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Kulturelle Evolution

Ein Allel braucht Hunderte von Jahren, um sich in einer Population durchzusetzen — eine gute Idee manchmal nur ein paar Jahre.

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Zwei Wege der Weitergabe

Menschen geben Informationen nicht nur über Gene weiter, sondern auch durch Lernen und Nachahmen. Beide Wege verändern eine Population über Generationen — aber nach verschiedenen Regeln.

  • Kulturelle Evolution:Veränderung von Verhaltensweisen, Wissen und Techniken in einer Population durch Lernen und Nachahmen; eine so weitergegebene Einheit heißt Tradition, DAWKINS nannte sie „Mem“.
  • Informationsträger:biologisch die DNA in den Keimzellen, kulturell das Gehirn — erweitert durch Sprache, Schrift und andere Speicher.
  • Wege der Weitergabe:Gene nur vertikal von Eltern auf Kinder; Kultur zusätzlich schräg (von anderen Älteren, etwa Lehrkräften) und horizontal (unter Gleichaltrigen, innerhalb einer Generation).
  • Erworbene Information:Erlerntes wird kulturell weitergegeben — in diesem Sinne verläuft kulturelle Evolution „lamarckistisch“. Biologisch werden erworbene Eigenschaften nicht vererbt.
  • Variation und Auswahl:Neue Varianten entstehen durch Erfindung oder Fehler beim Nachahmen; übernommen wird, was nützt, was angesehene Vorbilder tun oder was viele tun.
  • Tradition bei Tieren:Japanmakaken auf der Insel Koshima waschen seit 1953 Süßkartoffeln im Wasser — zuerst ein junges Weibchen, dann Gleichaltrige und Mütter. Schimpansengruppen unterscheiden sich im Werkzeuggebrauch, etwa beim Termitenangeln mit Halmen.
Merke

Kulturelle Evolution: Veränderung erlernter Information in einer Population durch Weitergabe von Individuum zu Individuum — vertikal, schräg und horizontal und deshalb viel schneller als die biologische Evolution über Gene.

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Kultur formt den Menschen

Werkzeuge, Feuer und Sprache machten den Menschen unabhängiger von der Umwelt — und schufen zugleich neue Selektionsbedingungen für seine Gene.

  • Werkzeuge:einfache Geröllgeräte des Oldowan seit etwa 2,6 Mio. Jahren; symmetrische Faustkeile des Acheuléen seit etwa 1,7 Mio. Jahren, die eine Vorstellung der Endform und lange Übung verlangen.
  • Feuer:sicher genutzt seit etwa 1 Mio. Jahren, regelmäßig seit etwa 400 000 Jahren; gegarte Nahrung ist leichter verdaulich und liefert mehr Energie für ein großes Gehirn.
  • Sprache:Voraussetzungen sind ein tief liegender Kehlkopf, eine fein steuerbare Zunge und Sprachzentren im Gehirn. Das Gen FOXP2 wird für die Feinmotorik des Sprechens gebraucht, ist aber kein „Sprachgen“.
  • Symbole:Ritzungen in Ocker aus der Blombos-Höhle in Südafrika (etwa 75 000 Jahre) und Figuren wie der Löwenmensch von der Schwäbischen Alb (etwa 40 000 Jahre) belegen symbolisches Denken.
  • Gen-Kultur-Koevolution:Kulturelle Neuerungen ändern Selektionsbedingungen und damit Allelhäufigkeiten. Beispiel Laktasepersistenz: Ein Allel, das die Bildung des Enzyms Laktase nach dem Abstillen weiterlaufen lässt, wurde bei Milchviehhaltern stark selektiert.
  • Rückwirkung auf die Selektion:Medizin und Technik schwächen die Selektion auf manche Merkmale ab (Brille, Insulin, Kaiserschnitt); Ackerbau, Städte und Verkehr bringen neue Selektionsfaktoren wie Infektionskrankheiten und veränderte Nahrung.

Links breitet sich ein vorteilhaftes Merkmal nur über Gene aus, rechts zusätzlich durch Lernen. Stelle den Vorteil und die Lernrate ein und starte mit ▶ (+1 Generation geht schrittweise). Im Modell „gekoppelt“ hat das Allel für Laktasepersistenz nur dort einen Vorteil, wo schon Milchwirtschaft betrieben wird.

Gene gegen Lernen

Modell

Halte fest: Über Gene breitet sich selbst ein deutlicher Vorteil nur langsam aus, weil jede Veränderung eine neue Generation braucht. Durch Lernen — auch innerhalb einer Generation — geht es um ein Vielfaches schneller. Wird ein Allel erst durch eine kulturelle Neuerung vorteilhaft, folgt seine Ausbreitung der Kultur mit großem zeitlichem Abstand: Gen-Kultur-Koevolution. Alle Werte sind Modellwerte ohne Zufall.

Merke

Gen-Kultur-Koevolution: Kultur verändert die Selektionsbedingungen und damit die biologische Evolution des Menschen — Beispiel Laktasepersistenz bei Milchviehhaltern.

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Allgemeine Hinweise

Kultur gibt es nicht nur beim Menschen

Auch Makaken, Schimpansen, Wale und Vögel haben Traditionen. Einzigartig ist beim Menschen die kumulative Kultur, bei der jede Generation auf den Neuerungen der vorigen aufbaut.

Kein Lamarckismus der Gene

Die Laktasepersistenz entstand nicht durch Milchtrinken, sondern durch eine zufällige Mutation, die erst dann einen Vorteil hatte. Lamarckistisch ist nur die kulturelle Weitergabe von Erlerntem.

Beim Beurteilen unterscheiden

Zu klären ist zuerst, ob eine kulturelle Neuerung Selektion abschwächt oder einen neuen Selektionsdruck erzeugt. Entscheidend ist immer, ob sich der Fortpflanzungserfolg von Trägern bestimmter Allele verändert.

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