre durch Anzucht beider Linien bei gleichem Schwach- und Starklicht und Messung von O₂-Bildung oder Biomasse möglich.
