Aktive und passive Immunisierung
Beide Impfarten nutzen die Antigen-Antikörper-Reaktion — aber nur eine nutzt das Gedächtnis.
- Aktive Immunisierung:Der Impfstoff enthält Antigene oder deren Bauanleitung; der Körper bildet selbst Antikörper und Gedächtniszellen — ohne die Krankheit durchzumachen.
- Impfstoffe:abgeschwächte Lebenderreger (Masern), abgetötete Erreger oder Bruchstücke wie Proteine und entgiftete Toxine (Tetanus), mRNA-Impfstoffe (Zellen stellen das Antigen kurzzeitig selbst her).
- Verlauf:Schutz nach 1–3 Wochen (primäre Antwort); Auffrischimpfungen lösen die sekundäre Antwort aus und verlängern den Schutz auf Jahre.
- Passive Immunisierung:fertige Antikörper werden gespritzt, z. B. Tetanus-Immunglobulin nach einer Verletzung ohne Impfschutz; natürlich als Nestschutz über Plazenta und Muttermilch.
- Verlauf:Schutz sofort, aber nur Wochen bis wenige Monate — die fremden Antikörper werden abgebaut, Gedächtniszellen entstehen nicht.
Impfarten: aktiv: Antigene → eigene Antikörper + Gedächtniszellen, spät und lange · passiv: fertige Antikörper, sofort und kurz.
Herdenschutz und Impfentscheidungen
Ob sich ein Erreger ausbreitet, hängt davon ab, wie viele empfängliche Menschen er findet.
- Basisreproduktionszahl:R₀: So viele Menschen steckt eine erkrankte Person im Mittel an, wenn niemand immun ist — Grippe etwa 1,5–2, Masern 12–18.
- Effektive Reproduktionszahl:Sind ein Anteil q der Menschen immun, trifft der Erreger seltener auf empfängliche Menschen: R = R₀ · (1 − q).
- Herdenschutz:Ist R < 1, steckt jede kranke Person im Mittel weniger als einen Menschen an — Ausbrüche laufen aus. Das schützt auch Säuglinge und Menschen, die nicht geimpft werden können.
Nur der nicht immune Anteil 1 − q kann angesteckt werden.
Herdenschutz verlangt R < 1.
Beide Seiten durch R₀ > 0 teilen.
Umstellen nach q: Die nötige Impfquote steigt mit R₀.
Herdenschutz-Schwelle: \(q_{\text{krit}} = 1 - \dfrac{1}{R_0}\)
- Impfkritische Aussagen:wissenschaftlich prüfen: Belegen Daten die Behauptung? Wird zeitliches Zusammentreffen mit Ursache verwechselt? Werden Risiko der Impfung und Risiko der Krankheit fair verglichen?
- Impfpflicht:Bewerten heißt: deskriptive Aussagen (Fakten, z. B. qkrit bei Masern) von normativen Aussagen (Werte, z. B. Selbstbestimmung, Schutz Schwacher) trennen und begründet abwägen.
Stelle mit den Reglern ein, wie ansteckend der Erreger ist und wie viele Menschen geimpft sind. Das Feld zeigt 100 Menschen, das Diagramm die erwarteten Neuerkrankungen in fünf Ansteckungsrunden nach einem ersten Fall.
Halte fest: Unterhalb der Schwelle qkrit = 1 − 1/R₀ wächst jede Runde; oberhalb schrumpfen die Neuerkrankungen und der Ausbruch läuft aus. Je ansteckender der Erreger, desto höher muss die Impfquote sein — bei Masern rund 95 %.
Allgemeine Hinweise
Passiv heißt nicht schwach
Die passive Impfung wirkt sofort — gerade deshalb wird sie im Notfall eingesetzt. Ihr fehlt nur das Gedächtnis.
Rechnen mit R₀
Setze Anteile als Dezimalzahl ein: q = 0,9 statt 90. Bei R₀ = 15 gilt qkrit = 1 − 1/15 ≈ 0,93.
Kein Impfstoff ist perfekt
Wirkt die Impfung nur bei einem Teil der Geimpften, muss die Impfquote noch höher liegen als qkrit.
